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Archive for the ‘Sozialpsychologie’ Category

Sommerlektüren

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Überbleibsel linker Intellektualitäten

QRT Tekknolo Über einen Ttwitterbeitrag wurde ich auf den Konstanzer Autor Konradin Leiner aka QRT (1965-1996) aufmerksam gemacht – QRT wurde im besagten Tweet als protofaschistischer Autor von “Zombologie” vorgestellt, seine Texte werden im Berliner Merve-Verlag in der Nachbarschaft von Foucault, Deleuze, Negri, Baudrillard, Luhmann und Cy Twombly veröffentlicht.  Zur Zeit lese ich Tekknologic. Zombologie hängt noch in der sommerlochartigen Bestellschleife bei meinem Buchhändler fest. Ich bin etwas überrascht, welche Ideen im subkulturell elektrobegeisterten Berlin der 80er und 90er den Weg zum gedruckten Wort gefunden haben. Ob das neue Irrlichter aus dem Hause Merve sind? Dem teutonisch linken Ungeist wurden ja aus dem kleinen Verlagshaus in  Schöneberg  (vormals Wilmersdorf)  schon so einige Herausforderungen aus Frankreich und Italien präsentiert. Jetzt weht der textuelle Wind also direkt aus dem Herzen der ehemaligen Frontstadt, wenn auch nur zugereist aus Konstanz und  posthum veröffentlicht. Ich begebe mich dann auf die Spurensuche nach Protofaschismus in den mir  vorliegenden Textfetzen.

Das Ende der grossen Würfe sei nahe

löwith heilsgeschehen In einem Gespräch vor einigen Wochen wurde mir ein interessantes Projekt vorgestellt: Eine neue Biographie über den Philosophen Karl Löwith (1897-1973), dessen Autobiographie nicht nur wissenschaftsgeschichtlich interessante Aufschlüsse zur Geschichtswahrnehmung des 20. Jahrhunderts liefert. Die Judenverfolgung und das 1934 ausgesprochene Berufsverbot der Nazis führten ihn zwangsweise über Italien, Japan in die USA. In den 50er Jahren nahm er einen Ruf an die Heidelberger Uni an.  Ich schätze ihn seit den 80er Jahren als Wegbereiter dekonstruktivistischer Ansätze historisch-philosophischer Fragestellungen  im dt. – engl.  Sprachraum. Er wird meist als  stoischer, skeptischer und agnostischer Philosoph eingeschätzt. Einer seiner  populärsten Texte ist wohl der  im deutschen bearbeitete Band  Weltgeschichte und Heilsgeschehen: Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophi” (engl.: Meaning of History, Chicago University Press, 1942), bei mir liegt aktuell das Taschenbuch des Kohlhammer Verlages aus 1954 in 4. Auflage auf dem Schreibtisch – ich werde mir noch die Originalausgabe und den aktuell herausgegebenen Text besorgen. Die Redaktionsgeschichte des Textes dürfte ein Schlaglicht auf die Rezeptionsgewohnheiten der Texte von Karl Löwith in den Geisteswissenschaften des 20. Jahrhunderts liefern.
Dass ausserhalb des philosophischen Unibetriebes immer noch verbreitet in heilsgeschichtlichen Totalitäten gedacht und argumentiert wird, dürfte kein Geheimnis sein. Ich fühle mich dahingehend in praktisch politischen Ansätzen über Jahrzehnte zurückgeworfen. Es ist nicht nur intellektuell keine Herausforderung, mit Mitmenschen des 21. jahrhunderts über die vorgeblichen Vorteile von “islamischen Republiken” gegenüber westlich-liberalen Gesellschaftsmodellen zu diskutieren. Eine breite  Ödnis tut sich da auf.

Zur Belüftung des Geistes bin ich dann aber unter der Führung des  Pausanias auf dem Wege durch Athen und Umgebung.

