Raumzeit

et Philolog

Grundgesetz oder Scharia von Bassam Tibi (full)

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Gastkommentar

Europa steht vor der Wahl, den Islam zu europäisieren oder islamisiert zu werden. Deutsche Politiker schlagen den falschen Weg ein, wenn sie dem Islam den Status einer “Kirche” einräumen.

Schon heute leben 20 Millionen Muslime in der EU (1950 waren es 800.000), und die Islam-Diaspora wird sich in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln, ja verdreifachen. Deshalb müssen die Europäer sich fragen, wie viel Raum sie der islamischen Präsenz gewähren wollen und in welcher Form. Damit ist gemeint, welche Gestalt der Islam annimmt: Eine Dar al-Islam in Europa oder eine Islamgemeinde als Teil Europas?

Das erste Modell ist das formal rechtsstaatlich bestimmte einer organisierten “Kirche”. Dabei ist zu bedenken, dass der Islam keine kirchliche Organisation kennt; die Moschee ist nur ein Gebetshaus, keine Institution. Im Gegensatz dazu steht das zweite Modell, das eine Einbettung in die europäische Werteorientierung voraussetzt.

Es sind völlig unterschiedliche Szenarien, und beide stehen im Wettbewerb zueinander. Welchen Islam sollen die Europäer fördern, welchen verhindern? Ich vertrete die Auffassung, dass Europas Zukunft davon abhängt, welches der Modelle sich durchsetzen wird.

Das eine ist deutsch: Eine organisierte Kirche redet mit, hat sogar politischen Einfluss. Der Staat kassiert für sie Kirchensteuern und beteiligt sie an vielen Gremien des öffentlichen Lebens. Das andere Modell ist europäisch und wird von der Trennung von Staat und Kirche, dem Laizismus der Französischen Revolution bestimmt.

Deutsche Politiker und vor allem selbst ernannte Vertreter der Muslime bevorzugen das deutsche Modell. Letztere nicht nur, weil es weniger säkular ist, sondern weil es ihnen innere Autonomie und politischen und wirtschaftlichen Einfluss gewährt. Es sei in aller Klarheit festgestellt: Ein solcher deutscher Islam ist kein Euro-Islam, wie ich ihn vertrete. Der Christdemokrat Wolfgang Schäuble verfolgt als Bundesinnenminister das deutsche Modell, redet sogar mit Islamisten, wenn sie sich auf einen Deal einlassen, und gibt damit praktisch die Forderung einer europäischen Werteorientierung auf.

Was mir als Euro-Islam vorschwebt, ist auch nicht mit dem “europäischen Islam” zu verwechseln, den der Islamprediger Tariq Ramadan propagiert – denn der verkauft eine Mogelpackung. Eine Moschee, die ein unabhängiges Innenleben haben darf, wird sich an der Scharia, nicht am Grundgesetz orientieren. Dies gilt auch für Ramadan. Das ist keine Vermutung, sondern schon eine Realität, die auch in Deutschland existiert.

Der Zentralrat der Muslime leistet ein Lippenbekenntnis zur Demokratie, fügt seiner Charta wenig später aber ein Bekenntnis zur Scharia bei. Alle in den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes gewährten Grundrechte werden von der Scharia verleugnet. Der von der Organisation Milli Görüs mitgetragene türkische Zentralrat unterscheidet sich da nicht sehr vom Verein der DITIB-Moscheen; DITIB ist die Vertretung der äußerlich säkularen, doch islamisch-orthodox orientierten Diyanet-Behörde des türkischen Staates. Die Imame kommen aus der Türkei, und kaum einer von ihnen denkt europäisch.

Zum Vergleich seien zwei Imame aus Frankreich angeführt: Dalil Boubakeur von der Pariser Großmoschee und der Obermufti Soheib Bencheikh aus Marseille. Beide vertreten den Laizismus des streng säkularen französischen Staates und lassen das in ihre Islamdeutung einfließen; für beide ist dies kein Widerspruch. Solche Imame gibt es leider nirgends in Deutschland, weil Deutschland keinen Einfluss auf die Auswahl der Imame ausübt und duldet, dass sie aus dem Ausland kommen.

Bei der Erörterung der Thematik gibt es manchen, der vom laizistischen Fundamentalismus spricht. Aber der von der American Academy of Arts and Sciences geprägte Begriff des religiösen Fundamentalismus meint politische Religion, nicht Laizität. Den Fundamentalismus auf Frankreich anzuwenden ist dümmliches Gerede, eben weil der Laizismus zu den Ideen und Idealen der Französischen Revolution gehört.

Es geht mir dabei nicht um Prinzipienreiterei, sondern um die Identität Europas. Der Islamforscher John Kelsay beschreibt die islamische Präsenz in Europa so: “Enklaven, die sich in Europa befinden, aber nicht zu seiner Kultur gehören.” In Deutschland sprechen wir hier eher verharmlosend von “Parallelgesellschaften”. Die Führer der Moscheevereine in Europa sind offener und ehrlicher, wenn sie sich als Teil des Hauses des Islam/Dar al-Islam in Europa verstehen und in ihrer Identitätspolitik die in Europa lebenden Muslime als Bestandteil der Welt-Umma definieren. Der Sprecher der Islamgemeinde in Wien formulierte es so: “Wir lehnen den Euro-Islam ab, weil unser Islam sich universell versteht und wir zur Umma-Gemeinde zählen.”

Während des Karikaturenstreits sagte ein einflussreicher Imam in Kopenhagen dem dänischen Ministerpräsidenten: “Ihr Dänen seid eine Minderheit, hinter uns steht eine Umma von 1,6 Milliarden Menschen.” An dieser Stelle kommt der Unterschied zwischen einem europäischen und nichteuropäischen Islam zum Ausdruck. Der von deutschen Medien auf der Basis falscher Information geförderte Tariq Ramadan – der ein Enkel des Begründers der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna ist – spiegelt den Europäern eine Toleranz vor, die in Wirklichkeit keine ist: Er definiert Europa nicht mehr als Dar al-Harb/Haus des Krieges, sondern bezieht es als Dar al-Schahada ein. Das ist ein anderes Wort für Haus des Islam. Ist Europa in der Vorstufe, zu einem islamischen Territorium zu werden? Mit dieser Frage muss die Diskussion über einen deutschen oder europäischen Islam geführt werden. Europa steht vor der Wahl: Entweder es setzt die Europäisierung des Islam durch, oder es wird islamisiert.

Bassam Tibi ist A. D. White Professor-at-Large an der Cornell University und Autor des Buches “Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration”. Aus der FTD vom 19.12.2006 © 2006 Financial Times Deutschland

 

ZUM THEMA

via anaximander

references:
Türkei-Debatte im Metal-Hammer-Forum 

Written by admin

December 23, 2006 at 3:30 pm

2 Responses

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