Raumzeit

et Philolog

Archive for April 2007

Opis Wehrmacht. Heute: Fahnenflucht

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Nach dem ganzen Erinnerungsgequatsche über den Marinerichter Filbinger und seinen postmortalen, schwäbischen Bauchredner MP Herr O. hier ein paar Fakten zum Thema Desertion (Fahnenflucht) in Adolf Hitlers Wehrmacht, entnommen aus der sehenswerten Dokumentation von Hauke Wendler:

Deserteure unterm Hakenkreuz

Leben mit der Fahnenflucht

Knapp 18 Millionen Männer haben in der deutschen Wehrmacht gedient. 100.000, so schätzen Wissenschaftler, wurden fahnenflüchtig. Die meisten hat man gefangen, gefoltert und verurteilt.

Der Film zeichnet das Leben und Leiden von drei jungen Soldaten nach, die nicht mehr mitmachen wollten – die ihren Eid auf Führer, Volk und Vaterland gebrochen haben. Drei Beispiele, die verdeutlichen, was ein Leben mit der Fahnenflucht bedeutete.Mehr als 60 Jahre ist es her, dass Ludwig Baumann das größte Unrecht seines Lebens widerfahren ist. Doch vergessen kann der 84Jährige nicht. Während des Zweiten Weltkriegs hat Baumann zehn Monate in der Todeszelle gesessen, verurteilt wegen Fahnenflucht. Dass ein Militärgericht ihn längst begnadigt hatte, das verschwieg man Baumann. “Jeden Morgen denkt man, jetzt holen sie Dich raus”, erzählt er, “und jeden Morgen bricht man zusammen, wenn die Wachen an der Zelle vorüber gehen.” Der kleine, drahtige Mann macht eine lange Pause. “Das vergisst man nicht. Niemals.”

In den USA haben Militärgerichte im Zweiten Weltkrieg 146 Soldaten hinrichten lassen, in Großbritannien 40. In Deutschland hat die NS-Militärjustiz 30.000 Todesurteile gefällt. 20.000 wurden vollstreckt, so schätzt man, denn genaue Zahlen gibt es nicht.

Auch nach Kriegsende galten Männer wie Ludwig Baumann in Deutschland als vorbestraft. “57 Jahre hat man uns als Vaterlandsverräter beschimpft”, so Baumann, “als Dreckschweine und Feiglinge”. Dass die Urteile gegen Deserteure vor wenigen Jahren aufgehoben wurden, war für ihn und die anderen Überlebenden eine späte Genugtuung. Ein Triumph, den die meisten der ehemaligen Deserteure nicht mehr erleben durften.

Dokumentation von Hauke Wendler (2006)

Phönix Sendetermine: Sa, 21.04.07, 20.15 Uhr, Fr, 27.04.07, 18.30 Uhr, Sa, 28.04.07, 14.00 Uhr

Die Doku hat inhaltliche Schwachpunkte. Der bis heute oft von der Mehrheit der Nazimitläufer erhobene Vorwurf “Deserteur= Feigling=Veräter” mag als ehrenrührig eingeschätzt sein und den Deserteuren einiges Ungemach in der Nachkriegszeit von der Seite der nazitreuen Landser samt ihrer Mischpoke eingebracht haben. Aber warum besteht nach der Selbstdiagnose der hier vorgestellten Deserteure “ich mache bei diesem Vernichtungskrieg nicht mehr mit!” noch das Bedürfnis nach Relativierungen und nachgeholten Tapferkeitsbekundungen?

references:
Hauke Wendler , lebt in Hamburg, ist Journalist und Politologe, hat für das Satiremagazin extra 3 gearbeitet und für ARD und NDR zahlreiche Reportagen und Dokumentationen erstellt.

“Kriegsverräter” ist,wer sich vom Nazi-Regime abwendet,… von Eichis Weblog via planet.schokokeks

Horst Schluckner:

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April 27, 2007 at 6:46 pm

Innenminister verbietet rechtsextreme Gruppe “Sturm 34”

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Sachsens Innenminister Buttolo: Gruppe will Ausländer angreifen

Protest gegen Neonazis. Quelle: dpa

Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) hat die rechtsextreme Gruppierung “Sturm 34” aus der Region Mittweida verboten. Sie habe sich Zielen verschrieben, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar seien, sagte er am Donnerstag in Dresden. “Das Verbot ist zwingend notwendig gewesen.”

24 Mitglieder der Gruppe hatten am frühen Morgen davon erfahren, als die Polizei Wohnungen in den Landkreisen Mittweida, Chemnitzer Land und Stollberg durchsuchte. Dabei wurden unter anderem Schreckschusswaffen, Sturmhauben, Fahnen, Propagandamaterial und so genannte Würgehölzer sichergestellt. An dem Großeinsatz waren auch 200 Polizisten beteiligt.

Laut Innenministerium wollte die Gruppe im Raum Mittweida eine “national befreite Zone” schaffen und hatte dazu Ausländer und “Andersdenkende” angegriffen.

Kern bestehend aus etwa 25 Personen

Die Vereinigung habe aus einem harten Kern von etwa 25 Personen, einem engeren Kreis von 40 bis 50 Leuten und rund 100 Sympathisanten bestanden. Ihr Alter liege zwischen 14 und 47 Jahren. Mehr als 50 Betroffene seien weiblich. Eine soziale Gewichtung sei nicht erkennbar, sagte Buttolo. Das reiche vom Arbeitslosengeld II-Empfänger bis zum Studenten.

Ein Führungsmitglied befinde sich schon seit vergangener Woche in Haft, nachdem er auf einem Parkplatz in Mittweida einen Afrikaner bedroht haben soll.

SA-Brigade gleichen Namens

Die rechtsextreme Gesinnung der Gruppierung komme schon in der Wahl des Namens “Sturm 34” zum Ausdruck, hieß es. Während der Zeit des Nationalsozialismus habe es im Chemnitzer Raum eine SA-Brigade gleichen Namens gegeben.

Die jetzige Gruppe sei bereits 2005 mit Straftaten in Erscheinung getreten, aber erst im März 2006 offiziell gegründet worden. Seither wurde wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Schon im Vorjahr gab es eine erste Durchsuchung von Wohnungen und Büros und mehr als 50 Strafverfahren zu gefährlicher Köperverletzung, Bedrohung, Raub, Volksverhetzung, d Verstößen gegen das Waffengesetz und anderen Taten.

Parallelen erkannt

Der Verfassungsschutz sieht Parallelen zwischen der im April 2001 verbotenen Gruppierung “Skinheads Sächsische Schweiz” und dem “Sturm 34”. Auch hier seien klare, hierarchische Strukturen mit Führungspersonen aus der Region erkennbar.

Die Skinheads Sächsische Schweiz galten damals mit rund 100 Mitgliedern und 200 Sympathisanten als zahlenmäßig stärkste rechtsextreme Gruppierung in Sachsen. Der Verfassungsschutz schätzt die Zahl rechtsextremer Kameradschaften im Freistaat momentan auf 40 bis 50. Es gebe Hinweise, dass die rechtsextreme NPD über ihre Jugendorganisation Zugang zu ihnen anstrebe.

Verbot der Gruppe “überfällig”

Mittweidas Bürgermeister Matthias Damm (CDU) bezeichnete das Verbot der Gruppe als “überfällig” und forderte die Justiz auf, schneller als bisher gegen Neonazis vorzugehen. “Der Innenminister hat konsequent die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft”, begrüßte SPD-Chef und Wirtschaftsminister Thomas Jurk das Vorgehen.

