Raumzeit

et Philolog

Diskurs über 1968 Anno 2008

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Sie kommt langsam in Gang,die 68iger-Retrospektive. Einen Vorgeschmack bot letztes Jahr schon der heisse Herbst 1977 – ein Tummelplatz ekelhaftester, krimineller Personen wurde im Mediendjungel aufgetan. Nun hat sich „der Streit-Historiker“ Götz Aly mit seinem neuen Buch “Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück” in die Öffentlichkeit begeben, die Sache kommt langsam auf ihren Punkt. Ingo Way hat sich das Buch genauer vorgenommen:

Aly 1968“Will da etwa einer den Nationalsozialismus relativieren? Der Buchtitel Unser Kampf, bezogen auf die Studentenbewegung um das Jahr 1968, läßt darauf schließen. Denn immerhin waren es doch die 68er, die mit der bundesdeutschen Verdrängung der NS-Zeit Schluß gemacht und sich die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen auf ihre Fahnen geschrieben haben – und nebenbei der Bundesrepublik zur längst fälligen Liberalisierung und Demokratisierung verhalfen. So jedenfalls die gängige Meinung, die durch die in den vergangenen Jahren verschiedentlich geäußerte Kritik an Auswüchsen der 68er-Bewegung kaum ins Wanken gebracht worden ist.
Götz Aly, Historiker und ausgewiesener NS-Experte – 1968 selbst ein radikaler Linker –, bestreitet diese Deutung vehement. Seine These: Die Studentenbewegung war ein „Spätausläufer des Totalitarismus“, die linken Studenten verachteten Pluralismus und Demokratie und waren darin ihren Nazi-Eltern ähnlicher, als es ihnen lieb war; sie waren der Gewalt zugetan, fröhnten einer deutsch-romantischen Gemeinschaftsideologie und interessierten sich kein bißchen für die Aufarbeitung der NS-Zeit. „Faschismus“ war ihnen eine bloße Chiffre für gegenwärtige Zustände, die ihnen nicht behagten, und hatte nichts mit dem spezifisch deutschen Menschheitsverbrechen der Schoa zu tun. Folgerichtig glitten die Protagonisten in Antiamerikanismus und Antizionismus ab. Die Abwendung von Israel und den Juden war laut Aly Ausdruck der Schuldabwehr – der bundesdeutsche Staat hatte nämlich mit den Auschwitz- und weiteren NS-Prozessen seit Anfang der 60er-Jahre der deutschen Gesellschaft ihre Verbrechen vor Augen geführt. Die Scham über das Verhalten ihrer Eltern hätten die linken Studenten nicht ertragen und die deutsche Schuld in abstrakten marxistischen Kategorien aufgelöst und nebenbei – im Falle Israels – die Opfer zu Tätern umgedeutet.”[…]

Die vollständige Rezension von Ingo ist in der Jüdischen Allgemeinen vom 21. Februar erschienen. Eine geharnischte wie ausführliche Gegenrede zur Ehrenrettung des Linksradikalismus gibt es von Clemens Heni (mir bekannt über seine interessante Henning Eichberg Diss): 1968 war nicht 1933 – Eine Antwort auf Götz Aly.

68 hat vielerlei Facetten,neben der hegemonial gedeuteten Chiffre für die Modernisierung der BRD-Nachkriegsgesellschaft (auch wahrgenommen als Bürgerschreckniss mit Verve für Steinzeitkommunismus) steht 1968 für weite Teile der DDR-Dissidenz als der synonyme Inbegriff für den Prager-Frühling 1968 und dessen Niederschlagung durch die SU und das SED-Regime. Dieser Punkt wirkt heute noch in der Debatte über das Buch von Florian Havemann. Dies allerdings ganz anders, als es zu wünschen wäre: Auf den ehemals oppositionellen Code wird heute ein Anstands-Knigge aufgelegt,der jegliche Debatte über die DDR und ihr 1968 von der Wurzel her abwürgt. Ein später Sieg der SED und StaSi im demokratischen Blätter- und Meinungswald anno 2008. Flori Haves Ansatz, mit seiner assoziativen Brechstange an das Thema heranzugehen, ist dafür selbstverständlich auch mitverantwortlich: Familienpsychologische Introspektiven sind eben nicht immer direkt für den gesellschaftspolitischen Umgang benutzbar.

references:
Unser Kämpfchen
  von Damien 
“Unsere Ehre heißt Treue!”

Antonio Negri über 1968 in Italien
1968-Buch von Götz Aly scheint…
Der Krawallschwabe Götz Aly
Götz Aly rechnet weiter mit den 68er ab
Wir 68iger – Zettels Rückblick

Written by admin

February 22, 2008 at 11:59 pm

4 Responses

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  1. Wenn die 68er die Nachhut des Faschismus waren (teilweise ist da sogar was dran) dann waren aber die deutschnational-kulturprotestantischen Bildungsbürgerfamilien, denen sie entstammten, die Vorhut!

    Die einzige faschismus-resistente Strömung deutschen Geisteslebens, der klassische alt-freisinnige Liberalismus, dessen letzter großer Exponent Eugen Richter war, versickerte nach 1906 unwiderruflich in der Wüste teutonischen Totalitarismus.

    DDH

    February 28, 2008 at 9:46 pm

  2. “Wenn die 68er die Nachhut des Faschismus waren (teilweise ist da sogar was dran) dann waren aber die deutschnational-kulturprotestantischen Bildungsbürgerfamilien, denen sie entstammten, die Vorhut!”
    völlige übereinstimmung meinerseits😉
    und die “Wüste des teutonischen Totalitarismus” scheint ja auch bis heute noch nicht überwunden zu sein.

    zuppi

    February 29, 2008 at 12:23 am

  3. […] ist der Text möglicherweise ein neuer Lichtblick zur Erhellung dieser Zeit und dem heutigen Diskurs über 1968 Anno 2008 eine sinnvolle Ergänzung. Die Sicht der DDR-Jugend auf die Umbrüche in 1968 kommt einfach viel zu […]

  4. gibt’s jetzt auch gedruckt: http://www.blaetter.de/artikel.php?pr=2802

    Laura

    April 2, 2008 at 9:21 pm


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