Raumzeit

et Philolog

Wolf Biermann: Ein Kuss in meine Seele

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Ein Kuss in meine Seele

Dankesrede zur Ehrenbürgerwürde in Berlin 2007

© DIE ZEIT, 29.03.2007 Nr. 14

Nach langen Querelen ist Wolf Biermann endlich zum Ehrenbürger Berlins ernannt worden. Dies ist seine Dankrede: eine Hommage an tapfere Freunde – und eine Abrechnung mit allen Heuchlern

Nach dreißig Jahren hat sich für mich ein Kreis geschlossen. Im November 1976 überlebte ich die Ausbürgerung, und nun, im wiedervereinigten Berlin, erlebe ich eine Art Wiedereinbürgerung. Ja, meine Ausbürgerung erschien mir damals wie ein Sterben, doch sie erwies sich bald für mich als eine Renaissance, ich wurde endlich, mit vierzig Jahren, ein Weltenkind.

Die Maulschlacht um diese 115. Ehrenbürgerschaft ist nun geschlagen. Mich hat das parteipolitische Possenspiel vor und hinter den Kulissen halb amüsiert und halb gekränkt. Das sei zugegeben: Auch ich werde lieber geehrt als diffamiert, werde lieber gelobt als getadelt, lieber gestreichelt als geschlagen – fragt sich allerdings immer wieder: Von wem! Und wann! Und warum!

Unter uns, Herr Bürgermeister Wowereit: Mich hat der schrille Parteienstreit hier mehr beruhigt als geärgert. Es bestärkt einen, wenn man sich seiner treuen Freunde und seiner treuen Feinde immer mal wieder vergewissern kann.

Also genieße ich diese Ehrenbürgerschaft erst mal arglos wie einen Kuss der Stadt Berlin in meine Seele.

Ich schaute mir zu Hause in Altona die komplette Liste der 114 Berliner Ehrenbürger an und erkannte in diesem historischen Bilderbogen eine sympathische Tendenz in Richtung zivile Bürgergesellschaft. Im blutigen 20. Jahrhundert hat sich endlich die demokratische Traditionslinie Max Liebermann, Konrad Adenauer, Willy Brandt, Anna Seghers, Helmut Schmidt, Michail Gorbatschow, Marlene Dietrich und Heinz Berggruen durchgesetzt gegen dubiose Ehrenbürger Berlins aus den beiden deutschen Diktaturen. Dick durchgestrichen sind also solche Namen wie Hitler, Goebbels, Göring, Ulbricht und Honecker.

Wie viel nun die Stadt Berlin ausgerechnet ihrem 115. Ehrenbürger verdankt, wissen andere besser als ich. Und wüsste ich es, wäre ich nicht so blauäugig, es offen zu sagen. Was allerdings nicht die Stadt Berlin mir, sondern was umgekehrt: ich der Stadt verdanke, das weiß ich wohl und will es auch freimütig bekennen: Ich verdanke Berlin nicht viel…, sondern fast alles. Nur hier konnte ich der werden, der meiner Mutter einziger Sohn Karl-Wolf in seiner Vaterstadt Hamburg gar nicht hatte werden wollen: der Biermann.

Gitarre spielte ich schon als Schüler im Westen. Auf den Kopf oder auf den Mund oder gar auf die Knie gefallen war ich nie. Aber nur in Ost-Berlin konnte ich wohl auf die unbescheidene Idee kommen, Verse zu schreiben und Lieder zu komponieren. In Ost-Berlin geriet ich Mitte der fünfziger Jahre in den Sog des Brechttheaters. Dort durfte ich am Berliner Ensemble als Regieassistent bei Benno Besson und Erich Engel lernen. In Berlin hatte ich die Chance, bei Wolfgang Heise Philosophie zu studieren, und konnte gleichzeitig, auch aus Gründen der geistigen Hygiene, ein Mathematikstudium an der Humboldt-Universität absolvieren.

