Raumzeit

et Philolog

Sehnen nach Ausnahmezuständen

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adorno

Strandkörbe statt Standortdebatten

Seit der Begebenheit des Rauschmiss der rotlackierten Faschisten – oder weniger polemisch betrachtet handelte es sich um progressives Gesindel –  aus dem Frankfurter Institut für Sozialforschung in den Wirren der 68er APO ( Adorno liess das Institut von der Polizei räumen )  bis hin zu den unheimlichen antisemitischen Aufmärschen linker und islamistischer Bewegungen sind mehr als vierzig Jahre in’s Land gegangen.

Wer sich in 2009 ein Update der Kritischen Theorie abholen möchte, ist zunächst einmal arm dran, denn es gibt ausserhalb der Studierstube wenig Gelegenheiten zum Austausch mit ihren Adepten. In Berlin trafen sich am Sonnabend auf Einladung der BAHAMAS-Redaktion (noch) aktive Autoren und eine beachtliche Zuhörerschaft zur Analyse aktueller wie historischer Verkommenheiten einer Linken, die sich auf ihre Bewegungsgeschichten nichts einzubilden braucht – wer aber ihre zeitgenössischen Kritiker studiert, stösst immer wieder auch auf bewegungspraktische und ideologische Parallelen zu heute. So können linke Mythen (und Lügen) auch abgebaut werden. Ein Mythosbegriff geistert seit Jahren durch das linke Selbstverständnis, es handelt sich um die zur Worthülse verkommene Begrifflichkeit der Emanzipation – wer sich von was und warum emanzipieren soll, steht in den Flugis schon lange nicht mehr drinne. Think Big: Globalisierung, Finanzkapital und USA müssen zur Projektion hinreichen. Mehr kommt auch nicht nach.

Ob die Linke in Lenin, Stalin, Mao, Chavez, Nasrallah oder Achmadinedschad ihren aktuellen Tribun verortet, ist eine Erscheinung des Zeitgeistes. Die Gemeinsamkeit dieses Gruselkabinetts findet sich im Hang zum jakobinischen Schafott, in der Abwesenheit von individuellen Glücksideen, in der kollektiven Gleichschaltung und dem völligen Abschalten des Denkvermögens auch einmal von der Bewegung ernannter Intellektueller – wer selbst in den dreissiger Jahren glaubte, zwischen den Idealen von Stalin und Hitler wählen zu müssen, dokumentiert seine Beschränktheit mehr als deutlich. Wer in der Linken in dieser Zeit einigermassen bei Trost war, ist in die USA anstatt in’s Hotel Lux exiliert.

In Zeiten der verschärften Wirtschaftskrise nimmt aber auch die bürgerliche Mitte Anleihen bei linken Konzepten. Die Anleihe erfolgt sowohl in der Politpraxis als auch in der ideologischen Begleitmusik, die der kapitalistischen Krise folgt. Wie die Fliegen auf dem grössten  Scheissehaufen ihr Auskommen sichern, entwickelt auch die Linke ihren Labsal an der Krise: “Das haben wir schon immer gesagt, Verstaatlichung, Kollektivierung und “die Verantwortlichen” als Sau durch’s Dorf treiben und überhaupt fliegt denmächst die sozialrevolutionäre Kuh hoch durch die Luft” – hier wird dann das linke ABER nachgeschoben, weil die bürgerlichen Volksvertreter dies natürlich nur halbherzig umsetzen. Denn es fehlt der deutsche Tribun, ein von der Mehrheit anerkannter Führer zur Umsetzung der herbei gesehnten Ausnahmezustände; tabula rasa in praktischer Reinform als Krisenmeister.

Dass die Linke diesen Job nicht mehr bekommt – in der SED und der KPdSU hat sich deren unzulängliche und kurzfristige Lösungsmächtigkeit verdeutlicht – hindert sie nicht am Hetzen auf die gierigen Manager und den Individualismus, die dem deutschen Michel das Blut aussaugen möchten. Man dient sich im Spiel der Parlamente seit der Wende immer wieder als Vollstrecker der groben Arbeiten eines Staates an – in der Rechten versuchen das die Nazis mit weniger Erfolg  auch.

Nun sind die Begleiter der BAHAMAS-Strömung aber idealer Weise auch Kommunisten, die beim Spiel der Linken um die Machtverteilung im Staate nicht mitspielen wollen. Sie bieten ihre Kritik an den aktuellen Verhältnissen in Zeiten des Niedergangs jeglicher Glücksutopistik (diese Diagnose trifft die Linke genauso wie die bürgerliche Mitte) als letzte Möglichkeit an, eben nicht zu verzweifeln. Ein langes Winterbivak mit gelegentlichen Aufstiegen auf die Höhen gedanklicher Vergewisserung: Irgendwo in weiter Ferne liegt die Gesellschaft der Gleichen und Freien und wenn ihr es wollt, bleibt es kein Traum.

