Raumzeit

et Philolog

Malte Ludin

with 3 comments

60 Jahre nach Kriegsende begibt sich Filmemacher Malte Ludin auf Spurensuche nach der Geschichte seines Vaters Hanns Ludin, eines überzeugten Nationalsozialisten, der 1947 als verurteilter Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Verdrängung, Schuld und Tabuisierung innerhalb einer Familie zeigen, wie wenig vergangen die Vergangenheit ist. via Empfehlung von kristi*

HR © HR/svarcfilm
 

Die Familie eines Nazitäters, 60 Jahre nach Kriegsende. Längst ist die Wahrheit über die Vergangenheit des Vaters aktenkundig, aber unter seinen Verwandten wird sie beschönigt, geleugnet und verdrängt. Jahrzehnte nach der Hinrichtung des verurteilten Kriegsverbrechers Hanns Ludin zeigt der Dokumentarfilm des Sohnes Malte Ludin die verzweifelte eigene Suche nach der Wahrheit und die Schwierigkeit, mit ihr zu leben. Er geht der Frage nach, wie viel Schuld der Vater auf sich geladen hat und er will wissen, was seine älteren Schwestern wussten oder hätten wissen müssen.
Hanns Ludin wird bereits in der Weimarer Republik berühmt, weil er in der Reichswehr für Hitler konspiriert. Nach 1933 steigt er schnell zum SA-Obergruppenführer auf. Ihm werden der Blutorden und andere hohe Weihen des Nazistaates zuteil. 1941 schickt ihn Hitler als Gesandten in den “Schutzstaat” Slowakei. Als “Bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches” soll er dort die Interessen Berlins durchsetzen, vor allem die “Endlösung”. Nach dem Krieg wird Hanns Ludin von den Amerikanern an die Tschechoslowakei ausgeliefert, 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Diese Fakten nimmt sein jüngster Sohn, der Filmemacher Malte Ludin, zum Ausgangspunkt einer schmerzlichen filmischen Auseinandersetzung mit den Legenden, die in der Familie über den Vater kursieren. War er ein Held und Märtyrer oder ein Verbrecher? Auf einmal sind Schwestern, Schwager, Nichten und Neffen bereit zu reden.

ZUSATZINFORMATION
Der Dokumentarfilm “2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß” ist ein intimes und doch beispielhaftes Filmdokument – ein hochemotionaler Bericht aus dem Inneren einer deutschen Familie, der nach seiner Uraufführung auf der Berlinale 2005 mit großem Erfolg im Kino lief und für aufgewühlte Debatten sorgte. Ein deutsches Sittengemälde, das schmerzlich deutlich macht, wie wenig vergangen die Vergangenheit ist.Wiederholungen :
22.02.2007 um 15:15

Written by admin

February 20, 2007 at 2:45 am

3 Responses

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] Geschichte, TV | 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß. Raumzeit berichtete bereits im Februar 2007 über diese Doku, sie wurde im Regionalprogramm […]

  2. Ein sehr mutiger Film, der soeben noch einmal in einem der dritten Programme gesendet wurde und den ich nur durch Zufall zu sehen bekam… Die Diskussionen in einer “normalen” deutschen Familie liefen in den sechziger Jahren eigentlich ganz aehnlich ab, zumindest mit den Eltern, auch wenn diese nicht in derselben Weise in das Geschehen der Naziherrschaft verstrickt waren wie die Eltern (der Vater, in gewisser Weise aber ja auch die Mutter) Malte Ludins… Was ich immer nicht begriffen habe am Ende solcher Auseinandersetzungen: Dass sich unsere Eltern-Generation nicht hat helfen lassen wollen nach dem ganzen Desaster! Die Wut und Enttaeuschung bei uns Nachgeborenen war wohl auch deswegen immer so gross, weil sie uns ihr ganzes Elend, ihre unglaublich verkorksten Erlebnisse und Taten nicht haben mittragen lassen im Anschluss an die ganzen Verirrungen, Wirrungen und schliesslich Verbrechen! Sie, die immer von Familie faselten, meinten, letztlich alles mit sich selber abmachen zu muessen, auch hinterher… Es tut weh zu sehen, dass sich das auf die Geschwister von Malte Ludin uebertragen hat, aber deren Kinder wiederum geben Anlass zu Hoffnung und Vertrauen! Bauen wir auf sie!

    F. Christoph Schiermeyer

  3. Lieber Franz Christoph,
    der Film ist ein bedrückendes Dokument der Schuldabwehr der Kinder der dt. Tätergeneration.Malte Ludin hat seine Geschwister mit seinen Fragen vor die Kamera bekomen ,das ist sein grosses Verdienst,denn deren Reaktionen sind eine Erfahrung,die der heutigen Generation i.d.R. kaum mehr möglich sein dürfte – der aktuelle Diskurs ist ja von den Tätern und deren Folgegenertion abgekoppelt,es wird eher über die schäbigen, viel zu spät erfolgten Reperationen für die Zwangsarbeiter der NS-Industrie nachgedacht und die Juden als Hauptopfer der Nazis stehen mehr denn je am Pranger wegen eben der Reperationen (Stichwort Holocaust-Industrie).
    Nun war aber Malte Ludins Vater ein Nazi der ersten Stunde,der den Ostfeldzug der Wehrmacht politisch in den besetzten Gebieten umsetzte,es geht also auch um die nachträgliche Verarbeitung der Familie dieses Teils der praktischen NS-Politik – die Judenvernichtung inbegriffen.Es ist bezeichnend,das sich hauptsächlich die Schwestern zu den von Malte recherchierten Ergebnissen äusserten – der Bruder wird ja meist nur im Bild kommentiert dargestellt.
    Die Schwestern wissen, ihr kleiner Bruder Malte – der seinen Vater kaum gekannt hat – ist ein Suchender.Sie arbeiten mit allen Mitteln daran,ihre Erinnerungen an den Vater auf Malte zu projezieren. Aber seine Fragen – die sich aus seinen Rechercheergebnissen ableiten – vereiteln dieses Projekt der Familienerinnerung nachhaltig..Das ist ein Ergebnis der schwierigen,handwerklich gut aufbereiteten Recherchearbeiten und der Zuschauer wird an eine Inszenierung der Schuldabwehr herangeführt,die ich für prototypisch in der dt. Erinnerungskultur der 50/60iger Jahre halte. Heute ist das anders: Die Erinnerung wird entweder auf Fachleute – die NS-Forscher – abgewälzt oder es wird subjektivistisch gelogen,das sich die Balken biegen.
    Wenn sich aber die Erinnerungen in den Sippen der wahrhaftigen Täter schon wie in der Doku darstellen,was ist dann an Aufarbeitung von den unteren NS-Chargen und den Mitläufern zu erwarten? Die Doku gibt dem Zuschauer die Möglichkeit,die Abwehrstrategien kennen zu lernen,welche Schlüsse daraus zu ziehen sind,bleibt ihm selber überlassen.Es bleibt jedenfalls noch viel zu tun und die Folgegenerationen müssen ja nicht auf den Inszeniereungen der Alten sitzen bleiben,Malte Ludin hat gezeigt,wie das gehen kann..Ein mühseliges Geschäft,dessen Hauptfeinde die Zeit und die Amnesie sind.

    zuppi

    June 17, 2008 at 8:04 am


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: