Raumzeit

et Philolog

Archive for the ‘fröhliche Wissenschaft’ Category

Der Juni

leave a comment »

Der Mai verabschiedet sich mit Gewitter und Regen,die Frontstadt wirkt abgedunkelt,so stelle ich mir den Sommer in Finnland oder Island vor. Der Mai war aber auch angefüllt mit metaphysischen Themen: Ich habe mir angeschaut,wie christliche und säkulare Erinnerungsarbeit nach 60 Jahren Grundgesetz funktionieren,die 68er-Komponente habe ich durch den Schriftsteller Uwe Thimm auch noch mitbekommen.

Die Causa Kurras wird mich wohl noch eine Weile beschäftigen,genauso der Tod von Benno Ohnesorg. An Mythen in Tüten habe ich sowieso noch nie geglaubt, aber die Dekonstruktion der linksradikalen Märtyrergeschichte um Benno Ohnesorg erscheint mir interessant. Obwohl ich mir auch etwas unsicher über die  aktuelle Wikungsmächtigkeit von Benno bin,Che scheint immer noch  mehr für DIE LINKE zu rocken. Benno ist doch  eher was  für die Greise.

Die linke Libertinage in den 60er und 70er Jahren mit linksradikalen Grüppchen wie dem “2. Juni” (Benno Ohnesorgs Tod als aktive Verzweckung missbraucht) oder RAF scheint mir schon damals porös und wenig in der Bewegung verankert gewesen zu sein. Die Erfolgsgeschichte der GRÜNEN in der alten BRD  scheint mir der parlamentarische Beleg dafür zu sein – sie haben aber den pazifistischen Antiimperialismus in die postnazistischen Spiesserwohnzimmer gebracht. Die Spartakisten haben sich trotz grosszügiger Unterstützung aus dem Politbüro  nicht als Partei in Bund oder Ländern etablieren können. Im vereinigten Deutschland sieht das natürlich anders aus,die SED hat sich im Osten als dritte oder zweite Kraft eingerichtet, die SPD hat im Westen ihren linken Mitgliederflügel weitestgehend an die SED verloren. Daran ändern auch Müntes Heuschreckenkampa oder der aktuelle sozialdemokratische Verstaatlichungswahn wenig.

Zur EU-Parlamentswahl bin ich immer noch ein unentschlossener Geist, Frau “peinlich-“Koch-Mehrin zieht mich nicht gerade an die Wahlurne und die Berliner Kandidatin – eine Anwältin – ist ein völlig unbeschriebenes Blatt. Die CDU fährt meinen ehemaligen Bezirksbürgermeister Zeller an die EU-Wahlfront, der auch als CDU-Vorsitzender in Berlin keine schlechte Figur gemacht hat. Leider wurde er von seinen Berliner Kameraden abgewählt, als Bezirkstadtrat hat er aber einge sichtbare Bauprojekte auch für die Jugend mit voran gebracht. Ich mach einmal hier einen break.

ET

Wem die christliche Pfingstbotschaft zum glücklich sein nicht ausreicht,für den habe ich noch einen Tipp. Vor etwa 5 Jahren,ich sass mit Schrippe mal wieder im OBEROI zum jour-fixe. Dort hatte ich Kontakt mit einer Gruppe Astrophysiker,die im angemieteten Saal ihre Tagung ausklingen liessen. Sehr kauzige Leute. Einer berichtete mir von der wisenschaftlichen Suche nach extraterrestrischer Intelligenz,denn WIR SIND NICHT ALLEINE. Die Suche nach der Weltformel war mir bekannt,aber diese Astronomen konnten mich als Sci-Fi-Fan mit ihrer Idee ein wenig  anstecken.Ich wurde mit einem Projekt der SETIS-Liga bekannt gemacht und stellte Rechnerkapazität aus meinem Servernetz  zur Auswertung der Informationsflut aus dem Weltall  über Tage zur Verfügung. Es wurden zwar bis heute keine Ausserirdischen gesichtet,aber wie mit der Abwarterei auf eine liberale säkulare Gesellschaft ist das auch mit E.T.,die Hoffnung stirbt zuletzt.

