Raumzeit

et Philolog

Archive for November 2008

Väter der Klamotte

Über die RAF zu parlieren wäre reine Sauerstoffverschwendung – Zettel hat in gebotener, aufklärerischer Knappheit den Zielen der RAF einige Zeilen gewidmet. Die Nähe der SED-Nachfolgerinnen zu ihren Destabilisierungsfusstruppen westlich des Eisernen Vorhangs ist mittlerweile eine zeitgeschichtliche Fussnote,die dem Erfolg der Neosozialisten keinen Abbruch antut.Ähnlich zur StaSi wird auch die RAF von den Kadern erfolgreich nach aussen ausgesessen, man lässt sich von ihnen sogar weiterhin gerne anschreiben und besuchen. Und ins “BE” kann der bauchlinke Sodann-Fan nun ab Januar mit noch mehr Siegesgewissheit gehen,schiebt dort doch ein Held und Märtyrer linker Revolutionspraxis demnächst die Kulissen hin und her.

Die Attentäter, resp. der Mörder/die Mörderin von Michael Bubacks Vater ist immer noch nicht ermittelt worden. Spätestens im Erinnerungsgedränge um den “heissen Herbst 1977” letztes Jahr ist dieses Aufklärungsinteresse zur Fussnote erklärt und abgelegt worden. Nun kommt Christian Klar auf Bewährung frei – am 3. Januar 2009, pünktlich zum 89. Geburtstag von Siegfried Buback und das ist eine weitere, bestimmt rein zufällige Geschmacklosigkeit bundesdeutschen Justizgebarens. Selbst dem ZDF fällt auf, es gibt Kritik an der Freilassung des mehrfachen RAF-Mörders, en passant werden noch die anderen Mordopfer mitgeliefert, sowie eine Anzahl von Empörten.

der-zweite-tod-meines-vaters-2008Ich empfehle das frische Buch “Der zweite Tod meines Vaters” von Michael Buback.

Oder noch besser wäre die Teilnahme an einer seiner Buchlesungen , z.B. am 27.11. im Bürgerhaus zu Bovenden um halb Acht oder am 09.12. in Ettlingen. Man sollte dem Mann zuhören,solange er noch die Kraft hat, all die Justizklamotten zu berichten,die ihm seit Herbst 1977 – neben den massigen Verbalinjurien von links – widerfahren sind.

Ein Mensch kann tatsächlich zwei Mal ermordet werden: Durch die Täter mit der Knarre und danach durch eine Gesellschaft samt ihrer Institutionen,die der Ermittlung der Wahrheit nichts abgewinnen wollen. Noch peinlicher wird es,wenn die SED-Nachfolger, die Proteges und Auftraggeber der RAF, Regierungsverantwortung beanspruchen sollten. Im Januar 2009 kommt Herr Klar frei,im Herbst dräut Rot-Rot-Grün im Reichstag. Eine ganz miese, politsymbolische Show.

references:
Isolationshaft, Beugehaft und die Schwierigkeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen
Berliner Ensemble immer authentischer: Bald mit echtem Massenmörder
Christian Klar lebt von euckenserbe
Talkshows? Zeitzeuge? Dokus? Keine Klarheit mit Klar von NuB
Rudolf Hess war’s nicht

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November 24, 2008 at 8:02 pm

Die Bibel

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Während sich in Deutschland neurasthenische, drogensüchtige Laienschauspieler mit der grossen Christenschwarte ein Zubrot verdient haben, gibt es in der britischen Comedy die ultimative Vorstellung der bedeutenden Geschichtensammlung des Abendlandes: Ricky Gervais – der ein wenig von Dave Allens Humor abbekommen hat – wird von Michael Kastner vorgestellt. Ganz grosses Kino 😉

PS: mmmatze public hearing train experience

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November 23, 2008 at 10:23 am

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Veränderungen in der liberalen Blogosphäre

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Das Weblog der Freunde der offenen Gesellschaft existiert nicht mehr unter der alten Domain – stattdessen wird der Leser über einige interessante Seiten der liberalen und libertären Politik- und Denkströmung um Berlin herum informiert.

Was auch immer die Gründe für diese Entscheidung gewesen sein sollten,ich finde das schade. Obwohl ich auch zugeben muss,das Blogaggregat epu hat in den leztzen Monaten mehr Aufmerksamkeit von mir erhalten. Daniel hat als Domaininhaber von “fdog.org” eine kurze Begründung im weiter geführten FdoG-Blog bei WordPress hinterlassen. Wie so oft im sozialen Leben ging es um unüberbrückbare Differenzen, die ihn zum Rückzug aus der Blog-Redaktion / der Blogdomain bewegten.

Merci an Daniel, der sich immer bemüht hat, das gesamte FdoG-Blog auf einem journalistisch ansprechenden Niveau zu halten. Aber: Ohne Zerfall gibt es keine Erneuerung.
Farewell, altes FdoG-Blog 😉

UPDATE 26.11.08: Daniel bloggt jetzt beim A-Team.

references:
Zwischen Revolution und Familienkonservatismus denkt A.F. Lichtschlag über das Label libertär nach.

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November 22, 2008 at 12:44 pm

Idealisierungen der Genforschung – Teil 1

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Vorüberlegungen

“Das Buch des Lebens” , ein Text der Wissenschaftshistorikerin Lily E. Kay (1947-2000), erschien in 2000 bei  Stanford University Press als “Who wrote the Book of Life?“. Ein Jahr darauf gab der Carl Hanser Verlag die deutsche Ausgabe heraus. Seit Herbst 2008 liegt das Buch als Suhrkamp-TB (stw1746, 2005) bei mir auf dem Schreibtisch. Das Thema “genetischer Code” gehört nicht gerade zu meiner Alltagsbeschäftigung – wohl aber die wissenschaftshistorische Darstellung von Idealisierungsvorstellungen und die daraus resultierenden oder abgeleiteten Ideologeme. Hier wird wissenschaftliche Erkenntnis zum Spielball verschiedenster Interessen,die nicht unbedingt der Aufklärung zuträglich sein müssen.

Who Wrote the Book of Life?

A History of the Genetic Code

Lily E. Kay

2000

Buy this book

Im Leistungskurs Bio machte ich botanisch-genetische Reihenversuche mit Hilfe der Elektrophorese – mit deren Befassung ich fast versucht war, Biologe zu werden,ich änderte aber meine fachlichen Pläne. Die Faszination,der Grundbauplan des Lebens basiere auf nur vier Basen,die lediglich durch ihre paarweise Anordnung Amöben, schwarze Rosen oder den Menschen hervorbringen,lag tief: Könnte man auf diesem Wege “dem Wesen,dass so viele Menschen verehren”, nun endgültig in die Karten schauen? Oder wäre die neue genetische Annahme sogar der Gegenbeweis zum theistischen Weltbild? Als junger Mensch stellt man sich wohl solche holistischen Fragen,auf die es kaum befriedigende Antworten geben kann.

In der Umweltbewegung der Achtziger gab es viele Aktivisten,die der Gentechnik feindselig gegenüber standen – analog zu AKW- und sonstigen Technik-Themen.

In den Neunzigern kam mir das Thema der ökonomischen Nutzung der Genetik – nun als ausgereiftes Konstrukt von der Biotechnologie – als Patentdebatte auf genetische Baupläne (auch die des Menschen) wieder entgegen – Umweltschützer zerstörten angeblich symbolisch Genmaisfelder, weil ein veränderter Genpool einer Spezies unkontrollierbare Folgen für die (genetisch unveränderte) Umwelt in sich berge. Ich liess mich derweil  in einem Biolabor von einer weissen Maus mit einem menschlichen Ohr auf dem Rücken als Ersatzteillager  begeistern. Das Thema ist also keineswegs nur für den Elfenbeinturm interessant, eine Befassung damit erleichtert auch politische Entscheidungen von höchstem Rang.

Lily E. Kay interessiert sich für die wissenschaftshistorischen Entwicklungen des genetischen Codes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, genauer von 1953-67. In dieser Zeitspanne wurden  grosse Erkenntnissprünge in der Genetik erzielt, 1953 wurde die Doppelhelix von Watson/Crick entdeckt- später wurde den Genforschern auch Nobelpreise  für ihre Entdeckungen zugesprochen.

Mit der industriellen Anwendung genetischer Erkenntnisse in weiten Bereichen der Verfahrenstechnologien konnte und kann viel Geld verdient werden: Pharmafirmen, Lebensmittelkonzerne und Medizintechnik profitieren von den Grundlagenforschungen genetisch forschender Unifachbereiche, es werden privatwirtschaftlich orientierte Unternehmen aus den Unis heraus gegründet,um Ideen zur Marktreife weiter zu entwickeln. Der ökonomische Zweck von Grundlagenforschung – inclusive seiner Grenzen – ist am Beispiel der Genetik und Gentechnik auf das Beste zu studieren. Mittlerweile wird der Zweig der Biotechnologien auch von einem illustren Haufen von Fachleuten publizistisch begleitet – für jedes (Gesinnungs-) Tierchen gibt es dort sicher ein zu rezipierendes  Plaisirchen.

Die Kernthese von Lily E. Kay:

… Der genetische Code ist ein “Epochenstück”, ein Anzeichen für das Auftauchen des Informationszeitalters. Meine These besagt, daß Molekularbiologen “Information” als eine Metapher für biologische Spezifität verwendeten. Allerdings ist “Information” die Metapher einer Metapher und somit ein Signifikant ohne Referent, eine Katachrese. Als solche wurde sie zu einer unerschöpflichen Quelle für die wissenschaftlichen Vorstellungswelten vom genetischen Code als Informationssystem und Buch des Lebens. Informationsdiskurs und Schriftrepräsentationen des Lebens wurden unentwirrbar verknüpft. …

Im zweiten Teil werden die Ideen von Frau Kay exemplarisch dargestellt.

UPDATE Jänner 2009: Es wird keinen 2. Teil geben. Der Text gibt einen breiten Überblick über den wissenschaftlichen Erkenntnisraum der fünfziger/sechziger Jahre. Es wird auch deutlich, in wie weit unterschiedliche Erzähltraditionen in den Geistes- und Naturwissenschaften Missverständnsse bedingen. Letztendlich bleibt der Text aber im literaturwissenschaftlichen Narrativ hängen. Dann lese ich ehrlich gesagt lieber Texte der Philosophin Sybille Krämer (-Friedrich), sie lebt wenigstens noch und ich kann sie im Zweifelsfall auch befragen.

Herbst

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Ende der Achtziger hatte ich in den USA die Gelegenheit, Guns ‘N Roses zu sehen – seitdem war auf jedem Album mindestens ein Stück,das mir gefiel. Am 23.11. gibt es was Neues von den chronisch polternden  Hardrockern aus L.A. :Europa hat Glück, Axl kommt mit seinen Leuten am 21.11. nach Italien: Uscita di Chinese Democracy Piazza Maestri Campionesi, Campione D’italia, Italy.

cd_splash_1

PS: Andere Freunde aus der guten alten Zeit kommen dann im Dezember auch ins Teutonenland zur Persistencerour 2008.

references:
CD-Review by Chuck

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November 15, 2008 at 1:37 am

Posted in Leichte Kost, Music, Musik, Personen

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kurz notiert

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  1. Warum Rasse keine gesellschaftliche Konstruktion ist,erklärt Walter Benn Michaels, der gegenwärtig als Literaturwissenschaftler an der University of Illinois/Chicago tätig ist, in der aktuellen Inselzeitung – deren Name für linksdeutsche Bauchpolitiker alleine schon den Inbegriff des Reiches des Bösen darstellt.
  2. Zusammenfassung: Tagung Bildungsfreiheit Oltober 2008 in Berlin
  3. Kleiner Geschichtsunterricht für Kapitalismuskritiker von
  4. Leser-Poll: Der witzigste Film seit Menschengedenken kann bei Gideon gewählt werden.
  5. Internetsucht in China: Internet addiction made an official disorder in China
  6. Eine wirklich wirkliche Rolex: Philipp Blom über Richard Rorty
  7. Historikerstreit auf  Zypern,Erzbischof haut auf die Kacke
  8. wordpress october wrap-up

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November 13, 2008 at 9:03 pm

9. November in Berlin

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Gedenktage sind in den hiesigen Breiten willkommene Anlässe,auf geschichtliche Ereignisse aufmerksam zu machen. Der heutige Tag  war gleich doppelt mit Erinnerungskultur behaftet.