In Berlin-Niederschönhausen traf ich Glückskind meinen Mentor Hanns Eisler, fand im richtigen Moment, als der Streit immer ernster wurde, meinen todesmutigen Freund Robert Havemann, ohne den ich die zwölf bedrückenden Jahre des totalen Verbots nicht so heil durchgestanden hätte. So wuchs ich auf der Bühne des Welttheaters rein in die Rolle des kleinen Drachentöters mit dem klingenden Holzschwert. Aber solch ein todernstes Spiel gelingt nur, wenn da erstens ein echter Drache ist, wenn einem zweitens genügend Tote den Rücken stärken, lebendige Tote wie mein Vater, der Kommunist Dagobert Biermann, und die zwanzig Toten meiner jüdische Familie, die 1941 in Minsk von der SS in die Grube geschossen wurde… Und eine Chance im Streit der Welt hat nur, wer drittens auch noch genügend starke Verbündete findet. Solchen Gefährten wie dem liberalen Kommunisten Robert Havemann und seiner Tochter Bylle und seiner Frau Katja, solchen tapferen Freunden wie dem jungen Schriftsteller Jürgen Fuchs und dem Urberliner Schlosser Horst Mölke und solchen Künstlern wie Lothar Reher und Horst Hussel und Sabina Grzimmek verdankte ich meine Ausdauer. Mein Freund Jürgen Böttcher, der geniale Dokumentarfilmer und Maler, hielt tapfer zu mir in all den schweren Jahren. Wenn seine Genossen ihm wegen Biermann mit Hammer und Sichel drohten, verteidigte er sich so: »Genossen, ihr habt ja recht, aber ich kann nichts machen, wir sind befreundet.«

Umgürtet wie mit einem Schutzpanzer war ich im Krieg gegen die falschen Kommunisten von so echten Urchristen wie Ekke Maaß im Prenzlauer Berg oder wie der BE-Doktor Tsouloukidse am Schiffbauerdamm oder wie der hochgebildete Kohlenträger Noack aus der Invalidenstraße, der mir die Briketts raufschleppte für meinen Kachelofen.

Ohne die DDR-Jazzer Uli Gumpert und Baby Sommer und Luten Petrowski und Uschi Brüning und Conny Körner, ohne den Dichter Günter Kunert und ohne Jurek Becker, den wahrhaftigsten Lügner, ohne solche Ostwortler wie Volker Braun und Sarah Kirsch und Helga Novak und Reiner Kunze und Stefan Heym und Heiner Müller und ohne so Westwortler wie Böll, Wagenbach, Peter Schneider, Peter Weiß, ohne Wolfgang Neuß, der viel mehr konnte als nur auf die Pauke haun, ohne den Radikalträumer Rudi Dutschke, ohne Cantautore Daniel Viglietti und ohne den Beat-Poeten Allen Ginsberg und die Erzengelin Joan Baez, die mich Outcast in meiner Ostberliner Höhle besuchten, und ohne so unverwüstliche Selbsthelfer wie Manne Krug und ohne den Malpoeten und lebenslänglichen Lastkraftwagenfahrer Peter Graf in Dresden und ohne den selbstlosen Mut der Bildenden Hungerkünstler von Ückeritz: Otto und Oskar Manigk und Matthias Wegehaupt, Susanne Kandt-Horn und ohne die fromme Freundefresserin Ricarda Horn und ohne den plietschen Niemeyer-Holstein auf Usedom – geschweige denn ohne Eva-Maria Hagen und Matti Geschonnek und ohne Birgit Frohriep, die sich schmerzhaft von der Leine des MfS losriss, und ohne den krummgeackerten, aber ungebrochen sozialistischen Anti-LPG-Bauern Dokting Fick und ohne die beiden übrig gebliebenen Judenkinder aus dem Gulag Ilja und Vera Moser, ohne die glutherzige Barbara Honigmann, die mir ein goldenes Wort schenkte (»Wolf, die lachen wir von jetzt ab alle an die Wand!«), und ohne den tollpatschigen Sonderling, der meine sämtlichen Tagebücher jahrelang im Dorf Brodowin an der Oder versteckt und alle gerettet hat, also ohne Reimar Gilsenbach … gäbe es den Biermann gar nicht. Ohne die Bäckersleute Erwin und Emmchen Liebig, die mich im August und September 1968 in Friedrichshagen am Müggelsee versteckten, ohne die wunderbar unwürdige Greisin Charlotte Pauly, ohne meinen Nachbarn in der Chausseestraßenwohnung, den großen Brechtschauspieler Martin Flörchinger und ohne Tine Rosine Biermann wäre ich verloren gewesen, wäre verzagt, verbittert, verblödet, verstummt und vergessen. Jeder Name in dieser viel zu langen und dennoch viel zu kurzen Liste ist ein Roman für mich oder eine Novelle oder eine Ballade, die ich niemals werde schreiben können. All diese Namen lasse ich nun wie Perlen durch meine Finger gleiten, sie sind mein Rosenkranz, wenn ich frommer Atheist zu Gottes Schöpfer bete, zum Menschen. Ja, Namen Namen Namen. Das soll bedeuten: Nicht nur die gemeinen Zustände entscheiden unser Schicksal – immer sind es auch die lebendigen Einzelnen. Und diese Lektion lernte ich schon von meiner Oma Meume und von meiner starken Mama in der Nazizeit.

