Raumzeit

et Philolog

Alexander Issajewitsch Solschenizyn 1918-2008

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Es ist verdammt lange her,die Lektüre der Archipel Gulag Bände – es war im Rahmen eines Lektürekurses in der Oberstufe,ich musste den umfangreichen Stoff zum Glück nur lesen und nicht referieren.mein Thema waren die DDR Literaten Plenzdorf, Loest und Robert Havemann.

Heute am frühen Morgen,bevor ich zum Dienst unterwegs war,habe ich noch bei Zettel vorbei geschaut,er hatte die Todesmeldung bereits auf seinem Blog, sein Focus ist Solschenizyns Diagnose der Mutlosigkeit des Westens, das war 1978, inmitten des Kalten Krieges und der beginnenden Aufregung in Europa über den NATO-Doppelbeschluss (Pershing II Atomraketen versus SS-20 Atomraketen), Helmut Schmidt stürzte anfang der achtziger Jahre über sein Festhalten an dieser Bündnisentscheidung,die Ära Kohl begann.

Mir sind die Pressebilder immer noch sehr gegenwärtig: Andrej Sacharow,Jelena Bonner,Kopelev und Solschenizyn waren in den siebziger Jahren im Westen sehr bekannte SU-Dissidenten. Ihre Auseinandersetzungen mit dem Kremlapparat wirkten immer wie der Kampf Davids gegen Goliath und die Solidarität aus dem Westen war überwältigend. Nach der Lektüre des Archipel Gulag habe ich die Spinner von DKP,MSB oder SEW immer ausgelacht,wenn sie mir die gewaltige Überlegenheiten des Realsozialismus schmackhaft machen wollten. Mein Marxismusverständnis war immer ein ganz anderes,es stellte sich später heraus,es war nur ein literarisch umgesetztes Ziel,in kleinen Kritikerzirkeln bedacht und nach allen Regeln der Sophistik und des HistoMat ausgetüfteltes Gedankengebäude – es hatte mit keinerlei Kommunismuspraxis auf dieser Erde die geringste Ähnlichkeit.

In den siebziger und achtziger Jahren war der Gulag kaum ein linkes Thema – in der ehemaligen FDJ-Postille junge-welt macht man sich heute noch lustig über Solschenizyn – es wurde von den SU- und DDR-Freunden am liebsten ganz unten in der Schublade liegen gelassen.Oberste Sozialistenpflicht war die Erkenntnis: Wo gehobelt wird,da fallen Späne = Massenmord an Millionen. Was für ein Zynismus.

Solschenizyns Werdegang wird sehr ausführlich in dem Artikel “Solzhenitsyn, Literary Giant Who Defied Soviets, Dies at 89” von Michael T. Kaufman in der heutigen NYT nachgezeichnet,auch in der WELT hat Jens Hartmann einen trefflichen Nachruf verfasst: “Solschenizyn, der Heilige der russischen Seele” .

So sehr mir der alte Solschenizyn ein vertrauter Literat war,so komisch wendete sich das Blatt nach seiner Rückkehr in das neue Russland. Seine anfänglichen Mahnungen gegen die Oligarchen,die sich das Leichenhemd des SU-Kommunismus unter den Nagel gerissen haben und der Bevölkerung Hunger, Trostlosigkeit und Elend weiter auferlegten – es war schlimmer als unter der Herschaft der KPdSU, gingen noch klar für mich. Seine Wendung zur russisch orthodoxen Kirche,seine antiwestliche Einstellung und sein bäuerischer Gesellschaftsansatz waren schon ein versponnenes Erkenntniskonzentrat,mit dem ich garnichts mehr anfangen konnte. Nur noch ärgerlich ist seine Veröffentlichung über die “Kommunisten und die Juden in Russland”,eine auskömmliche antisemitische Lektüre für Putins nationalbolschewistische Jugend, aber auch für Horst Mahler und seine Kameraden von der nationalsozialistischen Heilsfront und natürlich für die ideologischen Kostgänger des islamische Djihad. Sie alle dürften ihre helle Freude an solcherlei Exegese zeigen. Diese Form des Antikommunismus ist immer noch ein belebendes Schmiermittel an den ideologischen Rändern.

Was lernt man aus solchen Entwicklungen? Macht das Alter einen beschädigten Menschen – der vor seiner Zersetzung Physiker war – irgendwann doch auch blöde? Mit Weisheit kann ich das jedenfalls nicht zusammen fassen. Aber es ist wohl auch keine Überraschung,das sich Lebenswege auch wieder trennen,wenn Gemeinsamkeiten ausbleiben. Als Wegbegleiter des Niedergangs der SU wird Solschenizyn für mich ein sehr präziser, literarischer Beobachter bleiben,im Aufbau des neuen Russlands ist er nur noch ein spät dekorierter Zaungast in den Fussstapfen Dostojewskis gewesen. Live is hard and then you die.

references:

  1. Alexander Solschenizyn (1918 – 2008)/Der Chronist des Stalinismus
  2. Alexander Solschenizyn – Antitotalitarist und Patriot
  3. Scribe of the gulag” von Anne Appelbaum
  4. Meine Solschenizyn – Nachleese
  5. Solschenizyns andere Seite
  6. L’homme qui a changé ma vie de André Glucksmann + Dossier Le Figaro
  7. Zettels Forum
  8. Alexander Solschenizyn in den Feuilletons
  9. Reaktionen zum Tod von Alexander Solschenizyn

UPDATE: DIESEN BEITRAG HABE ICH AUS VERSEHEN GELÖSCHT. DEN BEITRAGSTEXT HATTE ICH NOCH ALS WORDTEXT AUF MEINEM RECHNER,ABER DIE KOMMENTARE VON ZETTEL UND MIR SIND IM NIRVANA DES WWW VERSCHWUNDEN. WIE SCHADE ,(

Written by admin

August 4, 2008 at 10:20 am

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  1. […] August 7, 2008 in Blogosphere, Geschichte | Tags: Antikommunismus, Nekrolog, Russland, Stalinismus | Einige nachträgliche Gedanken zu Alexander Issajewitsch Solschenizyn 1918-2008. […]


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