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Archiv von Timbuktu

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Die Schriftrollen von Timbuktu
Ein panafrikanisches Projekt versucht, das historische Erbe zu retten
Jahrhundertelang galt Timbuktu als Zentrum der islamischen Gelehrten und der Wissenschaft.Während in Europa nur wenige lesen und schreiben konnten, entstanden hier zehntausende Manuskripte.Religion, Physik, Astronomie und Mathematik

– alles wurde hier studiert und zu Papier gebracht.

Im Ahmed Baba-Institut versucht man heute, dieses Erbe zu retten und auszuwerten.

 

“Bei uns in Afrika sagen wir: Wir müssen wissen, woher wir kommen, um nach vorn zu schauen”, sagt Alfred Kalambry, Manager des Ahmed Baba-Instituts. “Eine Weiterentwicklung unserer Länder kann nicht stattfinden, wenn wir uns unserer Kultur und unserer Geschichte nicht bewusst sind. Kultur ist die Grundvoraussetzung für Entwicklung.”

Die Schriften zerfallen

Doch der Zahn der Zeit nagt an Timbuktus Kulturschatz. Die alten Schriften zerfallen – und es ist kein Geld da, um sie zu erhalten. Die Rettung kommt aus Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas. Thabo Mbeki, der Präsident der größten afrikanischen Volkswirtschaft, kümmert sich persönlich darum. In seinem Büro steht das Modell einer modernen Bibliothek für Timbuktu und seine Schriften. Mbeki will das wieder ans Licht bringen, was der Kolonialismus zerstörte. “Es gab einen systematischen und ganz bewussten Ausschluss der Schwarzafrikaner aus der gesamten großartigen Geschichte Afrikas”, erklärt Essop Pahad, der erste Staatssekretär des südafrikanischen Präsidenten. “Eines der heimtückischsten Elemente des Rassismus war es, den Menschen einzureden, sie hätten keine eigene Geschichte und seien kulturell minderwertig. In Timbuktu beweisen wir heute das Gegenteil.”

Das malisch-südafrikanische Projekt lässt sich aber nicht so einfach in die Tat umsetzen. Uralte Baumaschinen fallen permanent aus oder funktionieren gar nicht. Eigentlich sollten die Fundamente der Bibliothek längst stehen. Doch Timbuktu ist eben heute kein bedeutendes Zentrum mehr und weit ab vom Schuss. Der wichtigste Verkehrsweg ist immer noch der Fluss Niger. Mehrere Tage dauert die Fahrt zur Hauptstadt Bamako, und schweres Gerät lässt sich mit den traditionellen Booten kaum herbeischaffen. Aber die Schwierigkeiten sind es wert, wenn man das Ziel nicht aus den Augen verliert. “Ganz klar”, so Essop Pahad, die rechte Hand des südafrikanischen Präsidenten, “das Projekt spielt eine wichtige Rolle bei der Unterstützung und dem Aufbau eines pan-afrikanischen Identitäts-Gefühles. Ein Prozess, der ja noch in den Kinderschuhen steckt.”

Jedes Blatt von unschätzbarem Wert

Vor mehr als 600 Jahren entstanden die meisten dieser Schriften. Für Wissenschaftler sind sie von unschätzbaren Wert. Urteilssprüche aus Gerichtsverfahren oder einfach nur persönliche Briefe erzählen vom kaum erforschten Leben in West-Afrika vor Jahrhunderten. Mediziner aus Timbuktu versorgten die Könige Frankreichs, und die Grundlagen unserer heutigen Mathematik sind hier nachzulesen. Während in den meisten Teilen Afrikas Geschichte mündlich überliefert wurde, brachte man in Timbuktu alles penibel zu Papier. Das passte den europäischen Invasoren überhaupt nicht. Nach und nach werden diese Schriften nun digitalisiert und ihr Inhalt studiert. Jedes Blatt könnte wertvolle, längst vergessene Informationen enthalten. Ohne die mutigen, kulturbewussten Bewohner Timbuktus, wäre das heute nicht möglich.

“Die Französischen Kolonialherren gönnten uns die Mauskripte nicht und wollten sie stehlen”, sagt Alfred Kalambry, stellvertretender Direktor des Ahmed Baba-Instituts. “Deswegen haben die Menschen sie lieber versteckt. Manche Familien haben sie sogar verbrannt, bevor sie den Franzosen in die Hände fielen. Doch die meisten versteckten sie. Niemand wollte den Fremden seine Manuskripte und damit seine eigene Kultur ausliefern.”

“Afrika hilft sich selbst”
Kultur als Waffe also. Vertreter des Ahmed Baba-Instituts sind heute überall in der Stadt unterwegs. Sie stöbern Manuskripte in Privathäusern auf und versuchen die Besitzer davon zu überzeugen, ihre Schriften zu verkaufen. So können sie in der neuen Bibliothek geschützt und ausgewertet werden, bevor sie verfallen – kein billiges Unterfangen. Von manchen wird das gesamte Projekt auch schon kritisiert. Schließlich verhungern in Afrika Menschen. Ist das Geld da richtig angelegt? “Wir setzen dieses Geld zum Wohle der Gesellschaft ein”, meint Essop Pahad, erster Staatssekretär im südafrikanischen Präsidialamt. ” Wenn wir es richtig einsetzen, wird dies eine Investition für ein sehr außergewöhnliches Projekt, von der die Menschheit eine sehr sehr, sehr lange Zeit profitieren wird.”

Timbuktu als Symbol eines neuen afrikanischen Selbstbewusstseins: Der deutsche Abenteurer Heinrich Barth wurde hier zum Tode verurteilt. Seine Begnadigungsurkunde liegt im Original im Ahmed Baba-Institut. Die Nachfahren der Tuareg, unter denen Barth danach jahrelang lebte, versuchen nun ihre große Geschichte zu retten. Mit südafrikanischem Geld und Know-How, nicht mit europäischer Entwicklungshilfe. “Afrika hilft sich selbst”, ist das Motto. Während in vielen reichen Staaten bei der Kultur gespart wird, kommt sie im ärmsten Kontinent an oberster Stelle.

 
   


23.01.2007 / Dominik von Eisenhart-Rothe für Kulturzeit / se

Written by admin

January 23, 2007 at 10:54 pm

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