Wir fanden allein in meinen Stasi-Akten bis heute über zweihundert IMs, die sich um mich kümmerten, dazu diverse höhere MfS-Führungsoffiziere wie etwa Lohr und Reuter. Na und?! Das hört sich für den naiven Betrachter gewaltig an. Aber solche Zahlen locken in eine Falle. Die Deutschen sollten in der Stasi-Debatte gelegentlich durchschauen und bedenken, dass die Zahl der sogenannten Guten und Tapferen und der stillen Helden in den finsteren Zeiten der zweiten deutschen Diktatur noch viel, viel größer ist. Und genau das dokumentieren meine Akten in der Birthler-Behörde. Ich errechnete mal, dass die Firma der Generäle Mielke und Markus Wolf zwanzigmal mehr Mitarbeiter pro Kopf der Bevölkerung beschäftigte als in der Nazizeit die Gestapo. Und das spricht nicht etwa gegen die sogenannten Ossis, sondern im Gegenteil! Es beweist, dass es in der DDR entsprechend viel mehr Widerstand gab, der von den Herrschenden niedergehalten werden musste, mehr als etwa in Nazideutschland. Um die leider viel zu wenigen Widerständler im begeisterten Heil-Hitler-Volk in Schach zu halten, brauchte es eben nicht ganz so viele Schergen und Spitzel.

Also zähle ich dermaßen maßlos viele Namen meiner Freunde auf, mit Zorn und Stolz und Dankbarkeit. Denn diesen Menschen verdanke ich es, dass ich in der Tradition von Heinrich Heines Gedicht Enfant Perdu ein Ostberliner Soldat im ewigen Freiheitskrieg der Menschheit wurde, der heute mit der Lobrede eines demokratisch gewählten Bürgermeisters ausgezeichnet wird. Nur mit Hilfe dieser Berühmten und all der Namenlosen konnte ich in der Tradition von François Villon und Victor Hugo ein Gavroche Allemand werden. Nur so konnte ich in meiner Wohnung Chausseestraße 131 all die Gedichte schreiben über Berliner Liebespaare, hin- und hergerissen in großer politischer Landschaft, dort reimte ich solche zille-berlinischen Pasquille wie im Jahre 1965 die Populär-Ballade mit den Spottversen über die verdorbenen Greise im Ostberliner Politbüro:

Im Neuen Deutschland finde ich
Tagtäglich eure Fressen
Und trotzdem seid ihr morgen schon
Verdorben und vergessen!
Heut sitzt ihr noch im fetten Speck
Als dicke deutsche Maden
– ich konservier Euch als Insekt
Im Bernstein der Balladen!
Als Bernsteinmedaillon, als Ring
Als Brosche auf dem Kragen,
So werden euch die schönen Fraun
Im Kommunismus tragen…

Im zweiten Stock an der Ecke Chausseestraße/Hannoversche gegenüber der Ständigen Vertretung der BRD sang ich meinen Besuchern aus Ost und West die verbotenen Lieder vor und attackierte damit nicht nur unsere Herrschenden, sondern mehr noch sang ich an gegen unsere lähmende Angst vor dem übermächtigen Machtapparat.

