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Filmtip: Psychiatrie 2007

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Raum 4070

Sie geht neue Wege,die Psychiatrie. Viel gescholten und wenig zu durchschauen ist diese Institution. Im 3. Reich von den Nazis zu Eugenik und Massenmord benutzt,in der Nachkriegszeit die Vertuschung der Mengeles und Konsorten, die kritische Medizin brauchte bis anfang der 80iger Jahre, um sich von den 12 Jahren Hitlers Weisskittel-Gloria zumindest praktisch abzuwenden und neue Wege zu versuchen – Woody Allens Filme haben die kulturellen Bahnen zur Akzeptanz der Psychoanalyse in der Mittelschicht angelegt, der Streifen “Einer flog übers Kuckucksnest” erschütterte die westliche Öffentlichkeit in den 70igern. Für das gemeine Volk wurde die Sozialpsychiatrie ins Leben gerufen – Einführung von Beschäftigung und Arbeit als zentrales Integrationsmoment der wohnortnahen Therapie – und von den Poststrukturalisten der Foucault-Fangemeinde als Institution der staatlichen Biomacht über das Individuum konstatiert und faktisch aus dem Bewusstsein der Kulturwissenschaft wegbalbiert. Die Folge war: Die Psychiatrie war Ende der 90iger wieder auf der Anklagebank und musste sich rechtfertigen, z.B. auf dem Foucault-Tribunal 1999 in Berlin.

Heutige universitäre Forschungsstände befassen sich intensiv mit der Neurophysiologie und Bildgebung von feinsinnigen Energierastern der Hirnzellverbände, mit Hormonspiegeln und genetischen Dispositionen werden neue Therapien und Diagnosegruppen verdichtet, den Langzeitpatienten werden zunehmend scheussliche pharmakologische Nebenwirkungen vorheriger Patientengenerationen erspart oder zumindest gemildert. Aber auch die Elektroschocktherapie hält wieder Einzug in den Alltag der dt. Kliniken.
Aber was ist genau eine Psychose ? Und wie kommt der einmal so diagnostizierte Mensch durch sein verrücktes Leben möglichst unbeschadet hindurch? Was soll das Label “Krankheit” überhaupt bezwecken? Welche Unterstützung erfahren Angehörige von psychisch erkrankten Menschen durch das Hilfesystem? Oder sind Ärzte nicht genau so hilflos wie die Betroffenen, ausser “try and error” ist nichts gewesen?

Der “new-way” heisst Psychoseseminar (d.h. Betroffene, Profis und Interessierte sitzen zusammen und hören sich gegenseitig zu). Wie das aussehen kann, wird in dem Film “Raum 4070” anhand einer längeren Filmdokumentation des Psychoseseminars an der Psychiatrie von Prof. Stolz in Potsdam sehr konkret dargestellt. Stolz bietet einen Rahmen von Themen und Fragen an, um Psychosen zu verstehen: – Was ist eine Psychose? – Psychosen und Medikamente – Grenzen der Behandlung – Psychosen und Eigensinn – Psychosen und Angst – Psychosen und Belastbarkeit – Psychosen und Gewalt – Psychosen und Beziehung.

Diese Produktion bietet einen einmaligen Blick auf die heutige Psychiatrie, ihre Akteure und deren Bemühen, die Verständigung der Teilnehmer des Psychoseseminars trotz oftmals höchsten emotionalen Anspannungssituationen aufrecht zu erhalten,ohne in einem schwarzen Loch zu verschwinden.

references:

# Raum 4070; Psychosen verstehen, 2 DVD-Videos
Ein Dokumentarfilm; Ein Lehrfilm aus dem Psychoseseminar Potsdam. 117, 142 Min.

Dokumentarfilm v. Jana Kalms u. Torsten Striegnitz, D 2006.
Einband: DVD. Verlag: PSYCHIATRIE-VERLAG
ISBN: 9783884144527. Preis: 24,90 EUR in Deutschland|Österreich

# Potsdamer Neueste Nachrichten

# Filmwissenschaftliche Einordnung: Genre Psychiatrie im Film von Hans J. Wulff, Kiel 2003

Written by admin

March 4, 2007 at 3:59 am

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