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Zum Tod von Filbinger: Oettinger Rede

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“Missverständnis ausgeschlossen” von Frank Schirrmacher

(…) Was Oettinger nicht begriffen hat

Allen Tadel verbittet sich Oettinger mit dem Verweis auf seine „innere Haltung“. Er hat gar nicht begriffen, dass der Protest an Äußerlichkeiten Anstoß nimmt wie der Tatsache, dass er im entscheidenden Punkt der Todesurteile Wort für Wort abgelesen hat, was Filbinger ins Internet stellen ließ. Filbinger ist keine Handlung zum Verhängnis geworden, sondern seine demonstrative Uneinsichtigkeit, die äußere Haltung, die er von 1978 bis zu seinem Tod wahrte. Nach diesem Muster wird, was ein selbst in der deutschen Geschichte einzigartiges Beispiel mimetischer Nibelungentreue darstellt, im Fall Oettinger die Rede von der NS-Gegnerschaft kraft innerer Haltung zur unbezweifelbaren Unverfrorenheit durch die Verstocktheit der Selbstrechtfertigung. Das Einzige, was den wirklichen Gegnern des NS-Regimes blieb, war die Hoffnung, von der Nachwelt nicht mit den anderen verwechselt zu werden. Allein deshalb haben die Brüder Stauffenberg eine aussichtslose Tat unternommen. Zu zeigen, dass es auch anders ging – dafür sind sie über die Grenze gegangen. Oettinger hat alles getan, diese Grenze zu verwischen.

Das Ende der Causa Oettinger
Der nationalkonservative Flügel der CDU hat eine empfindliche Schlappe einstecken müssen. Angie hat unmissverständlich klargestellt: Die Bundes-CDU duldet keine Verbreitung von Unwahrheiten über ehemalige Protagonisten des 3. Reichs. Mitläufer damals bedeutet auch in 2007 Mitläufer und nicht Widerstandkämpfer oder Systemgegner. Die CDU verortet sich zumindest in ihrer Bundesgliederung in der Mitte der Gesellschaft. Schon gestern hat Oettinger in der Bildzeitung eine Stellungnahme veröffentlicht, die von den wesentlich kritiserten Punkten seiner Trauerrede abrückt:

BILD-Interview mit Ministerpräsident Oettinger über den Filbinger-Skandal
„Es tut mir leid“ von VERENA KÖTTKER
BILD: Herr Oettinger, heute hat der Zentralrat der Juden Ihren Rücktritt gefordert. Ist es jetzt nicht Zeit für eine Entschuldigung?
Günther Oettinger: Mit meiner Trauerrede wollte ich das Lebenswerk von Hans Filbinger würdigen. Aber es war nie meine Absicht, die Verfolgten und die Opfer zu verletzen. Sollte das geschehen sein, tut es mir leid. Und dafür entschuldige ich mich auch. Betroffen macht mich, wie mir unterstellt wird, ich hätte Hans Filbinger zum Widerstandskämpfer erklärt. Er war es nicht und ich habe das nie behauptet. Die Öffentlichkeit hat meine Rede anders wahrgenommen, als ich sie vor den versammelten Trauernden gemeint habe. Dies bedaure ich und würde heute eine andere Formulierung wählen.
BILD: Sie haben Filbinger als Gegner des NS-Regimes bezeichnet. Tatsächlich war er in der SA…
Oettinger: In der SA waren viele Anhänger, aber auch viele Menschen, die nicht die Kraft zum Widerstand hatten. Hans Filbinger hat sich wie Millionen anderer dem NS-Regime angepasst. Daran besteht kein Zweifel. Aber so, wie ich ihn später kennengelernt habe, war er ein zutiefst christlicher und konservativer Mensch mit einer belegbaren inneren Distanz zum NS-Regime. Ich glaube übrigens, man sollte einen Menschen nicht sein Leben lang für Fehler verurteilen, die er möglicherweise als junger Mensch in diesem grausamen System gemacht hat.
BILD: Dennoch: Das Todesurteil gegen den desertierten Soldaten Gröger hat Filbinger kurz vor Kriegsende noch selbst unterschrieben…
Oettinger: Bei dem Matrosen Gröger war er in einer besonders schwierigen Situation. Gröger war bereits im März 1944 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Filbinger war dann später nicht der Richter, sondern der Anklagevertreter. Selbst der Verteidiger von Gröger hat später bestätigt, dass Filbinger keinen Handlungsspielraum hatte.
BILD: Seit Ihrer Trauerrede sind vier Tage vergangen. Musste die Kanzlerin Sie erst zu einer Entschuldigung drängen?
Oettinger: Nein! Das Gespräch mit Frau Merkel hat mich darin bestärkt, noch einmal klar zu sagen, dass ich missverstanden wurde. Es war nie meine Absicht, die Gräuel des Nationalsozialismus zu relativieren. Dass dies in der Öffentlichkeit so interpretiert wurde, bedaure ich sehr.
BILD: Hat Sie die Rüge der Kanzlerin überrascht?
Oettinger: Ich habe das akzeptiert.
BILD: SPD-Chef Kurt Beck wirft Ihnen vor, mit Ihren Äußerungen bewusst am rechten Rand zu fischen…
Oettinger: Das war und ist nicht meine Absicht. Wer mich kennt, weiß, dass ich aufgrund meiner politischen Grundhaltung und meiner Werte vom rechten Rand weit entfernt bin.
BILD: Fühlen Sie sich als Opfer einer Hetzkampagne?
Oettinger: Nein, aber mich enttäuscht, wie hier manches verkürzt wird und eine differenzierte Betrachtung kaum noch möglich ist.