Und es konnte mir auch nur in Berlin passieren, dass ausgerechnet dort auf der Weidendammer Brücke über der Spree dem preußischen Ikarus dann die Flügel aus Gußeisen anwuchsen. Diese Ballade vom Preußischen Ikarus erwies sich im Kölner Konzert am 13. November 1976 als eine ahnungsvolle Metapher für den Absturz auf dem Flug von Ost nach West in das deutsch-deutsche Exil.

Ich las dieser Tage rum in meinen vielen Versen über Berlin und bestaunte mit einem stillen Lachen, dass ausgerechnet ich, der plattdeutsche Fischkopf aus Hamburg, nicht im naiven, sondern im sentimentalischen Sinne ein Berliner Heimatdichter geworden bin. Und wie in jeder lebenslangen Liebesaffäre gab es verschiedene Phasen, viel auf und ab und auf.

Ein Jahr vor dem Prager Frühling schrieb ich mir ein kleines Lied, nur acht Zeilen lang, mit dem ich es mal wieder schaffte, mich zwischen alle deutschen Stühle zu setzen. Und das gelang mir nur so perfekt, weil ich es gar nicht gewollt hatte.

Es senkt das deutsche Dunkel
Sich über mein Gemüt
Es dunkelt übermächtig
In meinem Lied
Das kommt, weil ich mein Deutschland
So tief zerrissen seh
Ich lieg in der besseren Hälfte
Und habe doppelt weh.

Viele Westler reagierten wütend, weil ich die schäbige DDR mit solcher Chuzpe die bessere Hälfte nannte. Und im Osten rasten die Herrschenden der DDR vor Wut, weil da ein junger Lyriker klagte, er leide in der größten und schönsten DDR der Welt ein »doppeltes Weh«. Und einen gesamtdeutschen Wutanfall gab es auch: Manche antifaschistischen Literaten in Ost und West hat es angewidert, dass »nach all dem!« ein Linker mit rechter Innigkeit plärrt: »Das kommt, weil ich mein Deutschland so tief zerrissen seh.«

Die folgende Berlin-Ballade berichtet von einem verrückten Standard-Albtraum, den damals viele Menschen in Ost-Berlin hinter der Mauer träumten – jeder natürlich in seiner eigenen unverwechselbaren Variante, aber im Grunde doch jedes Mal die gleiche extrem unrealistische Konstruktion: Im Traum also schlüpfte, rannte, schwebte man kinderleicht durch Stacheldraht und Minenfeld und geharkten Todesstreifen und Hundelaufgraben und über die Betonröhre rüber nach West-Berlin, aber dann schaffte man es nur quälend schwer oder gar nicht wieder zurück.

BALLADE VOM TRAUM

1
Der Möbelwagen schwimmt die leere Friedrichstraße lang
Und landet vor dem Haus, ja ja, ich weiß: der will zu mir
Schrein kann ich nicht. Die Schritte kommen, und ich kenn den Gang

Da klotzen schon die vier knallharten Packer in die Tür
Und schaffen mich im Bett die Treppen runter: immer vier
Vier Mann – vier Ecken. Und verfrachten mich im Laderaum
Dann das Klavier. Der Kleiderschrank. Die Bücher. Gummibaum

Die Schreibmaschine. Alle acht Gitarren gut verstaut
Dann heult der Diesel auf, die Wagentür wird zugehaun
– das ist mein Traum,
vor dem mir jeden Abend graut

2
Der volle Möbelwagen-Walfisch schwimmt mit mir im Bauch
Das Stück Hannoversche. Die Charité wird rechts passiert
Links Invalidenstraße durch den Schlagbaum. Slalomschlauch
Wir schwimmen durch die Grenze, und der Staatsrat salutiert
Spalier steht das Politbüro, die Knarre präsentiert
Schon sind wir durch und drüben. Mensch, wie leicht geht das!
Da winkt auch schon ein Strand: der Ku’damm schillert regennaß
Der Fisch spuckt mich mitsamt den Möbeln auf den Asphalt, halb verdaut
Macht eine Wende, schwimmt zurück. Ich such wie wild mein’ Paß
– das ist mein Traum,
vor dem mir jeden Abend graut