Eine thematische  Sommerpause

Meine Liberalismusstudien sind eher für die Winterzeit geeignet, ich werde sie im Herbst fortführen. Der philosophische Erkenntnisgewinn ist bisher eher dürftig ausgefallen, naturrechtliche Überlegungen zur Stärkung des Individualismus kommen mir wie Gymnastikübungen aus dem 19. Jahrhundert vor.  Wenn das Laub wieder fällt, kommen aber bestimmt neue Wege zum Vorschein.

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Holocaust-Gedenken in Deutschland und ein Walkürenritt durch’s Kino

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Die BRD wird 60.

Gedenktage spiegeln der Öffentlichkeit wichtige Ereignisse, die der entwickelten Staatsräson auch nach aussen Repräsentanz verleihen. Der “Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus” im deutschen Bundestag – in 2009 ohne den Zentralrat der Juden in Deutschland – ist eine denkwürdige Veranstaltung (Text Lammert Rede). Der Rechtsnachfolger des 3. Reiches übernimmt seit Jahrzehnten staatliche Verantwortung für die Untaten des Naziregimes, dessen Generation zunehmend verstummt und bald vollständig auf den Friedhöfen verschwindet.

Vom Reichstag in’s flache Land

Im Bundestag findet sich keine Fraktion, die dem “1000 jährigen Reich” auch nur eine Träne nachweint, in den Ländern ist das bekanntlich nicht flächendeckend der Fall, in nicht wenigen Kommunen und einigen Landtagen haben die Nazinachfolger Fraktionsstatus. Der Bundestag ist bis auf die Linksfraktion mit Demokraten besetzt. Sozialisten vom Schlage der PDS sind zentralistisch-demokratisch organisiert, eine leninistische Camouflage für demokratische Organisierung, sie versuchen sich seit der Wende mit kaum spürbaren Erfolgen (abgesehen von Wahlergebnissen), in die Verhandlungsdemokratie einzutakten.

Die Abgeordneten erinnern sich

Die berührende Gedenkstunde im Bundestag zeigt auch heute noch die massive Scham und Schuld, welche die Abgeordneten beim Benennen der Nazigreuel zwischen 1933 und 1945 empfinden können. Der 27. Januar wird gemeinhin als “Holocaust-Gedenktag” benannt – an diesem Tag in 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die wenigen Überlebenden des Vernichtungslagers Oświęcim/Auschwitz in Polen – hier wurden Juden aus ganz Europa während der Wehrmachtsfeldzüge geplant industriell getötet, zwischen 1940 und 1945 wurden dort über 1,1 Million Menschen ermordet.

Vom Richterstuhl zum Pragmatismus

Martin regt in seinem lesenwerten Essay “Die Zeit heilt keine Wunden” zu einem neuen Gedanken über den Umgang mit dem 3. Reich an: Die Frage “wer ist daran schuld?” sei falsch gestellt, vielmehr gehe es um verantwortlichen Handeln heute.

Schuld können nur Täter oder Mittäter übernehmen und dass in der Vergangenheit zeitnah zum WKII einiges an Aufklärung und Sühne von den verantwortlichen Rackets aus Justiz und Politik behindert oder gar unterlassen wurde, ist eine traurige Tatsache. Der Antikommunismus des heraufziehenden Kalten Krieges baute nicht wenigen ehemaligen Nazis ein molliges Nest schon im Schosse der Westalliierten, die Restwärme reichte für die meisten auch bis weit in die Bundesrepublik hinein. In den vergangenen Jahrzehnten blieb auch genug Zeit, den Begriff des verantwortlichen Nazis immer wieder neu zu modellieren. Manche nennen das Fortschritt.

Wer erinnert sich noch?

Mit der Unsichtbarkeit und dem Aussterben der Erlebnisgeneration – hier sind Täter, Mitläufer und Opfer gleichermassen gemeint – wird die ganze Veranstaltung immer mehr zu einer literarisch-historischen Charade: Bis der ganze Sachverhalt nachbearbeitet ist, hat man entweder eine Hochschulprofessur in Geschichte erreicht, ist Berufspolitiker in den einschlägigen Parteien geworden oder hinterm kärglich befeuerten Öfchen verbittert zurückgeblieben. Während dessen schreibt ein hoch bezahlter Kulturapparat weiter am Narrativ der nationalen Erinnerung. Die Karawane zieht weiter, mittlerweile ist man schon wieder bei König Otto I. angekommen .  Nebenbei: So hat auch meine seelige Oma deutsche Geschichte gelernt, im Kaiserreich.