Möge die Macht mit Euch sein 😉

PS: Zum Karneval der Kulturen gibt es noch eine Aktualisierung. Ich habe letztens von der postmodernen Variante der Völkerschauen berichtet. Aktuell scheint der Unterschied zur ethnologischen Gatterbegaffung aus dem letzten Jahrhundert darin zu bestehen,dass die Deutschen sich mit ins Gatter setzen,resp. mit den diversen Völkerrepräsentanten durch Berlin marschieren.Innen ist Aussen und Aussen ist Innen. Ganz toll.

Advertisements

Written by admin

May 31, 2009 at 10:03 pm

Variationen zur Freiheit,diesmal gesungen

with 5 comments

Ich stecke etwas fest in meinen Nachforschungen zur Ideenwelt des Liberalismus. Nicht nur,dass ich derzeitig keine Lust auf Bibliothekenaufenthalte habe,um mir die Scholastiker nebst Anhang  im Original einzupfeifen – die übesetzten Fragmente lassen leider mehr Fragen offen als Antworten zu. Und die Rezeption des Liberalismus im 20. Jahrhundert scheint mir verfrüht – marxologisch verseucht wie ich bin, muss ich das Ding vom Grunde her erschliessen,das Nachbeten von Kritik nach 500 Jahren (da sind wir ja alle schlauer)  nützen mir nicht viel….. . Ich warte also auf meine Eingebung.
Ich halte also inne,lenke mich mit Döblins Reisebschreibungen und Peter Janichs Taschenspielertricks des Konstruktivismus ab. Eben habe ich ‘mal beschlossen,ein rothaariges Starlet der Siebziger aus meinem allseits geliebten Italien zu Worte kommen zu lassen.
Es geht um einen Song, den die Dame Ende der 70ger in deutscher Sprache veröffentlichte.
Milva – Freiheit in meiner Sprache (1979) (Orig.: Canzone della liberta,1972)

Freiheit in meiner Sprache heißt Liberta!
Gibt es ein schön’res Wort als Liberta!
Doch nicht nur in Italien, überall wo Menschen leben
stehst DU an erster Stelle, Liberta!

DU bist in aller Munde, Liberta!
Alle woll’n doch im Grunde, Liberta!
Aber die Dich besitzen sind auf Dich sehr eifersüchtig,
woll’n Dich mit keinem teilen, Liberta!

Einige Menschen denken, Liberta!
Dich würde man verschenken, Liberta!
Und die es besser wissen, lassen sie in diesem Glauben,
denn sie sind gegen zuviel Liberta!

Scholastik und WiWi °

with 3 comments

Die Katholische Theologie des Mittelaters ist die Mutter der Geisteswissenschaften, das wird nicht gerne gehört,aber es ist so. Stefan Blankertz hat mich in der letzten Zeit  immer wieder mit der Nase auf den Kern dieser Tatsache gestossen. Letztes Jahr im August ist mir die Errettung der Scholastik des Institut für Wertewirtschaft aufgefallen, Gregor Hochleiter kümmerte sich um die Wertlehre der Spätscholastik. Um was geht es bei der Scholastik allgemein methodisch betrachtet?

Scholastik, abgeleitet vom lateinischen Adjektiv scholasticus („schulisch“, „zum Studium gehörig“), ist die wissenschaftliche Denkweise und Methode der Beweisführung, die in der lateinischsprachigen Gelehrtenwelt des Mittelalters entwickelt wurde.

Bei dieser Methode handelt es sich um ein von den logischen Schriften des Aristoteles ausgehendes Verfahren zur Klärung wissenschaftlicher Fragen mittels theoretischer Erwägungen. Dabei wird eine Behauptung untersucht, indem zuerst die für und die gegen sie sprechenden Argumente nacheinander dargelegt werden und dann eine Entscheidung über ihre Richtigkeit getroffen und begründet wird. Behauptungen werden widerlegt, indem sie entweder als unlogisch oder als Ergebnis einer begrifflichen Unklarheit erwiesen werden oder indem gezeigt wird, dass sie mit evidenten oder bereits bewiesenen Tatsachen unvereinbar sind.