3
Der westberliner Himmel schluchzt und weint sich auf mir aus
Ich krabbel aus dem Müll und renn mit festgewachsnen Schuhn
Zurück, woher ich kam und will will will und will nach Haus
Die Mauer flatter ich entlang wie ein besoffnes Huhn
Und reiß ein Loch und beiß mich durch den Stacheldraht. Und nun
Zerreißen Schüsse meinen Bauch. Der deutsche Schäferhund
Verschlingt König Renauds Gedärme, die sind seltsam bunt
Und dampfen. Roter Saft fällt komisch aus der tauben Haut
Und Regen regnet in den starren himmeloffnen Mund
– das ist mein Traum,
vor dem mir jeden Abend graut

4
Dann wach ich auf, von Schweiß und Tränen klitschenaß
Mein Weib weint trocken mit und streichelt mich
Sie weiß es ja – und doch, sie fragt dann: Was
Was hast du, Lieber, laß den schwarzen Traum, dreh dich
Mal um zu mir! na siehste, du bist schon o. k. – oh je!
Du hast die Nacht zu gut gegessen und zu schwer verdaut
– und darum träumst du auch
den Traum, vor dem mir graut


Nach meiner Ausbürgerung
absolvierte ich jedes Jahr Konzerte in West-Berlin, aber ich flog immer so schnell wie möglich zurück nach Hamburg. Ich wollte nicht auf die Mauer starren, hinter der meine unerreichbaren alten Freunde festsaßen. Direkt nach dem Zusammenbruch der DDR aber wollte ich nix wie zurück, wollte wieder mit Kind und Kegel in Ostberlin leben. Das misslang mir schmerzhaft – und auf eine für mich lehrreiche Weise.

Immerhin, acht Jahre danach, lebte ich mit meiner Familie wenigstens ein pralles Jahr lang 1997/98 als Gast, als Fellow am Wissenschaftskolleg nahe dem Grunewald. Ich hatte dort eigentlich in Ruhe meine Shakespeare-Sonette ins Deutsche bringen wollen und wollte nebenbei mit solchen Koryphäen wie Wolf Lepenies und Peter Wapnewski und Wolfgang Mommsen und Karl Corino und Rabbi Albert Friedlander aus London und dem jüdischen Arabisten Gabi Warburg aus Haifa in Ruhe alle Probleme der Menschheit endgültig lösen. Aber auch diese Pläne erwiesen sich als unrealistisch. Das rabiate Berlin zottelte und knuffte und streichelte mich und grapschte mir ans Herz: massive Morddrohungen und politische Liebesanfälle. Also schrieb ich lieber neue Gedichte und Lieder – und nun zum ersten Mal auch über den Westen der Stadt. Verse über die Potse und den Landwehrkanal, über den Wald aus Baukränen am Potsdamer Platz und Moabit. Und der Güterbahnhof Grunewald: An der Rampe über den Gleisen dort, wo die Berliner Juden in die verschiedenen Todeslager transportiert wurden, lief ich mit Heinz Berggruen entlang. Wie zwei spielende Greise, die gerade neu das Lesen lernen, so buchstabierten wir die Lettern in Stahl gegossen, die lange, lange Liste der einzelnen Transporte mit Datum, Zielort und genauer Mengenangabe. 17. August 1942 – Theresienstadt – 1002

Der Angelus novus berliniensis blickt zurück, aber nicht ins Paradies, sondern in die Höllen der Hitlerzeit. Die fröhlichen Kids aufm Kollwitzplatz. Olle Knutsch-Ede im Ruderkahn mit seine mollige Jette uffm Wannsee. Und Kohlen-Otto im berühmten »116« inner Friedrichstraße – allet schön bunt durchnander, wie int richtje Leebn. Und schon wegn diese Jedichte darf ick jetz kess behauptn: Ick bin een Baliner… Stadtschreiber. All meine neuen Kiez-Gedichte nannte ich Paradies uff Erden – ein Berliner Bilderbogen.

Letztes Jahr schrieb ich mir ein Berlin-Gedicht, das ich bei anderer Gelegenheit lieber singen würde. Ihnen hier lese ich es vor, es hat den Titel Heimkehr nach Berlin Mitte.

