Raumzeit

et Philolog

Archive for the ‘Psychologie’ Category

Notizen zum Bergfest

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Die Woche ist fast zur Hälfte bewältigt. Angefüllt mit theoretischen Höhenflügen aus der Theorie der Sozialpsychiatrie bei Klaus Dörner letzte Woche, mit mir ganz neuen Einblicken in die libertären Sichtweisen und den Anarchokapitalismus mit Stefan Blankertz – einige Grundüberlegungen über den Staat aus den Schriften von Kalle Marx waren dabei nicht einmal hinderlich, neue Autoren sind auf meiner Leseliste gelandet – neigt sich der Oktober dem Ende zu und der Winter nähert sich unvermeidlich.

Während ich mich so durch diverse  Tunnel grabe, scheint der Mc Cain dem Obama wahltechnisch zu unterliegen – es gab in der Vergangenheit schon weit schlechtere Alternativen zur Besetzung des höchsten Amtes in den USA.

Die Wiener Uni scheint der Columbia-Uni in NYC nacheifern zu wollen: Präsi Matschdattel konnte man in der Josefstadt nicht gewinnen, aber Khatami spricht vor der zukünftigen Elite Österreichs und spuckt iranischen Exilanten und der iranischen Opposition mit westlicher, intellektueller Rückendeckung offensiv in die Fresse, offiziell heisst das dann Dialog —> UPDATE: Die Freiburger Uni-Oberen sind nicht weniger plemplem, Senor Daffy berichtet aus Freiburg eine vergleichbare Räuberpistole, das iranische Mullahregime rennt – nicht nur – an westlichen Unis offene Türen ein.

Das Finanzkrisen-Rettungspaket der Bundesregierung scheint vornehmlich für staatlich gelenkte Geldinstitute (Landesbanken) als Schwimmreifen im regulierten Haifischbecken der  Hochfinanz zu dienen.

Der November verspricht einige interessante Highlights: Am 4.11. hat der Souverän der USA das letzte Wort, Helga richtet am 15.11. in Kreuzberg wieder einen polnischen Abend mit interessanter Musik und Getränken aus. In der Blogwelt habe ich einen neuen Spezialisten für Abbruchmaschinen entdeckt:Der Robotic Blog gibt Einblicke in diese hier in Berlin allenthalben anzutreffende Techniksparte.

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October 29, 2008 at 12:23 pm

Blick in den Eso-Sumpf

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Martin M. denkt wiederholt sehr lesenswert auf seinem Blog über Magie nach. Bei ihm bin auch auf zwei Texte von Hans Schmid über Aleister Crowley gestossen – dessen berühntestes Überbleibsel ein nach ihm benanntes Tarotkartenspiel sein dürfte. Für mich als Beauftragter für die “Gralshüter ewiger Wahrheiten” steckt noch mehr hinter dieser Crowley-Figur: Eine  Sehnucht nach modenen Erlöser- oder Jesusfiguren (und deren Gegenspieler) fördert(e) nämlich so einige Talente zu Tage – z.B. diesen “Schwarzmagier” Crowley samt seiner Epigonen.

Der böseste Mann von der Welt: Aleister Crowley und die Schrecken der Magie

  1. Geheime Meister, Scarlet Women und die Goldene Dämmerung – Crowley wird Magier
  2. Vom Religionsgründer zum Bürgerschreck

Written by admin

October 10, 2008 at 12:02 am

Günther

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Rohrmoser ist tot. Zum Glück ist das Leben endlich, sonst würden solch homophobe Mumien ja ewig leben und ihrer geistigen Nachgeburt nie Platz machen. Das Verschwinden des Herr R. vom Erdball ist bis heute nicht einmal P.I. eine Note wert und Adrian zieht sich auch nicht gerade einen Trauerflor an. Möglicherweise weinen aber die Weikersheimer, das Mullahregime im Iran, Putins Russland, Peter Glotz im Himmel oder die NPD dem konservativen Intellektuellen eine Träne nach – bin da jetzt zu eilig, um das zu recherchieren.
Apropos Homophobie:
In Berlin wird am Sonnabend in aller Herrgottsfrühe speziell die psychiatrische- resp. die psychoanalytische  Variante in der Charité (PDF-Flyer) durchgekaut  (INFO) .

references:
Mitscherlich zum 100.Alexander Mitscherlich und die Moral … “Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft” Radiostream 1969

