Raumzeit

et Philolog

Nachdenken über Vertreibung

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Es rückt immer näher,das Dokumentationszentrum zu den Vertreibungen im 20. Jahrhundert – so wünscht sich das Gedenken übrigens Frau Steinbach. Nun hat sich in der liberalen Blogosphäre eine bemerkenswerte Debatte unter acht Diskutanten entzündet. Daniels Beitrag “Vertreibung und Gerechtigkeit” zieht einen bunten Strauss an Einschätzungen zum Vertreibungsthema,zur Shoah und steile Hypothesen über die letzten beiden Weltkriege an.
Das Koordinatensystem zur Beurteilung der Vertreibungspraxis osziliert vereinfacht betrachtet zwischen Legitimtätsüberlegungen über staatliche Vertreibungskampagnen qua Staatsdoktrin inklusive seiner kruden Trittbrettfahrer und national-ethnisierenden Zuschreibungen im Opfer-Täterdenken. Vertreibungen werden grundsätzlich als Verstösse gegen Menschenrechte ethisch verurteilt.Geradezu exegetisch-theologisch geht es dann z.B. bei der Motvsuche zur Vertreibung der Deutschen aus Polen während/nach dem 2. Weltkrieg zu: An einen Racheengel polnischer Herkunft für den Massenmord der Deutschen an den (polnischen) Juden mag ich garnicht glauben. Die Flucht,Vertreibung und Exekutierung von deutschstämmigen Nazikollaborateuren war ein Faktum,eine Rechtssicherheit war in und nach den Kriegswirren für die Deutschstämmigen nicht gegeben. Im Zweifel ist dann die Flucht die bessere Option gewesen und die zurückgebliebenen,nicht Nazi-Kollaborateure wurden ja dann auch in die jeweilige Staatsbürgerschaft (PL,CSSR,SU) assimiliert.

In wie weit durch die diskutierten Ansätze ein Staatshandeln zum strategischen Mittel der Vertreibung enthnischer Gruppen historisch oder in der Gegenwart beschreibbarer wird,ist mir noch unklar. Den Terminus Gerechtigkeit würde ich im Zusammenhang der debattierten Ausgangsfrage von Daniel durch Rechtfertigung ersetzen – gewissermassen eine Verschmelzung historischer Gründe mit nachträglich angehängten Begründungen oder auch Einwendungen. Judith Butler hätte mit ihrem Ansatz vom Sprechort der Diskutanten auch ihre helle Freude.

Seit einigen Jahren spitzen sich ja neue Vertreibungstopoi auf dem Balkan (ethnisch-religiös) ,in Zimbabwe (ethnisch,Hunger,Opposition) oder in Darfur (ethnisch,religiös) zu. Die Verurteilung von Vertreibungen und Völkermord sind ein Strang der Diskussion,die Beleuchtung strategischen Interessen der Vertreiber und Mörder ein anderer – zweckdienliche Instrumente von Staaten,die sich um Menschenrechte nicht kümmern. Der kalkulierte body-count in einer Welt von warlords und nationalistischen Schmierfinken. Eine nicht besonders anheimelnde,geistige Gesellschaft.

Mein Ausblick: Trotz alle dem verbleibt bei mir ein Unwohlsein bei der historischen Verkettung der Begriffe Shoah – Vertreibung. Völkermordforschung als Subtext könnte sich hier auch noch anschliessen. Eine Relativierung der Shoah,die ja mit all ihren unheimlichen Konsequenzen deutschen Hirnen entronnen ist,empfinde ich als nicht besonders zuträglich.Es waren eben nicht katholische Antisemiten aus Polen,die sich Birkenau,Auschwitz oder das Warschauer Ghetto ausgedacht und umgesetzt haben,sondern deutsche Nationalsozialisten – an denen sich die junge Bundesrepublik seit Jahrzehnten sehr kreativ abarbeitet.

PS:
In einer Geschichtsvergessung wie der o.g. ist z.B. die Forderung einer populistischen, liberalen EP-Blondine nach einem Rausschmiss der Polen aus der EU nachvollziehbar. Bei solchen Tönen könnten einige EU-Gegner wieder zu Sympathisanten mutieren,ab 4.55 Uhr wird nämlich wieder propagandistisch zurückgeschossen.Mit renitenten Polen hat Deutschland ja Erfahrungen und die Achse Berlin-Moskau steht ja seit der Schröder-Ära auch wieder auf festen Beinen.

references:
Bernadetta Nitschke:Vertreibung aus Polen (2003)