Die Situation der Heimkehr nicht nur aus der Fremde…, sondern vor allem: Heimkehr in die Fremde… ist alt wie die Menschheit. So passiert es den Heimkehrern fast immer: Wer von großer Reise nach langer Zeit zurückkommt, aus dem Krieg wie etwa Odysseus oder aus dem KZ oder aus dem Gulag oder aus dem Exil, der macht die Erfahrung, dass er nicht mehr dazugehört. Die Leute haben sich verändert. Die alten Kumpel sind in alle Winde verweht, die Verhältnisse sind gekippt, vertraute Worte bedeuten nicht mehr dasselbe, und die Seelenökonomie funktioniert nach neuen Spielregeln. Aber vor allem: Man selbst ist nicht mehr derselbe. Und so kommst du eben nach Hause als ein Fremdling.

Ein raffiniert diffuses Wort dazu prägte der Dichter Rimbaud. In einem Brief an seinen Lehrer Paul Demeny schrieb der junge poète maudit im Jahre der Commune de Paris 1871 den Satz in richtig falschem Französisch: Je est un autre. Aber genauso herzzerreißend habe ich es nach der Wende auch erfahren, diesmal in Ostberlin: Nicht: je suis … ich bin, sondern wie eine Kirsche ohne Kern: Je est … Ich ist ein anderer.

HEIMKEHR NACH BERLIN MITTE

»Je est un autre« – Arthur Rimbaud 1871

Heim, Heimat, Heimweh gibt es wohl, doch Heimkehr keine
Wieso weshalb warum – weiß ich doch nicht!
Als ich zurück kam, war ich sehr alleine
Paar Fressen fand ich, aber kein Gesicht
Ich traf zwei alte Feinde, treu giftgelbe
Traf einen immergrünen Freund sogar
Ich selber aber war nicht mehr derselbe
Ich ist ein Anderer – das ist doch klar!

An meiner Tür ein Schild mit neuem Namen
Am offnen Fenster steht ein fremder Mann
Canaillen seh ich nun, die nach mir kamen
Die ich nicht hassen darf, noch lieben kann
Mein Kiez, das Scheunenviertel: Juden suchten
Dort nach ’nem Dreckversteck im Holocaust
In Ostberlin lauf ich durch Straßenschluchten
Vom Hackschen Hof, wo Bunges Dämon haust

Zum Esterhazy-Keller – steil die Treppe! –
Dort sang ich Eislers Brecht am Schrottklavier
Für Ekke Schall, für seine neuste Schnepfe
Soff Wodka mit dem Büffelgras zum Bier
BE! – Wo sind sie alle hin, die Penner
Jetzt starr ich wie verrückt Visagen an
Und denk: so grinste Stasi-Schiefmaul, wenn er
Vor meinem Haus rumhing, als Jedermann

Vorbei! die guten alten schlechten Zeiten
Vorbei der eintrainierte Seelenkrampf
Vorbei die bitteren Glückseligkeiten
Vertraute Tricks im Überlebenskampf
Ein Held, der wieder auftaucht, ach! vom Grunde
Aus dem Inferno, nach den Metzelei’n
Den beißen nicht mal mehr die alten Hunde
Ich bin Legende ohne Totenschein
(2006)

Und diese bittere letzte Zeile: Ich bin Legende ohne Totenschein … ist ab heute für mich wunderbar falsch geworden. Ich bin von nun an als Ehrenbürger der Stadt Berlin fein raus – ich avancierte nun zu einer Legende mit einer amtlichen Lebensbescheinigung, ich habe nun mein Papier mit Stempel und Unterschrift sogar des Bürgermeisters persönlich auf feinstem Senatsbütten in goldgeprägter Ledermappe, geschmückt mit dem Berliner Bären als Wappentier. Ich verdanke es solchen Politikern in Berlin wie dem echten Sozialdemokraten Wolfgang Thierse und dem Philosophen Richard Schröder, dem linken Rechten Uwe Lehmann-Brauns und solchen Grünen, die ich immer meinte, wenn ich ihre Partei wählte: Marianne Birthler und Franziska Eichstädt-Bohlig.