Antiamerikanische Projektionen

Eine Paradebeispiel kultureller und sozialpsychologischer Verschiebung ist am Beispiel der öffentlichen Debatte über den Walküre-Film mit Tom Cruise beobachtbar. Schon während der Dreharbeiten in Berlin wurden verräterische Fragen von der Journaille und ausgesuchten Politikern aufgeworfen: Darf 1. ein Ami, aus 2. Hollywood und 3. der auch noch prominenter Scientologe ist, den Widerstandskämpfer Graf Stauffenberg mimen?

Das Denkmal

Ich möchte jetzt nicht der Frage nachgehen, ob Stauffenberg als das richtige Symbol für den Widerstand im 3. Reich von Staatswegen ausgewählt wurde – er ist es einfach qua politischer Entscheidung, was aus guten Gründen kritisierbar ist. Die Kritik ändert aber nichts am abgeschlossenen Auswahlverfahren zur Ausschmückung bundesrepublikanischer Staatsräson, was das staatliche Selbstverständnis von Widerstand zwischen ’33-’45 anbetrifft.

Ein adeliger Offizier der Wehrmacht hatte sich ab einem bestimmten biografischen Punkt entschieden, dem GröFaZ den Gehorsam zu verweigern, ihm das Leben und die Macht zu entreissen und er war nicht alleine mit diesem Anliegen. Das Anliegen scheiterte, Stauffenberg und seine Komplizen starben rückblickend den militärischen Heldentod und die Alliierten konnten nur unter grössten Verlusten die Folgen der Naziideologie kriegerisch beenden.

Das biblische Thema „vom Saul zum Paul“ ist am Beispiel des Grafen national zum Erfolg gekommen. Ein hochrangiger Mitmacher aus Hitlers Wehrmacht als Heldenfigur, der leider erfolglose Totmacher des unbequemen Tyrannen als nationales Vorbild eines demokratischen Staates. Das alles sind sehr seltsame Projektionen nach jahrelangem Weltmeistertum in der Wiederaufarbeitung, das Ergebnis wirkt freundlich betrachtet etwas mager.

Walküre reitet unter neidvollen Blicken

Die argwöhnische Begleitung des Walküre-Filmprojekts offenbarte nichts anderes als  Neid über die gut ausgestattete US-amerikanische, kinematographische  Fremdbesetzung eines nationalen Symbols. Den nationalen Neid  konnte auch die Verehrung des Hauptsdarstellers für den heldenhaften Grafen nicht heilen. Zum Neid gesellt sich die Scham an die Amis über den verlorenen Krieg: Ein Schauspieler der Siegernation erfrecht sich, das einzig übrig gebliebene Widerstandssymbol der BRD filmisch zu besetzen. Hätte nicht wenigstens ein deutscher Darsteller für die Rolle ausgewählt werden müssen? Oder anders gesagt: Uns reicht doch die Zeitmaschine des  Guido Knoop mit seinen historischen Fraktalen im ZDF – wehe, wenn die Erinnerung von aussen kommt.

Wenn der ehemalige Feind die Gedenkstunden ursurpiert

Nun ist Tom Cruise nicht nur Ami und Hollywoodschauspieler, zwei Ausschlusskriterien für den nationalen Gedenkdiskurs, sondern auch ein hochrangiger Schientologe. Das ist in old-europe natürlich ganz und gar nicht political correct. So sehr es mir als Atheist gefällt, dass die Scientologen den Begriff der Kirche maximal verhohnepiepeln – das hat aber vornehmlich steuerliche Gründe, mein Amusement ist nur ein Abfallprodukt scientologischer Geldgier – sehe ich deren Wirken sehr skeptisch und ich habe kein Problem damit, sollte der Laden beim nächsten faux-pas dicht gemacht werden; aber mal sehen, was Hillary Clinton so bei ihrem ersten Besuch bei der Bundesregierung für die Scientologen alles an Forderungen im Köfferchen hat. Ihr Gatte Bill hat ja seinerzeit den Hubbardepigonen den Kirchenstatus in den USA  auf das Beste zementiert. Ob Frau Aussenminister wohl dieses familiäre Erbe der “Religionsfreiheit” fortführen wird?

