Raumzeit

et Philolog

Scheitern

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Aus der Belletristik des 20. Jahrhunderts möchte ich vorab zwei Titel zur Illustrierung von Scheitern empfehlen:

1. Wie ein Stein im Geröll. Der Roman von Maria Barbal erzält die Geschichte einer Frau aus den Pyrenäen, deren Leben mit der aufkommenden Franco-Diktatur eine Wendung erfährt.

2. Easter Parade. Der Roman von Richard Yates , erstmals in 1976 veröffentlicht, erzählt die Geschichten von drei Frauen aus den 30igern bis in die 70iger Jahre. Die Mutter und ihre beiden Töchter suchen ihr Leben und enden mit leergelaufenem Akku vor ihrer eigentlichen Zeit.

Der Reiz des Erfolgs motiviert uns von Kind an.
Kind mit Bauklötzen.sonntags – tv fürs Leben
ZDF vom 13.05.2007
Scheitern, aber richtig! Über die Kehrseite des Erfolgs
Wir sprechen gerne über unsere Erfolge – und schweigen über unsere Niederlagen. Dabei ist es ein Thema, das uns alle angeht. Jeder scheitert einmal in seinem Leben. Und doch ist es ein Tabu in unserer Erfolgsgesellschaft – in einer Zeit, in der es scheint, als könne man alles erreichen. Man hat größte Ansprüche und höchste Erwartungen, und damit stehen die Chancen zu scheitern, so hoch wie nie zuvor. Früher war der Lebenslauf mit klaren Vorstellungen verbunden: Schule, Ausbildung, Heirat, Kinder und Familie, Arbeit bis zum Rentenalter und danach den verdienten Lebensabend genießen. Während früher der Lebenslauf zirkulär war, steht heute der Fortschrittsgedanke im Mittelpunkt. Wir streben nach Perfektion, unser Leben soll einem Guinnessbuch der Rekorde gleichen: der beste Job, den Traumpartner, Reichtum – im Idealfall geht es immer bergauf – Selbstverwirklichung in allen Lebensbereichen, das große Ziel ist der Erfolg. Dass diese modernen Lebensentwürfe anfällig sind für Enttäuschungen zeigen Wörter wie “Jobnomaden” oder “Patchworkfamilien”. Wir wechseln unseren Job, wenn nötig auch unsere Familie. Eine klare Orientierung gibt es nicht mehr.

Straßenmusikant.

Wer keinen Platz in der Leistungsgesellschaft findet, gilt als gescheitert.

Religiöse Dimensionen

In den spirituellen Traditionen hat das Scheitern einen Stellenwert, der nicht negativ besetzt ist. Im Gegenteil: Es ist da, weil wir Menschen sind. Und es kann als Möglichkeit gesehen werden, das tatsächlich Eigene und Authentische herauszufinden – jenseits der Götzen pseudoreligiöser Erfolgsprophezeiungen. Die Art und Weise, wie mit Verlierern umgegangen wird, verrät, dass wir Scheitern heute immer mit Schuld verknüpfen: Wir verwenden die Sprache eines strafenden und höhnischen Gottes, der diejenigen maßregelt, die sich durch ihr Scheitern an der Gewinnerreligion versündigt haben.

Buchtip

Keine Sorge, wird schon schiefgehen
von Christiane Zschirnt, Gebunden – 320 S., Goldmann (2005), EUR 18,00

Wird schon schiefgehen

Die Berliner Publizistin Christiane Zschirnt beschreibt in ihrem Buch “Keine Sorge, wird schon schief gehen” diesen Zusammenhang aus Schuld, Sühne und Bestrafung. “Wenn jemand gescheitert ist, dann denken wir eigentlich immer automatisch, er oder sie ist selbst schuld, was hat der falsch gemacht. Dann kommt diese Überlegung mit rein, wie können wir den bestrafen und wie kann er sich bewähren.” Als Beispiel führt sie die gesamte Hartz IV-Gesetzgebung an, im Grunde genommen eine Bestrafung der Gescheiterten, die sich bewähren müssen. Da muss der Bankrott gegangene Elektrotechniker Stöcke im Park aufsammeln oder die promovierte Kunsthistorikerin für einen Euro jobben. Dahinter steht immer ein moralisches Motiv: Der Gescheiterte hat sich schuldig gemacht und muss sich nun bewähren. Dieses Sich-Bewähren-Müssen nährt einen ganzen Buchmarkt: Ratgeber fürs Erfolgreichsein sind Renner. Und Niederlagen werden hier immer nur als Chance für einen neuen Aufstieg gesehen. Erst wenn man wieder auf der Überholspur zum Erfolg ist, ist die Niederlage akzeptiert: Scheitern als Chance.