Der Fall Oettinger ist mit der Präsidumssitzung der CDU vom 16.04.2007 in Berlin beendet. Der Preis für Oettinger: Kein Papstbesuch zum runden Jahrestag bei Benedictus XVI. in Rom und die Schmach, von einer Frau aus der Ostzone abgekanzelt worden zu sein. Ob es das wohl wert war?

————————————

Mittlerweile werden Rücktrittsforderungen an Oettinger laut, Angie hat als Politikerin der Mitte auch ihren Unmut über die Oettinger Darstellung des 3. Reichs öffentlich gemacht. Aber Oettinger ist ein Widerborst, er will nichts zurücknehmen. Sollte er stur bleiben, ist er (zumindest bundes-) politisch genauso erledigt wie sein grosses Vorbild, der Marinerichter.

Rolf Hochhut hat die Todesurteile des Marinerichters Filbinger 1978 in die Öffentlichkeit gebracht, die FAZ fasst das Geschehen 2007 so zusammen:

(…) Harscher Protest von Hochhuth

Der Schriftsteller Rolf Hochhuth kritisierte die Rede von Oettinger besonders scharf. Wenn Oettinger sage, Filbinger habe als Marinerichter in der NS-Zeit kein Urteil gesprochen, durch das ein Mensch sein Leben verloren habe, sei das „eine unverfrorene Erfindung“, sagte Hochhuth der Deutschen Presse-Agentur. „Ich kann das nicht glauben.“

Die Tragödie des Matrosen Walter Gröger etwa sei bewiesen und als Buch erschienen, sagte Hochhuth. Diesen habe „Filbinger persönlich noch in britischer Kriegsgefangenschaft ermordet“. Der Schriftsteller hatte Anfang 1978 Filbingers Tätigkeit als Marinerichter öffentlich gemacht.

Hochhuth erklärte, die Briten hätten in ihren Gefangenenlagern den Nazi-Offizieren die Gerichtsbarkeit über ihre Mit-Gefangenen weiter belassen. Deshalb habe Filbinger noch darauf bestehen können, dass das Urteil gegen den Mitgefangenen Gröger wegen Fahnenflucht vollstreckt werden konnte. „Wozu nichts Filbinger genötigt hat als die Tatsache, dass er ein sadistischer Nazi war“, sagte Hochhuth. Er sagte weiter, er habe die Akte des Matrosen Gröger im Bundesarchiv in Koblenz gefunden.