Der heute bekannteste Teil der scholastischen Literatur handelt von theologischen Fragen. Die Scholastik war jedoch keineswegs auf theologische Themen und Ziele begrenzt, sondern umfasste die Gesamtheit des Wissenschaftsbetriebs. Die scholastische Methode wurde als die wissenschaftliche Vorgehensweise schlechthin betrachtet.

Als wirtschaftsliberale Urgesteine gelten gemeinhin die Theoretiker Smith,Ricardo, Say etc..  und einer ihrer geharnischten Kritiker war Karl Marx. Die wirtschaftsliberalen Urgesteine oder Klassiker konnten ihrerseits auf ökonomische Vorarbeiten der Spätscholastik zurückgreifen. Thomas E. Woods Jr  eröffnet in seinem ef-Artikel “Kirche und Wirtschaft: Der freie Markt und der katholische Glaube” im Rahmen der Papstdebatte diesen scholastischen Denkraum ökonomischer Überlegungen der Magister des Mittelalters, das forthin nicht mehr so dunkel scheinen möge, wie allgemein angenommen – sein Buch „Sternstunden statt dunkles Mittelalter“ hat nun einen Platz auf meine Leseliste. So wird die retrospektive Kette auch des ökonomischen Denkens immer länger und ich komme dem liberalen Denken wissenschaftsgeschichtlich eine beachtliche Wegstrecke näher.

PS: Wer grundsätzlich Lust zum philosohieren verspürt,kann sich aktuell bei Zettel zum lesen und disputieren einfinden.

° = Wirtschaftswissenschaft

references:

Leben im Mittelalter
Wurzeln des Liberalismus

Neues aus der “Recherche”

leave a comment »

Totgesagte leben doch länger. Ich mache Werbung für ein Holzmedium. Die “Zeitschrift Recherche” tritt mit ihrer vierten Ausgabe auf den Markt – das Konzept ist an die Rezeptionsgewohnheiten der virtuellen Welt angepasst worden. Käufer und Abonnenten der Papierausgabe haben einen Informationsvorsprung von etwa 8 Wochen, dann werden ausgewählte Texte der Öffentlichkeit ohne Geldumwege auch virtuell zugänglich gemacht.  Da die Themen aus dem Fundus der wissenschaftsgeschichtlichen Befindlichkeiten  relativ zeitlos sind, halte ich das für eine vertretbare Lösung, um auch breitere Leserschichten an den Debatten teilhaben zu lassen, die nicht nur den Elfenbeinturm Kopfrocken lassen. Wissenschaftliche Expertise gehört ja zur Entscheidungsfindung wie der Donut zum Kaffee in der Mittagspause. In der aktuellen Ausgabe sind mir folgende Themen als lohnenswert aufgefallen.

Oliver Geden stellt in seinem Essay “Strategischer Konsum statt nachhaltiger Politik” (auch in Transit, Heft 36) die Ohnmacht und Selbstüberschätzung des klimabwussten Verbrauchers zur Diskussion: ” Die Ökologiebewegung hat den kritischen Konsumenten mit Weltveränderungspotenzial stilisiert: “Kauf Dir eine bessere Welt” lautet der Slogan einer privilegierten Kundenschicht, deren politische Haltung zusehends zur Lifestyle-Attitüde verkommt. Zudem bleibt das ökologisch korrekte Konsumverhalten aufgrund der komplexen klimapolitischen Zusammenhänge weitgehend wirkungslos. Reale Durchschlagskraft haben nur die politisch verordneten Rahmenbedingungen.”
Der Brüller ist die Mindmap für kritische Konsumenten, Weltverbesserung als Wohlfühlprogramm:  Klick the pic to zoom!

mindmap-snip

Sigrid Weigel versucht in die Fussstapfen Walter Benjamins einzutreten. Ihre Kritik der Gewalt zwischen religiösem Fundamentalismus und Sakularisierung in der Monographie “Walter Benjamin. Das Heilige, die Kreatur und die Bilder” wird von Sandra Lehmann in der Buchrezension “Zeit der Hölle” nachgezeichnet.

