Raumzeit

et Philolog

Tod von Bernhard Wilden in China

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“Warum sollte er sich umbringen?“

privat

Bernhard Wilden auf dem Gelände der “Bejing Language and Culture University” kurz nach der Feier des Bachelor Examens im Juni 2005


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Es ist so vieles unklar, vieles, das unausgesprochen bleibt, aber zu den schlimmsten Alpträumen führt. Regina Wilden spielt das Szenario immer wieder durch. Die Männer müssen frühmorgens gekommen sein, müssen ihren Sohn Bernhard aus dem Bett gerissen und in ein Auto gezerrt haben. Sie bringen ihn zu einem Hochhaus, fahren mit ihm nach oben. Einer öffnet das Fenster – dann müssen sie Bernhard hinausgestoßen haben. Er schlägt auf dem Asphalt auf und stirbt.Regina Wilden hat keine Beweise für diese Version. Kein Schriftstück, mit dem sie belegen kann, dass jemand schuld ist am Tod ihres Sohnes. Doch für die Kölnerin gibt es nur eine Erklärung: Ihr Sohn wurde am 22. Dezember, um sechs Uhr früh, auf dem Gelände der Bergbau-Universität im Stadtbezirk Haidian Opfer eines Verbrechens.

Nach dem Abitur 2002 zieht Bernhard nach Peking und beginnt als Jahres-Stipendiat ein Bachelor-Studium der chinesischen Sprache, Geschichte und Kultur. Unterkunft und Studiengebühren bezahlt die chinesische Regierung. Er spricht fließend chinesisch. So gut, dass er bei seinen Deutschland-Aufenthalten die Prüfung zum Dolmetscher sowie zum Übersetzer ablegt.

*

Zu seinen Eltern hält er regelmäßig Kontakt. „Wir haben uns alle zwei, drei Tage E-Mails geschrieben“, sagt seine Mutter. „In den Semesterferien ist er immer nach Hause gekommen. Wir haben ihn außerdem zweimal im Jahr besucht.“

Am 21. Dezember, einen Tag vor seinem Tod, ruft Bernhard seine Mutter aus Peking an. Sie empfindet den Anruf als ungewöhnlich, schließlich haben sie sonst nie telefoniert. „Bernhard hat mich gefragt, ob wir ihn in Peking abholen können.“ Regina Wilden stutzt. „Ich wusste nicht, wie er das meint. An Weihnachten gibt es in China keine Ferien und in den Semesterferien im Januar wäre er sowieso nach Deutschland gekommen.“ Sie hakt nach und ihr Sohn antwortet: „Ich fühle mich bedroht.“ Die nächsten Minuten des Telefonats sind wenig aufschlussreich. Es sei keine „unmittelbare Bedrohung durch eine Person“, sondern eher „durch die politische Lage“, erklärt Bernhard seiner Mutter. Sie schlägt ihm vor, am nächsten Tag nach Deutschland zu fliegen. Ein Ticket hat Bernhard. Dafür haben die Eltern gesorgt. „Für besondere Fälle, falls er plötzlich krank werden sollte, haben wir ihm bei seinen Besuchen immer eins mitgegeben.“

*

Freitag 22. Dezember, 2.18 Uhr deutscher Zeit. In Peking ist es schon Vormittag. Per E-Mail meldet sich Bernhard. Er könne das Flugticket nicht mehr finden. Mehrfach mailen Mutter und Sohn in den kommenden Stunden, bis am selben Tag, um 9.31 Uhr deutscher Zeit, Bernhards letzte E-Mail eingeht: „Ich glaube, dass ich schon seit vielen Jahren beobachtet werde, was durch eine Kette von Ereignissen immer weiter verstärkt wurde, so dass jetzt ein Heer von Geheimdienstmitarbeitern um mich herum ist.“ Auf alle weiteren E-Mails – Weihnachtswünsche mit dem Foto eines kleinen Tannenbaums, und Bitten, er möge sich doch melden – reagiert Bernhard nicht mehr.

Die Todesnachricht erreicht die Eltern zwei Tage später. Heiligabend gegen neun Uhr klingelt es an ihrer Haustür in Köln-Porz. Zwei Polizisten und ein Pfarrer stehen vor der Tür. „Ich habe gleich gewusst, dass mein Sohn tot ist“, sagt Regina Wilden.

*

Der Tod von Bernhard Wilden wirft viele Fragen auf. Warum musste er sterben? Bernhard war glücklich in China. Es war schon immer sein Wunsch gewesen, mehr über das Land, die Kultur und die Menschen zu erfahren.

Das Interesse an China erwacht früh, bei einer Reise mit den Eltern, da war er gerade 13 Jahre alt. Wieder zu Hause, sucht er sich eine Dozentin und lernt in wenigen Jahren die Sprache nahezu perfekt. Bernhard ist hochintelligent und Mitglied bei „Mensa in Deutschland“, einer Organisation für Hochbegabte. Deren einziges Aufnahmekriterium: ein IQ höher als 130.

Bernhard Wilden – ein großer, schlanker Junge, der eher wenig Wert auf Statussymbole und Markenkleidung legt. Ein Handy besitzt er nicht. Schulveranstaltungen bleibt er eher fern. Er gilt bei vielen als Außenseiter, hat kein Interesse an Sport und Rockmusik. Er trifft früh eigene Entscheidungen, meldet sich vor dem Eintritt in die Oberstufe vom Lessing-Gymnasium in Porz ab und wechselt zum Heinrich-Heine-Gymnasium nach Ostheim.