Erlauben Sie mir ein versöhnliches Wort zum parteitaktischen Hickhack um die Ehrenbürgerschaft. Ich danke den Abgeordneten der PDS, dass sie in kaderkrampfiger Geschlossenheit meine offen und ehrlichen Feinde blieben. Die reaktionären Erben der DDR-Nomenklatura haben auch damit mal wieder einen Akt politischer Aufklärung geliefert.

Der Regierende Bürgermeister hingegen lieferte uns als Prolog seiner Lobrede den verständlichen Protest gegen meine Bemerkung über die schändliche Liaison SPD/PDS. Ich hatte diese auf der Buchmesse in Leipzig »Verbrechen« genannt. Ich will dieses Wort korrigieren, im Sinne des berühmten Satzes von Talleyrand zu Napoleon: »Das war schlimmer als ein Verbrechen, das war ein Fehler.«

Ich weiß, dass einige Gäste hier und manche Journalisten vornehmlich darauf lauerten, ob und wie der gewiefte Bürgermeister Wowereit sich nun als Festredner elegant aus der Affäre zieht. Ich aber denke, es war gar keine Affäre, sondern eher ein kleines Lehrstück für nüchterne Realpolitik. Orientieren Sie sich getrost an meinem Lied, das ich ja auch für mich selbst geschrieben habe: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu…

Ich sehe sogar eine gelegentliche Heuchelei in höchster Not als lässliche Sünde, wie auch eine Notlüge erscheint sie mir in einem milden Licht. Wer heuchelt, der kennt immerhin die Wahrheit, denn sonst würde er ja gar nicht heucheln. Ein Heuchler muss kein kompletter Lump sein, denn er erweist der Wahrheit indirekt ja doch die Ehre: Er kennt wenigstens das Wahre, das Richtige, das Bessere. Das extreme Gegenstück: Adolf Hitler – was der dachte, das sagte er und tat es dann auch. Sein fanatischer Wiedergänger in Teheran ist auch kein Tartüff, denn er sagt ehrlich und öffentlich genau das, was er fühlt und denkt, was er vorhat und dann auch in die Tat umsetzen wird, also: die Endlösung der Judenfrage mit einer Atombombe auf das winzige Israel.

Der Zeitgenosse des Molière, François de la Rochefoucauld, hat das Lob der Heuchelei schon vor über dreihundert Jahren geistreich formuliert. Er lieferte uns das lebenskluge Bonmot: »Heuchelei ist eine Huldigung, welche das Laster der Tugend darbringt.«

Nur ich armer Hund habe – im Sinne einer déformation professionelle poétique – den Nachteil, dass ich leider leider leider nicht heucheln darf. Mein Publikum würde mir meine Heuchelei womöglich verzeihen oder auch gar nicht merken. Aber ach!, die Musen sind schreckliche Frauen. Sie haben eine überempfindliche Nase für den Gestank der Heuchelei. Und solange ich von der Muse der Dichtung Erato und von der Musikmuse Euterpe und von meiner schönen Frau Pamela noch geküsst werden möchte, kann ich mir Heuchelei einfach nicht leisten.

Ich will Ihnen zum Schluss verraten, warum mich diese höchste Berliner Auszeichnung nicht so leicht aus der Fassung bringen kann: weil ich verwöhnt bin. Mir wurde nämlich soeben eine noch höhere Ehrung zuteil. Meine Tochter Mollie, sie ist gerade sechs Jahre alt geworden, malte mit Tuschefarben mein Porträt und schenkte mir das bunte Bild. Dazu lieferte sie eine drollige Bild-Unterschrift, mit Bleistift gekrakelt. Und all das in der fremden englischen Sprache, weil das arme Kind in seinem Hamburger Kindergarten noch nichts Deutsches schreiben gelernt hat:

My Dad

 

My dad plays the guitar and sings. He watches television. He often goes to Berlin to sing. I like my dad, because he makes me laugh.

Ich finde, das passt ideal zum heutigen Tag hier im Roten Rathaus: Mein Dad spielt Gitarre und singt… Er geht oft nach Berlin, um dort zu singen… Auch das passt prima! Aber nun sagen Sie selbst: Was sind schon alle Literaturpreise und Orden und Ehrungen auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, gemessen an diesem Zertifikat! Eine höhere Auszeichnung kann es nicht geben, als wenn ein Kind sagt:
Ich mag meinen Papa, weil er mich zum Lachen bringt.

