Raumzeit

et Philolog

Archive for December 9th, 2007

Florian Havemann,

with 8 comments

der Sohn des DDR-Dissidenten Robert Havemann, hat sich mit dem SED-Regime schon 1968 wegen der Niederschlagung des Prager Frühlings, auseinandergelebt. Er war gerade einmal 16 jahre alt.

flori haveWegen seines jugendlichen Protestes gegen den Einmarsch der SU in Prag 1968 musste er in den Knast, Anfang der 70iger ist er in den Westen geflohen. Mit seiner Kritik sah er sich aber nicht nur mit der SED in Opposition, sondern auch sein Vater war im real Existierenden ideologisch soweit verhaftet,dass beide nach der Flucht kein Wort mehr miteinander wechselten. Und Wolf Biermann hat ihm zur Flucht auch noch das Schmählied “Flori Have” hinterher gerotzt – ein Unglückswunsch für den Westexilanten in Vinyl.

Nun hat eben dieser “Flori Have” sich die Biographie (und das Umfeld) seines Vaters selbst vorgelegt und ein Buch mit dem programmatischen Titel “HAVEMANN” geschrieben, der Roman wird vom Suhrkampverlag wie folgt beworben:

Havemann BuchcoverHeftig, wie ein Wintergewitter kommt Havemann über Berlin, über Deutschland, Ost- wie West-, So vieles ist umzudrehen und anzuzweifeln, zu enthüllen und aufzudecken, zu ergänzen und geradezurücken, so vieles zum ersten Mal zu erzählen, wenn die Geschichte der Familie Havemann über drei Generationen bis hinein in die unmittelbare Gegenwart ihres Autors dargestellt – oder wie Havemann sagt: „behauptet“ – werden soll.

Über die geteilte Stadt hat man uns viel erzählt: Ostberlin, den sowjetischen Sektor, die Hauptstadt der untergegangenen DDR, die in Anekdoten und Geschichten von offiziellen und inoffiziellen Mitarbeitern, Amtsträgern und Ausgewiesenen überlebt. Fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall jedoch ist Ostberlin, dieser Eigenkosmos mit Außenwirkung, noch immer ein Rätsel. Was geschah damals in Ostberlin wirklich, in der inzestuös übersichtlichen Enge, in der Kultur nicht ohne Politik, Abweichung nicht ohne Staatssicherheit, Loyalität nicht ohne Verrat zu haben waren? Druck und Herausforderung – wie haben sie Leben, Werk, Verhalten der Akteure bis heute geprägt? In welcher Wahrheit haben wir uns eingerichtet? Des Autors großer Bericht über Familie Havemann, Vater Robert, den bekanntesten Dissidenten der DDR, und das eigene Leben in Ostberlin und, ab 1971, in Westdeutschland – als junger Rebell, Künstler, Linker, Flüchtling, als Außenseiter mit Ambitionen, künstlerischen und politischen, und als Verfassungsrichter-wirft, ohne mit Hieben und Seitenhieben zu sparen, zahllose Einsichten und Antworten ab. Havemann erzählt, klärt auf und greift ein. Havemann provoziert.

Von Florian Havemann selbst gibt es folgende Familiechronik der Havemann- Männer:

»Alle kennen Havemann. Keiner kennt Havemann.

Der Großvater: Hans Havemann, Doktor der Philosophie, Gymnasiallehrer, Autor von Theaterstücken, philosophischen Büchern, Zeitungsredakteur, Feuilletonchef, dann Geologe, Arbeit in der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1933 Mitglied der NSDAP, dann 1946 der SED. Der Vater: Robert Havemann, Doktor der Philosophie, Naturwissenschaftler, Erfinder, Institutsdirektor, Professor, Autor, Widerstandskämpfer, durch die Nazis zum Tode verurteilt, Mitglied der SED, Abgeordneter der Volkskammer der DDR, Oppositioneller, Dissident, unter Hausarrest. Der Sohn: Florian Havemann, Maler, Komponist, Autor, Arbeit als Elektriker, Reinigungskraft, Bühnenbildstudium, 1968 in der DDR wegen staatsfeindlicher Hetze im Gefängnis, Flucht in den Westen, Verfassungsrichter im Lande Brandenburg, Kandidat der PDS für die Bundestagswahl 2002«

Die Nachzeichnung der Gesamtdeutschen Biographien wird immer undurchsichtiger, die Brüche der Biographien sind schon unter den Dissidenten schwer überschaubar. In welchem Zusammenhang steht die Arbeit von Florian Havemann für die PDS mit dem Rundumschlag gegen einen grossen Teil der Dissidenten-Subkultur der DDR – diese SED-Nachfolgerin ist ja nicht gerade berüchtigt für ihr Aufklärungsengagement begangenen Unrechts an den DDR-Bürgerrechtlern.

Ob Florian Havemanns Bruch mit seinem Vater über Prag-1968 wohl öfters in der DDR vorkam – ein Zeitzeuge ordnete diesen Konflikt mir gegenüber eher als Jugenkulturell bedingt ein.? Jedenfalls sollte Biermann sich zu dieser ganzen Causa einmal genauer erklären – wozu dieses Schmählied und was ist an den Mauscheleien mit Margot H. dran? – oder sind solche Sauereien mit dem Abschwören vom Marxismus gleich mit erledigt? Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dieser Umgang ist schlicht fies und gemein gewesen. Und das antiimperialistische Weltbild des Robert Havemann war auch alles andere als lauter oder realistisch, es war real im Mainstream des existierenden Sozialismus, aber den Reformern 1968 in Prag so in den Rücken zu fallen, das zeugt schon von festgezurrter ML-Ideologie.. Florian Havemann gibt der Öffentlichkeit neuen Zündstoff und die Erinnerungskultur wird um einen neuen Strang mehr bereichert, aber um alte Heilige entreichert. Der Text ist aber mehr als eine grantige Abrechnung mit grossen Teilen der DDR-Dissidenten, es geht auch um die Aufrollung der Wahrheiten, ohne Schnörkel und allzu viel verklärenden Idealismus – dies wird in diesem konkret-Interview deutlicher. Ein bon-mot passt möglicherweise auf diese ganze Angelegenheit: “Die grössten Kritiker der Elche waren früher selber welche!”

Und wie kommt eigentlich Katja Havemann mit so einem Text klar? Egal: LESEN !!

references:
Väter und Söhne – Nachtrag zu Havemann

Beitrag auf SecondLitart
Fazit von Holger Keller
Robert Havemann

Autobiografie von Florian Havemann
wikio zu wolf biermann/flori have
Wolf Biermann: Ein Kuss in meine Seele
Biermann: “Berlin zottelt an meinem Herzen”
Biermann und Berlin und Berliner Ehrensenf
Wolf Biermann ist 70

Written by admin

December 9, 2007 at 6:42 pm