Psychiatrie,Antipsychiatrie und die radikale Linke

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marxengelsIn den Hoch-Zeiten linksradikaler Bewegungen wurde fast alles zum kritikablen Gegenstand: Die Familie,die Ehe,überhaupt Institutionen wurden vor allem als Ausprägungen des Kapitalverhältnisses unter Staatsherrschaft beschrieben und in der Regel zum Teufel gewünscht – in Utopia würden sich die ganzen Probleme und Konflikte schon lösen lassen,das Paradies des Kommunismus wurde als erhabene Gesamtlösung herbei phantasiert und einige Kilometer an Schrifttum wurden in diesem Sinne auch produziert.

haldolAnno 2008 kümmern sich einige Protagonisten der neuen Linken wiederum um die Institution der Psychiatrie,sie ist nun – knapp 9 Jahre nach dem Foucault Tribunal 1999 in Berlin – wieder an der Reihe. Ob die heutigen Erzähler etwas vom Fach der Psychiatrie verstehen,kann ich noch nicht beurteilen,denn der vorgenommene Gegenstand wird anhand linker Bewegungsrealitäten aufgedröselt. Solitäres Konkretum ist die Antipsychiatriebewegung der 70iger und 80igerJahre,als Projekte in Deutschland werden das Sozialistische Patientenkollektiv aus Heideberg – ein ekelhafter Antiimp-Haufen – und die IrrenOffensive aus Berlin – ein aus dem Autonomenkonzept entwickelter Betroffenenkreis – theoriegeschichtlich und konzeptionell aufgearbeitet. Waiting gibt mit dem Beitrag: Theorie gegen den Psycho-Knast schon einen ersten Blick auf die Stossrichtung der Kritik frei.

In diesem Beitrag habe ich einige allgemeinere Infos zum Themenkreis Psychiatrie schlaglichtartig aus meinen Blogs zusammen geführt. Praktische Hilfen für irre Menschen in Krisen bieten im Rahmen der Antipsychiatrie die “Villa Stöckle” (das Weglaufhaus) in Berlin und in Saarbrücken ein antipsychiatrisches Tageszentrum, das vor zwei Jahren seine Pforten geöffnet hat. Ohne Staatsknete funktionieren übrigens beide Projekte nicht,sie sind eine sehr schmale Ergänzung des eher standardisierten psychosozialen Angebots der als wissenschaftliche Disziplin bereits abgewickelten Sozialpsychiatrie,resp. zur heutigen Gemeindepsychiatrie.

Auf der HP der Kinzig 9 wird die Veranstaltung wie folgt vorgestellt:

12.März 20:00 Größenwahn
Einführung in die Antipsychiatrische Theorie

Die ursprünglich aus der Linken und radikalen Linken formulierte Kritik an
der am Rand der Gesellschaft operierenden Institution Psychiatrie ist mit
dem Beginn der Psychiatriereformation in den 70er Jahren zum erliegen
gekommen. Eine Zusammenarbeit mit der radikalen Linken ist seitdem in der
Neuen Antipsychiatrischen Bewegung nicht mehr erfolgt und auch nicht mehr
bewusst angesteuert worden. Die Neue Antipsychiatrische Bewegung besteht
aus Psychiatriebetroffenen und nicht mehr aus ProfessorenInnen oder
PsychiaterInnen. Bei Selbstzufriedenheit, Defensivkämpfen und
einzelnen Erfolgen ist die Antipsychiatrische Bewegung zum Stillstand
gekommen. Wie bei einigen anderen der aus der Außerparlamentarischen
Opposition hervorgegangenen, partikular arbeitenden Gruppen wurde
auch in der Antipsychiatrischen Bewegung vergessen, sich in Bezug zu
Kapitalismusanalyse zu setzen. Scheinbar befreit vom Kontext wird vor sich
hin gewerkelt.
Im Vortrag sollen die Theorien der Antipsychiatrie einführend vorgestellt
werden. Wichtige Theoretiker, wie Cooper, Laing, Basaglia und Szasz werden
mit ihren Theorien besprochen und der der Psychiatrie innewohnende Bezug
zum Kapitalismus aufgedeckt. Aktuelle Antipsychiatrische Institutionen und
Bewegungen werden erwähnt. Ziel soll das Aufzeigen von
Anknüpfungspunkten der Antipsychiatrie zur radikalen Linken sein.
Der Referent David Wichera arbeitet seit 2 1/2 Jahren im Weglaufhaus „Villa
Stöckle“, der einzigen antipsychiatrischen Einrichtung in Deutschland. Er
ist dort im selbstverwalteten Team als studentisch Beschäftigter tätig mit
besonderem Schwerpunkt auf Öffentlichkeitsarbeit.

