Raumzeit

et Philolog

Zypern: Der lange Weg zur Wiedervereinigung

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Der zweite Besuch auf Zypern war etwas nüchtern und kurz gehalten,der Austausch über die aktuellen Verhandlungsgeschicke offenbarte ein Grundproblem: Was die Bevölkerungen wünschen und was letztendlich auf dem politischen Verhandlungstisch geregelt wird,sind zwei grundverschiedene Angelegenheiten.

Die Hoffnungen,die in das neue dynamische Verhandlungsduo aus Präsident Christofias und den türkisch-zypriotischen Verhandlungsführer Mehmet Ali Talat gesetzt werden, können nicht über die festgefahrenen Positionen des türkischen Staates und auch Griechenlands hinwegtäuschen. Beide  sitzen immer mit am Verhandlungstisch, eine genuin zypriotische Position bewegt sich so immer an einer Kompromisslinie der Interessen der beiden grossen Staaten und den Interessen Zyperns.Eine Mediation der vielen Interessengruppen auf der Insel und im diplomatischen Parkett funktioniert nur kleinteilig bei gegenseitiger Kompromissbereitschaft.

Es scheint fast so zu sein,dass die türkische Seite alle Zeit der Welt hätte,das Armenhaus im Norden aufrecht zu erhalten, bis die EU endlich die Pforten ganz weit aufmacht. Christofias nutzte die Feierlichkeiten zum 48. Jahrestag der Unabhängigkeit Zyperns von der britischen Kolonialmacht, um der türkischen Verhandlungsseite folgendes ins Stammbuch zu schreiben:

“Of course, our aim is not to put anyone in the corner,” … “but to oblige the occupying power to come to its senses and realise that the troops withdrawal is also to its interest, as it is a just and viable solution to the Cyprus problem, if it wants to proceed towards membership of the European Union.” (Philippos Stylianou in Cyprus Weekly vom 03.10.2008)

Nächsten Freitag gehen die Vereinigungsgespräche auf hoher Ebene weiter:

They (Christofias+Talat) resume Cyprus problem negotiations next Friday on power sharing issues in a process diplomats believe is the best chance for peace in years. (Charlie Charalambous in Cyprus Weekly vom 03.10.2008)

Es wird über Machtteilungsfragen, Migrationskontingente zwischen dem türkisch besetzten Nord- und dem freiem zypriotischen Südteil verhandelt, die Freizügigkeit der Inselbewohner, Restitutionsansprüche von Bürgern und Institutionen im Rahmen der Kriegs- und Vertreibungshandlungen in 1974 stehen auf der Agenda – eine dunkle Zeit Europas, denn sowohl in Griechenland als auch in der Türkei herrschten vor 34 Jahren die Obristen, die die Teilung Zyperns in ihren antikommunistischen Wahnvorstellungen zielgerichtet vorangetrieben haben. Der damalige zypriotische Präsident  Erzbischof Makarios III hatte sich erfrecht, ein parlamentarisches Bündnis mit den Sozialisten einzugehen, massgebliche Teile der Junta in Athen witterten  die kommunistische Machtübernahme Zyperns und sie zettelten  gemeinsam mit zypriotischen Ultranationalisten einen grausamen Bürgerkrieg gegen die Zivilbevölkerung und politischen Machteliten auf der Insel an, der den Einmarsch der türkischen Armee quasi militärlogisch absehbar nach sich zog. In Portugal und Spanien sahen faschistische Regierungssysteme ihrem längst überfälligen Ende entgegen.

Schmerzlich sind nun auch die von der zypriotisch orthodoxen Kirche abverlangten Zugeständnisse, Erzbischof  Chrysostomos muss sich mit den Vertretern der muslimischen Minderheit arrangieren, dafür fordert die christliche Seite die Rückgabe und den ungehinderten Betrieb der Kirchen und Klöster im türkischen Nordteil – dort hat das türkische Militär 1974 kirchliches Eigentum requiriert, dem Verfall preisgegeben und auch zerstört –  eine Antwort auf die Vertreibung der Muslime aus dem Südteil während des Bürgerkriegs in den siebziger Jahren.

Als ein Zeichen der Annäherung der beiden Religionsgruppen werden seit einigen Jahren  im Südteil auch wieder Moscheen renoviert und so den Gemeindemitgliedern zugänglich gemacht. Im Nordteil fehlt diese Geste für die wenigen Christen erwartungsgemäss, es wird christlichen Pilgern sogar immer wieder schwer gemacht, Wallfahrtsorte im Norden besuchen zu können. Hier ist auch zukünftig für beide Seiten noch Handlungsbedarf anstellig.

An die Stelle meiner mässigen Euphorie zur Wiedervereinigung nach meinem Besuch im Juni 2008 ist nun eine pragmatisch-abwartende Haltung getreten. Mein Grundproblem zur Ermittlung ausgewogener  Bedürfnislagen war die Unmöglichkeit,im Norden unbefangene Stimmen einzuholen, Die türkische Besatzungsmacht verhält sich gegenüber den türkischen Zyprioten nicht nur paternailistisch sondern im höchten Masse ignorant. Im Südteil findet immerhin eine öffentliche Diskussion statt.

Ob die EU-Anbindung der Türkei ein beförderndes oder eher hinderliches Verhandlungsinstrument der Zyprioten zur Naherwartung der Wiedervereinigung darstellt, scheint für mich erst einmal offen zu bleiben. Die Bewahrheitung der alten Weisheit schwebt aber wie ein Damoklesschwert über dem ganzen Prozess: Zu viele Köche verderben den Brei.

One Response

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  1. […] Entwicklungen zur Wiedervereinigung auf Zypern gehen auch nach meinem letzten Besuch nur schleppend voran, ich könnte durch meine […]


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