Raumzeit

et Philolog

Im Mai

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Es ist Frühling in Berlin,seit gut zwei Wochen ein blauer Himmel wie auf Zypern – im märkischen Wald soll man wegen der Brandgefahr nicht rauchen oder grillen,aber ich hänge sowieso nur in der Stadt ab. Der Trubel um den 1. Mai hat mich in diesem Jahr nicht berührt – vor ein paar Jahren kamen noch Krawalltouristen zur Protestsimulatin oder Befriedigung der Schaulust aus aller Welt auf Besuch zu mir. Meine Liberalismusforschungen scheinen diesen Teil meines Bekanntschaftskreises zur Umdisponierung motiviert zu haben, ein in der Scholastik bewanderter Theologe wäre mir derzeitig ehrlich gesagt  auch hilfreicher.

An diesem Wochenende treffen sich die liberal-libertären Protagonisten der FDP in Berlin-Dahlem,mir fehlt leider die Muse,die mich über Stunden aus der Mitte an den Stadtrand entlassen möchte – der Vortrag “Freie Bildung” von Stefan Blankertz scheint mit aber ein interessanter Input zu sein. —> Humor-Provo.

Im Rahmen der Überlegungen zum sog. “Tag der Arbeit” in 2009 kam mir wieder der ideologische Terror der protestantischen Ethik von Olle Max Weber in den Kopf, die soviel Versager (Arbeitslose) in einer modernen Gesellschaft zu betreuen trachtet – die Sozialisten knüpfen ideologisch direkt daran an. Im Gerede um die Krise wurde diese Ethik nun auch häufiger für die Manager der Hochfinanz populistisch angemahnt. Lord Dahrendorf hält deren Umsetzung aber für äusserst fraglich, nachlesbar in seinem Essay “Nach der Krise: Zurück zur protestantischen Ethik? Sechs Anmerkungen” (HATTIP), den er pünktlich zu seinem achtzigsten Geburtstag in der Presse platzierte.

Erst an diesem Wochenende kam ich dazu,die Texte eines Kolloquiums aus dem Februar 09 über “Kolonialismus und Nationalsozialismus. Die Debatte um (Dis-)Kontinuitäten” zu sichten. Dort ging es um den Zankapfel unter den Historikern, welche Bedeutung der (deutsche) Kolonialismus für den Nationalsozialismus hatte? Die Leute von der iz3w – ein linkes Zeitungsprojekt,das ich immer noch mit Interesse verfolge – haben einiges an Sachverstand in Freiburg versammelt,um den Diskurs in den Fussstapfen der Kritischen Theorie zu beleben – beim iz3w wird übrigens auch die Stelle der Geschäftsführung neu besetzt. Ob eine Bewerbung noch erfolgreich sein kann? Deadline war jedenfalls der 15. April,aber man weiss ja nie.

Die Neuigkeit im Mai 2009: Der Schriftsteller Walter Kempowski,er wäre nun 80 Jahre alt geworden,hat in der Nachkriegszeit doch für den US-Geheimdienst gearbeitet,so,wie es sich für einen aufrichtigen Antikommunisten schickt (link). Für Stalinos war also die Einknastung für 8 Jahre in Bautzen nun objektiv rechtmässig und man kann wieder CIA,CIA vor sich her raunen. Folkloristische Abgesänge auf einen Unrechtsstaat durch die Schnabeltasse der Volkssolidarität,wenn nur deren junge Erben nicht wieder nach der Macht greifen würden.

Einen sonnigen Mai und ich will endlich Sommer😉

PS: Meine musikalische Neuentdeckung ist Katie Melua,eine georgisch-englische Sängerin.

references:
Kempowski Dossier bei spon

Written by admin

May 2, 2009 at 10:15 pm

4 Responses

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  1. “Lord Dahrendorf hält deren Umsetzung aber für äusserst fraglich…”

    Nun ja, ich war beim Lesen seines Artikels doch erstaunt darüber, wie wenig Eigenverantwortung er den Bürgern zutrauen oder gar zumuten will.

    Er spricht vom “Zorn” des Volkes wegen einer “Verschlechterung der Lebensverhältnisse”, spricht von Angst- und Ohnmachtsgefühlen angesichts von vermeintlich unberechtigter Bonizahlungen. Dafür gibt es klare Begrifflichkeiten, die Dahrendorf tunlichst meidet: Missgunst. Wir sind eine Sozialneidgesellschaft.

    Er sagt, “Arbeit, Ordnung, Dienst, Pflicht bleiben Erfordernisse der Voraussetzungen des Wohlstandes” und redet von “Genuss, Vergnügen, Lust und Entspannung” als den Früchten des Wohlstands. Das erinnert dann doch wieder an olle Webers Theorien. Dahrendorfs Verständnis von “Arbeit” ist offenbar eine der Gesellschaftsordnung dienende und damit eine pflichterfüllende Tätigkeit. – Nein Danke!

    Gut finde ich “Erstens” und “Zweitens” und noch seine Idee von der Verlangsamung.

    Christoph Kühn

    May 3, 2009 at 12:13 pm

  2. Hallo Christoph,

    mir ging es wie dir,die ersten beiden thesen wurden von mir ohne viel widerstand durchgewunken. die willensfreiheit des subjekts ist ohnehin in der polit-soziologie sehr unmodern ,da ist der lord leider auch keine ausnahme.

    im weiteren verlauf der ausführungen des lords wird es dann kraut und rüben. wo fängt der substanzielle versuch der krisenerklärung an und wann ist er dabei,die ideologie des bevölks (die ja kräftig von der journaille und den populisten bedient wird) zu referieren. in diesem zusammenhang sind die ausführungen von stefan blankertz in der freiheitsfabrik zur sog. “öffentlichen meinung” ganz hilfreich —> Gesellschaftliche Erkenntnisproduktion 2

    was aber auch bei dahrendorf deutlich wird: der rückgriff auf die protestantische ethik scheint auch den mangelhaften krisenerklärungsansätzen aktueller sozialwissenschaftler geschuldet zu sein – hier beissen sich politisches wunschdenken und sozialwissenschaftliche prognosefähigkeiten gegenseitig in den po.es kommt selten eine vernünftige erklärung,lösungen gibt es kaum.

    dahrendorf ist ein guter sozialwissenschaftler aber kein guter ideologiekritiker – dafür ist er wohl zu lange in der politischen entscheidermatrix zu hause. ich würde neid und missgunst der ideologischen begleitmusik zuordnen.

    interessant finde ich seinen grundständigen ansatz,die nachfrage nach dem selbstverständlichen: was ist denn nun genau die krise? nur ethik kann es ja nicht sein.

    zuppi

    May 4, 2009 at 7:09 pm

  3. Kann man den Blankertz-Vortrag irgendwo nachlesen?

    DDH

    July 16, 2009 at 7:37 pm

    • Hallo Dominik,
      eine gute Frage.Ich weiss es noch nicht und werde mich bei Gelegenheit darum kümmern.Merkwürdig ist,wie schnell die Fäden des Interesses im Nirvana enden.Merci für diese Erinnerung😉

      zuppi

      July 18, 2009 at 7:33 pm


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