Raumzeit

et Philolog

Völkermord in Ruanda und die Literaten

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sartre rde65 sartre 181Bärfuss 100 Tage

Sartre hat sich zwangsweise kurz nach dem 2. Weltkrieg mit der Frage befasst,was ist Literatur? [Qu’est ce que la littérature? (1947)].In den späten 50igern wurde sein Text in der rde-Reihe [rde#65] von Ernesto Grassi bei Rowohlt herausgebracht,erst seit den 80igern gibt es eine Neuauflage in der Übersetzung von Traugott König,die um die Fussnoten und Anmerkungen ergänzt wurde – erst mit diesen Zufügungen wird der Streitraum genauer deutlich,in dem sich Sartre mit seinen Essays Ende der vierziger Jahre bewegte. Die politische Erbauungsliteratur der 60/70iger Jahre war ein Versuchsmoment der Aufnahme von Sartres Einmischungs-Verdikt. Gonzo fasst in seinem Leserkommentar die damalige Diskurs-Situation trefflich auf amazon so zusammen:

In seiner Zeitschrift “Temps Modernes” trat Sartre in mehreren Artikeln für eine engagierte Literatur ein, was ihm einige polemische Kritik im Stile von “Dann treten Sie doch der Kommunistischen Partei bei” einbrachte. Als Erwiderung darauf verfaßte er 1947 den Essay “Was ist Literatur?” In den Kapiteln “Was ist Schreiben?”, “Warum schreiben?”, “Für wen schreibt man?” und “Situation des Autors 1947” gibt versucht er eine Definition von Literatur, die erklären soll, warum Prosa (aber weder Lyrik noch andere Kunstformen wie Malerei und Musik) engagiert sein muß. Die Forderung nach einer “zeitgenössischen” Literatur von einem der einflußreichsten Denker des 20. Jahrhunderts hatte erheblichen Einfluß auf die Nachwelt, beispielsweise die Literatur der 60er Jahre. Einfach zu lesen ist der Text sicher nicht, aber die Lektüre lohnt sich für alle Literaturinteressierten und ist quasi Pflicht für Studenten. Diese Ausgabe enthält zudem nützliche Literaturhinweise und erklärende Fußnoten.

BärfussSartres Verdikt,Prosa muss engagiert sein,erfährt eine Neuauflage an einem negresquen Stoff,der vor den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit in der ersten Hälfte der neunziger Jahre stattfand: Der Genozid der Hutus an den Tutsis in Ruanda – UNO,Medien und Wissenschaft waren nur Zuschauer dieser grausamen Charade. Nun hat sich Lukas Bärfuss dieser Thematik literarisch in seinem Roman “Hundert Tage” angenommen. Das Buch wird vom Wallstein-Verlag in Göttingen wie folgt beworben:

Die Geschichte eines moralischen Irrtums, der in Ruanda eines der größten Verbrechen des Jahrhunderts ermöglichte. Der Roman zweier Menschen, die im Chaos ihrer Zeit um ihre Unschuld kämpfen. Ruanda, April 1994, in Kigali wütet der Mob. David, Mitarbeiter der Schweizer Entwicklungshilfe, hat das Flugzeug, mit dem die letzten Ausländer evakuiert wurden, abfliegen lassen. Er versteckt sich hundert Tage in seinem Haus, vom Gärtner mit Nahrung versorgt und mit Informationen über Agathe, Tochter eines Ministerialbeamten, die der Grund für sein Bleiben ist. Die vergangenen vier Jahre ihrer Liebe ziehen ihm durch den Kopf, die Zeit, die er als Entwicklungshelfer in Kigali verbrachte. Millionen wurden in ein totalitäres Regime gepumpt, das schließlich, als es die Macht an eine Rebellenarmee zu verlieren drohte, einen Genozid organisierte. Auch David wurde zum Komplizen der Schlächter, und als die Aufständischen Kigali einnehmen, flieht er mit den Völkermördern über die Grenze. Dort findet er in einem Flüchtlingslager Agathe wieder, aber es ist nicht die Frau, die er einmal liebte. (via perlentaucher)

David Signer hat in der WELTWOCHE seine erhellende Rezension “Wenn Schweizer Afrika retten wollen” zu Lukas Bärfuss stofflichem Motivierungsprozess veröffentlicht. Er schreibt:

Letzten Herbst meldete sich Theaterautor Lukas Bärfuss unter dem Titel «Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller?» im Tages-Anzeiger zu Wort. Er beklagte das Verstummen der Intellektuellen im Land angesichts eines Wahlkampfs, der die britische Zeitung The Independent zur Schlagzeile «Switzerland: Europe’s heart of darkness?» inspiriert hatte. Bärfuss fragte sich, wo die kritische, engagierte Literatur geblieben sei. Es gehe nicht darum, zu den untauglichen, pfeiferauchenden Vorbildern der Vätergeneration zurückzukehren, aber diese Abwendung dürfe auch nicht einfach zum Schweigen verführen. Bärfuss’ ziemlich wirrer Artikel trat eine kleine Debatte los, und dann widmeten sich die heimischen Schriftsteller wieder ihrer kleinen, vertrauten Welt.

Martin Halter fasst das Anliegen von Bärfuss in folgende Begriffe: Die Schweiz schwimmt in den Blutbädern, die andere anrichten. Kehrt der politische Roman zurück, und gar in die Schweiz? Dafür spricht der aufwühlende Roman von Lukas Bärfuss über den Völkermord in Ruanda.

