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Wann ist ein Schwarzer schwarz?
Die Debatte um eine schwarze Identität in den USA

3sat kulturzeit vom 23.04.2007

US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama © AP

Im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten muss Barack Obama nicht nur Hillary Clinton überwinden und die weiße Wählerschaft von einem schwarzen Kandidaten überzeugen, sondern er muss auch von der schwarzen Community als echter Schwarzer akzeptiert werden.

Viele von ihnen lehnen Obama bisher ab, weil er keine schwarzen Vorfahren in den USA hat. Wann sind Schwarze wirklich schwarz? Eine grundsätzliche Identitätsdebatte ist neu entbrannt. Kaum hatte Barack Obama seine Präsidentschaftkandidatur erklärt, beherrschte er alle Kanäle. Und in der gefeierten Show “The Colbert Report” sorgte die Autorin des Bestsellers “The End of Blackness” für eine kleine Sensation – mit ihrer Antwort auf die Frage: Ist Obama schwarz? Mit ihrem “Nein” vertritt Debra Dickerson, die sich aus ärmsten Verhältnissen über Militär und Abendschule nach oben gearbeitet hat eine Fraktion, die um die Reinheit der schwarzen Rasse kämpft. Für sie besteht Obama nicht den Farbentest.

Debra Dickerson

“Er hat zweifellos eine Mission und ist zu Großem berufen”, meint Debra Dickerson. “Aber um sein Ziel zu erreichen, braucht er den Segen der Schwarzen. Deshalb schiebt er die Familie seiner weißen Mutter, die ihn aufgezogen hat, in den Hintergrund und sagt ‘schwarz, schwarz’ und ‘Bürgerrechte’. Zugegeben: Er hat unermüdlich in der Bewegung gearbeitet, in gewisser Weise liebe ich ihn, aber: Er ist ein Cousin, kein Bruder.”

Painter sieht die Gefahr eines “schwarzen Rassismus”

Die Historikerin Nell Painter (book review amazon.com) gehört zu denen, die diese Auffassung nicht teilen. Die Autorin einer “Geschichte der schwarzen Amerikaner” gibt sich bei der Definition von “Schwarz” weit weniger exklusiv. Sie hält das für Unsinn. Eine solche Auffassung birgt für Painter die Gefahr eines “schwarzen Rassismus”: “Amerikas Schwarze waren immer sehr heterogen”, sagt Nell Painter, Präsidentin der Oranisation of American Historians. “Es gab immer einige, die eine gute Ausbildung hatten. Es gab immer schwarze Amerikaner, die einen weißen Elternteil hatten, oder einen Elternteil, der eingewandert war. Die Kritikpunkte drehen sich immer darum, ob man weiße oder eingewanderte Eltern hat. Doch wenn man uns Schwarzen hier betrachtet: Wir haben alle möglichen Farben und alle vorstellbaren Vorfahren.”

Historisch genügte ein Tropfen Blut von afrikanischen Vorfahren, jemanden als schwarz zu definieren – nach weißem Gesetz. Heute sind es Schwarze, die nur die Nachkommen US-amerikanischer Sklaven als schwarz akzeptieren, doch keine Immigranten. “Sie sehen manche Dinge einfach anders, denn sie wurden hier nicht unterdrückt”, sagt Dickerson. “Die Leute, die aus Afrika oder aus der Karibik hierher eingewandert sind, waren nie eine Minderheit. Und das macht den Unterschied: Wir, die wir hier geboren sind, sehen uns immer durch die Augen der Weißen. In der Karibik waren Schwarze an der Macht. Sie haben einfach nicht denselben Drang, sich ständig selbst anzuzweifeln”