Die Linkspartei warf Buttolo vor, unentschlossen und zögerlich zu handeln. Das Verbot sei eine Flucht nach vorn. Die CDU signalisierte Unterstützung beim “harten Durchgreifen”. Mit den rechtsextremistischen Gewalttaten sei nun Schluss.

references: Meldung bei redok

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April 26, 2007 at 6:21 pm

Posted in Ideologie, NS

blackness-debatte in den usa

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Wann ist ein Schwarzer schwarz?
Die Debatte um eine schwarze Identität in den USA

3sat kulturzeit vom 23.04.2007

US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama © AP

Im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten muss Barack Obama nicht nur Hillary Clinton überwinden und die weiße Wählerschaft von einem schwarzen Kandidaten überzeugen, sondern er muss auch von der schwarzen Community als echter Schwarzer akzeptiert werden.

Viele von ihnen lehnen Obama bisher ab, weil er keine schwarzen Vorfahren in den USA hat. Wann sind Schwarze wirklich schwarz? Eine grundsätzliche Identitätsdebatte ist neu entbrannt. Kaum hatte Barack Obama seine Präsidentschaftkandidatur erklärt, beherrschte er alle Kanäle. Und in der gefeierten Show “The Colbert Report” sorgte die Autorin des Bestsellers “The End of Blackness” für eine kleine Sensation – mit ihrer Antwort auf die Frage: Ist Obama schwarz? Mit ihrem “Nein” vertritt Debra Dickerson, die sich aus ärmsten Verhältnissen über Militär und Abendschule nach oben gearbeitet hat eine Fraktion, die um die Reinheit der schwarzen Rasse kämpft. Für sie besteht Obama nicht den Farbentest.

Debra Dickerson

“Er hat zweifellos eine Mission und ist zu Großem berufen”, meint Debra Dickerson. “Aber um sein Ziel zu erreichen, braucht er den Segen der Schwarzen. Deshalb schiebt er die Familie seiner weißen Mutter, die ihn aufgezogen hat, in den Hintergrund und sagt ‘schwarz, schwarz’ und ‘Bürgerrechte’. Zugegeben: Er hat unermüdlich in der Bewegung gearbeitet, in gewisser Weise liebe ich ihn, aber: Er ist ein Cousin, kein Bruder.”

Painter sieht die Gefahr eines “schwarzen Rassismus”

Die Historikerin Nell Painter (book review amazon.com) gehört zu denen, die diese Auffassung nicht teilen. Die Autorin einer “Geschichte der schwarzen Amerikaner” gibt sich bei der Definition von “Schwarz” weit weniger exklusiv. Sie hält das für Unsinn. Eine solche Auffassung birgt für Painter die Gefahr eines “schwarzen Rassismus”: “Amerikas Schwarze waren immer sehr heterogen”, sagt Nell Painter, Präsidentin der Oranisation of American Historians. “Es gab immer einige, die eine gute Ausbildung hatten. Es gab immer schwarze Amerikaner, die einen weißen Elternteil hatten, oder einen Elternteil, der eingewandert war. Die Kritikpunkte drehen sich immer darum, ob man weiße oder eingewanderte Eltern hat. Doch wenn man uns Schwarzen hier betrachtet: Wir haben alle möglichen Farben und alle vorstellbaren Vorfahren.”

Historisch genügte ein Tropfen Blut von afrikanischen Vorfahren, jemanden als schwarz zu definieren – nach weißem Gesetz. Heute sind es Schwarze, die nur die Nachkommen US-amerikanischer Sklaven als schwarz akzeptieren, doch keine Immigranten. “Sie sehen manche Dinge einfach anders, denn sie wurden hier nicht unterdrückt”, sagt Dickerson. “Die Leute, die aus Afrika oder aus der Karibik hierher eingewandert sind, waren nie eine Minderheit. Und das macht den Unterschied: Wir, die wir hier geboren sind, sehen uns immer durch die Augen der Weißen. In der Karibik waren Schwarze an der Macht. Sie haben einfach nicht denselben Drang, sich ständig selbst anzuzweifeln”

Die “Black community” diskutiert heftig ihr Selbstverständnis

Wie wichtig ist eine kollektive Identität? Wie stark bremst eine Opfer-Mentalität? Über solche Fragen wird in der “Black Community” heftig debattiert. Gerade vor dem Hintergrund, dass schwarze Immigranten oft erfolgreicher sind: “Wenn man sich die Unis in den USA anschaut: 50 Prozent aller Schwarzen, die hier studieren, gerade an den Prestige-Universitäten, sind die Kinder von Einwanderern”, beobachtet Dickerson. “Mir kann keiner erzählen, dass sie, wenn sie in 20 Jahren an die Macht kommen, dieselben Interessen vertreten wie ich, die von Sklaven abstammt. Die werden nicht über dasselbe reden. “ Dazu gehört die Erfahrung der Bürgerrechts-Bewegung. Sie brachte den Schwarzen in den USA die Gleichberechtigung vor dem Gesetz, setzte der Zeit der schlimmsten Auswüchse der Segregation ein Ende. Black war “beautiful”, jeder, der sich “schwarz” nannte, wurde akzeptiert. Die Bewegung war kosmopolitisch. Zu den Träumen von Martin Luther King gehörte auch die Verbrüderung mit dem Indien Mahatma Gandhis, und auch der radikale Schwarzen-Führer Malcolm X dachte global.

Die eigene Kultur steht im Mittelpunkt

Nell Painter

“Kurz vor seinem Tod betrachtete Malcolm X die US-Schwarzen als Teil der Unterdrückten dieser Welt”, sagt Nell Painter. “Ich habe ihn 1965 in Ghana getroffen. Er besuchte Westafrika, weil der Pan-Afrikanismus ein Teil seiner Zukunftspläne war.” Heute interessieren sich Amerikas Schwarze schon lange nicht mehr für den Panafrikanismus. Weit stärker in der Diskussion steht die eigene Kultur – ein wichtiger Eckpfeiler schwarzer Identität. Viele Schwarze sind zu Recht stolz auf ihre Kultur. Doch sind sie, wie manche argumentieren, deren “Eigentümer”? Die einzigen, die von ihr profitieren und sie interpretieren dürfen?

“Wir Amerikaner halten uns ja generell gerne für einzigartig”, meint Dickerson. “Da sollten wir aufpassen. Vielleicht haben wir Schwarze ja wirklich Jazz und Basketball erfunden. Doch was ist dann mit Rapvideos und der hohen Rate von Alleinerziehenden? Jeder sollte vorsichtig sein mit einem kulturellen Alleinanspruch.” Nichts projizierte zuletzt mehr schwarze Authentizität als Hip-Hop. Doch es ist eine männerorientierte Projektion um Sex und Gewalt. Vermutlich liegt der Grund des schwarzen Chauvinismus darin, dass das schwarze Selbstverständnis noch nie so zersplittert war wie heute.

“Es gibt heute mehr einflussreiche Schwarze, auch wenn ein wichtiger Teil der schwarzen Identität die Machtlosigkeit ist”, meint Nell Painter. “Es gibt mehr reiche Schwarze, auch wenn Armut immer unsere Identität bestimmt hat. Es gibt nun herausragende schwarze Frauen, auch wenn ein großer Teil der schwarzen Identität männerorientiert ist. Heute finden wir überall in den USA erfolgreiche Schwarze, nicht nur gelegentliche Vorzeige-Schwarze. Was traurig ist: Zur Zeit der Segregation wurde das, was ‘schwarz’ ausmacht, juristisch von Weißen für uns definiert. Heute machen das ein paar Idioten von uns selbst.”