Bis dahin bleiben die Niederungen eines ideologischen Zeitalters zu bestellen, die Dokumentation einer öffentlichen Gegnerschaft zu den grössten Feinden der Zivilisation – die dem starken Staat und der Guillotine vernünftigerweise vorgezogen wird. Mehr scheint im Rahmen der Kritischen Theorie auch 2009 nicht leistbar. It’s a very, very mad world.

references
Konferenztexte in Bahamas #57 (April 2009)
Konferenzbericht von Mark
Vor- und Nachbereitung bei ADF

Written by admin

March 1, 2009 at 12:46 pm

2 Responses

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  1. Manager sind nicht gierig. Wer soetwas behauptet ist entweder schlecht informiert oder auf einer Linie mit den “rotlackierten Faschisten”. Tatsache ist doch, dass unsere “Individualisten” (denn nichts anderes sind Großverdiener in Deutschland ja nach Argumentation des Verfassers) ständig, mit einer unglaublichen Vehemenz, gar Penetranz, versuchen die politische Elite von der Begrenzung ihrer exorbitant hohen Gehälter zu überzeugen.

    Dieser Tage vergeht doch bald keine Stunde mehr, in der nicht auf irgendeiner Straße, irgendwo in Deutschland, unsere hoch geschätzten “Individualisten” in geschlossenen Reihen aufmarschieren und Transparente mit so schlagenden “Slogans” wie “Mehr Verteilungsgerechtigkeit!”, “Wir wollen mehr zahlen!” oder “Ich schäme mich für meine Millionen, weil ich keinen Finger dafür krumm gemacht habe!” hochhalten.

    Diese Herren haben, kraft ihrer “gutbürgerlichen” Erziehung, im Schutze ihres “gutbürgerlichen” Umfeldes, schon lange erkannt (auch ohne Marx, lediglich kraft ihres geschulten Verstandes), dass die Arbeitskraft lediglich eine Ware auf dem Markt und der Lohn der Ausdruck ihres Wertes ist.
    Somit der Bezug politischer Praxis aufs Grundgesetz zurückführen muss, also die Gewalten dafür zu sorgen haben, dass die “Würde des Menschen” nicht im “freien” Wirken der marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zerrieben wird.

    Beseitigung von Kinderarmut, Verteilungsgerechtigkeit (Vermögenssteuer, Börsenumsatzsteuer, Reichensteuer etc.), Mindestlöhne, das konsequente Ablehnen völkerrechtswidriger Kriege (zB Israel gegen Gaza), die Schaffung eines öffentlichen Beschäftigungssektors usw.. Alles bezahlbar, und das unverschämterweise sogar auf dem Boden des Kapitalismus!

    Unvergessen der Parteitag der Linken, als in Nadelstreifenanzüge verhüllte “Millionäre” die Rednertribüne stürmten, den Kapitalisten Gysi brutal von der Bühne stießen und sich lautstark über die Forderungen der Linken beschwerten.
    Da ich hier keine Propaganda für fundierte Sachinhalte machen, sondern mich auf pseudophilosphisches Dünngewäsch beschränken möchte, werde ich mich hier kurz fassen und nur einen Auszug der kurzen Rede dieses “Leistungsträgers dieser Gesellschaft” zitieren: ” (…) mit Entsetzen folgten wir der mehr als zynischen Rede Gysis. Wie kann man von Verteilungsgerechtigkeit sprechen, wenn das nun verabschiedete Programm dieser Partei alles ist nur nicht gerecht ? Die Linke fordert eine Reichensteuer von 5% auf Vermögen das über 1 Millionen Euro liegt. Das kann nur ein Witz sein! Bei einem Vermögen von 1.200.000 Euro wären das 10.000 Euro, ich hätte also noch 1.190.000 Euro in der Tasche! Na, soviel kann ich doch gar nicht arbeiten, als dass ich.. (…)”
    Hiermit sei nun genug des Aufmerksamkeitsgeheisches dieses stalinistischen Subjekts!
    Als er auf die “Kollektivierung” der Landwirtschaft zu sprechen kam wurde er glücklicherweise von den gutgebauten Ordnern gewaltsam des Saales verwiesen.

    Lieber Mark,
    ich kann, und möchte, nicht verschweigen, dass du mit Worten umgehend kannst wie wahrscheinlich kein Zweiter. Anzukreiden ist dir sicherlich jedoch, dass du alle guten philosophischen Ansätze der Ideologe des indogamtisierten Neoliberalismus opferst. Was bleibt ist eine, im Grunde mit religiösen Kampfbegriffen durchsetzte, Hetzschrift gegen alles sich “links” nennende Aufbegehren gegen konkret benennbare Ungerechtigkeiten. Symptomatisch für deinen, sich in seiner Konsequenz gegen dich und deinesgleichen kehrenden, Artikel ist, dass er zwanghaft darauf abzielt Philosophie und politische Meinungsmache zu vermengen. Zurück bleibt ein in keiner der beiden Ausprägungen sachlich fundiertes Argumentationsmodell.
    Schade, der Ansatz war gut.

    Mit freundlichen Grüßen

    Johannes Hilger

    Johannes Hilger

    July 4, 2009 at 4:52 pm

  2. Nachtrag:
    Der Name des Verfassers des Artikels lautet wohl nicht “Mark” sondern “zuppi”. Ich bitte diesen Ausrutscher zu entschuldigen.

    J.Hilger

    Johannes Hilger

    July 4, 2009 at 4:57 pm


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