Mit seinen provokanten Äußerungen eckt er häufig an. Er widerspricht seinen Lehrern, wenn er sich im Recht glaubt, nimmt dafür in Kauf, den Rest der Stunde vor der Tür zu verbringen. Auch ein Eintrag ins Klassenbuch ist ihm egal. „Lieber hat er eine Strafe ertragen, als nachzugeben“, sagt seine Mutter. Sie erinnert sich an eine heftige Diskussion mit einer Lehrerin, von der Bernhard nachmittags am Küchentisch erzählte. „Es ging um Abtreibung. Bernhard war immer strikt dagegen, Abtreibung war für ihn ein Verbrechen. Er war tief religiös.“ Regina Wilden ist sicher, dass sein Tod mit seinem Glauben zu tun hatte. Auch wenn es dafür keinerlei Beweis gibt.

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Dienstag, 26. Dezember, 17.20 Uhr. Bernhards Vater, Gerhard Wilden, steigt in Frankfurt in ein Flugzeug nach Peking. Dort darf der Vater das winzige Studentenzimmer seines Sohnes betreten. Er findet den Pass und das Handy. Das Flugticket ist verschwunden. Genau wie Bernhards Tagebuch. Ein Umstand, der die Eltern aufmerken lässt. „Bernhard hat schon immer Tagebuch geführt, er hat zuletzt im März 2005 ein neues angefangen.“ Es gibt weder Abschiedsbrief noch Kampfspuren. Die Bettdecke war aufgeschlagen, alles ganz normal, nichts zerwühlt“, sagt sein Vater am Telefon.

Die Todesurkunde, die Gerhard Wilden bei der Polizeibehörde in Empfang nimmt, gibt keinen Aufschluss über die Todesursache: „Der Leichnam wurde aufgefunden“ steht dort in dürren Worten. In der Sterbebescheinigung des „Forensic Medical Examination Center“ heißt es lediglich: „Bernhard Wilden starb an einem akuten traumatischen hämorrhagischen Schock durch Sturz aus großer Höhe“, was nichts anderes bedeutet, als dass Bernhard viel Blut verloren haben muss. Fest steht auch: Bernhard hat keinen Alkohol getrunken und keine Drogen genommen. Wilden will nichts unterstellen, aber „mein Gefühl ist, dass irgendetwas nicht stimmt“.

*

Mittwoch, 27. Dezember. Gerhard Wilden hat nur noch ein Ziel: Er möchte, dass der Leichnam seines Sohnes so schnell wie möglich nach Deutschland überführt wird. In einer langen Besprechung mit Polizisten und Behördenmitarbeitern muss er ein Dokument unterschreiben, in dem er versichert, dass er keinerlei Fragen zum Unfallhergang mehr stellen wird. „Erst dann wurde mir zugesichert, dass der Leichnam überhaupt zeitnah nach Deutschland überführt werden kann.“

Die Polizisten fragen Wilden außerdem, ob er Anzeige erstatten möchte. Sollte er das wollen, so müsste der Leichnam auf nicht absehbare Zeit in China verbleiben. Ein Umstand, der den Verdacht der Familie bestärkt, bei Bernhards Tod könne nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein. Dennoch hat sie sich entschieden, den Leichnam in Peking einäschern zu lassen und auf eine Obduktion in Deutschland zu verzichten.

*

Hoffnung, ein Verbrechen nachweisen zu können, haben die Eltern nicht mehr. Einen Selbstmord ihres Sohnes halten sie aber für undenkbar. „Er war nicht depressiv. Im Gegenteil: Ihm ging es gut, er war zufrieden und er hatte seinen Glauben. Warum sollte er sich das Leben nehmen?“ Eine Einschätzung, die Pfarrer Zhang von der „South Cathedral of Beijing“, die Bernhard Wilden regelmäßig besuchte, teilt: „Ich habe mit ihm gesprochen: Auch er hält einen Selbstmord für ausgeschlossen“, sagt Gerhard Wilden.

War Bernhard zu unbesorgt? Hat er zu offen über seine religiösen Überzeugungen gesprochen? Sollte er nichts von der offiziellen chinesischen Ein-Kind-Familienpolitik gewusst haben? Es wird dauern, bis Regina Wilden das Zimmer ihres Sohnes in Köln ohne Kummer betreten kann. An der Wand hängen Fotos mit Unterschriften Hunderter Bischöfe und Kardinäle aus aller Welt, die Bernhard gesammelt hat. Neben seinem Bett liegen drei Bücher, die er bei seinem letzten Heimatbesuch gelesen hat: die Bibel, „Glaube, Wahrheit, Toleranz“ von Papst Benedikt XVI. – und die Geschichte vom „Struwwelpeter“. Kölner Stadt Anzeiger

references:Tod in Peking, Tod in London, Tod in Moskau: Über den Modus Operandikommunistischer und postkommunistischer Geheimdienste.  und   Rückblick: Diktaturen morden von Zettel

Written by admin

December 30, 2006 at 9:09 pm

3 Responses

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  1. http://www.radiovaticana.org/tedesco/tedarchi/2006/Dezember06/ted22.12.06.htm

    China
    Eine Gruppe Polizisten und nicht identifizierter Personen ist in das Haus einer Missionarin in einer Pekinger Hauskirche eingebrochen. Die Ordnungskräfte misshandelten nach Angaben des römischen Nachrichtendienstes Asianews die anwesenden Gläubigen und verhafteten sie. Kurz zuvor wurden zwei christliche Religionsführer aus Xiaoshan verhaftet, die gegen die Zerstörung ihrer Kirche protestiert haben sollen. Der Hilfsorganisation “China Aid” zufolge hatten wenige Tage zuvor Unbekannte einige ehemalige Kollegen der Missionarin überfallen und misshandelt. (asianews)

    News

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