Ob die aktuellen Streitdiskussionen des Psychiaters Volkmar Aderhold aus Greifswald über die Unsinnigkeit/Schädlichkeit von Psychopharmakotherapie innerhalb der Psychiatrie von den Linken aufgreifbar sein werden? Auf die Idee,dass psychiatrische Einrichtungen auch überlebenswichtige Hilfen anbieten,wird dort wohl niemand kommen. Stattdessen wird ein Opfermythos “Psychiatriepatient” bedient,der in der Forderung auf ein Recht auf irre-Sein mündet. Auf diesen Anspruch hat die Psychiaterin Isabella Heuser aus Berlin mit einem zackigen Statement gekontert: “Ein Recht auf Psychose wäre wie ein Recht auf Krebs!

Wer den linken Diskurs über die Psychiatrie/Antipsychiatrie live verfolgen möchte,kann sich am Mi 12. März in Berlin in der K9 ein Bild machen. Weitere Termine: 5. märz bei MAD in köln, 6. märz in freiburg, kts, 7.märz in frankfurt am main, theoriepraxislokal im IVI, 19.30uhr.

references:

  1. Kontinuitäten der (Zwangs-)Psychiatrie, von Alice Halmi 2008
  2. Zwangsregime:Psychiatrie,geschlossene Anstalt,Forensik
  3. Neue Antipsychiatrie vs. Alte Antipsychiatrie.
  4. schokolade sieht die ganze sache nicht so pessimistisch
  5. Dissi war in der K9: einführung in die antipsychiatrie psychose neuer LINK
  6. Scheckkartenpunk
  7. Weglaufhaus Saar – Praktikumsbericht Villa Stöckle

Written by admin

March 6, 2008 at 9:07 pm

Extremismus und Freiheit – Abdelwahab Meddeb

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Europa und Islam Abdelwahab MeddebM. Abdelwahab Meddeb (* 1946 in Tunis) , ist ein französischer Autor, Literaturwissenschaftler (Europe/Islam, Francophonies) und muslimischer Islamkritiker tunesischer Herkunft.

Er lebt und forscht in Paris-Nanterre. Sein 2006 in Frankreich veröffentlichtes Buch “Contre-prêches. Chroniques” eröffnete in Frankreich eine Streitdebatte über den Islam, nun ist es innerhalb kurzer Zeit in 2007 beim deutschen Wunderhorn-Verlag unter demTitel “Zwischen Europa und Islam – 115 Gegenpredigten” erschienen.

Der Verlag bewirbt das Buch wie folgt:

»Wir legen in diesem Buch Wert auf Ausdrucksformen des Islams, die nicht die Norm, sondern die Abweichung darstellen« so beginnt Meddeb sein Buch. Seine Gegenpredigten, die alles andere sein wollen als »Predigten«, entwickelte er aus Rundfunkbeiträgen, die der streitbare Romancier und Philosoph zwischen 2003 und 2006 für Radio Méditerranée in Tanger verfasste. Meddeb sieht das Religiöse im Alltag, er entschleiert Mythen, geht die Tabus an. Fasziniert folgt der Leser diesen ebenso aufschlußreichen wie spannenden Stücken, die Kultur, Lebenskunst und Politik vereinen zu dem Mosaik einer Weltreligion, die ihre befreienden Potenzen noch nicht wirklich entdeckt zu haben scheint. Exzellent übersetzt von dem Paul-Celan-Preisträger Rainer G. Schmidt.