Debra J. Dickerson: “The End of Blackness: Returning the Souls of Black Folk to Their Rightful Owners”, Anchor Books 2005, ISBN-13: 978-0375713194

Nell Irvin Painter: “Creating Black Americans: African-American History and Its Meanings, 1619 to the Present”, Oxford University Press Inc 2006 , ISBN-13: 978-0195137569

references:
blackness
and whiteness-studies via wiki.en
Identität via wiki.de
Annual Student Conferences at Humboldt 2001-2007 & Transatlantic Students Symposia 2003-2007 : Amerikastudien an der HU-Berlin
joseph vogl denkt über identität nach videostream via augenzuppler
Neues vom Cultural-Studies-Theoretiker Stuart Hall via augenzuppler

   

Medienliebling Obama: Ein US-Senator afro-amerikanischer Herkunft auf dem Weg ins Weiße Haus
Identitätssuche auf afro-amerikanisch: W. E. B. Du Bois’ “Die Seelen der Schwarzen”
Idol des schwarzen Amerika: Vor 80 Jahren wurde Malcolm X geboren, vor 40 Jahren ermordet
Ende eines Traums: Das Komplott gegen Martin Luther King
Blues People: Amiri Baraka ist der einzige schwarze Beat-Poet
Die Zuhälterlegende Iceberg Slim: Nach 36 Jahren erscheint seine Biografie”Pimp” auf deutsch
Auch ein Panther ist nur ein Mensch: Der Fotograf Stephen Shames hat die Geschichte der Black Panther dokumentiert

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April 24, 2007 at 8:48 pm

Debatte: Film “300”

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Kritikpunkte:
Realitätsferne Darstellung,
Ablehnung der historischen Identität “Wildheit” der Perser durch die iranische Regierung,
einseitiges Helden-Epos,
die Darstellung von Gewaltszenen und ein an den Faschismus erinnernder Körperkult.

Iranische Regierung kritisiert US-Film “300”

Tagesspiegel vom 04.04.2007
Iran fühlt sich durch den Kinofilm “300” des US-Regisseurs Zack Snyder stark angegriffen. Der Film sei eine klare Beleidigung aller Iraner und eine Schande für Hollywood. ->

Iranische Regierung kritisiert US-Film 300

Berlin – Die Filmemacher wollten sich an den iranischen Menschen rächen und ihre glorreiche Geschichte und ihren Ruf in Frage stellen, sagte der iranische Kulturminister Hussein Safar Harandi nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur Irna. “Wildheit, wie sie in dem Film dargestellt wird, ist ein Kennzeichen des Regisseurs selber, während Iraner mit ihrer alten und bedeutenden Zivilisation nie so sein könnten.”
Basierend auf dem gleichnamigen Comic von Frank Miller (“Sin City”) erzählt “300” die Geschichte der berühmten Schlacht am griechischen Thermopylen-Pass, bei der sich im Jahr 480 vor Christus 300 Spartaner einem riesigen Heer persischer Krieger gegenüberstellten. Dabei interessierte Regisseur Snyder allerdings nicht die realitätsnahe Darstellung der historischen Ereignisse. Stattdessen inszenierte er einseitiges Helden-Epos, das nur mit den Spartanern und nicht den persischen Angreifern sympathisiert. Wegen seiner Gewaltszenen und dem an den Faschismus erinnernden Körperkult ist der Film auch bei westlichen Kritikern umstritten. Dennoch lief “300” bereits sehr erfolgreich in den USA an. In Deutschland kommt er an diesem Donnerstag in die Kinos. (tso/dpa)
Zum Thema:
Film-Fototour: 300
Kino Spezial: Rezensionen, Fotos, Gewinnspiele

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April 22, 2007 at 6:29 pm

Debatte: Oettinger Rede

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Prolog:
Zum besseren Verständnis seien
der Leserin die Debatten über den Fall Oettinger/Filbinger auf “Zettels Raum” als hilfreich ans Herz gelegt – dort trafen sich in dieser Causa liberale bis konservative Standpunkte in menschenwürdiger Streitbarkeit. In meiner Zusammenstellung “Zum Tod von Filbinger: Oettinger Rede” sind die mir wesentlichen Positionen chronologisch abgelegt, im Fussnotenteil habe ich unter “references” die mir wichtigen Quellen ebenfalls in chronologische Folge abgelegt. Ich halte diese “Kritikbewegung” nicht für ein letztes Aufgebot der 68iger, sondern vielmehr geht es um die Positionierung der gesellschaftlichen Mitte zu Protagonisten des 3. Reichs – insbesondere die politische Einordnung und Würdigung von (oft bruchlosen) Karrieren im Staatsapparat der BRD werden für die Erinnerungskultur bedeutsam bleiben, hier sind der nationalkonservativen Strömung im neuen Jahrtausend die bundespolitischen Grenzen der politischen Mitte deutlich gemacht worden. Ob sich Filbinger diese Form der politischen Leichenfledderei an seinem Sarg wohl gewünscht hat ?

oettinger filbi kondolenz 2007 Es war eben keine wahre Wonne, die Debatte über die Trauerrede zu Filbingers Beerdigung intensiver zu betreuen. Während die Medien den Tabubruch Oettingers einhellig missbilligten, kursierten in der Blogkugelzone unterschiedlichste Szenarien. Das nationalkonservative Spektrum versuchte nicht ohne Akribie eine Hexenjagd auf Filbinger und Oettinger nachzuweisen – ein offensichtlicher Versuch, Oettinger zur Seite zu gehen, um den NS-Mitläufer Filbinger doch noch posthum rehabilitieren zu können. Die Angelegenheit war und ist äusserst heikel. Der unternommene Versuch, die Causa Filbinger mit quasi juristischer Logik aufzulösen,ist völlig unnötig, denn darum geht es politisch überhaupt nicht. Filbinger ist nicht juristisch belangt worden, er hatte einen guten Job im Ländle,aber er wollte eben noch mehr: Die Anerkennung seiner politischen Biographie – das 3. Reich inclusive. Die Meisterleistung sollte darin bestehen, ein NSDAP-Mitglied seit 1937 als normalen, demokratischen Werdegang akzeptierbar erscheinen zu lassen. Er ist ein Paradebeispiel der Integrationspolitik aus der Ära Adenauer: Funktionäre, die im 3. Reich “gute Arbeit” geleistet haben,wurden in den Staatsdienst der neu aufzubauenden BRD übernommen. Das hat einige Übernommene zu einem gewissen Übermut inspiriert und Geschichtsklitterungen der NS-Zeit waren nur ein Ergebnis dieser pragmatischen Offenherzigkeit Adenauers nach rechts aussen. Dieses Verfahren war und ist in der BRD immer strittig debattiert worden und war keine Erfindung der MfS-Schergen.

Das nationalkonservative Lager hat seinen NS-Entschuldungsdiskurs immer mit dem Verweis auf die preussischen Tugenden Pflichterfüllung, Treue zum Staat und Gehorsamsverdikt geführt – so haben die Verschwörer des 20. Juni übrigens auch ihr Mitmachen bei den Nazis bis 1944 begründet, diese luftigen Tugenden wurden also nie in Frage gestellt und nur der Misserfolg des NS-Regimes weichte das Festhalten daran auch nur zeitweise auf. Der Effekt war: Es gab eigentlich keine Schuldigen,die für den staatlichen Erfolg des NS-Vernichtungswerks verantwortlich gemacht werden konnten – es blieben nur die Hauptakteure übrig, die sich meist durch Suizid oder Flucht jeder Verantwortung entzogen hatten und die Verurteilten von Nürnberg waren für viele interne, konservative Streitdebatten für wertvoll erachtet worden.

Wenn heute ein Dissident der ehemaligen DDR vor einem ehemaligen StaSi-Offizier in der Gauck-Behörde sitzt, um seine MfS-Akte einzusehen,ist die praktische Perversion der Adenauer Übernahmepraxis vielleicht für heutige Generationen ansatzweise nach zu empfinden. Täter und Ausführer des NS-Willens konnten sich auch nach 1945 in ihren Funktionen an ihren Feinden und Gegnern aus dem 3. Reich nach Herzenslust austoben. Die Personalpolitik in der freien Wirtschaft war übrigens noch entsetzlicher.