Im Rahmen der nazistischen Kristallnacht vom 9. November 1938 wird beispielsweise seit Anfang der 90er Jahre in Moabit im Rahmen einer Kundgebung am Deportationsmahnmal Levetzowstrasse und der sich anschliessenden  Demonstration zum Mahnmal an der Putzlitzbrücke an die Reichspogromnacht der Nazis erinnert. Die Veranstalter von der AIM setzen dabei auf lebende Zeitzeugen,die aus den dreissiger und vierziger Jahren persönlich Bericht erstatten können – gerade für jüngere Leute ist das immer wieder ein sehr berührender Einstieg in die Befassung mit der Shoah und dem 3. Reich.Um die 350 Leute haben sich auch 2008 an diesem Ort eingefunden. Wie dieses Konzept nach dem Ableben der Zeitzeugen weiter entwickelt werden kann,ist auch den Veranstalterinnen rätselhaft,sie blicken mit einer gehörigen Portion Fatalismus auf die Zeit nach den Zeitzeugen – eine Unvermeidlichkeit solte inhaltlich pragmatisch gelöst werden. Kritisch anzumerken ist,dass die Erinnerung an die toten Juden und die zum Glück davongekommenen Zeitzeugen nur die halbe Wahrheit über den aktuellen Antisemitismus aussagt. Vor aller Welt bedroht das Mullahregime im Iran heute lebende Juden in Israel,auf der Kundgebung in Moabit wurde das Existenzrecht Israels zwar verteidigt – Hans Coppi hat das in seinem Redebeitrag explizit ausgedrückt – zur allgemeinen Verteidigung israels hat es auf der heutigen Kundgebung aber doch in der Linken wieder nicht hingereicht. Man erträumt sich immer noch in ein friedensbewegtes Bündnis aus Israelis und Palästinensern,das politisch und gesellschaftlich im mittleren Osten keine praktischen Entsprechungen hat.Es handelt sich bestenfalls um ein idealistisches Hirngespinst,das täglich von Quassamraketen aus Gaza ad absurdum geführt wird.

Um die 2000 christlich motivierte Erinnerungsgänger sind heute durch Mitte gelaufen,um an die Reichspogromnacht zu erinnern. Auch die Amtskirchen tragen schwer an ihrer Last aus Erinnerung und Verantwortung für die Shoah. Möglich gemacht hat sie aber das gesamte deutsche Volk,indem es Hitler in 1933 mit der Macht beauftragte. Die heute aus der Zivilgesellschaft sich noch verantwortlich fühlenden Rackets sind eher schamhafte Feigenblätter,wenn man die skandalöse Doppelbödigjeit deutscher Aussenpolitik gegenüber Israel in Anschlag bringt. Eine Diskussion,die hier leider noch nicht geführt wird. Wenn Iran sein Auslöschungsprogramm durchgeführt hat,ist es übrigens zu spät,genauso, wie es nach 1933 hier zu spät war.

Von den Gedenkritualen der Parteien möchte ich lieber schweigen,sie langweilen mich schon seit Jahren.

Kein Gedenktag ohne Konkurrenzveranstaltung. Am 09. November 1989 hat ein führender SED-Politiker die Mauer für durchlöchert erklärt – es war der Schabowski – viele Ossis kamen nach 1961 erstmalig wieder ohne Schiessbefehl und Selbstschussanlagen lebendig nach Westberlin herein. Gemeinhin wird dieser Tag in Berlin als Wiedervereinigungstag betrachtet – und nicht dieser 03. Oktober ein Jahr später,an dem ein Papierfetzen unterschrieben wurde,der die Überleitung des SED-Volkseigentums incl. Bevölk in die Bundesrepublik regelte.

references
Der 9. November :Ein Schicksalstag der Deutschen im 20 Jahrhundert
Der letzte Mauertote 1989
Revolutionäre Gymnastik
kurz notiert

Written by admin

November 9, 2008 at 9:59 pm