Meddeb wird in den deutschsprachigen Zeitungen als Protagonist eines offenen, humanistischen und selbstkritschen Islam zitiert. Arno Widmann hat das neue Buch kürzlich in der FR rezensiert und er zitiert Meddeb am Beispiel des Exzess, das ist der Begriff – “ghulw” im Arabischen, mit folgenden politischen Erkenntnissen:

(…) – “ghulw” -, mit dem die Saudis den islamistischen Extremismus kritisieren. Es sind drei Seiten, auf denen Meddeb klarmacht, dass es falsch ist, den Extremisten ihren Extremismus zum Vorwurf zu machen. “Der Krieg findet nicht zwischen Übermaß und Klugheit statt. Er findet zwischen der wortwörtlichen Auslegung auf der einen Seite statt und der Freiheit auf der anderen Seite, welche die Bedeutung schwanken lässt. In der Anstrengung der Interpretation können der Exzess, die Maßlosigkeit, das Wort sogar von dem Sinn befreien, der es einschränkt. Um die Radikalen besiegen zu können, muss man die vorderste Linie der Freiheit neu beleben.” Dazu sind die Saudis nicht nur nicht bereit. Dazu sind sie nicht in der Lage. (…)

Den Islamismus schätzt Meddeb als psychopathologisches Phänomen ein,wenn er schreibt:

… “Bei den Islamisten erleben wir eine obszöne Regression: der Mensch tritt wieder an die Stelle des Tiers. Das Symbolische und das Imaginäre werden im Wirklichen verwirklicht, nicht als solche, sondern indem sie selbst im Wirklichen aufgehen. Dieses Vorgehen entspricht der Definition des Wahnsinns im klinischen Sinne.” …

Es handelt sich also um einen jener Muslime, der westliche Denkweisen mit einer muslimischen Verbinden will und kann. Und solche Autoren gibt es wahrlich zu wenige. An M. Abdelwahab Meddebs Literatur sollten interessierte Zeitgenossen nicht achtlos vorbeigehen, er ist ein Mensch des Dialogs.

references:
Extremismus und Freiheit

Maître de Conférences habilité en Littérature comparée (Europe/Islam, Francophonies)
Département de lettres modernes,
Université Paris X Nanterre.

Lebensberatung via postcolonial studies

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Isolde Charim unterhält sich mit dem Identitätsforscher Homi K. Bhabha ( Harvard University , CU) über die Bedingungen, unter denen Menschen verschiedener Herkunft erfolgreich zusammenleben können. via anaximander

“Die Leute wollen teilnehmen”

Assimilation ist keine Einbahnstraße, sagt der Theoretiker Homi K. Bhabha. Das britische Empire habe an einem Ort Staatsbürger und am anderen koloniale Subjekte (i.e. kolonisierte Untertanen, anmerkende Beckmesserei von Zettel) hervorgebracht. Dies zu überwinden brauche Zeit und die Anstrengung aller

INTERVIEW ISOLDE CHARIM

taz: Herr Bhabha, Sie gelten als Vordenker der kulturellen Hybridität. Ist es ein Erfolg für Sie, dass das überwiegend englische Publikum bei einer Podiumsdiskussion mit Ihnen, Stuart Hall (wiki.en) und Salman Rushdie vehement sein Englischsein bestritt und auf seiner kulturellen Vermischung bestand?

Homi Bhabha: Es ist ein großer Erfolg, wenn man es vom Alltagsleben, von der Alltagskultur aus betrachtet. In vielen Ländern Europas einschließlich England findet man im täglichen Leben einen hohen Grad an Austausch und Zirkulation von unterschiedlichen Kulturen, die an einer gemeinsamen öffentlichen Sphäre teilnehmen. Zur gleichen Zeit haben wir jedoch einen anderen Geist, den diese Art der Hybridisierung verängstigt. Er versucht, diese kontinuierlich einzuschränken. Er tut dies in regionalen, in nationalen oder im schlimmsten Fall in rassistischen Kategorien. Und wir müssen inmitten dieses Widerspruchs, dieses Konflikts leben. Wenn Sie also von einem Erfolg reden, dann muss man beide Seiten in Betracht ziehen.

Trifft dies nur auf entwickelte Länder zu?

In Indien etwa gibt es dieselbe Auseinandersetzung. Auf der einen Seite haben wir eine Liberalisierung des indischen Markts. Viele Menschen kommen aus der ganzen Welt, um Geschäfte in Indien zu machen, um sich in Indien niederzulassen. Hewlett Packard hat einen ganzen Forschungs- und Entwicklungszweig in Indien etabliert. Es gibt eine sehr hybridisierte Kultur mit allem, was dazugehört – Weltmusik, Klubs, internationale Küche. Gleichzeitig gibt es regionalistische und hindufundamentalistische Parteien. Wir leben in einer seltsamen Periode des Übergangs, in einem anhaltenden Konflikt zwischen Kräften der Hybridisierung und Kräften der Homogenisierung.