Ausblick

Ob die Miesepetereien über den Tom Cruise Film dessen Erfolg hier schmälern werden, weiss ich nicht. Ich hoffe das nicht, denn es kommt wenigstens ein wenig Kenntnis über die Geschichten aus dem Nahbereich des GröFaZ in grösseren Kreisen dieser Kulturnation der Dichter und Denker an. Daran kann dann ja der kritische Weltgeist anknüpfen und für Vertiefung sorgen, wenn es beliebt. Bei der nächsten Gelöbnix-Demo am berliner Bendlerblock könnten aber auch mehr Leute verstehen, warum man dort dem Grafen nicht umstandslos zujubeln möchte. Aber die Freunde der Widerstandsymbolik müssen sich keine Sorgen machen, das Heldenepos – an dem auch Tom Cruise sehr gelegen ist – wird sicherlich mehrheitlich in den Köpfen haften bleiben.

Den Graf von Stauffenberg und endlose Leichenberge toter KZ-Häftlinge in Auschwitz. Diese Bilder als Erinnerungskultur zusammen zu denken, fällt mir auch nicht leicht. Ich für meinen Teil habe eine eigene “Heldin” aus der Zeit des 3. Reiches, sie hiess Hannah Arendt –  sie hat viele  jüdische Kinder aus dem Europa der Nazis nach Palästina gebracht und so viele Leben gerettet. Zur Geisteshaltung im Nachkriegsdeutschland schrieb sie die zeitlose Einschätzung:

Die Gleichgültigkeit, mit der sich die Deutschen durch die Trümmer bewegen, findet ihre genaue Entsprechung darin, dass niemand um die Toten trauert.“  Hingegen kursierten zahlreiche Geschichten über die Leiden der Deutschen, die gegen die Leiden der anderen aufgerechnet würden, wobei die „Leidensbilanz“ in Deutschland stillschweigend als ausgeglichen gelte. Die Flucht vor der Verantwortung und die Zuschreibung von Schuld auf die Besatzungsmächte seien weit verbreitet. „Der Durchschnittsdeutsche sucht die Ursachen des letzten Krieges nicht in den Taten des Naziregimes, sondern in den Ereignissen, die zur Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies geführt haben.“

Was ist daraus nach all den Jahren  geworden? Ein Land mit Leuten, die sich nur mit sich selbst beschäftigen, für die es in der Frage des 3. Reiches kein Aussen und keine konsequente Empathie mit den Opfern – und schon garnicht mit deren Enkeln in Israel –  gibt. Auch das ist freundlich betrachtet ein mageres Ergebnis der Aufarbeitungsweltmeister.

references:
Alle Obrigkeit will Gewissenlosigkeit
Macht doch Euren Holocust alleine!
Tom Cruise, Stauffenberg und Widerstandsgeist
Filmkritiken von MarkJan und Gideon
Zum fragwürdigen Begriff “Operation Walküre”
Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit , Berlin

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January 28, 2009 at 10:08 pm

Väter der Klamotte

Über die RAF zu parlieren wäre reine Sauerstoffverschwendung – Zettel hat in gebotener, aufklärerischer Knappheit den Zielen der RAF einige Zeilen gewidmet. Die Nähe der SED-Nachfolgerinnen zu ihren Destabilisierungsfusstruppen westlich des Eisernen Vorhangs ist mittlerweile eine zeitgeschichtliche Fussnote,die dem Erfolg der Neosozialisten keinen Abbruch antut.Ähnlich zur StaSi wird auch die RAF von den Kadern erfolgreich nach aussen ausgesessen, man lässt sich von ihnen sogar weiterhin gerne anschreiben und besuchen. Und ins “BE” kann der bauchlinke Sodann-Fan nun ab Januar mit noch mehr Siegesgewissheit gehen,schiebt dort doch ein Held und Märtyrer linker Revolutionspraxis demnächst die Kulissen hin und her.