Interessant ist auch der Zeitungsaufmacher. Dem Gerede über die Finanzkrise begegnet Margrit Kennedy mit ihrem Essay “Wer regiert das Geld? Nicht die Gier der Spekulanten,sondern ein Konstruktionsfehler des Geldsystems ist schuld an der Finanzkrise.” ( Text engl.)  Komplementärwährungen unterstützten Zentralbanken und Regierungen, die sich antizyklisch verhalten.Herkömmliche Banken verhalten sich prozyklisch. Man merkt, der Liberalismus ist auch bei Frau Kennedy nicht gerade beheimatet, aber sie macht die verbreitete Neid- und Gierkampagne nicht mit.

Die Themen des studentischen Frontstadt-Plaudertisches aus den Zeiten der Jahrtausendwende kommen nun auch in der “Zeitschrift Recherche” an. Gayatri Chakraworti Spivaks Grundlagentext ist mittlerweile in deutscher Sprache verlegt, “Can the subaltern speak – Postkolonialität und subalterne Artikulation”. Er wird von Elisabeth von Samsonow in “Differenz als Falle” unter die Lupe genommen.: “Innerhalb einer Logik, die Repräsentation für archaisch hält, treibt der theoretische Kult des Minoritären urbane Blüten – man kann für ethnisch Andere,  Frauen, Farbige, Primitive, Analphabeten, und Bauern sprechen, nein, man muss einfach.” Der deutsche Denk- und Publikationsraum ist eben immer noch etwas träge bei der Aufnahme internationaler Diskussionen. Ich habe Frau Spivaks Thesen erstmalig im Rahmen globalisierungskritischer Diskussionen der 90er vernommen, da waren ihre Haare noch dunkel und sie lehrte an US-amerikanischen Unis “postcolonial studies” und förderte in ihrer freien Zeit Frauenprojekte in Bengalen. Mittlerweile ist die Wissenschaftlerin und Praktikerin aus Indien auch etwas ergraut aber nicht minder tätig.

Wenn die jeweiligen Artikel online gestellt werden,kann ich die auch hier verlinken, die Texte von Geden und Kennedy sind bereits an anderer Stelle veröffentlicht worden. Studis aus dem deutschsprachigen Raum haben mir berichtet, die Zeitschrift wurde an Unis kostenlos ausgelegt gesichtet. Ich hoffe, etwas Interesse für diese Zeitschrift geweckt zu haben und wünsche viel Spass beim Kopfrocken!

references:
MMSenf zu O. Geden
Leben im Mittelalter

Der Zettelkasten

with 6 comments

Wissenserschliessung in einer digitalen Welt.

Kompagnon A5

Kompagnon A5

In der analogen Zeit habe ich mir Sachverhalte aus Bibliotheken und Archiven mit Hilfe von DIN-A-5  Notizbüchern (ähnlich diesem Kompangon), meiner Praktica-Kamera und Karteikästen aus Holz erschlossen – heute übernimmt das ein Subnotebook oder der Palm. Texte wurden handschriftlich vorbereitet, mit der Kugelkopf- oder später einer Typenrad-Schreibmaschine in die letzte Form gegossen, dafür gab es kompetente Schreibdienste – ich frage mich bis heute, wie die Leute  dort mein Gekrakel so fehlerfrei entziffern konnten. Kopierdienste oder -studios haben dann den Verfielfältigungrest erledigt. So war sie, die gute alte Zeit.