Grundsätzlich verfolgt der Roman zoomartig die Ethik von schweizer Entwicklungshelfern mit all ihrem tugendhaften Ballast in Zentralafrika. Die Ethik entpuppt sich als funktionales Rädchen im Räderwerk des Völkermordplanes in Ruanda . Alle Organe – denen der wohlmeinende Beobachter diese Funktion nie zugetraut hätte – haben prospektiv wie auch in der Rückschau völlig versagt. Dieses Versagen wurde aber nicht in eine Änderung der Praxis umgesetzt – Irren ist menschlich- stattdessen wurde lieber das Mäntelchen des Schweigens/der Ahnungslosigkeit über die Causa gelegt. Eine PR-taugliche Änderung der Sprache sollte ausreichen,um Entwicklungshilfe so weiter zu machen wie bisher.

Nun sind 800 000 tote Tutsis kein Pappenstiel und die Entwicklungshelfer nur ein verantwortlicher Teilbereich,das Abgeben von Verantwortung an grössere Institutionen – z.B. die UNO – liegt nahe. Aber die Infrastruktur für das Gemetzel wurde von Entwicklungshelfern aufgebaut, es wurden Wäldchen gepflanzt, Brunnen gesetzt,Telefonleitungen gelegt und Strassen gebaut. Strassen,auf denen die Lastwagen der Mörderbanden von Ort zu Ort fuhren,um mit Macheten (wer hat die eigentlich bezahlt?) den geplanten Genozid umzusetzen.Bei kritischer Selbstreflexion müsste den Entwicklungshelfern ihr Gutmenschentum förmlich im Halse stecken geblieben sein.Tat es aber nicht. Bärfuss klagt diese Heuchelei in seinem Buch an. Wenn aber die Dabeigewesenen sich so unwissend und unschuldig wähnen,wie soll die schreibende Zunft mit der Seismik ausgestattet sein,solche Misstände anzuprangern? Das wäre ganz einfach: Anspruch und Wirklichkeit sollten einem kritischen Vergleich unterzogen werden,alles ander wäre Fatalismus,Schicksalsglaube.Dann schweigt auch die schreibende Zunft lieber.

Zugegeben,der Vorwurf von Bärfuss kommt mit einer unverschämten Verallgemeinerung daher,die schwer verdaulich ist. Er wird auf dem Literaturblog von Emil Zopfi wie folgt beantwortet:

«Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller?» Die Antwort ist einfach: Gebt uns Raum in der Zeitung und wir schreiben. Oder lest unsere Bücher.

Hier beisst sich die Katze in den Schwanz,am unsicheren Broterwerb lag es wohl nicht – eher fehlte doch die Idee vom eigentlichen skandalon – da nehme ich mich selbst garnicht aus. Und Lukas Bärfuss zeigt,dass es anders gehen kann,wenn auch erst 14 Jahre nach dem Skandal.”Besser spät als nie”,pflegte meine verblichene Grossmama immer zu sagen.

Aktuelle Veranstaltungen zu diesem Buch:
Buchpräsentation mit Lukas Bärfuss Anschließend Gespräch mit dem Ethnologe Jürg Helbing
Termin: 17.4.2008 um 20:00 Uhr
Veranstaltungsort: Literaturhaus, Zürich
SPRACHform präsentiert: Lukas Bärfuss stellt «Hundert Tage» vor Der Dramatiker liest aus seinem ersten Roman. Moderation und Gespräch: Werner Morlang.
Termin: 19.04.2008 um 20:00 Uhr
Veranstaltungsort: Schlachthaus Theater, Bern
Lesung
Termin: 2.5.2008 bis 4.5.2008
Veranstaltungsort: Solothurner Literaturtage, Solothurn
Lesung
Termin: 4.7.2008 bis 6.7.2008
Veranstaltungsort: 13. Literaturfestival Leukerbad, Leukerbad

references:
Das ungebrochene Interesse am Buch
Entwicklungshilfemythen

3 Responses

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  1. […] Dummheit kritisierbar sein kann, der Begriff an sich ist ja schon recht flexibel anwendbar. Aus dem Sartre-Verdikt der engagierten Literatur nach WKII  – das Analogon zur Kunst mit Aussage – scheint die Kunstwelt […]

    Kunstkritik « Raumzeit

    September 7, 2008 at 10:31 am

  2. War das nun die dreimilliardste Erwähnung von “Gutmensch” oder drei mehr? Wird Ihnen nicht selbst etwas übel bei dem Argument, die sinnlosen Morde seien erst durch Aufbau einer Infrastruktur von “Gutmenschen” möglich geworden? Was soll das nur für ein Argument sein… Ich werde demnächst Straßenarbeitern mal “Ihr Gutmenschen!” zubrüllen, mit freundlichem Gruss von “Raumzeit”;-). Das ist ein fatal niedriges Niveau. Ja, es wäre schwieriger für Mörder, wenn sie sich durch unwegsames Gebiet wühlen müßten, aber was soll das denn besagen… Na ja, hauptsache man kann sich mit den diversen Kunstszenen gemein machen, und mal wieder “Gutmenschen” erwähnen. Ich glaube, es war doch schon 4 Milliarden Mal in postmodernen Kritiken zu lesen, aber das wird eine arme Historikerin oder ein armer Historiker rausfinden müssen.

    Hurz

    October 11, 2008 at 12:09 pm

  3. Gutes meinen und Gutes tun sind eben zwei sehr verschiedene Dinge.Wollten sie nun eine Lanze für das Gutmenschentum brechen,eine Kritik an diesen Einstellungsrackets unterbinden oder nur abkotzen? Sollte letzteres der Fall sein,sind sie hier verkehrt,versuchen sie vielleicht ihr Glück bei einer der vielen schlagenden Burschenschaften,die haben extra Kotzbecken in ihren Häusern aufgestellt.

    zuppi

    October 11, 2008 at 12:53 pm


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