Raumzeit

et Philolog

Iran und die Berlinale 2008

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Der Silberne Bär in der Kategorie bester Darsteller ging 2008 an Reza Najie für seine Darstellung des Vaters in dem Armuts-Familiendrama am Rande Teherans “Avaze Gonjeshk-ha” (The Song Of Sparrows) von Majid Majidi (Foto).

Reza Najie
Die Filmhandlung
Karim arbeitet auf einer Straußenfarm. Er hat ein kleines Haus am Stadtrand und kommt mit seinem Verdienst gut aus. Doch dann läuft ein Strauß da­von und Karim, der schuld daran sein soll, wird entlassen. Aus Sorge um sein finanzielles Fortkommen macht er sich auf die Suche nach dem Vogel, kann ihn jedoch nirgends finden. Als er eines Tages in die Stadt fährt, um dort das Hörgerät seiner Tochter reparieren zu lassen, nimmt er auf dem Rück­sitz seines Motorrads einen Mann mit und lässt sich dafür von ihm be­zahlen. In Anbetracht des guten Verdienstes setzt er diese Transporte nun regel­mäßig fort. Täglich fährt er in die Stadt und bringt bei der Rückkehr allerlei Trödel mit – alte Möbel, Autoersatzteile und Ähnliches.
Durch seinen Kontakt mit den Stadtbewohnern und den dortigen Ver­hält­nissen verändert sich Karims Persönlichkeit. Stück um Stück verwandelt sich sein hübscher, kleiner Innenhof in ein hässliches, ungemütliches Wa­ren­lager. Früher war Karim freundlich und großzügig, jetzt wird aus ihm ein habgieriger Mann, der sich bloß noch für den Müll interessiert, den er zu­sam­menträgt, und kaum noch für seine Familie. Für den Kummer seiner Frau hat er kein Auge mehr, als er aber sieht, wie sie einem armen Nachbarn eine alte Tür schenkt, holt er sich diese ohne Erbarmen zurück und packt sie wieder zu dem alten Krempel. Reichtum ist das Einzige, was ihn noch inter­essiert.
Doch dann fällt er eines Nachts, als er seine Gebrauchtwaren sortiert, von einem Müllstapel herunter und bricht sich den Fuß. Aufs Krankenlager geworfen, muss er mit ansehen, wie seine Frau und seine Kinder für ihren Lebensunterhalt arbeiten und in dieser schweren Zeit bei den Nachbarn Unterstützung finden. Eine Veränderung vollzieht sich im Haus – und ganz allmählich auch in Karim. Quelle: Berlinale 2008

Der Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht hat im Januar auf der Berliner “Konferenz gegen Appeasement mit dem Iran” auf dem Paneel “Europäische Sehnsüchte und iranischer Kulturexport” folgende Einwände vorgetragen:

Wenn von iranischer Kultur die Rede ist, überschlagen sich die positiven Reaktionen westlicher Kulturkritiker und Feuilletonisten. Sie zeichnen das Bild von einer pluralen und weltoffenen Gesellschaft im Iran. Gerade Filme, die westliche Wunschprojektionen vom Iran aufgreifen, sind hierzulande erfolgreich. Weibliche Protagonistinnen, Einsamkeit, Selbstmord, Armut werden dabei als sichere Insignien von kritischer Dissidenz rezipiert, drücken in Wahrheit jedoch den hohen Grad an Übereinstimmung der Filmemacher und des europäischen Publikums mit den sozialrevolutionären Elementen des gegenwärtigen Iran aus. Sa, 13:30 Uhr Podium II: Der Iran und Europa / der Westen.

Der Austausch der hochkulturell Schaffenden in der Bundesrepublik mit dem Iran ist nicht auf das Filmsujet beschränkt,auch die Bühne trägt ihr Scherflein zum unkritischen Dialog mit der iranischen Mullah-Kulturindustrie bei und Claus Peymann vom Berliner Ensemble ist ihr Botschafter – in diesem Radiointerview begründet er seine Haltung. Tobias Ebbrecht kommentiert diese Form der kulturellen Zusammenarbeit in seinem Text “Das BE, die Berlinale und der Iran – Anmerkungen zum deutsch-iranischen Kulturaustausch” wie folgt:

Einige, wie Claus Peymann und sein Berliner Ensemble, fahren direkt in den Iran, um sich von den Anhängern der islamischen Revolution beklatschen zu lassen. Andere zeigen ihre Verbundenheit mit der islamischen Republik, indem sie den Iran nach Berlin einladen und damit dem Terrorregime in Teheran Reputation verschaffen. Dazu zählen Dieter Kosslick und die Berlinale, die dieser Tage wieder in Berlin stattfindet. Persönlich hat sich deren Chef darum bemüht, dass der neue Film des iranischen Regisseurs Majid Majidi „Song of Sparrows“ im Wettbewerb gezeigt wird. Darüber freute sich auch die iranische Nachrichtenagentur IRNA, die Kosslick mit den Worten zitiert, die Berlinale habe in den letzten Jahren „sehr gute Beziehungen“ zur iranischen Filmkultur aufgebaut.
Das iranische Zensur- und Fördersystem sorgt dafür, dass es einen dissidenten oder gar oppositionellen Film im Iran gar nicht geben kann. Subversivität oder das was man hierzulande dafür hält ist vielmehr ein feststehendes Stilmerkmal der iranischen Filme, die vor allem für den Export auf internationalen Festivals hergestellt werden.
Was subversiv scheint entpuppt sich hingegen schnell als ideologische Übereinstimmung von Regime, Filmemachern und Festivalbesuchern im Westen. Im Ressentiment gegen die Zumutungen der Moderne ist man sich nämlich einig. Statt sie auszuhalten als das Bessere gegenüber der Barbarei, das die Überwindung des Leids erst möglich macht, gibt man sich der regressiven Sehnsucht hin, die Pseudorealismus und Großstadtkritik in den iranischen Exportschlagern befriedigen.
Ein solches Thema hat auch „Song of Sparrows“ nach Kosslick das „sympathische Porträt eines Mannes, der das Land verlässt, in die Stadt geht und am Ende wieder zurückkehrt.“ Der Regisseur ist da eindeutiger: „Im Tumult der modernen Welt fühlen wir immer größere Einsamkeit. Entwicklung, Kommunikationstechnologie und die Dominanz von Macht und Wohlstand haben nicht zu unserer Erlösung geführt. […] Das Konzept der Familie als Basis der Gesellschaft ist zum Opfer der Moderne geworden.“ Das steht der sozialrevolutionären Propaganda Ahmadinedschads nicht unbedingt entgegen.Für Kosslick und die Berlinaleleitung ist das aber höchstens „Propaganda um drei Ecken“. Darauf kann der erfolgreiche Kulturaustausch wohl keine Rücksicht nehmen. Dass dieser die iranische Repression und den Antisemitismus des Regimes letztlich stützt, darauf haben vor zwei Jahren die Regisseure und Autoren Daryush Shokof, Arman Nadjm, Kia Kiarostami und Javad Asadian in einem offenen Brief an Kosslick aufmerksam gemacht, der – das zeigen die offensichtlich noch immer ungetrübten Beziehungen zwischen der Berlinale und Teheran – keine Resonanz bei der Festivalleitung fand. Da die Kritik in diesem Brief noch heute zutrifft, möchte ich eine Passage daraus vorlesen:
„Mit der Präsentation dieser Filme unterstützen Sie unfreiwillig ein faschistisches Regime das nach fast drei Jahrzehnten Terror und schweren Menschenrechtsverletzungen im Lande, mit atomaren Drohungen und antisemitischer wie antiisraelischer Haltung die Welt zu bedrohen versucht. Wie Sie wahrscheinlich erfahren haben, wird parallel zur 56. Berlinale eine internationale Konferenz in Teheran vorbereitet, die „Holocaust, Mythos oder Wahrheit“? heißt. Das islamische Regime im Iran ist das einzige Regime auf der Welt, das neben den Nazis, den Holocaust leugnet. Wir schlagen Ihnen vor mit tieferem Blick auf die heutige Situation im Iran zu schauen. Und wenn Sie für die Erhaltung der Menschenrechte und Freiheit stehen und auch eine Verantwortung als intellektueller Demokrat für die Ermordung der 6 Millionen Juden tragen, bitten wir Sie jegliche Präsentation der Kultur der Islamischen Republik Irans auf der internationalen Bühne zu verhindern.“
Genauso wie der „intellektuelle Demokrat“ Peymann hat auch Kosslick diese Kritik von aus dem Iran vertriebenen Künstlern abgewehrt. Darin zeigt sich deutlich mit wem diese Kulturarbeiter einen „Dialog“ führen wollen – und das ganz und gar freiwillig. (Text als PDF)

Die Begeisterung für die Kulturprodukte des Mullahregimes auf der Berlinale 2008 ist keine wirkliche Überraschung,noch vor kurzem wurden die Selbstmordattentate der Palästinenser gegen Israelis durch den Film “Paradise Now” mit Elogen und Preis bedacht,da ist die geistige Nähe zum Mullahregime wirklich kein Wunder sondern eine folgerichtige Weiterentwicklung im weltkulturellen Soli-Repertoire. Old-Europe festigt sich,ganz herzlich, auch im Wohnzimmer von Herrn Kosslick. Israel ist für diese Leute schon längst von der Landkarte wegradiert,sie fügen sich bestens in Ahmadinedschads Mehdi-Traum von der antimodernen, judenfreien Weltgesellschaft ein.