Mit Helga vom Tellstübchen (dort wird eben nicht nur hochprozentig konsumiert sondern auch gelegentlich vielversprechend nachgedacht oder zuletzt auch dem  Kabarettsternchen Wolfgang Neuss aus Charlottenburg  zum 85. gedacht)  hatte ich in den letzten Monaten öfters die Systemtheorie und Olle Niklas Luhmann – “die Welt ist über die Analyse von Kommunikation erschliessbar” –  in der Mache. Wir nahmen uns dazu  die eine oder andere Hermeneutik z.B. von Siggi Freud vor. Etwa zu gleicher Zeit hat Marco vom nerone-Blog eine schmale Anwendung – den  Zettelkasten (800kb) von Daniel Lüdecke aufgetan. Daniel hat Luhmanns Zettelkasten zur Anwendung  programmiert und freundlicherweise kostenlos  im Netz abgelegt.

Ich habe nun beschlossen, den Versuch systemtheoretischer, digitaler  Felderschliessung  mit Hilfe des Zettelkastens aufzunehmen. Premiere wird aller Voraussicht nach das Buffy-Thema werden. Ob aus mir – hermeneutisch verdorben bis zum jüngsten Tag – wohl auch noch ein Systemtheoretiker werden kann? Im Zweifelsfall wird es  eine Selbstbedienung im methodisch-technischen Steinbruch des Hildesheimers.

Luhmanns Zettelkasten

PS: (offtopic)  Nun meuchelt der Klima- und CO2-Wahn der EU auch noch das Andenken an Edison einfach dahin, das Siechtum der Glühbirne ist beschlossene Sache – sachliches zu Staatsraub und EU-Warentotalitarismus gibt’s bei Zettel. Ich aber sage: Der Krug geht solange zum Brunen, bis er bricht. Nimmst Du mir Glühbirne weg, mach’  ich Athen-Exarchia!

references:
Herr Paule zum Arbeitstechnikfetisch:Wissen unter Kontrolle

Idealisierungen der Genforschung – Teil 1

leave a comment »

Vorüberlegungen

“Das Buch des Lebens” , ein Text der Wissenschaftshistorikerin Lily E. Kay (1947-2000), erschien in 2000 bei  Stanford University Press als “Who wrote the Book of Life?“. Ein Jahr darauf gab der Carl Hanser Verlag die deutsche Ausgabe heraus. Seit Herbst 2008 liegt das Buch als Suhrkamp-TB (stw1746, 2005) bei mir auf dem Schreibtisch. Das Thema “genetischer Code” gehört nicht gerade zu meiner Alltagsbeschäftigung – wohl aber die wissenschaftshistorische Darstellung von Idealisierungsvorstellungen und die daraus resultierenden oder abgeleiteten Ideologeme. Hier wird wissenschaftliche Erkenntnis zum Spielball verschiedenster Interessen,die nicht unbedingt der Aufklärung zuträglich sein müssen.

Who Wrote the Book of Life?

A History of the Genetic Code

Lily E. Kay

2000

Buy this book

Im Leistungskurs Bio machte ich botanisch-genetische Reihenversuche mit Hilfe der Elektrophorese – mit deren Befassung ich fast versucht war, Biologe zu werden,ich änderte aber meine fachlichen Pläne. Die Faszination,der Grundbauplan des Lebens basiere auf nur vier Basen,die lediglich durch ihre paarweise Anordnung Amöben, schwarze Rosen oder den Menschen hervorbringen,lag tief: Könnte man auf diesem Wege “dem Wesen,dass so viele Menschen verehren”, nun endgültig in die Karten schauen? Oder wäre die neue genetische Annahme sogar der Gegenbeweis zum theistischen Weltbild? Als junger Mensch stellt man sich wohl solche holistischen Fragen,auf die es kaum befriedigende Antworten geben kann.

In der Umweltbewegung der Achtziger gab es viele Aktivisten,die der Gentechnik feindselig gegenüber standen – analog zu AKW- und sonstigen Technik-Themen.

In den Neunzigern kam mir das Thema der ökonomischen Nutzung der Genetik – nun als ausgereiftes Konstrukt von der Biotechnologie – als Patentdebatte auf genetische Baupläne (auch die des Menschen) wieder entgegen – Umweltschützer zerstörten angeblich symbolisch Genmaisfelder, weil ein veränderter Genpool einer Spezies unkontrollierbare Folgen für die (genetisch unveränderte) Umwelt in sich berge. Ich liess mich derweil  in einem Biolabor von einer weissen Maus mit einem menschlichen Ohr auf dem Rücken als Ersatzteillager  begeistern. Das Thema ist also keineswegs nur für den Elfenbeinturm interessant, eine Befassung damit erleichtert auch politische Entscheidungen von höchstem Rang.