Die “Black community” diskutiert heftig ihr Selbstverständnis

Wie wichtig ist eine kollektive Identität? Wie stark bremst eine Opfer-Mentalität? Über solche Fragen wird in der “Black Community” heftig debattiert. Gerade vor dem Hintergrund, dass schwarze Immigranten oft erfolgreicher sind: “Wenn man sich die Unis in den USA anschaut: 50 Prozent aller Schwarzen, die hier studieren, gerade an den Prestige-Universitäten, sind die Kinder von Einwanderern”, beobachtet Dickerson. “Mir kann keiner erzählen, dass sie, wenn sie in 20 Jahren an die Macht kommen, dieselben Interessen vertreten wie ich, die von Sklaven abstammt. Die werden nicht über dasselbe reden. “ Dazu gehört die Erfahrung der Bürgerrechts-Bewegung. Sie brachte den Schwarzen in den USA die Gleichberechtigung vor dem Gesetz, setzte der Zeit der schlimmsten Auswüchse der Segregation ein Ende. Black war “beautiful”, jeder, der sich “schwarz” nannte, wurde akzeptiert. Die Bewegung war kosmopolitisch. Zu den Träumen von Martin Luther King gehörte auch die Verbrüderung mit dem Indien Mahatma Gandhis, und auch der radikale Schwarzen-Führer Malcolm X dachte global.

Die eigene Kultur steht im Mittelpunkt

Nell Painter

“Kurz vor seinem Tod betrachtete Malcolm X die US-Schwarzen als Teil der Unterdrückten dieser Welt”, sagt Nell Painter. “Ich habe ihn 1965 in Ghana getroffen. Er besuchte Westafrika, weil der Pan-Afrikanismus ein Teil seiner Zukunftspläne war.” Heute interessieren sich Amerikas Schwarze schon lange nicht mehr für den Panafrikanismus. Weit stärker in der Diskussion steht die eigene Kultur – ein wichtiger Eckpfeiler schwarzer Identität. Viele Schwarze sind zu Recht stolz auf ihre Kultur. Doch sind sie, wie manche argumentieren, deren “Eigentümer”? Die einzigen, die von ihr profitieren und sie interpretieren dürfen?

“Wir Amerikaner halten uns ja generell gerne für einzigartig”, meint Dickerson. “Da sollten wir aufpassen. Vielleicht haben wir Schwarze ja wirklich Jazz und Basketball erfunden. Doch was ist dann mit Rapvideos und der hohen Rate von Alleinerziehenden? Jeder sollte vorsichtig sein mit einem kulturellen Alleinanspruch.” Nichts projizierte zuletzt mehr schwarze Authentizität als Hip-Hop. Doch es ist eine männerorientierte Projektion um Sex und Gewalt. Vermutlich liegt der Grund des schwarzen Chauvinismus darin, dass das schwarze Selbstverständnis noch nie so zersplittert war wie heute.

“Es gibt heute mehr einflussreiche Schwarze, auch wenn ein wichtiger Teil der schwarzen Identität die Machtlosigkeit ist”, meint Nell Painter. “Es gibt mehr reiche Schwarze, auch wenn Armut immer unsere Identität bestimmt hat. Es gibt nun herausragende schwarze Frauen, auch wenn ein großer Teil der schwarzen Identität männerorientiert ist. Heute finden wir überall in den USA erfolgreiche Schwarze, nicht nur gelegentliche Vorzeige-Schwarze. Was traurig ist: Zur Zeit der Segregation wurde das, was ‘schwarz’ ausmacht, juristisch von Weißen für uns definiert. Heute machen das ein paar Idioten von uns selbst.”

Debra J. Dickerson: “The End of Blackness: Returning the Souls of Black Folk to Their Rightful Owners”, Anchor Books 2005, ISBN-13: 978-0375713194

Nell Irvin Painter: “Creating Black Americans: African-American History and Its Meanings, 1619 to the Present”, Oxford University Press Inc 2006 , ISBN-13: 978-0195137569

references:
blackness
and whiteness-studies via wiki.en
Identität via wiki.de
Annual Student Conferences at Humboldt 2001-2007 & Transatlantic Students Symposia 2003-2007 : Amerikastudien an der HU-Berlin
joseph vogl denkt über identität nach videostream via augenzuppler
Neues vom Cultural-Studies-Theoretiker Stuart Hall via augenzuppler

   

Medienliebling Obama: Ein US-Senator afro-amerikanischer Herkunft auf dem Weg ins Weiße Haus
Identitätssuche auf afro-amerikanisch: W. E. B. Du Bois’ “Die Seelen der Schwarzen”
Idol des schwarzen Amerika: Vor 80 Jahren wurde Malcolm X geboren, vor 40 Jahren ermordet
Ende eines Traums: Das Komplott gegen Martin Luther King
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Die Zuhälterlegende Iceberg Slim: Nach 36 Jahren erscheint seine Biografie”Pimp” auf deutsch
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Written by admin

April 24, 2007 at 8:48 pm

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