Raumzeit

et Philolog

Mühsal der Erinnerungskultur

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Beim studieren des Artikels “Die neuen Barbaren: Warum weiss mein Neffe nicht, wer Anne Frank war?” der  kroatischen Schriftstellerin Dubravka Ugrei in der NZZ via anaximander , bin ich auf ein Grundproblem der Erinnerungskultur gestossen: Zeitzeugen sind eine wichtige Quelle der (näheren) Vergangenheit, aber was tut man, wenn die Erzählungen der Erlebnisgeneration nicht verstanden werden, weil die nachrückenden Generationen nicht im Wissen über deren wichtige Protagonisten, Gegner, technische Hilfsmittel und Regeln geschult oder wenigstens informiert worden sind. Eine beispielhafte Problembeschreibung gibt der Text von Ugrei für das Verständnis der Dissidenz im Kommunismus und deren Vergessen in den postkommunistischen Strukturen.

… Im letzten Jahr hatte ich das Glück, zwei Monate lang an der Freien Universität von Berlin mit Studenten der Komparatistik zu arbeiten. Mir war freigestellt, Vorlesungen über jedes beliebige Thema zu halten. Mit der Zeit merkte ich jedoch, dass sich meine Vorlesungen, da ich verstanden werden wollte, in eine Anhäufung von Fussnoten verwandelten. Meine Studenten – es waren junge weltoffene Menschen aus Brasilien, Serbien, Portugal, Deutschland, kurzum eine kleine internationale Gruppe – wussten zwar von Lacan, Derrida und iek, hatten aber bis dahin erstaunlich wenige Bücher gelesen. Ich erwähnte Czeslaw Milosz. Sie wussten nicht, wer das war. Ich erwähnte den Samisdat. Sie wussten nicht, was das war. Klar, dachte ich und machte mich daran, alles genauestens zu erläutern. Zunächst erzählte ich, dass man in der ehemaligen Sowjetunion ungestraft ein Manuskript in fünf Kopien tippen und verbreiten durfte, aber dann gelang es mir nicht, zu erklären, was Kohle- und Durchschlagpapier ist, geschweige denn wie überhaupt eine Schreibmaschine funktioniert! Die Schreibmaschinen befinden sich zurzeit im Limbus des Vergessens: In den Geschäften sind sie nicht mehr zu haben, in den Museen noch nicht zu finden. …

Historische Aufarbeitungsprojekte führen in fast allen Gesellschaften ein Schattendasein und erst beim Aufbruch chronischer Wunden ist die Verwunderung, das Entsetzen oder leider auch die Heuchelei in der Öffentlichkeit ganz gross. Das ist dann meistens der Zeitpunkt für Handlungen aus dem politischen Raum, der wissenschaftliche Begleitungen möglich oder auch unmöglich machen kann. Wenn aber die Bildungsinstututionen durch Auslassungen historischer Fakten eine systematische Verblödung ihrer Bevölkerungen betreiben, ist es an der Zeit zur beherzten Intervention.

Written by admin

July 28, 2007 at 6:13 am

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