Eine äusserst zweifelhafte politische Gegenbewegung waren die 68iger mit dem Slogan “unter den Talaren Muff von 1000 Jahren”. Zweifelhaft deshalb, weil viele Protagonisten dieser 68iger in ähnlich totalitärer Gesinnung wie ihre Väter die Menschheit beglücken mussten, das damalige Kooperationsmodell kann mit “der Feind meines Feindes ist mein Freund” umschrieben werden – wenn Papi ein Nazi war,bin ich halt Kommunist. Heraus kam eine ethische Grosszügigkeit, die offensichtlichen Fehlstellungen der Politik des realen Sozialismus und Mao Tse Tungs nicht sehen zu wollen und diese mit geflissentlicher Ignoranz klein zu reden oder als Übergangsstadium hin zu einem besseren Prozess zu interpretieren. Die daraus gespeiste Haltung weiter Teile der westdeutschen Linken zur DDR-Opposition ist ein trauriger Ausweis dieser Vorstellungen und es hat mich nicht im geringsten gewundert,das nach der Wende viele progressive Kräfte lieber in der CDU oder FDP unterkamen.

Der Provokationsversuch Oettingers endete in einem Opferdiskurs,nicht nur für die gesellschaftliche Mitte ist die Rücksichtnahme auf die Opfer des NS eine heilige Pflichtübung – die Juden werden exponiert, sie müssen die Opferrolle ausfüllen.Die Erinnerungskultur lässt komischerweise ausschliesslich Tote zu. Wenn von Leuten wie Martin Walser dieser verbliebene Minimalkonsens marodierend als leidige Auschwitzkeule apostrophiert wurde und er damit vielen Deutschen aus der Seele spricht, finde ich diese Metapher schlicht ekelhaft. Wenn die Vergangenheitsbewältigung des NS als museale Opferbetreuung verstanden wird, wenn ehemalige NS-Mitläufer krampfhaft über Jahrzehnte den Anspruch aufrecht erhalten können, rehabilitiert zu werden, dann ist Achtsamkeit gefordert. Lizas Welt fasst seine absolut gegen den Strich der aktuellen Diskussion gebürstete Einschätzung der Filbinger/Oettinger-Debatte wie folgt zusammen:

Vielleicht kann man dann eines Tages auch mal ohne Widerspruch behaupten, dass Filbinger eigentlich ein zweiter Dreyfus war. So sah er sich nämlich selbst, den „bedeutenden jüdischen Rechtsgelehrten Professor Dr. Ernst Hirsch“ zitierend, der ihn, Emile Zolas „J’accuse“ missbrauchend, zum Verfolgten machte. Denn Opa war schließlich kein Nazi, sondern nur: ein ganz normales deutsches Opfer. Wie so viele im Nationalsozialismus.

Dieser Aspekt ist in der Diskussion der letzten Wochen viel zu kurz gekommen. Es lohnt sich, auch darüber weiter nachzudenken.

references:
“Studienzentrum Weikersheim” und Wir können alles – außer Geschichte  von denkblogade
Oettinger legt nach … “Maultaschen Cartoon” von FAZ
The Nobel Prize for Dr. Mengele! by mavericknewsnetwork
Geschichtswissenschaft, Zeitgeschichte, der Fall Filbinger: Ein paar nachdenkliche Nach-Gedanken von Zettel
Falsche Baustelle oder “the Never Ending Story” via FdoG
Eine deutsche Affäre von Lizas Welt
War Nazi-Hitler Widerstandskämpfer im 3. Reich? von meerschweinchenreport (satire)
Oettinger, Filbinger, die RAF, die Achtundsechziger: (1) Eine Trauerrede,
(2) Eine Hexenjagd von Zettel

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April 17, 2007 at 8:08 pm

Zum Tod von Filbinger: Oettinger Rede

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update:

“Missverständnis ausgeschlossen” von Frank Schirrmacher

(…) Was Oettinger nicht begriffen hat

Allen Tadel verbittet sich Oettinger mit dem Verweis auf seine „innere Haltung“. Er hat gar nicht begriffen, dass der Protest an Äußerlichkeiten Anstoß nimmt wie der Tatsache, dass er im entscheidenden Punkt der Todesurteile Wort für Wort abgelesen hat, was Filbinger ins Internet stellen ließ. Filbinger ist keine Handlung zum Verhängnis geworden, sondern seine demonstrative Uneinsichtigkeit, die äußere Haltung, die er von 1978 bis zu seinem Tod wahrte. Nach diesem Muster wird, was ein selbst in der deutschen Geschichte einzigartiges Beispiel mimetischer Nibelungentreue darstellt, im Fall Oettinger die Rede von der NS-Gegnerschaft kraft innerer Haltung zur unbezweifelbaren Unverfrorenheit durch die Verstocktheit der Selbstrechtfertigung. Das Einzige, was den wirklichen Gegnern des NS-Regimes blieb, war die Hoffnung, von der Nachwelt nicht mit den anderen verwechselt zu werden. Allein deshalb haben die Brüder Stauffenberg eine aussichtslose Tat unternommen. Zu zeigen, dass es auch anders ging – dafür sind sie über die Grenze gegangen. Oettinger hat alles getan, diese Grenze zu verwischen.

Das Ende der Causa Oettinger
Der nationalkonservative Flügel der CDU hat eine empfindliche Schlappe einstecken müssen. Angie hat unmissverständlich klargestellt: Die Bundes-CDU duldet keine Verbreitung von Unwahrheiten über ehemalige Protagonisten des 3. Reichs. Mitläufer damals bedeutet auch in 2007 Mitläufer und nicht Widerstandkämpfer oder Systemgegner. Die CDU verortet sich zumindest in ihrer Bundesgliederung in der Mitte der Gesellschaft. Schon gestern hat Oettinger in der Bildzeitung eine Stellungnahme veröffentlicht, die von den wesentlich kritiserten Punkten seiner Trauerrede abrückt:

BILD-Interview mit Ministerpräsident Oettinger über den Filbinger-Skandal
„Es tut mir leid“ von VERENA KÖTTKER
BILD: Herr Oettinger, heute hat der Zentralrat der Juden Ihren Rücktritt gefordert. Ist es jetzt nicht Zeit für eine Entschuldigung?
Günther Oettinger: Mit meiner Trauerrede wollte ich das Lebenswerk von Hans Filbinger würdigen. Aber es war nie meine Absicht, die Verfolgten und die Opfer zu verletzen. Sollte das geschehen sein, tut es mir leid. Und dafür entschuldige ich mich auch. Betroffen macht mich, wie mir unterstellt wird, ich hätte Hans Filbinger zum Widerstandskämpfer erklärt. Er war es nicht und ich habe das nie behauptet. Die Öffentlichkeit hat meine Rede anders wahrgenommen, als ich sie vor den versammelten Trauernden gemeint habe. Dies bedaure ich und würde heute eine andere Formulierung wählen.
BILD: Sie haben Filbinger als Gegner des NS-Regimes bezeichnet. Tatsächlich war er in der SA…
Oettinger: In der SA waren viele Anhänger, aber auch viele Menschen, die nicht die Kraft zum Widerstand hatten. Hans Filbinger hat sich wie Millionen anderer dem NS-Regime angepasst. Daran besteht kein Zweifel. Aber so, wie ich ihn später kennengelernt habe, war er ein zutiefst christlicher und konservativer Mensch mit einer belegbaren inneren Distanz zum NS-Regime. Ich glaube übrigens, man sollte einen Menschen nicht sein Leben lang für Fehler verurteilen, die er möglicherweise als junger Mensch in diesem grausamen System gemacht hat.
BILD: Dennoch: Das Todesurteil gegen den desertierten Soldaten Gröger hat Filbinger kurz vor Kriegsende noch selbst unterschrieben…
Oettinger: Bei dem Matrosen Gröger war er in einer besonders schwierigen Situation. Gröger war bereits im März 1944 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Filbinger war dann später nicht der Richter, sondern der Anklagevertreter. Selbst der Verteidiger von Gröger hat später bestätigt, dass Filbinger keinen Handlungsspielraum hatte.
BILD: Seit Ihrer Trauerrede sind vier Tage vergangen. Musste die Kanzlerin Sie erst zu einer Entschuldigung drängen?
Oettinger: Nein! Das Gespräch mit Frau Merkel hat mich darin bestärkt, noch einmal klar zu sagen, dass ich missverstanden wurde. Es war nie meine Absicht, die Gräuel des Nationalsozialismus zu relativieren. Dass dies in der Öffentlichkeit so interpretiert wurde, bedaure ich sehr.
BILD: Hat Sie die Rüge der Kanzlerin überrascht?
Oettinger: Ich habe das akzeptiert.
BILD: SPD-Chef Kurt Beck wirft Ihnen vor, mit Ihren Äußerungen bewusst am rechten Rand zu fischen…
Oettinger: Das war und ist nicht meine Absicht. Wer mich kennt, weiß, dass ich aufgrund meiner politischen Grundhaltung und meiner Werte vom rechten Rand weit entfernt bin.
BILD: Fühlen Sie sich als Opfer einer Hetzkampagne?
Oettinger: Nein, aber mich enttäuscht, wie hier manches verkürzt wird und eine differenzierte Betrachtung kaum noch möglich ist.