Beschreibt Ihr Konzept der Hybridität die Identität von Minoritäten, oder beschreibt es die Funktionsweise moderner Gesellschaften?

Es beschreibt sicherlich beides, insofern die moderne Gesellschaft eine Gesellschaft ist, die durch die Erfahrungen der Minoritäten tief gehend beeinflusst und erschüttert wurde. Wir denken bei Minoritäten an Migranten oder an Flüchtlinge, die kamen, um sich innerhalb westlicher Länder niederzulassen. Aber es gibt eine andere Art der Minoritäten. In der Periode des Empires, die auch die Periode des Aufkommens der Moderne war, wurden in manchen Ländern die Begriffe der Nation, der nationalen Kultur, der Individualrechte, der Staatsbürgerschaft formuliert. Das war genau dieselbe Zeit, als genau dieselben Länder sich in Asien, in Afrika, in Südasien in der Etablierung von Kolonien verstrickten. An einem Ort brachten sie Staatsbürger hervor, und an einem anderen Ort koloniale Subjekte (i.e. kolonisierte Untertanen,anmerkende Beckmesserei von Zettel) . Wenn wir also von Minoritäten sprechen, müssen wir an diese Doppelnatur, diese doppelte Identität der Moderne denken. Das Thema der Minorität und das Thema der Moderne gehen Hand in Hand.

Wir hören hierzulande immer wieder die politische Forderung nach Assimilation der Migranten. Zeigt nicht Ihr Begriff der Mimikry (Biol.) – die Anpassung stellt nicht ganz gleiche, sondern nur ähnliche Subjekte her -, dass Assimilierung zu einem Bumerang werden und sich in Subversion verwandeln kann?

Ja natürlich! Wenn zwei verschiedene Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt erfolgreich zusammenleben wollen, dann wird es immer Aneignung und Entfremdung gleichzeitig geben. Denn man kann den Leuten nicht formale Rechte geben, ohne dass diese Leute, die von anderswo herkommen und sich diesem Land nun zugehörig fühlen, die ihre Steuern zahlen, die Ärzte oder Lehrer sind, diese Kultur auch gestalten wollen. Assimilierung ist keine Einbahnstraße. Es ist eine mehrspurige Autobahn.

die noch dazu in verschiedene Richtungen führt.

Ja, und das macht es nicht einfach. Es macht es kompliziert. Die Leute denken, dass der politische Zugang ausreichend sei. Aber die politische Sprache ist eine sehr spezifische. Sie ist sehr stark ausgerichtet auf das Funktionieren des Staates und der Regierung, aber der politische Diskurs hat den wichtigsten Bereich der Assimilation nicht erreicht. Er beschäftigt sich nicht mit dem komplizierten Sachverhalt, wie Kulturen einander übersetzen und einander verändern, er beschäftigt sich nicht mit der emotionalen und affektiven Reaktion der Leute auf die Migration. Die Leute fühlen sich geschreckt, die Leute fühlen sich gedemütigt. Und all diese politischen Emotionen – denn es sind politische Emotionen – sind sehr selten Teil des politischen Diskurses.

In Ihrem Konzept erscheint Diaspora meist als Widerstand. Benedict Anderson hingegen hat im Rahmen dieser Reihe den spezifischen Long-Distance-Nationalismus der Diaspora betont. Ist dieser nicht eine Abwehr der Hybridität seitens der Diaspora?

Mein Begriff des Widerstands beginnt bei der reinen Verwendung, denn Leute wollen nicht nur verwendet werden, sie wollen auch teilnehmen. Die andere Seite des Widerstands ist Teilnahme. Aber sobald sie das versuchen, hören sie sofort: Geht dorthin zurück, wo ihr hergekommen seid. Was meinen Sie genau mit Long-Distance-Nationalismus?

Dass Leute, die in der Diaspora leben, oft viel nationalistischer sind als die Leute in den Heimatländern. Die Diaspora-Situation befördert nicht nur eine hybride Identität, sondern auch deren genaues Gegenteil.

Das stimmt. Aber wir müssen hier zwei Aspekte unterscheiden. Zunächst einmal einen positiven: Sie haben einen Teil ihrer Familie in Indien oder anderswo, und selbst wenn sie zweite oder sogar dritte Generation sind, haben sie Bindungen, kulturelle Bindungen, Erinnerungen – der Bezug zum Herkunftsland ist ein Bezug durch die Erinnerung, selbst wenn es das Land ihrer Eltern ist, selbst wenn sie es nicht selbst erlebt haben. Damit ist man Teil eines neuen Weltbürgertums.