Written by admin

July 3, 2008 at 4:36 am

5 Responses

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  1. ich würde die Vertreibung der Deutschen als ein notwendiges Verbrechen bezeichnen und glaube nicht, dass das eine Verharmlosung der Shoa darstellt: die Deutschen wurden nicht wegen ihrer Mitschuld an der Shoa vertrieben, sondern nur weil sie Deutsche waren. Es ging nicht um Entnazifizierung, sondern um Entgermanisierung – noch heute lernen polnische Schüler die einschlägigen Lieder (Rota) in der Schule. So sah dann auch die “Assimilierung” der Autochthonen aus – nach dem Verbot der deutschen Sprache und der Stigmatisierung aller deutschstämmigen als “zwangsgermanisierte Polen”, gab es offiziell bis in die sechziger Jahre keine Deutschen mehr in Polen. Ich kann die Vertreibung als Racheakt und als machtpolitische Maßnahme verstehen und nachvollziehen, aber bei den völkischen Hintergedanken bspw. in Polen wird mir persönlich übel (noch heute steht im schönen Pila, früher Schneidemühl ein Stein, auf dem steht: wir waren – wir sind – werden sein: Pila) Vielleicht liegt es auch daran, dass ich den hysterischen polnischen (Nicht-)Umgang mit dem Thema Vertreibung eher als ein Relikt des kommunistischen Diktaturtraumatas sehe

    Helga

    July 3, 2008 at 6:17 pm

  2. nachtrag
    Den Verharmlosungsvorwurf würde ich sofort unterschreiben, wenn die Shoa der Grund für die Vertreibung gewesen wäre – tatsächlich war sie es aber nicht, wie beispielsweise diverse Vorfälle, wie etwa in Jedwabne mehr als deutlich gezeigt haben.

    Helga

    July 3, 2008 at 6:40 pm

  3. Haallooo Helga😉

    ° Vertreibung der Deutschen als ein notwendiges Verbrechen °

    Nach den Erfahrungen mit Hitlers Wehrmacht und Stalins Roter Armee kann ich die Logik zur Vertreibung oder Assimilierung der Deutschen durch die polnischen Führung auch verstehen.Ob der Exodus so ablaufen musste,wie er ablief – mit all den vielen unschuldigen Opfern,daran habe ich aber Zweifel,das hätte auch humanitärer ablaufen können – insofern möchte ich die Notwendigkeit relativieren.

    ° eine Verharmlosung der Shoa darstellt: die Deutschen wurden nicht wegen ihrer Mitschuld an der Shoa vertrieben, sondern nur weil sie Deutsche waren °

    Jetzt werde ich wahrscheinlich kompliziert,aber ich versuche trotzdem,meinen Gedankengang klarer zu machen: Du hast absolut Recht,aus dem Tabestand der Vertreibung der Deutschen aus Polen lässt sich keinerlei Relativierung der Shoah ableiten.

    Meine Bauchschmerzen bei diesem “typisch deutschen Diskurs” rühren auch eher daher,dass bis in die heutige Debattenzyklen über die Shoah in Polen (die ja von den Deutschen auch dort ins Werk gesetzt wurde) fast immer der Joker der Vertreibung eingesetzt wird,um die Verbrechen der Wehrmacht in Polen an Polen und Juden zu relativieren – diese Debatten hatte ich schon mit meinen seeligen Grosseltern,die ich der verdrängenden Tätergeneration zuschlage.

    Daniel hat in seinem Ausgangstext ja die Gerechtigkeitsfrage aufgeworfen und die machtpolitische Option der polnischen Führung angeboten. Der Topos “Vertreibung als Strafe für die Shoah” kann und wird ja gerne individualpsychologisch aus einem bestimmten politischen Spektrum häufiger verwendet,resp. aufgesetzt = Kollektivschuld aller Deutscher an der Shoah.So einleuchtend der Generalverdacht f ür die Tätergeneration kurz nach WKII noch war – wenn er dann auch minimaljuristisch belegbar gewesen ist – entpuppt er sich heute für die Kinder- und noch mehr die Enkelgeneration als wenig begreifbar.

    Der aktuelle Erinnerungsdiskurs in Deutschland – mit dem Vertriebenenzentrum in Berlin als Höhepunkt – zeichnet sich ja durch die Gleichsetzung von Leidenskulturen – die Shoah soll halt als einer der vielen Leidenswege unter Anderen eingemeindet und damit endgültig ins Archiv entsorgt werden. Bei gleichzeitigem globalen Aufscheinen des Antisemitismus weltweit ist das eine paradoxe Inszenierung.

    Insofern stört mich der Vertreibungsdiksurs.Er ist ein Mittel der Entsorgung. Es gibt ja kaum empathische Betrachtungen über das polnische Vertreibungs-Kalkül nach WKII: Vertreibung ist heute entweder ein juristischer Begriff oder Betroffenheitslamento, denn weder die Shoah in Polen noch der Massenmord an den Polen durch die Wehrmacht soll heute noch Ansprüche an die Bundesrepublik erzeugen.Das ist das Ergebnis der Aufarbeitungsweltmeister.Und national gesinnte Einwohner der BRD – ich meine jetzt nicht die Nazis – ziehen dieses ideologische Programm rigoros durch.

    Soweit erst’mal für heute.

    zuppi

    July 3, 2008 at 7:24 pm

  4. bin vollkommen d’acord mit deiner analyse des deutschen vertreibungsdiskurses… würde aber gerne bei einem oder zwei bierchen in der telle auf den polnischen opferdiskurs zu sprechen kommen.

    Prösterchen

    Helga

    July 3, 2008 at 7:48 pm

  5. okidoki,morgen iss bestimmt watt zeit dafür😉

    zuppi

    July 3, 2008 at 7:52 pm


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