Der Fall Oettinger ist mit der Präsidumssitzung der CDU vom 16.04.2007 in Berlin beendet. Der Preis für Oettinger: Kein Papstbesuch zum runden Jahrestag bei Benedictus XVI. in Rom und die Schmach, von einer Frau aus der Ostzone abgekanzelt worden zu sein. Ob es das wohl wert war?

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Mittlerweile werden Rücktrittsforderungen an Oettinger laut, Angie hat als Politikerin der Mitte auch ihren Unmut über die Oettinger Darstellung des 3. Reichs öffentlich gemacht. Aber Oettinger ist ein Widerborst, er will nichts zurücknehmen. Sollte er stur bleiben, ist er (zumindest bundes-) politisch genauso erledigt wie sein grosses Vorbild, der Marinerichter.

Rolf Hochhut hat die Todesurteile des Marinerichters Filbinger 1978 in die Öffentlichkeit gebracht, die FAZ fasst das Geschehen 2007 so zusammen:

(…) Harscher Protest von Hochhuth

Der Schriftsteller Rolf Hochhuth kritisierte die Rede von Oettinger besonders scharf. Wenn Oettinger sage, Filbinger habe als Marinerichter in der NS-Zeit kein Urteil gesprochen, durch das ein Mensch sein Leben verloren habe, sei das „eine unverfrorene Erfindung“, sagte Hochhuth der Deutschen Presse-Agentur. „Ich kann das nicht glauben.“

Die Tragödie des Matrosen Walter Gröger etwa sei bewiesen und als Buch erschienen, sagte Hochhuth. Diesen habe „Filbinger persönlich noch in britischer Kriegsgefangenschaft ermordet“. Der Schriftsteller hatte Anfang 1978 Filbingers Tätigkeit als Marinerichter öffentlich gemacht.

Hochhuth erklärte, die Briten hätten in ihren Gefangenenlagern den Nazi-Offizieren die Gerichtsbarkeit über ihre Mit-Gefangenen weiter belassen. Deshalb habe Filbinger noch darauf bestehen können, dass das Urteil gegen den Mitgefangenen Gröger wegen Fahnenflucht vollstreckt werden konnte. „Wozu nichts Filbinger genötigt hat als die Tatsache, dass er ein sadistischer Nazi war“, sagte Hochhuth. Er sagte weiter, er habe die Akte des Matrosen Gröger im Bundesarchiv in Koblenz gefunden.

Filbinger hatte 1978 einen Prozeß gegen Hochhuth vor dem Stuttgarter Landgericht angestrengt. Hochhuth durfte danach aber weiter behaupten, Filbinger sei als „Hitlers Marinerichter“ ein „furchtbarer Jurist“ gewesen und habe „sogar noch in britischer Gefangenschaft nach Hitlers Tod einen deutschen Soldaten mit Nazi-Gesetzen verfolgt“.(…)

 

Oettinger_Filbinger

Ministerpräsident Oettinger hielt nicht nur eine Trauerrede (Volltext) auf Filbinger, sie war auch eine geschichtsvergessene Abrechnung mit den Kritikern und Gegnern Filbingers – unter denen sicherlich auch Schufte anzutreffen waren. Ob Filbinger Mittäter, Mitläufer oder Verführter des NS-Systems war, interessiert Oettinger nicht im geringsten. Der Historiker Hans Mommsen charakterisiert Filbinger z.B. als den überzeugten Mitläufer . In seiner schlichten Art erkärt Oettinger seinen politischen Ziehvater sogar zum Widerstandkämpfer gegen die Nazis und leugnet eines seiner vollstreckten Todesurteile (von drei Ausgesprochenen) gegen besseres Wissen. Was patriotischer Widerstand im 3. Reich eigentlich bedeutete, kann man am Schicksal von Fritz Kolbe praktisch studieren.

Im günstigsten Fall will hier ein konservativer Politiker eine Ehrenrettung für Filbinger probieren. Mit Lügen diesem recht freien, subjektivem Umgang mit politischer Verantwortung und Wahrheit- mit dem Filbinger offensichtlich bis zu dem Skandal in 1978 gut durchs Leben gegangen ist – funktioniert das aber nicht. Hier ist ein in konservativen Kreisen weit verbreiteter Mechanismus der psychischen Vergangenheitsbewältigung des NS (“Schubumkehr der Wahrheit”) am Werk, der selbst von der SPD als politisch untragbar eingeschätzt wird – die hat ihre Teilnahme an der Trauerfeier deshalb auch abgesagt – ganz im Gegensatz zu einigen Lokalgrössen der GRÜNEN, die ihren Terminkalender für Trauerfeierbesuche ganz unter dem Banner von “Jamaica” oder schlicht “Schwarz-Grün”, politisch-taktisch füllen.

Wenn Privatpersonen mit ihren persönlichen Lebenslügen durch die Welt gehen, ist das schon schlimm genug – die Zeche dafür zahlen in der Regel die direkten Nachkommen, wenn sie die Lüge nicht fortpflanzen wollen. Nicht nur Psychotherapeuten können ein langes Lied davon singen – die 68iger Revolte war nämlich nur ein kritisch-historischer ( bekanntermassen meist totalitaristischer) Umgang von Vielen mit der Schuld der Eltern. In der Politik (der Mitte) sind solche Selbstinszenierungen und Beweihräucherungen in 2007 allerdings immer noch untragbar. Und das ist auch gut so.

“Über Tote soll man nicht schlecht reden”, aber manchmal wird der Abgang vom Planeten einfach schlecht vorbereitet, in Filbingers Fall wird völlig zu Unrecht so herum-ge-opfert. Der hingerichtete Marinesoldat war ein Opfer, Filbinger wollte sich selbst dahin stilisieren und Oettinger, der seine Karriere in einer schlagenden Studentenverbindung der “Landsmannschaft Ulmia Tübingen” begann, ist sein willfähriger Bauchredner: Fehlversuch! ohne Widerholungsmöglichkeit.

Filbinger mag ein lieber Ehemann, Grossvater und Förderer gewesen sein, aber das spielt bei der politischen Bewertung des Falls eine untergeordnete Rolle.

references:

Oettingers Stationen von Sendungsbewusstsein
Was Unrecht war, wird Unrecht bleiben von Ralph Giordano
Der Fall Gröger – ein Justizmord von Ingo Way via FdoG
Anpassung – Der wahre Antifaschismus von Daniel Fallenstein via FdoG
Ausdünstungen: CDU-Forum zu Oettinger
Feiner Unterschied II von Volker Radke
Untersagt: Filbinger-Gedenk-Gottesdienst von anaximander
Jetzt kommt es heraus: Zettel erläutert die linke Meinungsdominanz
Zettel kann Hochhut nicht folgen: Filbinger, Hochhuth und die Verurteilung des Matrosen Gröger
“Mütze, Band und Bier” von cliff cosmos
Feiner Unterschied von Volker Radke
Zur Oettinger Filbinger-Rede von anaximander
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April 13, 2007 at 7:22 am

Oettingers Rede im Wortlaut

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Mit folgender Rede sorgte Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger beim Staatsakts zum Tod seines Vorgängers Hans Filbinger für Aufsehen.