Aber es gibt Zeiten, wo dieses neue Weltbürgertum sich zu einem neuen Nationalismus verhärten kann. Dafür kann es viele Gründe geben. Einer der Gründe mag sein: Je weniger man sich dem Land, in das man emigriert ist, zugehörig fühlt, desto mehr versucht man, aus der Distanz, aus der langen Distanz, sich selbst eine Identität zu geben, die auf das Land der Herkunft fokussiert ist. Es handelt sich also oft um eine Kompensation des Gefühls der Entfremdung, der Nichtzugehörigkeit zu dem Land ihrer Migration. Das ist nicht einfach ein Long-Distance-Nationalismus. Das ist nur der Name für einen sehr komplexen Prozess einer gespaltenen Zugehörigkeit. Wenn man eine Spaltung in der Zugehörigkeit hat, bedeutet das eine Unsicherheit. Das kann zu einer obsessiven Bindung an eine Seite der Spaltung führen.

Haben die Ereignisse von 9/11 die Theorie der Hybridität erschüttert

Es gab damals viele Angriffe auf den Postkolonialismus – etwa seitens der Vertreter eines Kampfs der Kulturen. In meiner Sicht stellt aber 9/11 eine Gelegenheit dar, mehr über kulturelle Übersetzung und kulturelle Hybridisierung nachzudenken. Alle Leute, die in 9/11 verstrickt waren, ob als Täter oder als Unterstützer, waren an eine Reihe von kulturellen Überzeugungen gebunden. Manche von ihnen waren sehr religiös in einem traditionellen Sinn, gleichzeitig waren sie sehr erfahren in moderner Technologie und einer modernen Denkweise. Viele von ihnen haben lange in westlichen Gesellschaften gelebt oder wurden hier geboren und ausgebildet. Kulturelle Hybridisierung, egal welchen Grades, ist also Teil der Kultur der Welt. Die Herausforderung ist nun, darüber nachzudenken, unter welchen Umständen die Kombination kultureller Perspektiven kreativ oder aber destruktiv macht. Das ist die wahre Frage.

© taz Entwicklungs GmbH & Co. Medien KG, Vervielfältigung

references:
Postkolonialismus als Ideologie
via TA-Forum
STREIT UM ANGEBLICHEN GHETTOISIERUNGSPLAN
Intellektuelle Seilschaften: E. Said
Postkoloniale „Feministen“ und ihre ›Liaison dangereuse‹ mit dem Islam

Horst-Eberhard Richter, …

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einer der massgeblichen Stichwortgeber der modernen, psychoanalytischen Familientherapie seit den 60iger Jahren in D-Land,meldet sich auch aus dem Ruhestand immer wieder zu Wort. Ich habe Horst-Eberhard Richter zuletzt vor ein paar Jahren auf einem ATTAC-Kongress in Berlin wieder getroffen, er wollte wohl diese neue soziale Bewegung in seinem Sinn unterstützen. Für mich war es eine Reminiszenz an die 80iger. Als einen gestandenen Individualisten in der linken Friedensbewegung habe ich ihn eigentlich immer wahrgenommen, seine Kriegsberichte hatten aber immer etwas von “nicht anders können- Mechanik” und unterschieden sich kaum von den Betrachtungen aus der Masse der NS-Tätergeneration. Nun hat sich nichtidentisches ein taz-Interview mit dem Psychoanalytiker vorgenommen,es geht um die Reinszenierung eines um die 20 Jahre alten Soldaten in der NS-Wehrmacht und seine heutigen rhetorischen Mittel, den Soldatenstatus garnicht mehr individualistisch sondern friedensbewegt-antiwestlich zu stilisieren: Horst-Eberhard Richter zwischen Mord und Krieg… Flakhelfer des Islamofaschismus.

PS: Und Wolfgang Benz von der TU-B kommt auch immer beschissener drauf. Na ja, die Emeritierung lässt ja auch nicht mehr lange auf sich warten – “Wolfgang Benz und die deutsche Wissenschaft”

references:
“Das geht ziemlich tief rein”

Written by admin

November 9, 2007 at 3:45 pm