Die Attentäter, resp. der Mörder/die Mörderin von Michael Bubacks Vater ist immer noch nicht ermittelt worden. Spätestens im Erinnerungsgedränge um den “heissen Herbst 1977” letztes Jahr ist dieses Aufklärungsinteresse zur Fussnote erklärt und abgelegt worden. Nun kommt Christian Klar auf Bewährung frei – am 3. Januar 2009, pünktlich zum 89. Geburtstag von Siegfried Buback und das ist eine weitere, bestimmt rein zufällige Geschmacklosigkeit bundesdeutschen Justizgebarens. Selbst dem ZDF fällt auf, es gibt Kritik an der Freilassung des mehrfachen RAF-Mörders, en passant werden noch die anderen Mordopfer mitgeliefert, sowie eine Anzahl von Empörten.

der-zweite-tod-meines-vaters-2008Ich empfehle das frische Buch “Der zweite Tod meines Vaters” von Michael Buback.

Oder noch besser wäre die Teilnahme an einer seiner Buchlesungen , z.B. am 27.11. im Bürgerhaus zu Bovenden um halb Acht oder am 09.12. in Ettlingen. Man sollte dem Mann zuhören,solange er noch die Kraft hat, all die Justizklamotten zu berichten,die ihm seit Herbst 1977 – neben den massigen Verbalinjurien von links – widerfahren sind.

Ein Mensch kann tatsächlich zwei Mal ermordet werden: Durch die Täter mit der Knarre und danach durch eine Gesellschaft samt ihrer Institutionen,die der Ermittlung der Wahrheit nichts abgewinnen wollen. Noch peinlicher wird es,wenn die SED-Nachfolger, die Proteges und Auftraggeber der RAF, Regierungsverantwortung beanspruchen sollten. Im Januar 2009 kommt Herr Klar frei,im Herbst dräut Rot-Rot-Grün im Reichstag. Eine ganz miese, politsymbolische Show.

references:
Isolationshaft, Beugehaft und die Schwierigkeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen
Berliner Ensemble immer authentischer: Bald mit echtem Massenmörder
Christian Klar lebt von euckenserbe
Talkshows? Zeitzeuge? Dokus? Keine Klarheit mit Klar von NuB
Rudolf Hess war’s nicht

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November 24, 2008 at 8:02 pm

Filmfestival in Berlin

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Hingehen,gucken,labern,machen: Blog 3. PornfilmfestivalBerlin 22.-26.10.2008 und hier die Festival-Homepage. Via dissi

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October 11, 2008 at 3:24 am

An Pfingsten …

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kam bekanntlich der Heilige Geist auf die Jünger Jesu herab. Nachdem vergangenes Wochenende die Piet-Kong-Fraktion des Protestantismus ihre mühselige PR-Arbeit in Bremen abgeleistet hat,sind nunmehr die vornehmlich jungen Protestanten,die sich unter dem Banner der Amtskirche versammeln möchten, zum EVA in Dresden zusammen gekommen.

EVA Teaser

Das diesjährige Motto in Dresden ist eine Frage aus dem 1. Buch Mose 4,9 :“Soll ich meines Bruders Hüter sein?” Hier gibt es sicherlich allerhand Meditationsspielraum,trotz meiner eher missmutigen Einschätzung gehe ich nicht von einem Auftrag zur GesinnungsStasi aus. Es geht bestimmt um Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Aufbau am Glaubensbruder oder der Glaubensschwester.

Während ich noch überlegte,ob ich mich zur Faht ins Büro einem erhöhten Hautkrebsisiko aussetzen kann – also Fahrrad fahre oder doch besser die BVG nehme, trällerten im ARD Vormittagsprogramm junge Frauen vom EVA besinnliche Weisen ins Mirkofon. Beim nächsten Hinschauen waren die zahlreichen Zuschauer vor der Bühne auch schon in armeschwingenden Aktionismus eingegliedert. Und das alles vor historisch wieder aufgebauter Domkulisse.