SZ vom 12.04.2007

“Verehrte liebe Frau Filbinger, liebe Familie Filbinger, ich grüße die fünf Kinder, 14 Enkelkinder, zwei Urenkel, und alle Angehörige, Herr Landtagspräsident, Herr Bundesminister, lieber Lothar Späth, lieber Erwin Teufel, verehrte Vertreter der Regierung und von Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen, verehrte aktive und ehemalige Mitglieder der Landesregierung Baden-Württembergs, des Deutschen Bundestages und des Landtags von Baden-Württemberg, Herr Oberbürgermeister, Herr Weihbischof Klug, verehrte Vertreter der Kirchen, liebe Freunde und Weggefährten von Hans Filbinger, verehrte Trauergemeinde,

Tief bewegt nehmen wir Abschied von Hans Karl Filbinger.
In Trauer, aber auch voller Respekt und Hochachtung verneigen wir uns vor einer großen Persönlichkeit, einem herausragenden Politiker und vor seinem Lebenswerk. Unser Mitgefühl und unsere aufrichtige Anteilnahme gilt Ihnen, liebe Frau Filbinger und gilt den Kindern, den Enkeln und den Angehörigen. In christlicher Verbundenheit teilen wir Ihre Trauer, auch wenn wir wissen, dass Worte und Gesten über den schweren Verlust nicht hinweghelfen können. Die Nachricht vom Tode Hans Filbingers hat uns alle tief bewegt.

Viele sind heute hier, die Hans Filbinger nahestanden: Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Weggefährten, Mitarbeiter von einst und Freunde.
Aus Günterstal, aus Freiburg, aus Südbaden, aus Baden-Württemberg und weit darüber hinaus.

Auch viele Bürger im Land denken in diesen Tagen an Hans Filbinger.
Die Reaktionen zeigen, welcher Respekt, welche Bewunderung, ja Zuneigung ihm zuteil geworden ist. Nichts macht augenfälliger, was er für unser Land war:
ein großer und verdienter Demokrat. Eine öffentliche Autorität, erwachsen aus einem Lebenswerk, das für die hervorragende Entwicklung unseres Landes steht. Mit Hans Filbinger geht einer der Letzten, der den Aufbau unseres Landes nicht nur miterlebt, sondern auch entscheidend mitgestaltet hat.


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Bildstrecke Der umstrittene Hans Filbinger Rahmen
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Hans Filbinger wurde – gegen seinen Willen – zum Ende des Krieges als Marinerichter nach Norwegen abkommandiert. Er musste sich wegen seiner Beteiligung an Verfahren der Militärjustiz immer wieder gegen Anschuldigungen erwehren. Es bleibt festzuhalten: Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte. Und bei den Urteilen, die ihm angelastet werden, hatte er entweder nicht die Entscheidungsmacht oder aber nicht die Entscheidungsfreiheit, die viele ihm unterstellen.

Hans Filbinger hat mindestens zwei Soldaten das Leben gerettet: Einer von ihnen, Guido Forstmeier, weilt noch heute unter uns und kann bezeugen, dass sich Filbinger dabei großer Gefahr ausgesetzt hat.

Manfred Rommel hat dieser Tage bekräftigt, dass er Filbingers Rücktritt vom Amt des Regierungschefs nach wie vor nicht für erforderlich gehalten hat. Wie viele andere Menschen, die das Dritte Reich erlebt haben, sei er schicksalhaft in Situationen hineingeraten, die den Menschen heute zum Glück erspart bleiben.

Hans Filbinger hat also die schreckliche erste Hälfte des letzten Jahrhunderts nicht nur erlebt, er hat sie auch erlitten. Jahrzehnte später wurde ihm seine Mit-wirkung während der letzten Kriegswochen vorgehalten. Viele waren befremdet. Er war betroffen und gekränkt. Mit seinem Rücktritt zog er eine weitreichende Konsequenz.


 
 

Für mich und meine Generation ist es leicht, die Kriegszeit zu beurteilen. Vielleicht aber in Wahrheit schwer oder auch unmöglich, weil wir sie nicht erleben mussten. Und wir nicht ermessen können, wie brutal und diktatorisch die Umstände damals gewesen sind.

Hans Filbinger hat vor allem viel dazu beigetragen, dass die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts in unserem Land einen ganz anderen, einen guten Verlauf genommen hat. Er war ein Mann der ersten Stunde. Es gibt nur wenige, die von Beginn an und bis heute um das Wohl unseres Landes so besorgt und so erfolgreich tätig waren wie er. Unser Land, Baden-Württemberg, stünde heute nicht so gut da, wenn er nicht seine ganze Kraft, seine Ideen und Ideale, seine geschichtliche Erfahrung und sein Können eingebracht hätte.

Hans Filbinger war bereits in jungen Jahren von jenem Denken getragen, das später den Aufbau Baden-Württembergs, aber auch Deutschland im Ganzen ermöglicht hat.

Welches Denken meine ich dabei?

Er kam bereits in den Jahren der Weimarer Zeit zu der Überzeugung, dass der Totalitarismus von rechts und auch von links nur verhindert oder überwunden werden kann, wenn sich die Deutschen wieder auf die Traditionen der christlich-bürgerlichen Kultur besinnen. Er hat aus der Erfahrung von Weimar gelernt, dass eine Demokratie nur dann erfolgreich sein kann, wenn die Bürger zu rechtsstaatlichem Bewusstsein und zu humanen Werten erzogen, und wenn sie mit einer freiheitlichen Wirtschafts- und Sozialordnung vertraut gemacht werden.

Filbinger hat deshalb den Nationalsozialismus immer verachtet. Die Weltan-schauung war für jemanden wie ihn, der aus einem katholischen Elternhaus stammte und der sich als gläubiger Christ verstand, schlichtweg unerträglich. Hans Filbinger hat aus diesem Glauben heraus gehandelt und in der Zeit des Nationalsozialismus großen Mut bewiesen:

– er hat im katholischen Schülerbund „Neudeutschland“ mitgewirkt;

– er hat als Leiter des Bezirks Nordbaden die Gleichschaltung mit der Hitlerjugend bekämpft;

– er hat seine Kommilitonen zur Standhaftigkeit gegen die NS-Vertreter aufgerufen;

– er wurde dafür von den Nazis auf die schwarze Liste der Regimegegner gesetzt.

– Der Jugendbund, dem er angehörte, wurde schließlich im Jahre 1939 durch die Gestapo verboten und die Begegnungsstätte als „staatsfeindliches Vermögen“ beschlagnahmt.

Schon zwei Jahre vor dem Krieg ging Hans Filbinger in den Kreis um den berühmten katholischen Publizisten Karl Färber und den Dichter Reinhold Schnei-der, die sich in erklärter Gegnerschaft zum Regime befanden. Freunden und Verwandten hat er oft erzählt, wie prägend dieser Freiburger Kreis für ihn gewesen ist und wie viel er ihm verdanke.

Er wirkte darüber hinaus in einem weiteren Kreis mit, der für die Entwicklung der freiheitlichen Bundesrepublik von größter Bedeutung gewesen ist. Ich meine den Kreis um Walter Eucken und Franz Böhm, jenen Begründern der „Freiburger Schule“, die bereits während des Krieges das Konzept des Ordoliberalismus entwickelt hat, woraus später die Soziale Marktwirtschaft entstand.