Die Feierstunde fand am 26. März im Roten Rathaus statt

Weitere Berichte, Reportagen, Rezensionen und Galerien finden Sie auf www.zeit.de/musik.

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© DIE ZEIT, 29.03.2007 Nr. 14

Written by admin

March 29, 2007 at 8:53 pm

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  1. […] references: Wolf Biermann: Ein Kuss in meine Seele Biermann: “Berlin zottelt an meinem Herzen” Biermann und Berlin und Berliner Ehrensenf Wolf Biermann ist 70 […]

  2. […] Text von Wolf Biermanns Dankesrede zur Verleihung seiner Berliner […]

  3. Lieber Dorian,
    ich habe mich durch Flori Haves Buch durchgemüht und meine Empfehlung ist gleichzeitig meine brauchbare Essenz aus dem Textmeer.
    Auch ich habe überlegt,ob ich die Lektüre als unmöglich ad acta legen soll oder ob sich die Abmühung am Text doch auf irgendeine Art gelohnt hat.
    Wo lag für Dich genauer das skandalon? Das ist keine rhetorische Frage,es interessiert mich wirklich.
    Ich habe in meinen Beiträgen zu den Havemanns hier in Raumzeit ja einige Fragen aufgeworfen,die das Buch von Flori Have nicht beantwortet,resp. Fragen,die ich aus der Lektüre für mich abgeleitet habe.
    Durch den tragischen Tod von meinem Freund Schrippe anfang Januar bin ich leider nicht mehr zu weiteren Nachforschungen gekommen.Ich hoffe,meine Kraft kehrt bald wieder zurück und ich widme mich den Fragen neu.
    Herzlich
    Zuppi

    zuppi

    February 2, 2008 at 12:42 pm

  4. Lieber Dorian,
    deine Verlinkungspraxis leuchtet mir natürlich ein,genauso die Rage,die das Buch – resp. dessen Rezension in der Presse – bei dir ausgelöst hat. Ich habe vor meiner Have-Rezension auch versucht, Rat bei ehemaligen Dissidenten einzuholen – leider nicht bei Biermann,da ich ihn bis zu dieser Zeit nicht getroffen habe.Ich wurde relativ alleine gelassen mit meinen Zweifeln an Floris Thesen und Betrachtungen – es fand sich keiner,der/die das Buch auch gelesen hatte,so dass eher biographische Vermutungen über Flori Haves Motive geäussert wurden.Also war ich wieder alleine mit dem Buchtext und dem furiosen Presseeecho.
    Ich würde aber zunächst bei der These bleiben,dass das Buch auch eine Innovation in der Betrachtung von DDR-Biographien in sich bergen kann,auch wenn Flori auf fast allem herumtrampelt,was ein zivilisierter Mensch aus Rücksicht und Pietät vor den Verstorbenen und noch Lebenden eher nicht publizieren würde.
    Ich werde mich in der nächsten Zeit wieder darum kümmern und sofern das noch von Interesse begleitet werden kann, hoffe ich auf weitere Anteilnahme deinerseits .
    Herzlich
    Zuppi

    PS 1: Eigentlich dachte ich,dieses Havemann-Thema würde eher Menschen am Rande der Vergreisung interessieren – eine thematische Abständigkeit im rasenden Literatur- und Publizistikbetrieb. Ich habe mich glücklicherwiese wohl geirrt.
    PS 2: Es gibt ein bucheditorisches Problem,da die Erstauflage durch juristische Ränkespiele vom Verlag zurückgezogen werden musste,muss ich mir die Neuauflage (wann auch immer die herauskommt) noch einmal neu reinziehen. Bis dato kann ich nur Aussagen über die alte Auflage machen.

    zuppi

    February 2, 2008 at 9:29 pm

  5. Und noch verspätet herzliches Beileid!!!
    Sorry, dass es nicht sofort kam.
    Liebe Grüße, Dorian

    Dorian

    February 4, 2008 at 11:28 pm

  6. Lieber Dorian,ich schicke Dir das gerne zu.
    Herzlich
    Zuppi

    zuppi

    February 5, 2008 at 12:25 am


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