Filbinger hatte 1978 einen Prozeß gegen Hochhuth vor dem Stuttgarter Landgericht angestrengt. Hochhuth durfte danach aber weiter behaupten, Filbinger sei als „Hitlers Marinerichter“ ein „furchtbarer Jurist“ gewesen und habe „sogar noch in britischer Gefangenschaft nach Hitlers Tod einen deutschen Soldaten mit Nazi-Gesetzen verfolgt“.(…)

 

Oettinger_Filbinger

Ministerpräsident Oettinger hielt nicht nur eine Trauerrede (Volltext) auf Filbinger, sie war auch eine geschichtsvergessene Abrechnung mit den Kritikern und Gegnern Filbingers – unter denen sicherlich auch Schufte anzutreffen waren. Ob Filbinger Mittäter, Mitläufer oder Verführter des NS-Systems war, interessiert Oettinger nicht im geringsten. Der Historiker Hans Mommsen charakterisiert Filbinger z.B. als den überzeugten Mitläufer . In seiner schlichten Art erkärt Oettinger seinen politischen Ziehvater sogar zum Widerstandkämpfer gegen die Nazis und leugnet eines seiner vollstreckten Todesurteile (von drei Ausgesprochenen) gegen besseres Wissen. Was patriotischer Widerstand im 3. Reich eigentlich bedeutete, kann man am Schicksal von Fritz Kolbe praktisch studieren.

Im günstigsten Fall will hier ein konservativer Politiker eine Ehrenrettung für Filbinger probieren. Mit Lügen diesem recht freien, subjektivem Umgang mit politischer Verantwortung und Wahrheit- mit dem Filbinger offensichtlich bis zu dem Skandal in 1978 gut durchs Leben gegangen ist – funktioniert das aber nicht. Hier ist ein in konservativen Kreisen weit verbreiteter Mechanismus der psychischen Vergangenheitsbewältigung des NS (“Schubumkehr der Wahrheit”) am Werk, der selbst von der SPD als politisch untragbar eingeschätzt wird – die hat ihre Teilnahme an der Trauerfeier deshalb auch abgesagt – ganz im Gegensatz zu einigen Lokalgrössen der GRÜNEN, die ihren Terminkalender für Trauerfeierbesuche ganz unter dem Banner von “Jamaica” oder schlicht “Schwarz-Grün”, politisch-taktisch füllen.

Wenn Privatpersonen mit ihren persönlichen Lebenslügen durch die Welt gehen, ist das schon schlimm genug – die Zeche dafür zahlen in der Regel die direkten Nachkommen, wenn sie die Lüge nicht fortpflanzen wollen. Nicht nur Psychotherapeuten können ein langes Lied davon singen – die 68iger Revolte war nämlich nur ein kritisch-historischer ( bekanntermassen meist totalitaristischer) Umgang von Vielen mit der Schuld der Eltern. In der Politik (der Mitte) sind solche Selbstinszenierungen und Beweihräucherungen in 2007 allerdings immer noch untragbar. Und das ist auch gut so.

“Über Tote soll man nicht schlecht reden”, aber manchmal wird der Abgang vom Planeten einfach schlecht vorbereitet, in Filbingers Fall wird völlig zu Unrecht so herum-ge-opfert. Der hingerichtete Marinesoldat war ein Opfer, Filbinger wollte sich selbst dahin stilisieren und Oettinger, der seine Karriere in einer schlagenden Studentenverbindung der “Landsmannschaft Ulmia Tübingen” begann, ist sein willfähriger Bauchredner: Fehlversuch! ohne Widerholungsmöglichkeit.