Ratgeberbücher versprechen, dass Erfolg für jeden erreichbar ist.

Scheitern liegt im Trend

Dabei ist es eine Binsenweisheit: Zum Leben gehören auch die Niederlagen. Man kann nicht nur gewinnen. Es kann nicht nur Sieger geben, es gibt immer auch die Verlierer. Mehr noch: Scheitern liegt im Trend, – auch wenn es in Deutschland gerade wieder bergauf geht, es ist ein Gesellschaftsphänomen. Und passt zum Lebensgefühl vieler Zeitgenossen. Drei Berliner haben es auf die Bühne gebracht. In der “Show des Scheiterns” treten Menschen auf, die auf komische, tragische oder auch lustige Weise gescheitert sind. Im Mittelpunkt steht die Frage: Warum hat etwas mit Leidenschaft begonnen und ist dann gescheitert? Die Macher selbst haben als Medienschaffende den Absturz erlebt, als die Blase des Booms der neuen Medien vor ein paar Jahren zerplatzte. Mit ihrer Show enttabuisieren sie das Scheitern: “Darüber lachen hat einen kathartischen Effekt. In unseren Shows wird sehr viel gelacht. Aber die Leute werden nicht ausgelacht. Es wird mit ihnen gelacht, weil jeder die Erfahrung des Scheiterns schon gemacht hat. Und man freut sich einfach darüber”, erklärt Sebastian Orlac, einer der Macher. Von Isabel Löchte

references:
Jubiläumsgedanken
zu Romy Schneiders 25. Todestag

Written by admin

May 13, 2007 at 9:34 am

2 Responses

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  1. Ein gesellschaftlicher Status muss nicht unbedingt der momentanen Situation entsprechen. Um einen Brand zu löschen ist ein altgedienter Feuerwehrmann sicherlich besser geeignet als ein Chirurg. Wenn aber der Feuerwehrmann aufgrund seiner Wichtigkeit im Brandfalle glaubt, generell die Vorfahrt zu haben, ist sein Statusdenken sicherlich deplatziert. Solche alltäglichen Starrheiten führen zu Missverständnissen und Rangeleien. Sie fördern durch ihren Irrtum Neid und Aggressionen.

    Wer seinen Besitz demonstriert und darum erbittert kämpft, gilt in unserer Gesellschaft als erfolgreich. Kampf und Ringen, um den eigenen Vorteil und das damit zusammenhängende Einkommen finden als Leistung allgemeine Anerkennung. Erfolg zu haben, bedeutet angesehen zu sein. Deshalb sind Neid und aggressive Durchsetzung auch die Folge der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einer Leistungsgesellschaft. Es geht heute nicht mehr darum, die eigene Existenz zu sichern, sondern den eigenen Status zu erhalten oder zu verbessern. Den Mitteln, diese Ziele zu erreichen sind weniger Grenzen gesetzt denn je. Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft kommen im Zusammenleben sicher vor, sind aber unrealistische Vorstellungen von der Basis unserer Beziehungen. Sie werden relevant, nachdem die eigenen Bedürfnisse erfüllt sind. Diese gegenseitige Achtlosigkeit verwechseln wir mit Freiheit und übersehen dabei, dass wir über unser Statusdenken eine enorme gegenseitige Kontrolle ausüben. Zu glauben, wenn sich keiner um den anderen schert, lässt es sich frei beweglich leben, ist ein Irrtum. Tatsächlich funktioniert die gegenseitige Aufmerksamkeit da, wo sie besonders hinderlich ist: Wo der Einzelne sich etwas erlaubt, was keinem anderen schadet, aber ungeheuren Neid erzeugt. Zitat aus: Bistdufrei.de – Bedienungsanleitung für die persönliche (R)Evolution

    Herzliche Grüße Martin Fickinger

    http://www.bistdufrei.de

    Martin Fickinger

    May 18, 2007 at 12:38 pm

  2. Lieber Martin,
    ich lese seit ein paar Tagen immer wieder in deinem Kommentar und ich verstehe nicht, worauf Du damit genau hinaus willst. Ist Scheitern für dich nur eine soziale Konstruktion, der man mit Psychoenergie/-technik entkommen kann ?

    philolog

    May 20, 2007 at 8:56 pm


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