Raumzeit

et Philolog

Iran,Opposition,Lichterketten und Erkenntnis

with 2 comments

Seit dem 12. Juni läuft der  “Iranfilm”  vor meinen Augen ab – ich erinnere  zuerst lange Warteschlangen vor Wahllokalen, die keine Wahlzettel mehr ausgeben konnten. Neben virtuellen Nachrichten sind mir die Gespräche und Diskussionen in der realen Welt wichtige Bausteine,um zu einer realistischen Meinungsbildung über das,was aktuell geschieht, zu gelangen.  Hier liegen mein Wunschdenken und die reale Lage vor Ort nicht immer deckungsgleich übereinander. Aber ich bin bemüht, mich von Luftschlössern fern zu halten.  Ich suche allerdings weiterhin nach unterstützenswerten, säkularen, liberalen  Strömungen im Iran – ich nehme bis heute nur die hedonistisch orientierten Leute unter 30 wahr .

Die Veranstaltungen der iranischen Opposition in Berlin sind trotz der kruden Anlässe angenehme Zusammenkünfte.  Am Donnerstag Abend trafen sich 2000+ an der Gedächtniskirche, der Platz füllte sich bis zum Wasserklopps vor dem Europacenter, ein Kerzenmeer gegen die Repression der Opposition durch das Khatami-Regime. Kein Krakehlen, es wurde gesungen, gesprochen und auch geschwiegen. Ein hilfreiches Zeichen für die Verfolgten  im Iran: Ihr seid nicht alleine, die Weltöffentlichkeit bekommt mit, was mit euch passiert. Was in den Knästen und auf den Polizeistationen abgeht, wird nur langsam ans Licht der Weltöffentlichkeit gelangen. Ich hoffe, die Folterknechte und ihre Auftraggeber werden dafür bezahlen müssen.

Breiti 25-06-09_2210

Weitere Fotos bei Nic + Daniel

Wenn ich bedenke, dass dieser Achmadinedjad vor einigen Monaten seine menschenverachtenden Hasstiraden gegen den Westen und Israel an der New Yorker Columbia Uni unter der Flagge der Meinungsfreiheit absondern durfte, wird mir über den westlichen Liberalismusbegriff  linksintellektueller Amerikaner heute noch übel – dort wurde ein Mörder und Wahlfälscher unverhohlen aufgenommen und beklatscht. Das war Anti-Bushismus auf dem Rücken einer unterdrückten Bevölkerung. Ich hoffe,diese Uni-Leute haben gelernt,welche Büchse der Pandora sie damit geöffnet haben. Der Westen verkommt so zur Lachnummer für Diktatoren in aller Welt. Vielleicht möchten Kim Yong Il, Chavez oder Gadafi dort auch noch auftreten? Gerechter Weise müsste man ihnen auch eine Plattform bieten.

Gemeinsames Ziel der Veranstalter in Berlin ist bis jetzt die Unterstützung der Opposition vor  Ort, ganz ohne ideologischen Richtungsstreitereien, was man den Iranern als nächsten bekloppten Totalitarismus  so angedeien lassen möchte. Auch  scheint den meisten Leuten hier  Furcht, Wut und Angst um die Verhältnisse im Iran vertraut zu sein., denn dort wird verfolgt,  geschlagen, gefoltert und gemordet. Fast jeder weiss auch hier, dass die Theokratie im Iran nur in kleinen Schritten aufgeweicht werden kann, ein  Big-Bang von Aussen würde das bis heute  Erreichte zunichte machen – der Stellvertreterkrieg Irak versus Iran hat das belegt, shiahfeindliche Sunniten militärisch zu unterstützen, ist der falsche Weg.

Mein Heimweg von der Lichterkette  führte mich weit nach Mitternacht noch zum Kebabdealer, der mir im Lokal seine Tanzschritte frei nach Michael Jackson vorführte.

Die Märtyrer der  minenräumenden Basiji von gestern sind nun aber die Mörder der Protestbewegung von heute, das Regime entfernt sich immer mehr von seiner Bevölkerung und ein turbantragender Mullah darf sich schon seit Jahren in den nördlichen Stadtteilen Teherans nicht mehr blicken lassen. Die Überwachung der Einhaltung der Scharia ist den Knüppelgarden der Sittenwächter übertragen,aber auch die sind käuflich. In der Privatsphäre haben sich längst Parallelwelten entwickelt, die von westlicher Kulturindustrie nicht zu unterscheiden sind. In der Öffentlichkeit wird aber das Mittelater simuliert.

Die sozialen Schwierigkeiten bei  hoher Inflation und Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit auch der Jugend und die ethnische religiösen Verwerfungen werden durch regimezentrierte Anwendungen der schiitischen Rechtsauslegung nicht gelöst. Diese Diagnose scheint sich auch partiell  im Klerus von Ghom  herumgesprochen zu haben, aber  kritische Theologen der Regimelinie werden unter Hausarrest gesetzt – Karoubi verbringt seit der Machtübernahme Khatamis sein Leben unter diesem Bann,er ist mittlerweile 80 Jahre alt, er geniesst hohes Ansehen in grossen Teilen der Bevölkerung.

Khatami schlägt immer unwirscher um sich, kürzlich forderte er die Todesstrafe für die Anführer der aktuellen Protestbewegung. Aber je mehr er die auf Reformen ausgerichtete Opposition verfolgt,umso tiefer wird der Riss in der Beölkerung  und der Führungselite des Mullahstaates. Die Theokratie erodiert von innen.

30 Jahre sind eine lange Zeit und wenn man das Schahregime mit dazu  rechnet, bewegen sich die Iraner seit über einem halben Jahrhundert in einem diabolischen ,politischen Grossexperiment, dass auf absehbare Zeit einem Ende zugeführt werden muss. In der Region tun sich noch schlimmere Abgründe auf:  Die Anrainerstaaten werden vom Gift der Al-Quaida langsam zerfressen – der westliche Einsatz der Allierten in Afghanistan versucht das einstmal eigenhändig gelegte Gift gegen den ex-SU-Imperialismus symptomatisch zu bekämpfen, mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Ein neu ausgerichteter Iran wäre noch eine Option,die Barbarei in dieser Region aufzuhalten,mit Khatami und Achmadindjad ist das aber schwer möglich. Hier könnten aussenpolitisch Anknüpfungspunkte für die iranische Opposition zu suchen sein. Klar ist: Khatami muss weg, seine Schützlinge müssen entmachtet werden. Zunächst sehen wir das Blut nach Freiheit rufender Protestmenschen, wie der Machtkampf im vierten Quartal 2009 aussehen wird,kann man schwer einschätzen und die Basaris haben sich noch nicht entschlossen, wen sie unterstützen. Sie haben 1979 dem Schah mit ihrem Generalstreik das Genick gebrochen. Den Mullahs dürfte es nicht anders ergehen.

references:
Querfront für Ahmadinejad

Written by admin

June 26, 2009 at 3:44 pm

Posted in Berlin

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2 Responses

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  1. ja ………….. und freiheit!!!!!!!

    NEYDHART

    June 26, 2009 at 6:33 pm

  2. […] Tagged with Iran, Soli « Iran,Opposition,Lichterketten und Erkenntnis […]


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