Eberhard von Elterleins Filmbesprechung von The “Song Of Sparrows” in der WELT fällt inhaltlich geradezu kurz angebunden aus,wenn er seine Rezension mit den Worten ” So verliert ein schwungvoller Film zunehmend an Fahrt. Er wird in seiner Entwicklung voraussehbar und in seinem Loblied aufs Landleben, in dem die Errungenschaften der Stadt lediglich als Plunder enden und die Spatzen, nun ja, ihr Lied fröhlich in der Hand pfeifen, plakativ. Und das ist leider gar nicht mehr komisch.” beschliesst. Er fühlte sich von der Mullah-Kulturindustrie immerhin schlecht unterhalten.

references:
Europäische Sehnsüchte von Tobias Ebbrecht im extrablatt-online #3 aus Bremen

Written by admin

February 17, 2008 at 10:55 am

4 Responses

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  1. Erst einmal danke für Deine Analyse. Ein paar Anmerkungen habe ich.

    Weder die Aufgabe eines Filmfestivals noch einer Filmkritik kann es sein, Filme in die Kategorien “systemkritisch” und “affirmativ” einzuordnen. Leider geschieht dies andauernd, zum Beispiel im Rahmen der Berlinale. Die getroffene Auswahl wird dann als Metonym für die “Offenheit” oder den “Totalitarismus” eines Systems genommen und politisch verwandt.

    Das Ziel einer Kritik dieser Rezeption kann es wiederum nicht sein, das Gegenteil zu behaupten, zum Beispiel einen Film als “affirmativ” zu beurteilen, der woanders als “kritisch” gelobt wurde.

    Interessanter ist es, die Kategorien “kritisch” und “affirmativ” und ihre Bedeutungen in unterschiedlichen Kontexten zu beleuchten. Was kann man im Iran “kritisieren” und wie? Wie kommt es, dass genannte iranische Filme in Deutschland so gut ankommen?

    Eine plakative These zu zweiten Frage: Die Sozial- und Modernekritik dieser Filme ist genauso seicht und politisch ermattet wie Festivalkuratoren und 68er Gymnasiallehrer in Deutschland. Sie finden auch Anschluss bei der unhinterfragten Amerikafeindlichkeit dieser Gruppe und weiten Teilen des linksintellektuellen Estabishments.

    Mein eigenes Projekt ist eine Dissertation zu westlichen Filmen, die den Nahen Osten als Referrenzpunkt haben – von True Lies bis Gegen die Wand.

    http://www.anrainerblog.blogspot.com läd Dich ein!

    Anrainer

    February 20, 2008 at 6:04 pm

  2. Ich weiss auch nicht genau,was die Aufgabe der Berlinale ist. Ist es der Personenkult, der betriebswirtschaftliche Effekt, Filme zu promoten, schauspielerische Eitelkeiten zu bedienen, eine durch die Augen der jeweiligen Jury vorgenommene Vorauswahl von Filmen als Corpus eines neuen, anspruchsvollen Filmjahres anzubieten, usw… ?
    Ich habe mich in den letzten Jahren einfach darüber geärgert, wie unkritisch Filme aus und über Gegenden abgefeiert wurden, in denen Mord+Todschlag gegen Israel und Israelis von Regierungsseite (PA,Iran) zur erklärten Agenda gehören. Das hier filmwissenschaftlich mehrheitlich ganz andere Fragestellungen in Angriff genommen werden,ist mir nicht unbekannt – hier wird an den gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Diskurs angeknüpft,der in der Regel kulturrelativistisch geführt wird – was mir nicht besonders viel Behagen bereiten kann.
    Ich nehme die Einladung gerne an😉

    zuppi

    February 21, 2008 at 3:30 am

  3. Ein paar Eckdaten zur Berlinale 2008 aus der FAZ:

    Insgesamt liefen bei der diesjährigen Berlinale in den verschiedenen Sektionen 384 Filme aus 59 Produktionsländern. Neben den Rolling Stones und Popstar Madonna hatten Schauspieler wie Daniel Day-Lewis, Natalie Portman, Scarlett Johansson, Penelope Cruz und Ben Kingsley für Glamour gesorgt. Das Interesse an der diesjährigen Berlinale war nach Angaben der Veranstalter größer denn je: Mehr als 20.000 Akkreditierte aus 125 Ländern, darunter 4200 Journalisten, kamen zum Festival. Rund 430.000 Kinobesuche wurden gezählt, davon gingen rund 230.000 Tickets ans Publikum.

    zuppi

    February 21, 2008 at 4:36 am

  4. […] bundesdeutscher Politiker und Wirtschaftslobbyisten unter Naturschutz zu stehen. Die heutigen Kulturschaffenden sind übrigens auch nicht besser. Das war schon unter der Schahherrschaft Reza Palehwi so,mit der […]


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