All dies zeigt: Hans Filbinger war bereits in jungen Jahren von einem christlich-freiheitlichen Geist geprägt. Und er ist diesem Geist, dem Geist von Freiburg, sein Leben lang treu geblieben! Hans Filbinger hat später in allen Funktionen – als Wirtschaftsanwalt, als Stadtrat, als Staatsrat, als Abgeordneter, als Innenminister und auch als Regierungschef – vor allem als Regierungschef – wesentlich daran mitgewirkt, dass diese Ordnung der Freiheit nicht Theorie blieb, sondern Wirklichkeit geworden ist.

Viele werden es nicht wissen: Aber Hans Filbinger hat nicht als Politiker, sondern als Wissenschaftler begonnen. Es war kein Geringerer als Walter Eucken, der den Studenten Filbinger an der hiesigen Hochschule im Jahre 1934 an das Seminar für „Recht der Wirtschaftsordnung“ berufen hat.

Seine wissenschaftliche Arbeit in Euckens Seminar war von der Absicht getragen, die Macht der großen Wirtschaftskonglomerate, die sich in Weimar so unheilvoll auswirkte, zu brechen und den Aufbau einer mittelständisch geprägten Wirtschaft zu befördern. Auch war es sein Ziel, dass der Grundsatz von Treu und Glauben in der Wirtschaft wieder Einzug hält und das Verhalten der Unternehmer durch ein E-thos getragen wird.

Nach dem Krieg war Hans Filbinger gerade dabei, sich als Wissenschaftler und als Wirtschaftsanwalt einen Namen zu machen, als seine berufliche Entwicklung eine Wendung nahm. 1952 bot ihm der Freiburger Abgeordnete der CDU, Dr. Kopf, an, ein Mandat als Stadtrat von Freiburg anzustreben. Hans Filbinger musste sich entscheiden. Und er hat sich entschieden. Herausforderungen ist er niemals ausgewichen. Er hat sich ihnen gestellt. Ja, er hat sie sogar gesucht.

Und Herausforderungen gab es damals mehr als genug. Das Land war zerstört. Viele Städte, so auch Freiburg, waren dem Erdboden gleichgemacht. Es fehlte schlichtweg an allem. Straßen waren zerstört, Krankenhäuser zerbombt, Schulen geschlossen. Die Not war unbeschreiblich. Man musste anpacken. Und Hans Filbinger hat angepackt. Er hat es sich als Stadtrat von Freiburg zur Aufgabe gemacht, die schreiende Wohnungsnot zu überwinden. Und die Darlehen des Marshallplans machten es möglich, die großen Pläne auch in die Tat umzusetzen. Filbingers Wohnungsbauprogramm war ein voller Erfolg. Es war daher kaum verwunderlich, dass er sich für höhere Aufgaben ins Gespräch brachte. Und so nahm seine Karriere ihren Lauf.


Am Anfang stand das Amt des Staatsrats von Südbaden. Es war ein schwieriges, ein heikles Amt. Hans Filbinger sollte die besonderen Interessen Südbadens gegenüber der Landesregierung in Stuttgart geltend machen.

Er fühlte sich als Badener, sogar als Altbadener. Aber sein Verstand sagte ihm, dass die Zukunft Badens – auch wenn es viele noch nicht wahrhaben wollten – in einem vereinten Südweststaat liegen würde. So war er ein Mann, der früh die Chancen eines vereinten Baden-Württemberg erkannte. Er wollte die Einheit des Landes, denn er war überzeugt, dass Kleinstaaterei in der modernen Zeit keine Berechtigung und keine Perspektive mehr bieten kann.

Rückblickend können wir sagen: Hans Filbinger hat sich – vielleicht mehr als jeder andere – um das Zusammenwachsen, die Einheit in Vielfalt, die Integration unseres Landes Baden-Württemberg verdient gemacht. In seiner Zeit als Regierungschef wurde die Badenfrage endgültig entschieden. Der Volksentscheid von 1970 mit über 80 Prozent der Stimmen für das Land Baden-Württemberg wurde zum ersten Höhepunkt seiner politischen Laufbahn.

Hans Filbinger hat sich damit nicht begnügt. Sein Anliegen zielte auf den staatli-chen Charakter der Länder. Er wollte ein baden-württembergisches Staatsbe-wusstsein schaffen.

Von Walter Eucken hatte er gelernt, was einen modernen Staat ausmacht:

– starke Kommunen als Fundament,

– eine einheitliche, klar strukturierte, leistungsfähige Verwaltung,

– immer das übergeordnete Wohl der ganzen Bürgerschaft im Auge behaltend, Führung durch eine Regierung, der er zwanzig Jahre lang angehörte.

Ausgestattet mit dieser Idee eines schlanken, aber handlungsfähigen Staates, hat sich Hans Filbinger ans Werk gemacht. Er hat die Verwaltung reformiert, er hat Dienstleistung in den Behörden angestrebt, er hat wenige effiziente Strukturen verschlankt. Die Krankenhäuser im Lande sind als Beispiel genannt.

Und er war von großem Mut und von großem Fleiß. Hans Filbinger hat später immer wieder erzählt, dass er als Staatsrat früh morgens um 4 Uhr aufbrechen musste, um nach mühseliger, fünfstündiger Fahrt auf maroden Straßen und nach langen Wartezeiten vor passierenden Güterzügen pünktlich zum Kabinett zu kommen.

Erfahrungen dieser Art haben dazu beigetragen, dass er zum Vater des Landesentwicklungsplans geworden ist: damit wurde die Verkehrsinfrastruktur des Landes gründlich gestärkt. Es wurden Förderprogramme für die ländlichen, benachteiligten Regionen aufgelegt Es wurde ein Mittelstandsförderprogramm zur Gründung und zum Erhalt von kleinen Unternehmen ermöglicht.

Und mit Hilfe dieser Strukturpolitik ist es gelungen, dass die damals besorgniser-regende Abwanderung aus den ländlichen Gebieten Baden-Württembergs gestoppt, ja umgekehrt worden ist. Wenn es heute in Baden-Württemberg – im ei-gentlichen Sinne – keine Provinzen und keine strukturschwachen Räume mehr haben, dann verdanken wir das nicht zuletzt der Politik unter Hans Filbinger und seiner Generation.

Die wirtschaftliche Prosperität, das Wachstum unseres Landes, unser guter Arbeitsmarkt, der soziale Wohlstand der Menschen, alle haben ihr Fundament in den Jahren dieser Gründergeneration, deren Grundlage bis heute für uns erfolgreich und wichtig sind.

Der Entwicklungsplan war damals nur ein Anfang. Er bildete den Auftakt für das wichtigste Reformwerk der Ära Filbinger: die große Gemeindegebiets- und Kreisgebietsreform.

Es gab damals viele kleine Gemeinden, die gerade einmal den Bürgermeister und wenige Mitarbeiter bezahlen konnten; die kein Geld für Straßen, für Schulen und Kindergärten zur Verfügung hatten. Ganz zu schweigen von den fehlenden Hilfen für Industrieansiedlung und Arbeitsplätze.

Die Gebietsreform war also überfällig. Aber es bedurfte eines Kämpfers, eines mutigen Mannes, eines Ordnungspolitikers, wie Hans Filbinger einer war, damit sie auch konkret in Angriff genommen und in die Tat umgesetzt worden ist. Hans Filbinger hat, gemeinsam mit dem großen Sozialdemokraten Walter Krause mit der Gemeinde- und Kreisreform ein Riesenwerk für Baden-Württemberg vollbracht. Ein Werk, das noch heute unseren Respekt verdient. Respekt auch vor den Leistungen der Großen Koalition unter seiner Führung, die Strukturen halten bis heute leistungsfähig an.

