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1968 in der DDR

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wolle traumDER TRAUM VON DER REVOLTE – Die DDR 1968 – Eine Zeit zwischen Aufbruch und Repression von Stefan Wolle wird besprochen bei New Dirk on the Blog.
Eine Lesung findet am Donnerstag, 27. März 2008, 19.30 Uhr, in der Volkshochschule der Hansestadt Rostock, Alter Markt 19, statt. Nähere Informationen unter Telefon 4977025.

Nach meinen doch eher gequälten Versuchen,bei Flori Haves “Havemännern” schlauer zu werden, ist der Text möglicherweise ein neuer Lichtblick zur Erhellung dieser Zeit – dem Verleger Christoph Links sei es gedankt – und wird dem heutigen Diskurs über 1968 Anno 2008 eine sinnvolle Ergänzung sein. Die Sicht der DDR-Jugend auf die Umbrüche in 1968 kommt einfach viel zu kurz. Ein 68-iger hat mir vor einiger Zeit berichtet,er habe in West-Berlin zu dieser Zeit sowohl für ein rotes Vietnam als auch für den Prager Frühling politisch geworben,das sei vor der Inbesitznahme der 68iger durch die K-Gruppen eine nicht unseltene Forderung gewesen.

Veranstaltungshinweis: Hoffnung, Protest, Resignation – Die Auswirkungen des „Prager Frühlings“ auf die DDR, merci an New Dirk on the Blog 😉

Bernd Eisenfeld spricht am Donnerstag, den 10. April 2008, um 19.30 Uhr im Schleswig-Holstein-Haus, Puschkinstraße 12, 19055 Schwerin, ein. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei.

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Written by admin

March 23, 2008 at 6:11 pm

Diskurs über 1968 Anno 2008

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Sie kommt langsam in Gang,die 68iger-Retrospektive. Einen Vorgeschmack bot letztes Jahr schon der heisse Herbst 1977 – ein Tummelplatz ekelhaftester, krimineller Personen wurde im Mediendjungel aufgetan. Nun hat sich „der Streit-Historiker“ Götz Aly mit seinem neuen Buch “Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück” in die Öffentlichkeit begeben, die Sache kommt langsam auf ihren Punkt. Ingo Way hat sich das Buch genauer vorgenommen:

Aly 1968“Will da etwa einer den Nationalsozialismus relativieren? Der Buchtitel Unser Kampf, bezogen auf die Studentenbewegung um das Jahr 1968, läßt darauf schließen. Denn immerhin waren es doch die 68er, die mit der bundesdeutschen Verdrängung der NS-Zeit Schluß gemacht und sich die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen auf ihre Fahnen geschrieben haben – und nebenbei der Bundesrepublik zur längst fälligen Liberalisierung und Demokratisierung verhalfen. So jedenfalls die gängige Meinung, die durch die in den vergangenen Jahren verschiedentlich geäußerte Kritik an Auswüchsen der 68er-Bewegung kaum ins Wanken gebracht worden ist.
Götz Aly, Historiker und ausgewiesener NS-Experte – 1968 selbst ein radikaler Linker –, bestreitet diese Deutung vehement. Seine These: Die Studentenbewegung war ein „Spätausläufer des Totalitarismus“, die linken Studenten verachteten Pluralismus und Demokratie und waren darin ihren Nazi-Eltern ähnlicher, als es ihnen lieb war; sie waren der Gewalt zugetan, fröhnten einer deutsch-romantischen Gemeinschaftsideologie und interessierten sich kein bißchen für die Aufarbeitung der NS-Zeit. „Faschismus“ war ihnen eine bloße Chiffre für gegenwärtige Zustände, die ihnen nicht behagten, und hatte nichts mit dem spezifisch deutschen Menschheitsverbrechen der Schoa zu tun. Folgerichtig glitten die Protagonisten in Antiamerikanismus und Antizionismus ab. Die Abwendung von Israel und den Juden war laut Aly Ausdruck der Schuldabwehr – der bundesdeutsche Staat hatte nämlich mit den Auschwitz- und weiteren NS-Prozessen seit Anfang der 60er-Jahre der deutschen Gesellschaft ihre Verbrechen vor Augen geführt. Die Scham über das Verhalten ihrer Eltern hätten die linken Studenten nicht ertragen und die deutsche Schuld in abstrakten marxistischen Kategorien aufgelöst und nebenbei – im Falle Israels – die Opfer zu Tätern umgedeutet.”[…]

Die vollständige Rezension von Ingo ist in der Jüdischen Allgemeinen vom 21. Februar erschienen. Eine geharnischte wie ausführliche Gegenrede zur Ehrenrettung des Linksradikalismus gibt es von Clemens Heni (mir bekannt über seine interessante Henning Eichberg Diss): 1968 war nicht 1933 – Eine Antwort auf Götz Aly.

