Raumzeit

et Philolog

Debatte: Oettinger Rede

with one comment

Prolog:
Zum besseren Verständnis seien
der Leserin die Debatten über den Fall Oettinger/Filbinger auf “Zettels Raum” als hilfreich ans Herz gelegt – dort trafen sich in dieser Causa liberale bis konservative Standpunkte in menschenwürdiger Streitbarkeit. In meiner Zusammenstellung “Zum Tod von Filbinger: Oettinger Rede” sind die mir wesentlichen Positionen chronologisch abgelegt, im Fussnotenteil habe ich unter “references” die mir wichtigen Quellen ebenfalls in chronologische Folge abgelegt. Ich halte diese “Kritikbewegung” nicht für ein letztes Aufgebot der 68iger, sondern vielmehr geht es um die Positionierung der gesellschaftlichen Mitte zu Protagonisten des 3. Reichs – insbesondere die politische Einordnung und Würdigung von (oft bruchlosen) Karrieren im Staatsapparat der BRD werden für die Erinnerungskultur bedeutsam bleiben, hier sind der nationalkonservativen Strömung im neuen Jahrtausend die bundespolitischen Grenzen der politischen Mitte deutlich gemacht worden. Ob sich Filbinger diese Form der politischen Leichenfledderei an seinem Sarg wohl gewünscht hat ?

oettinger filbi kondolenz 2007 Es war eben keine wahre Wonne, die Debatte über die Trauerrede zu Filbingers Beerdigung intensiver zu betreuen. Während die Medien den Tabubruch Oettingers einhellig missbilligten, kursierten in der Blogkugelzone unterschiedlichste Szenarien. Das nationalkonservative Spektrum versuchte nicht ohne Akribie eine Hexenjagd auf Filbinger und Oettinger nachzuweisen – ein offensichtlicher Versuch, Oettinger zur Seite zu gehen, um den NS-Mitläufer Filbinger doch noch posthum rehabilitieren zu können. Die Angelegenheit war und ist äusserst heikel. Der unternommene Versuch, die Causa Filbinger mit quasi juristischer Logik aufzulösen,ist völlig unnötig, denn darum geht es politisch überhaupt nicht. Filbinger ist nicht juristisch belangt worden, er hatte einen guten Job im Ländle,aber er wollte eben noch mehr: Die Anerkennung seiner politischen Biographie – das 3. Reich inclusive. Die Meisterleistung sollte darin bestehen, ein NSDAP-Mitglied seit 1937 als normalen, demokratischen Werdegang akzeptierbar erscheinen zu lassen. Er ist ein Paradebeispiel der Integrationspolitik aus der Ära Adenauer: Funktionäre, die im 3. Reich “gute Arbeit” geleistet haben,wurden in den Staatsdienst der neu aufzubauenden BRD übernommen. Das hat einige Übernommene zu einem gewissen Übermut inspiriert und Geschichtsklitterungen der NS-Zeit waren nur ein Ergebnis dieser pragmatischen Offenherzigkeit Adenauers nach rechts aussen. Dieses Verfahren war und ist in der BRD immer strittig debattiert worden und war keine Erfindung der MfS-Schergen.

Das nationalkonservative Lager hat seinen NS-Entschuldungsdiskurs immer mit dem Verweis auf die preussischen Tugenden Pflichterfüllung, Treue zum Staat und Gehorsamsverdikt geführt – so haben die Verschwörer des 20. Juni übrigens auch ihr Mitmachen bei den Nazis bis 1944 begründet, diese luftigen Tugenden wurden also nie in Frage gestellt und nur der Misserfolg des NS-Regimes weichte das Festhalten daran auch nur zeitweise auf. Der Effekt war: Es gab eigentlich keine Schuldigen,die für den staatlichen Erfolg des NS-Vernichtungswerks verantwortlich gemacht werden konnten – es blieben nur die Hauptakteure übrig, die sich meist durch Suizid oder Flucht jeder Verantwortung entzogen hatten und die Verurteilten von Nürnberg waren für viele interne, konservative Streitdebatten für wertvoll erachtet worden.

