Raumzeit

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Archive for July 28th, 2007

Doku: Hans-Joachim Klein

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Hajo Klein Mountains Ein deutscher Terrorist.Die Geschichte des Hans-Joachim Klein. Tip von Zettel.

Problemlage: Klein ist über die Kronzeugenregelung glimpflich davon gekommen, er hat sich in Frankreich als Bauer niedergelassen. In der Doku geht er an die Frankfurter (und Pariser) Plätze seiner aktiven politischen Vergangenheit zurück, Namedropping, krude Kriterien der legetimen Gewaltausübung und biografische Marken werden zusammen getragen. Interessant ist vor Allem die Ausstiegsmotivation: Ich bin doch kein Killer, der Auftragsmorde begeht. Den Rest hat Zettel in seinen Überlegungen über die Zelle bereits zusammen getragen – Ergaenzungen zu Klein finden sich auch im Forumsthreat. Es bleibt für mich immer noch die Beatwortung der Frage offen, ob der Terror von RAF und 2. Juni wirklich nur als kriminelle Handlung zu fassen ist, oder ob die soziale + politische Motivik der noch zur Verfügung stehenden Protagonisten ein vollständigeres Bild als die spärlichen Fragmente der Alphatiere Baader+ Meinhof erlauben – auf diese Fragestellung habe ich immer noch das Drehschwindel erzeugende Gekeife “Mythologie, alles linke Mythologie” von Bettina R. im Ohr.

Klein führt das Beispiel zur Gründung der Putztruppen in Frankfurt an – ich paraphrasiere aus meiner trüben Erinnerung, ich habe die Doku vor rund 18 Monaten gesehen: Die Bullen schossen über das gewohnte Mass mit ihrer Gewaltausübung gegen die Bewegung sehr hinaus, da haben wir etwas entgegen setzen müssen, sonst werden die zu frech – ein Gleichgewicht der Mittel sollte damit im Ansatz wieder hergestellt werden. Oder die Beschreibung der Ausstiegsmotivation nach dem OPEC-Attentat in Wien: Dass Linke jüdische Flugzeugpassagiere auf Befehl von der PLO oder Ghadaffi abknallen (Entebbe) geht für Klein überhaupt nicht klar. Grundsätzlich besteht natürlich bei Selbstinszenierungen immer die Gefahr der nachträglichen Glättung, die solche Leute wie Mohnhaupt oder Klar aber überhaupt nicht nötig zu haben scheinen. Klein wirkt über weite Strecken glaubwürdig in seinen Distanzierungen von den Mordbrennern der 70iger Jahre. Aber wer möchte sich schon im Nachhinein eingestehen, von der StaSi, dem Hetzer Claus Croissant und den internationalen Terrorfirmen nur instrumentalisiert worden zu sein, um qua Terror z.B. den Ölpreis künstlich nach oben zu pushen, damit die Einnahmen des libyschen Terrorfürsten stimmen. Das war nicht die Revolution von Joachim Klein.

phoenix Sa, 28.07.07, 23.15 Uhr

references:
RAF – Stammheim-Tonbänder wieder entdeckt
von anaximander
Hans Joachim Klein, Ex-Terrorist
So macht Kommunismus Spaß (5): Terrorismus der RAF, Terrorismus der Dschihadisten.

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July 28, 2007 at 8:17 pm

Mühsal der Erinnerungskultur

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Beim studieren des Artikels “Die neuen Barbaren: Warum weiss mein Neffe nicht, wer Anne Frank war?” der  kroatischen Schriftstellerin Dubravka Ugrei in der NZZ via anaximander , bin ich auf ein Grundproblem der Erinnerungskultur gestossen: Zeitzeugen sind eine wichtige Quelle der (näheren) Vergangenheit, aber was tut man, wenn die Erzählungen der Erlebnisgeneration nicht verstanden werden, weil die nachrückenden Generationen nicht im Wissen über deren wichtige Protagonisten, Gegner, technische Hilfsmittel und Regeln geschult oder wenigstens informiert worden sind. Eine beispielhafte Problembeschreibung gibt der Text von Ugrei für das Verständnis der Dissidenz im Kommunismus und deren Vergessen in den postkommunistischen Strukturen.

… Im letzten Jahr hatte ich das Glück, zwei Monate lang an der Freien Universität von Berlin mit Studenten der Komparatistik zu arbeiten. Mir war freigestellt, Vorlesungen über jedes beliebige Thema zu halten. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass sich meine Vorlesungen, da ich verstanden werden wollte, in eine Anhäufung von Fussnoten verwandelten. Meine Studenten – es waren junge weltoffene Menschen aus Brasilien, Serbien, Portugal, Deutschland, kurzum eine kleine internationale Gruppe – wussten zwar von Lacan, Derrida und iek, hatten aber bis dahin erstaunlich wenige Bücher gelesen. Ich erwähnte Czeslaw Milosz. Sie wussten nicht, wer das war. Ich erwähnte den Samisdat. Sie wussten nicht, was das war. Klar, dachte ich und machte mich daran, alles genauestens zu erläutern. Zunächst erzählte ich, dass man in der ehemaligen Sowjetunion ungestraft ein Manuskript in fünf Kopien tippen und verbreiten durfte, aber dann gelang es mir nicht, zu erklären, was Kohle- und Durchschlagpapier ist, geschweige denn wie überhaupt eine Schreibmaschine funktioniert! Die Schreibmaschinen befinden sich zurzeit im Limbus des Vergessens: In den Geschäften sind sie nicht mehr zu haben, in den Museen noch nicht zu finden. …

Historische Aufarbeitungsprojekte führen in fast allen Gesellschaften ein Schattendasein und erst beim Aufbruch chronischer Wunden ist die Verwunderung, das Entsetzen oder leider auch die Heuchelei in der Öffentlichkeit ganz gross. Das ist dann meistens der Zeitpunkt für Handlungen aus dem politischen Raum, der wissenschaftliche Begleitungen möglich oder auch unmöglich machen kann. Wenn aber die Bildungsinstututionen durch Auslassungen historischer Fakten eine systematische Verblödung ihrer Bevölkerungen betreiben, ist es an der Zeit zur beherzten Intervention.

Written by admin

July 28, 2007 at 6:13 am