68 hat vielerlei Facetten,neben der hegemonial gedeuteten Chiffre für die Modernisierung der BRD-Nachkriegsgesellschaft (auch wahrgenommen als Bürgerschreckniss mit Verve für Steinzeitkommunismus) steht 1968 für weite Teile der DDR-Dissidenz als der synonyme Inbegriff für den Prager-Frühling 1968 und dessen Niederschlagung durch die SU und das SED-Regime. Dieser Punkt wirkt heute noch in der Debatte über das Buch von Florian Havemann. Dies allerdings ganz anders, als es zu wünschen wäre: Auf den ehemals oppositionellen Code wird heute ein Anstands-Knigge aufgelegt,der jegliche Debatte über die DDR und ihr 1968 von der Wurzel her abwürgt. Ein später Sieg der SED und StaSi im demokratischen Blätter- und Meinungswald anno 2008. Flori Haves Ansatz, mit seiner assoziativen Brechstange an das Thema heranzugehen, ist dafür selbstverständlich auch mitverantwortlich: Familienpsychologische Introspektiven sind eben nicht immer direkt für den gesellschaftspolitischen Umgang benutzbar.

references:
Unser Kämpfchen
  von Damien 
“Unsere Ehre heißt Treue!”

Antonio Negri über 1968 in Italien
1968-Buch von Götz Aly scheint…
Der Krawallschwabe Götz Aly
Götz Aly rechnet weiter mit den 68er ab
Wir 68iger – Zettels Rückblick

Written by admin

February 22, 2008 at 11:59 pm

1968

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In der vereinigten Bundesrepublik scheint es nur eine Zählweise für dieses Datum zu geben.Es wird kaum über den Prager Frühling in 1968 nachgedacht, die Diskussionen in der DDR, die Stärkung der dissidenten Kultur bis zur Charta 77 erfährt kaum Erwähnung – aber der RAF-Mörderherbst 1977 erbrach sich letztes Jahr allenthalben und niveaulos über den Medienkonsumenten. Eine unerträgliche,negresque Veranstaltung muss das für Michael Buback gewesen sein.

Die höllischen Streitdebatten zwischen Havemann Senior und Junior in dieser 68iger-Zeit, die unter grosser Gefahr schnell übersetzen und mit Schreibmaschine abgetippten Texte der freiheitsliebenden Partisanen aus der CSSR, das brainwashing aus den Schreibstuben des ND und der JW. Die SED versuchte jegliche Soli mit den Aufständigen in der Tschechoslowakei zu unterbinden,das Getöse fand in der DDR meist in kleinen Zirkeln und in der Endstation-Bautzen statt.All diese Geschichten sind heute kaum eine Zeile wert.

In 2008 werden aber Dutschke nebst seiner Massenmörder-Ikonen,die Antisemiten aus der K1 und der allenthalben anzutreffende Antiamerikanismus des SDS abgefeiert.

Wenn eine Gesellschaft solche Habseligkeiten als Kulturgut verkaufen muss,dann ist das Glas schon längst halb leer.Und das liegt nicht nur an diesem rot-roten Senat,der sich in vorderster Front in Berlin für das Geschichtsinteresse der SED höchstmöglich vernuttet,wenn sein Finanzsenator nicht gerade eine peinliche Verhöhnungskampagne über Speisepläne von ALG-2 Beziehern fährt.

references:
68 buten un binnen

Written by admin

February 13, 2008 at 10:24 pm

Florian Havemann,

with 8 comments

der Sohn des DDR-Dissidenten Robert Havemann, hat sich mit dem SED-Regime schon 1968 wegen der Niederschlagung des Prager Frühlings, auseinandergelebt. Er war gerade einmal 16 jahre alt.

flori haveWegen seines jugendlichen Protestes gegen den Einmarsch der SU in Prag 1968 musste er in den Knast, Anfang der 70iger ist er in den Westen geflohen. Mit seiner Kritik sah er sich aber nicht nur mit der SED in Opposition, sondern auch sein Vater war im real Existierenden ideologisch soweit verhaftet,dass beide nach der Flucht kein Wort mehr miteinander wechselten. Und Wolf Biermann hat ihm zur Flucht auch noch das Schmählied “Flori Have” hinterher gerotzt – ein Unglückswunsch für den Westexilanten in Vinyl.

Nun hat eben dieser “Flori Have” sich die Biographie (und das Umfeld) seines Vaters selbst vorgelegt und ein Buch mit dem programmatischen Titel “HAVEMANN” geschrieben, der Roman wird vom Suhrkampverlag wie folgt beworben:

Havemann BuchcoverHeftig, wie ein Wintergewitter kommt Havemann über Berlin, über Deutschland, Ost- wie West-, So vieles ist umzudrehen und anzuzweifeln, zu enthüllen und aufzudecken, zu ergänzen und geradezurücken, so vieles zum ersten Mal zu erzählen, wenn die Geschichte der Familie Havemann über drei Generationen bis hinein in die unmittelbare Gegenwart ihres Autors dargestellt – oder wie Havemann sagt: „behauptet“ – werden soll.