Filbinger mag ein lieber Ehemann, Grossvater und Förderer gewesen sein, aber das spielt bei der politischen Bewertung des Falls eine untergeordnete Rolle.

references:

Oettingers Stationen von Sendungsbewusstsein
Was Unrecht war, wird Unrecht bleiben von Ralph Giordano
Der Fall Gröger – ein Justizmord von Ingo Way via FdoG
Anpassung – Der wahre Antifaschismus von Daniel Fallenstein via FdoG
Ausdünstungen: CDU-Forum zu Oettinger
Feiner Unterschied II von Volker Radke
Untersagt: Filbinger-Gedenk-Gottesdienst von anaximander
Jetzt kommt es heraus: Zettel erläutert die linke Meinungsdominanz
Zettel kann Hochhut nicht folgen: Filbinger, Hochhuth und die Verurteilung des Matrosen Gröger
“Mütze, Band und Bier” von cliff cosmos
Feiner Unterschied von Volker Radke
Zur Oettinger Filbinger-Rede von anaximander
Geschichtsfälschung von anaximander
Beate Klarsfeld: “Wenn jemand stirbt, sind seine Verbrechen nicht ausgelöscht“
Fall Oettinger von Sendungsbewusstsein
Schelte für Oettingers Filbinger-Rede
von anaximander
Zettels Raum:
Die Scharia, Günther Oettinger und der Hut des Landvogts Geßler”

Written by admin

April 13, 2007 at 7:22 am

7 Responses

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  1. Verehrter Herr Thomas Kurbjuhn,
    bitte verschonen sie mein Blog mit ihren Elogen auf die NPD.

    philolog

    April 14, 2007 at 11:31 am

  2. Die Tragödie des Matrosen Walter Gröger etwa sei bewiesen und als Buch erschienen, sagte Hochhuth. Diesen habe „Filbinger persönlich noch in britischer Kriegsgefangenschaft ermordet“.

    Allein schon dieser inhaltliche Quatsch, den Hochhuth da verbreitet und den du hier zitierst, sollte doch Zweifel an des Herrn Dramatikers Eignung für historische Urteile wecken.
    Tipp: Einfach mal nachlesen, wann Gröger hingerichtet wurde und welches Urteil Filbinger in Kriegsgefangenschaft fällte.

    Boche

    April 16, 2007 at 10:00 am

  3. Schrieb ich “Quatsch”? Ist wohl doch eher Lüge zu nennen.
    Eine Lüge, die vom deutschen “Qualitätsjournalismus” à la SZ oder Tagesschau auch noch verbreitet wird.

    Solche Geschichten machen mir Filbinger nicht sympathischer, seine Verbitterung über die gegen ihn geführte Kampagnen aber verständlicher.

    Boche

    April 16, 2007 at 10:56 am

  4. Lieber Boche,
    lass uns nicht über die Glaubwürdigkeiten der Lostreter der Kampagne ereifern. Lieschen Müller aus Hintertupfingen wäre als Mahnerin auch nicht von der Medienmeute für voll genommen worden. Und diesem Herrn von der Sudetendeutschen Landsmannschaft bringe ich auch nicht viel mehr Vertrauen entgegen als dem Eiferer Hochhut.

    Filbinger hätte sicherlich eine private Beerdigung verdient. Auf den meisten Beerdigungen, die ich miterlebt habe,wurde auch über die Verblichenen gelogen , dass sich die Balken bogen. Im politischen Raum halte ich das aber eher für die Ernsthaftigkeit der Debatte abträglich.

    Aber eins ist sicher wie das Amen in der Kirche: Die Erinnerungskultur über das 3. Reich wird auch zukünftig ein Zankapfel bleiben,aber Mitläufer bleibt Mitläufer. Selbst wenn die bekackte StaSi eine Kampagne in den bekackten 70igern initiiert hat, wird aus ihrem Opfer kein Opfer der demokratischen Erinnerungskultur,in die ich Mitläufer des NS-Regimes nicht einschliessen möchte. Hier ist Oettinger zurückgerudert, und das ist auch gut so.
    Einen guten Start in die Woche wünscht
    Zuppi

    philolog

    April 16, 2007 at 4:51 pm

  5. Nice blog!

    Livette

    April 17, 2007 at 12:35 am

  6. Danke, ebenso.

    Boche

    April 17, 2007 at 8:22 am

  7. […] bis konservative Standpunkte in menschenwürdiger Streitbarkeit. In meiner Zusammenstellung Zum Tod von Filbinger: Oettinger Rede sind die mir wesentlichen Positionen chronologisch abgelegt, im Fussnotenteil habe ich unter […]


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