Wie notwendig eine breitere Implementierung der christlichen Sozialethik in der Ostzone ist,kann jeder Besucher zwischen Pirna, Werder bis Usedom im offenen Feld studieren. Ein in sich selbst versunkener Christ ist mir allemal lieber als ein Nazi oder fremdenfeindlicher (Ex-) Sozialist. Und nach dem Christentum kommt ja bekanntlich die Aufklärung.

Zettel widmet sich viel sachlicher und in einer allgemeineren,kulturkritischen Weise den vom Vergessen bedrohten Pfingstmythen: Was feiern wir eigentlich an Pfingsten? Nebst zwei Lesetips. Eine umfassende, sehr lesenwerte Darstellung.

Einführung in die (Öko-)Antipsychiatrie

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Einführung in die (Neue) Antipsychiatrie als ein integrierter Teil eines zukünftigen, ökologisch und humanistisch ausgerichteten Gesellschaftssystems.

Ein weiterer Beitrag – diesmal über indymedia – zur Berliner Antipsychiatriedebatte 2008: einführung in die antipsychiatrie psychose.

—> Ich teile die folgenden Ansätze kaum (d.h.,ich würde so nicht arbeiten wollen), aber sie bauen auf den Kämpfen der Antipsychiatriebewegungen auf,geben ein Info-Update der letzten 10 Jahre und sollen der Vollständigkeit halber Erwähnung finden – weder die linksradikale- noch die ökologische Ideologie versprechen für mich wünschenswerte, umwälzende Veränderungen der Versorgungslandschaft ….. Positive Einzelfälle sind dabei unbenommen.

Weiterlesen … Neue Antipsychiatrie vs. Alte Antipsychiatrie.

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March 14, 2008 at 9:55 pm

Iran und die Berlinale 2008

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Der Silberne Bär in der Kategorie bester Darsteller ging 2008 an Reza Najie für seine Darstellung des Vaters in dem Armuts-Familiendrama am Rande Teherans “Avaze Gonjeshk-ha” (The Song Of Sparrows) von Majid Majidi (Foto).

Reza Najie
Die Filmhandlung
Karim arbeitet auf einer Straußenfarm. Er hat ein kleines Haus am Stadtrand und kommt mit seinem Verdienst gut aus. Doch dann läuft ein Strauß da­von und Karim, der schuld daran sein soll, wird entlassen. Aus Sorge um sein finanzielles Fortkommen macht er sich auf die Suche nach dem Vogel, kann ihn jedoch nirgends finden. Als er eines Tages in die Stadt fährt, um dort das Hörgerät seiner Tochter reparieren zu lassen, nimmt er auf dem Rück­sitz seines Motorrads einen Mann mit und lässt sich dafür von ihm be­zahlen. In Anbetracht des guten Verdienstes setzt er diese Transporte nun regel­mäßig fort. Täglich fährt er in die Stadt und bringt bei der Rückkehr allerlei Trödel mit – alte Möbel, Autoersatzteile und Ähnliches.
Durch seinen Kontakt mit den Stadtbewohnern und den dortigen Ver­hält­nissen verändert sich Karims Persönlichkeit. Stück um Stück verwandelt sich sein hübscher, kleiner Innenhof in ein hässliches, ungemütliches Wa­ren­lager. Früher war Karim freundlich und großzügig, jetzt wird aus ihm ein habgieriger Mann, der sich bloß noch für den Müll interessiert, den er zu­sam­menträgt, und kaum noch für seine Familie. Für den Kummer seiner Frau hat er kein Auge mehr, als er aber sieht, wie sie einem armen Nachbarn eine alte Tür schenkt, holt er sich diese ohne Erbarmen zurück und packt sie wieder zu dem alten Krempel. Reichtum ist das Einzige, was ihn noch inter­essiert.
Doch dann fällt er eines Nachts, als er seine Gebrauchtwaren sortiert, von einem Müllstapel herunter und bricht sich den Fuß. Aufs Krankenlager geworfen, muss er mit ansehen, wie seine Frau und seine Kinder für ihren Lebensunterhalt arbeiten und in dieser schweren Zeit bei den Nachbarn Unterstützung finden. Eine Veränderung vollzieht sich im Haus – und ganz allmählich auch in Karim. Quelle: Berlinale 2008