Über die geteilte Stadt hat man uns viel erzählt: Ostberlin, den sowjetischen Sektor, die Hauptstadt der untergegangenen DDR, die in Anekdoten und Geschichten von offiziellen und inoffiziellen Mitarbeitern, Amtsträgern und Ausgewiesenen überlebt. Fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall jedoch ist Ostberlin, dieser Eigenkosmos mit Außenwirkung, noch immer ein Rätsel. Was geschah damals in Ostberlin wirklich, in der inzestuös übersichtlichen Enge, in der Kultur nicht ohne Politik, Abweichung nicht ohne Staatssicherheit, Loyalität nicht ohne Verrat zu haben waren? Druck und Herausforderung – wie haben sie Leben, Werk, Verhalten der Akteure bis heute geprägt? In welcher Wahrheit haben wir uns eingerichtet? Des Autors großer Bericht über Familie Havemann, Vater Robert, den bekanntesten Dissidenten der DDR, und das eigene Leben in Ostberlin und, ab 1971, in Westdeutschland – als junger Rebell, Künstler, Linker, Flüchtling, als Außenseiter mit Ambitionen, künstlerischen und politischen, und als Verfassungsrichter-wirft, ohne mit Hieben und Seitenhieben zu sparen, zahllose Einsichten und Antworten ab. Havemann erzählt, klärt auf und greift ein. Havemann provoziert.

Von Florian Havemann selbst gibt es folgende Familiechronik der Havemann- Männer:

»Alle kennen Havemann. Keiner kennt Havemann.

Der Großvater: Hans Havemann, Doktor der Philosophie, Gymnasiallehrer, Autor von Theaterstücken, philosophischen Büchern, Zeitungsredakteur, Feuilletonchef, dann Geologe, Arbeit in der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1933 Mitglied der NSDAP, dann 1946 der SED. Der Vater: Robert Havemann, Doktor der Philosophie, Naturwissenschaftler, Erfinder, Institutsdirektor, Professor, Autor, Widerstandskämpfer, durch die Nazis zum Tode verurteilt, Mitglied der SED, Abgeordneter der Volkskammer der DDR, Oppositioneller, Dissident, unter Hausarrest. Der Sohn: Florian Havemann, Maler, Komponist, Autor, Arbeit als Elektriker, Reinigungskraft, Bühnenbildstudium, 1968 in der DDR wegen staatsfeindlicher Hetze im Gefängnis, Flucht in den Westen, Verfassungsrichter im Lande Brandenburg, Kandidat der PDS für die Bundestagswahl 2002«

Die Nachzeichnung der Gesamtdeutschen Biographien wird immer undurchsichtiger, die Brüche der Biographien sind schon unter den Dissidenten schwer überschaubar. In welchem Zusammenhang steht die Arbeit von Florian Havemann für die PDS mit dem Rundumschlag gegen einen grossen Teil der Dissidenten-Subkultur der DDR – diese SED-Nachfolgerin ist ja nicht gerade berüchtigt für ihr Aufklärungsengagement begangenen Unrechts an den DDR-Bürgerrechtlern.

Ob Florian Havemanns Bruch mit seinem Vater über Prag-1968 wohl öfters in der DDR vorkam – ein Zeitzeuge ordnete diesen Konflikt mir gegenüber eher als Jugenkulturell bedingt ein.? Jedenfalls sollte Biermann sich zu dieser ganzen Causa einmal genauer erklären – wozu dieses Schmählied und was ist an den Mauscheleien mit Margot H. dran? – oder sind solche Sauereien mit dem Abschwören vom Marxismus gleich mit erledigt? Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dieser Umgang ist schlicht fies und gemein gewesen. Und das antiimperialistische Weltbild des Robert Havemann war auch alles andere als lauter oder realistisch, es war real im Mainstream des existierenden Sozialismus, aber den Reformern 1968 in Prag so in den Rücken zu fallen, das zeugt schon von festgezurrter ML-Ideologie.. Florian Havemann gibt der Öffentlichkeit neuen Zündstoff und die Erinnerungskultur wird um einen neuen Strang mehr bereichert, aber um alte Heilige entreichert. Der Text ist aber mehr als eine grantige Abrechnung mit grossen Teilen der DDR-Dissidenten, es geht auch um die Aufrollung der Wahrheiten, ohne Schnörkel und allzu viel verklärenden Idealismus – dies wird in diesem konkret-Interview deutlicher. Ein bon-mot passt möglicherweise auf diese ganze Angelegenheit: “Die grössten Kritiker der Elche waren früher selber welche!”

Und wie kommt eigentlich Katja Havemann mit so einem Text klar? Egal: LESEN !!

references:
Väter und Söhne – Nachtrag zu Havemann

Beitrag auf SecondLitart
Fazit von Holger Keller
Robert Havemann

Autobiografie von Florian Havemann
wikio zu wolf biermann/flori have
Wolf Biermann: Ein Kuss in meine Seele
Biermann: “Berlin zottelt an meinem Herzen”
Biermann und Berlin und Berliner Ehrensenf
Wolf Biermann ist 70

Written by admin

December 9, 2007 at 6:42 pm