Lily E. Kay interessiert sich für die wissenschaftshistorischen Entwicklungen des genetischen Codes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, genauer von 1953-67. In dieser Zeitspanne wurden  grosse Erkenntnissprünge in der Genetik erzielt, 1953 wurde die Doppelhelix von Watson/Crick entdeckt- später wurde den Genforschern auch Nobelpreise  für ihre Entdeckungen zugesprochen.

Mit der industriellen Anwendung genetischer Erkenntnisse in weiten Bereichen der Verfahrenstechnologien konnte und kann viel Geld verdient werden: Pharmafirmen, Lebensmittelkonzerne und Medizintechnik profitieren von den Grundlagenforschungen genetisch forschender Unifachbereiche, es werden privatwirtschaftlich orientierte Unternehmen aus den Unis heraus gegründet,um Ideen zur Marktreife weiter zu entwickeln. Der ökonomische Zweck von Grundlagenforschung – inclusive seiner Grenzen – ist am Beispiel der Genetik und Gentechnik auf das Beste zu studieren. Mittlerweile wird der Zweig der Biotechnologien auch von einem illustren Haufen von Fachleuten publizistisch begleitet – für jedes (Gesinnungs-) Tierchen gibt es dort sicher ein zu rezipierendes  Plaisirchen.

Die Kernthese von Lily E. Kay:

… Der genetische Code ist ein “Epochenstück”, ein Anzeichen für das Auftauchen des Informationszeitalters. Meine These besagt, daß Molekularbiologen “Information” als eine Metapher für biologische Spezifität verwendeten. Allerdings ist “Information” die Metapher einer Metapher und somit ein Signifikant ohne Referent, eine Katachrese. Als solche wurde sie zu einer unerschöpflichen Quelle für die wissenschaftlichen Vorstellungswelten vom genetischen Code als Informationssystem und Buch des Lebens. Informationsdiskurs und Schriftrepräsentationen des Lebens wurden unentwirrbar verknüpft. …

Im zweiten Teil werden die Ideen von Frau Kay exemplarisch dargestellt.

UPDATE Jänner 2009: Es wird keinen 2. Teil geben. Der Text gibt einen breiten Überblick über den wissenschaftlichen Erkenntnisraum der fünfziger/sechziger Jahre. Es wird auch deutlich, in wie weit unterschiedliche Erzähltraditionen in den Geistes- und Naturwissenschaften Missverständnsse bedingen. Letztendlich bleibt der Text aber im literaturwissenschaftlichen Narrativ hängen. Dann lese ich ehrlich gesagt lieber Texte der Philosophin Sybille Krämer (-Friedrich), sie lebt wenigstens noch und ich kann sie im Zweifelsfall auch befragen.

kurz notiert

leave a comment »

  1. Warum Rasse keine gesellschaftliche Konstruktion ist,erklärt Walter Benn Michaels, der gegenwärtig als Literaturwissenschaftler an der University of Illinois/Chicago tätig ist, in der aktuellen Inselzeitung – deren Name für linksdeutsche Bauchpolitiker alleine schon den Inbegriff des Reiches des Bösen darstellt.
  2. Zusammenfassung: Tagung Bildungsfreiheit Oltober 2008 in Berlin
  3. Kleiner Geschichtsunterricht für Kapitalismuskritiker von
  4. Leser-Poll: Der witzigste Film seit Menschengedenken kann bei Gideon gewählt werden.
  5. Internetsucht in China: Internet addiction made an official disorder in China
  6. Eine wirklich wirkliche Rolex: Philipp Blom über Richard Rorty
  7. Historikerstreit auf  Zypern,Erzbischof haut auf die Kacke
  8. wordpress october wrap-up

Written by admin

November 13, 2008 at 9:03 pm