Der Filmwissenschaftler Tobias Ebbrecht hat im Januar auf der Berliner “Konferenz gegen Appeasement mit dem Iran” auf dem Paneel “Europäische Sehnsüchte und iranischer Kulturexport” folgende Einwände vorgetragen:

Wenn von iranischer Kultur die Rede ist, überschlagen sich die positiven Reaktionen westlicher Kulturkritiker und Feuilletonisten. Sie zeichnen das Bild von einer pluralen und weltoffenen Gesellschaft im Iran. Gerade Filme, die westliche Wunschprojektionen vom Iran aufgreifen, sind hierzulande erfolgreich. Weibliche Protagonistinnen, Einsamkeit, Selbstmord, Armut werden dabei als sichere Insignien von kritischer Dissidenz rezipiert, drücken in Wahrheit jedoch den hohen Grad an Übereinstimmung der Filmemacher und des europäischen Publikums mit den sozialrevolutionären Elementen des gegenwärtigen Iran aus. Sa, 13:30 Uhr Podium II: Der Iran und Europa / der Westen.

Der Austausch der hochkulturell Schaffenden in der Bundesrepublik mit dem Iran ist nicht auf das Filmsujet beschränkt,auch die Bühne trägt ihr Scherflein zum unkritischen Dialog mit der iranischen Mullah-Kulturindustrie bei und Claus Peymann vom Berliner Ensemble ist ihr Botschafter – in diesem Radiointerview begründet er seine Haltung. Tobias Ebbrecht kommentiert diese Form der kulturellen Zusammenarbeit in seinem Text “Das BE, die Berlinale und der Iran – Anmerkungen zum deutsch-iranischen Kulturaustausch” wie folgt:

Einige, wie Claus Peymann und sein Berliner Ensemble, fahren direkt in den Iran, um sich von den Anhängern der islamischen Revolution beklatschen zu lassen. Andere zeigen ihre Verbundenheit mit der islamischen Republik, indem sie den Iran nach Berlin einladen und damit dem Terrorregime in Teheran Reputation verschaffen. Dazu zählen Dieter Kosslick und die Berlinale, die dieser Tage wieder in Berlin stattfindet. Persönlich hat sich deren Chef darum bemüht, dass der neue Film des iranischen Regisseurs Majid Majidi „Song of Sparrows“ im Wettbewerb gezeigt wird. Darüber freute sich auch die iranische Nachrichtenagentur IRNA, die Kosslick mit den Worten zitiert, die Berlinale habe in den letzten Jahren „sehr gute Beziehungen“ zur iranischen Filmkultur aufgebaut.
Das iranische Zensur- und Fördersystem sorgt dafür, dass es einen dissidenten oder gar oppositionellen Film im Iran gar nicht geben kann. Subversivität oder das was man hierzulande dafür hält ist vielmehr ein feststehendes Stilmerkmal der iranischen Filme, die vor allem für den Export auf internationalen Festivals hergestellt werden.
Was subversiv scheint entpuppt sich hingegen schnell als ideologische Übereinstimmung von Regime, Filmemachern und Festivalbesuchern im Westen. Im Ressentiment gegen die Zumutungen der Moderne ist man sich nämlich einig. Statt sie auszuhalten als das Bessere gegenüber der Barbarei, das die Überwindung des Leids erst möglich macht, gibt man sich der regressiven Sehnsucht hin, die Pseudorealismus und Großstadtkritik in den iranischen Exportschlagern befriedigen.
Ein solches Thema hat auch „Song of Sparrows“ nach Kosslick das „sympathische Porträt eines Mannes, der das Land verlässt, in die Stadt geht und am Ende wieder zurückkehrt.“ Der Regisseur ist da eindeutiger: „Im Tumult der modernen Welt fühlen wir immer größere Einsamkeit. Entwicklung, Kommunikationstechnologie und die Dominanz von Macht und Wohlstand haben nicht zu unserer Erlösung geführt. […] Das Konzept der Familie als Basis der Gesellschaft ist zum Opfer der Moderne geworden.“ Das steht der sozialrevolutionären Propaganda Ahmadinedschads nicht unbedingt entgegen.Für Kosslick und die Berlinaleleitung ist das aber höchstens „Propaganda um drei Ecken“. Darauf kann der erfolgreiche Kulturaustausch wohl keine Rücksicht nehmen. Dass dieser die iranische Repression und den Antisemitismus des Regimes letztlich stützt, darauf haben vor zwei Jahren die Regisseure und Autoren Daryush Shokof, Arman Nadjm, Kia Kiarostami und Javad Asadian in einem offenen Brief an Kosslick aufmerksam gemacht, der – das zeigen die offensichtlich noch immer ungetrübten Beziehungen zwischen der Berlinale und Teheran – keine Resonanz bei der Festivalleitung fand. Da die Kritik in diesem Brief noch heute zutrifft, möchte ich eine Passage daraus vorlesen:
„Mit der Präsentation dieser Filme unterstützen Sie unfreiwillig ein faschistisches Regime das nach fast drei Jahrzehnten Terror und schweren Menschenrechtsverletzungen im Lande, mit atomaren Drohungen und antisemitischer wie antiisraelischer Haltung die Welt zu bedrohen versucht. Wie Sie wahrscheinlich erfahren haben, wird parallel zur 56. Berlinale eine internationale Konferenz in Teheran vorbereitet, die „Holocaust, Mythos oder Wahrheit“? heißt. Das islamische Regime im Iran ist das einzige Regime auf der Welt, das neben den Nazis, den Holocaust leugnet. Wir schlagen Ihnen vor mit tieferem Blick auf die heutige Situation im Iran zu schauen. Und wenn Sie für die Erhaltung der Menschenrechte und Freiheit stehen und auch eine Verantwortung als intellektueller Demokrat für die Ermordung der 6 Millionen Juden tragen, bitten wir Sie jegliche Präsentation der Kultur der Islamischen Republik Irans auf der internationalen Bühne zu verhindern.“
Genauso wie der „intellektuelle Demokrat“ Peymann hat auch Kosslick diese Kritik von aus dem Iran vertriebenen Künstlern abgewehrt. Darin zeigt sich deutlich mit wem diese Kulturarbeiter einen „Dialog“ führen wollen – und das ganz und gar freiwillig. (Text als PDF)

Die Begeisterung für die Kulturprodukte des Mullahregimes auf der Berlinale 2008 ist keine wirkliche Überraschung,noch vor kurzem wurden die Selbstmordattentate der Palästinenser gegen Israelis durch den Film “Paradise Now” mit Elogen und Preis bedacht,da ist die geistige Nähe zum Mullahregime wirklich kein Wunder sondern eine folgerichtige Weiterentwicklung im weltkulturellen Soli-Repertoire. Old-Europe festigt sich,ganz herzlich, auch im Wohnzimmer von Herrn Kosslick. Israel ist für diese Leute schon längst von der Landkarte wegradiert,sie fügen sich bestens in Ahmadinedschads Mehdi-Traum von der antimodernen, judenfreien Weltgesellschaft ein.

Eberhard von Elterleins Filmbesprechung von The “Song Of Sparrows” in der WELT fällt inhaltlich geradezu kurz angebunden aus,wenn er seine Rezension mit den Worten ” So verliert ein schwungvoller Film zunehmend an Fahrt. Er wird in seiner Entwicklung voraussehbar und in seinem Loblied aufs Landleben, in dem die Errungenschaften der Stadt lediglich als Plunder enden und die Spatzen, nun ja, ihr Lied fröhlich in der Hand pfeifen, plakativ. Und das ist leider gar nicht mehr komisch.” beschliesst. Er fühlte sich von der Mullah-Kulturindustrie immerhin schlecht unterhalten.

references:
Europäische Sehnsüchte von Tobias Ebbrecht im extrablatt-online #3 aus Bremen

Written by admin

February 17, 2008 at 10:55 am