Es brauchte damals viel Steh- und Überzeugungsvermögen, um die Gemeinde und Gebietsreform gegen Widerstände und Vorbehalte auch im Parlament durchsetzbar und mehrheitsfähig zu machen. Hans Filbinger und Walter Krause und die Parlamentarier dieser Generation hatten diese Gaben. Und so schufen sie jene leistungsfähigen Städte, Gemeinden und Landkreise, die heute in der richtigen Größenordnung sind.

Auch sonst hat er in seiner Amtszeit eine Vielzahl von Entscheidungen in Schule und Hochschule, im Städtebau und in der Inneren Sicherheit getroffen, die wegweisend waren und die sich bis heute als richtig erwiesen haben. Ich denke hier besonders an die Bildungspolitik. Unter seiner Führung und mit Wilhelm Hahn wurden damals Reformen im Schul- und Hochschulbereich durchgeführt, deren Weitsichtigkeit und Bedeutung – erst recht im Lichte der Pisa-Studien und Exzellenzinitiativen – heute offenkundig sind.


 
 

Ich erinnere

– an die Absage an die Gesamtschule,

– an den flächendeckenden Ausbau von Hauptschulen, Realschulen und
Gymnasien,

– an den Ausbau der Fachhochschulen

– und an die Gründung der Berufsakademien, der erfolgreichsten Bildungs-innovation unserer Nachkriegszeit.

Wenn man ihn auf seine Regierungsjahre ansprach und als Jüngerer die Gelegenheit hatte, auf seinen Rat zu hören, beschäftigte ihn am meisten die Zeit der Terroranschläge, der Selbstmorde der Haftanstalten von Stammheim, die Zeit als die Demokratie und der Staat letztendlich nahe am Abgrund stand. Vor dreißig Jahren starb Buback, fand die Entführung von Schleyer statt, war das Land und war Deutschland auf das Äußerste angespannt. Er war einer von den Männer und Frauen, die für eine wehrhafte und nicht erpressbare Demokratie mit Nachdruck, Überzeugung und letztendlich auch mit Erfolg eingestanden sind.

Zwanzig Jahre war er in unserer Regierung als Staatsrat, als Innenminister und zwölf Jahre als Ministerpräsident. Er war streng, er war fürsorglich, er war vorbildlich, er war fleißig, er war sachkundig, er war mutig und weitsichtig und er hat früh Talente und Begabungen erkannt und gefördert.

Seine Kabinette waren bundesweit vorn. Ich nenne Roman Herzog, Annemarie Griesinger, Gerhard Weiser, ich nenne die Weggefährten Lothar Späth und Erwin Teufel. Ich nenne Wolfgang Schäuble aus Baden-Württemberg. Er hat junge Männer und Frauen zum Staat geholt und ihnen Aufgaben gegeben – Spitzenbeamte, Persönlichkeiten entstanden daraus. Ich nenne Manfred Rommel, Gerhard Mayer-Vorfelder, Erwin Vetter für viele andere. Wenn Baden-Württemberg in der Bildung heute bundesweit vorne liegt und wenn unser Land in den 70-er Jahren dem marxistischen Zeitgeist widerstanden hat, dann verdanken wir dies vor allem Hans Filbinger.

Ihm war es stets wichtig, dass Inhalte für Bildung nicht zu kurz kamen. „Mut zur Erziehung“ – so hat sein damaliges Wort gelautet und „Mut zur Erziehung“ ist heute aktuell wie damals. Denken wir nur an das Buch von Bernhard Bueb, das soeben zum Beststeller wurde. Hans Filbinger hat früh erkannt, dass die dogmatisch antiautoritäre Erziehung, die an anderen Orten gefordert worden ist, ein – wie er sagte – „ideologischer Irrläufer“ war. Er ist dafür von Manchen scharf angegriffen worden. Aber er hat hier mit Sicherheit Recht behalten, dies stellt sich heute mehr denn je heraus. Humanistische Bildung und christliche Erziehung, Familie, Bürgertugenden, Patriotismus – all das, wofür er sein Leben lang eintrat, erfährt heute eine neue Wertschätzung.

Hans Filbinger wollte ein fortschrittliches, ein modernes und ein bewahrendes Baden-Württemberg. Und er wünschte sich, dass sein Land tief in der Geschichte verwurzelt bleibt:

– Ein Baden-Württemberg, das sich – ich erinnere an die Große Staufer-Ausstellung 1977 – um eine eigene Identität erfolgreich bemüht.

– Ein Baden-Württemberg, dem die europäische Einigung und die Freundschaft mit Frankreich ein großes Anliegen ist.

– Und ein Baden-Württemberg, das sich dem christlich-humanistischen Erbe verpflichtet weiß.

Fest verankert in der christlich-abendländisch-europäischen Kultur, und gleich-zeitig der Zukunft zugewandt: das war sein Lebensmotto. Es ist das Motto, dem sich unser Land seitdem verpflichtet weiß. Und er war ein Landesvater im Bes-ten Sinne dieses großen Wortes.

Das Land verliert mit Hans Filbinger eine prägende Persönlichkeit. Wir, die Ge-nerationen nach ihm, verlieren mit ihm einen zuverlässigen, kompetenten und aufrichtigen Mitbürger, einen väterlichen Weggefährten und Ratgeber, dessen Rat uns stets viel bedeutet hat.

Ich erinnere mich gerne, wie er auch nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik immer dabei war, wenn die Pflicht rief. Bei Parteitagen von Land und Bund, bei Vorstandssitzungen und im Präsidium, bei Versammlungen zur Wahl des Bundespräsidenten. Er hat sich nicht zurückgezogen, sondern in dem Maße, wie wir seinen Rat brauchen konnten, stand er für uns bereit.

Nicht aufdringlich, aber gewichtig. Die letzte Begegnung war Anfang des Jahres, als er körperlich gebeugt, aber geistig völlig klar und am aktuellen Geschehen interessiert in Stuttgart für ein Kaffeegespräch mit Lothar Späth und Erwin Teufel zu Gast war und damals in einem beeindruckenden Maße über unsere Tagesordnung, über die aktuellen Geschehnisse informiert gewesen ist.

Sein Freund Dr. Friedmann hat mir dieser Tage einen Brief zugeleitet, nur zwei Wochen alt, in dem Hans Filbinger seinem Freund, Dr. Friedmann, zum Ge-burtstag gratulierte mit einer klaren Handschrift, seiner markanten Unterschrift. Er war bis zuletzt ein Wegbegleiter für uns und ein pflichtbewusster und aufrich-tiger Mensch.

Wir wünschen Ihnen, liebe Frau Filbinger, Kraft, Gesundheit und Zuversicht, Ih-nen und Ihrer Familie, Ihren Kindern, Ihren Enkelkindern und Ihren Freunden. Denn seine Lebensleistung ist auch Ihre. Und sein Lebenswerk ist auch Ihres. In tiefem Respekt vor dem Menschen und seinem Lebenswerk verneigen wir uns in dieser Stunde vor Hans Filbinger, dankbar ihn gekannt und erlebt zu haben. Wir spüren und wir teilen den Schmerz seiner Familie, die er geliebt und die ihn getragen hat. Und wir spüren die Lücke, die er für unser Land und unsere Partei hinterlässt.

Bekanntlich ist nur der wirklich tot und vergessen, der aus den Herzen und der Erinnerung der Menschen verschwindet. Ich bin sicher: Hans Filbinger wird wei-terleben – in unseren Herzen, in unserer Erinnerung und mit seinem politischen Lebenswerk für uns und die nächsten Generationen.

“Die Bahre ist die Wiege des Himmels”, sagt Jean Paul. Und so ist Hans Filbin-ger heimgekehrt in die Arme seines Herrn. Wir werden dem Verstorbenen ein würdiges Andenken bewahren, möge er in Gottes Frieden ruhen.”

Written by admin

April 12, 2007 at 9:28 pm