Raumzeit

et Philolog

Kurzurlaub beendet

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Am Tag des 17.Juni einen Eintrag über Urlaub zu machen,kommt mir anachronistisch vor.Der Arbeiteraufstand 1953 in der DDR war das Omen,das nicht nur über 50 Tote und eine Verfolgungswelle dissidenter Bürger erbrachte, sondern auch die weiteren Freiheitsbestrebungen im Ostblock kennzeichnen sollte.Von Ungarn bis Prag fletschte der Sowjetkommunismus seine Zähne und überlebte bis Anfang der neunziger Jahre,seinem endgültigen Bankrott zielsicher entgegen.

Nun bin ich zurück von Zypern,von Frontstadt zu Frontstadt war ich gereist.Die Hauptstadt Nicosia ist eine geteilte Stadt,der Nordteil ist seit der Besetzung durch die türkische Armee 1975 quasi ein Ostberlin im Mittelmeer,mit Grenzübergängen und gelenkter Migration – die gilt für den gesamten Nordteil, das ist etwa ein Drittel der Insel.O.K.,der Vergleich mit O-Berlin hinkt etwas,der türkische Nationalismus mit seinem Zugriff auf zypriotisches Terretorium ist etwas anderes als die verflossene Hegemonie des Realsozialismus,aber das Leid der Teilung ist vergleichbar,und darauf kommt es mir vor allen Dingen an.

Georges TCW KondolenzbildAm Wochende meiner Ankunft auf Zypern kam gleich die erste Schreckensnachricht,Georges Karnig Der Parthogh – 1923 bis 2008 – Fotograf, Mitgründer und Mitherausgeber der Cyprus Weekly – war gerade in Nicosia zu Grabe getragen worden,mehr als nachträgliches kondolieren war nicht mehr machbar.

Ich lernte Georges im Rahmen der Erdbebenhilfe für Armenien im Jahre 1988 kennen,danach haben wir uns aus den Augen verloren,mein Versuch zur erneuten Kontaktaufnahme kam leider zu spät.Er kämpfte schon einige Zeit mit einer schweren Erkrankung.

Georges Der Parthogh hat aber bis zuletzt bei klarem Verstand seinem Umfeld das Gefühl von Teilnahme,Unterstützung und Respekt vermittelt.Vor allem der unabhängige,cypriotische Journalismus verliert einen Pionier in der Meinungsbildung auf dem Eiland des Mittelmeeres,die armenische Gemeinde beklagt den Verlust eines ihrer populären,streitbaren Mitglieder.

Georges Foto Review
Georges leben,eine kleine Foto-Review (Bildklick zum vergrössern)

Mein erstes Urlaubsbrainstorming:
Abhängen am Meer,in Fischbuden beim Tee sitzend,
in endlosen Gesprächen mit allen Generationen,den Popen,dem auskunftsfreudigen Buchhändler,
den herrlich unterhaltsamen und mittlerweile resident gewordenen Pensionärinnen aus London und Birmingham,
Kontakte mit der Hochfinanz aus Kiew und Sankt Petersburg,
völlig besoffen von den Sichtungen der Ikonewallfahrtsstätten der griechisch orthodoxen Kirche,
magisch angezogen von Orten mit Air Condition,
mit meiner chronischen Flugangst bepackt,
bin ich wieder zurück,im Kühlschrank,in Mitteleuropa.

PS:
Von Lesbos aus erklang eine bizarre Forderung über den Äther: Lesben sollen sich nicht mehr Lesben nennen dürfen,weil damit der Ruf der griechischen Insel Lesbos – die antike Dichterin Sapho besang dort die Liebe von Frau zu Frau – verunglimpft würde.Ich hörte diese Neuigkeit im Radio,ich sass gerade mit den alten Männern beim Tee und musste laut lachen.Die Herren schauten mich verdutzt an.Ich meinte,das sei wohl der neueste Schachzug des konservativen,hellenistischen Dekonstruktivismus.Die Herren fanden das überhaupt nicht witzig,diese homophobe Mischpoke.

references:
Taylorbob zum 17.Juni
Zettels Meckerecke: Nationalfeiertag

Written by admin

June 17, 2008 at 12:27 pm

Posted in Egoshice, Personen

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2 Responses

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  1. Fein das du wieder gesund und munter daheim gelandet bist.
    Tja versuch mal “alten Herren” zypriotischer Herkunft sowas wie Toleranz gegenüber “Anderslebender” bei zu bringen. Wird ja hier schon schwer, aber da muß es ja fast noch schlimmer sein.
    Naja,anyway … bist ja wieder hier.

    Ich melde mich mal die Tage bei dir

    Gruß und Kuss

    Yours “Little Sistah”

    Sandra*Little Sistah

    June 17, 2008 at 5:46 pm

  2. huhu sandra,
    der christliche konservatismus ist dort wirklich sehr stark ausgeprägt,zu fast allen öffentlichen anlässen tauchen die popen auf.die kirche hat aber nicht nur aus gläubiger sicht eine tiefe verankerung in der bevölkerung,denn während der obristenherrschaft in athen stand der damalige erzbischof makarios III auf der seite der demokratischen republik zyperns – er war ihr präsident.auch während der türkischen besetzung hat er sich für die einheit der republik zypern verwendet.das haben ihm viele zyprioten – und auch ich – hoch angerechnet und die orthodoxie mit in die moderne geführt,bis zur gleichberechtigung der homos ist es dort aber doch noch ein wegstrecke.

    zuppi

    June 17, 2008 at 6:23 pm


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