Wenn heute ein Dissident der ehemaligen DDR vor einem ehemaligen StaSi-Offizier in der Gauck-Behörde sitzt, um seine MfS-Akte einzusehen,ist die praktische Perversion der Adenauer Übernahmepraxis vielleicht für heutige Generationen ansatzweise nach zu empfinden. Täter und Ausführer des NS-Willens konnten sich auch nach 1945 in ihren Funktionen an ihren Feinden und Gegnern aus dem 3. Reich nach Herzenslust austoben. Die Personalpolitik in der freien Wirtschaft war übrigens noch entsetzlicher.

Eine äusserst zweifelhafte politische Gegenbewegung waren die 68iger mit dem Slogan “unter den Talaren Muff von 1000 Jahren”. Zweifelhaft deshalb, weil viele Protagonisten dieser 68iger in ähnlich totalitärer Gesinnung wie ihre Väter die Menschheit beglücken mussten, das damalige Kooperationsmodell kann mit “der Feind meines Feindes ist mein Freund” umschrieben werden – wenn Papi ein Nazi war,bin ich halt Kommunist. Heraus kam eine ethische Grosszügigkeit, die offensichtlichen Fehlstellungen der Politik des realen Sozialismus und Mao Tse Tungs nicht sehen zu wollen und diese mit geflissentlicher Ignoranz klein zu reden oder als Übergangsstadium hin zu einem besseren Prozess zu interpretieren. Die daraus gespeiste Haltung weiter Teile der westdeutschen Linken zur DDR-Opposition ist ein trauriger Ausweis dieser Vorstellungen und es hat mich nicht im geringsten gewundert,das nach der Wende viele progressive Kräfte lieber in der CDU oder FDP unterkamen.

Der Provokationsversuch Oettingers endete in einem Opferdiskurs,nicht nur für die gesellschaftliche Mitte ist die Rücksichtnahme auf die Opfer des NS eine heilige Pflichtübung – die Juden werden exponiert, sie müssen die Opferrolle ausfüllen.Die Erinnerungskultur lässt komischerweise ausschliesslich Tote zu. Wenn von Leuten wie Martin Walser dieser verbliebene Minimalkonsens marodierend als leidige Auschwitzkeule apostrophiert wurde und er damit vielen Deutschen aus der Seele spricht, finde ich diese Metapher schlicht ekelhaft. Wenn die Vergangenheitsbewältigung des NS als museale Opferbetreuung verstanden wird, wenn ehemalige NS-Mitläufer krampfhaft über Jahrzehnte den Anspruch aufrecht erhalten können, rehabilitiert zu werden, dann ist Achtsamkeit gefordert. Lizas Welt fasst seine absolut gegen den Strich der aktuellen Diskussion gebürstete Einschätzung der Filbinger/Oettinger-Debatte wie folgt zusammen:

Vielleicht kann man dann eines Tages auch mal ohne Widerspruch behaupten, dass Filbinger eigentlich ein zweiter Dreyfus war. So sah er sich nämlich selbst, den „bedeutenden jüdischen Rechtsgelehrten Professor Dr. Ernst Hirsch“ zitierend, der ihn, Emile Zolas „J’accuse“ missbrauchend, zum Verfolgten machte. Denn Opa war schließlich kein Nazi, sondern nur: ein ganz normales deutsches Opfer. Wie so viele im Nationalsozialismus.

Dieser Aspekt ist in der Diskussion der letzten Wochen viel zu kurz gekommen. Es lohnt sich, auch darüber weiter nachzudenken.

references:
“Studienzentrum Weikersheim” und Wir können alles – außer Geschichte  von denkblogade
Oettinger legt nach … “Maultaschen Cartoon” von FAZ
The Nobel Prize for Dr. Mengele! by mavericknewsnetwork
Geschichtswissenschaft, Zeitgeschichte, der Fall Filbinger: Ein paar nachdenkliche Nach-Gedanken von Zettel
Falsche Baustelle oder “the Never Ending Story” via FdoG
Eine deutsche Affäre von Lizas Welt
War Nazi-Hitler Widerstandskämpfer im 3. Reich? von meerschweinchenreport (satire)
Oettinger, Filbinger, die RAF, die Achtundsechziger: (1) Eine Trauerrede,
(2) Eine Hexenjagd von Zettel

Written by admin

April 17, 2007 at 8:08 pm

One Response

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  1. […] Debatte um die Oettinger-Rede reißen nicht […]


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