Raumzeit

et Philolog

Antideutsch 2007

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Telegehirn

Notizen eines libertären Interventionisten

Antideutsch ist nur ein Schlagwort

Boche ist sich nicht sicher, ob er „die antideutsche Kritik“ eher „rassistisch“ oder „nationalistisch“ finden soll. Beides ist natürlich grober Unfug und eine solche Haltung ist sonst meist Ausdruck einer antiimperialistischen Sichtweise. Die „Kritik“ an „den Antideutschen“ aus der linksnationalistischen Schmuddelecke kann man getrost als das abtun, was sie ist: ideologisch motivierter Schwachsinn. Boche ist sicherlich kein Antiimperialist und er stört sich auch viel mehr an der Worthülse „Antideutsch“, die er auf seine ganz eigene, putzige Art und Weise interpretiert. Alleine schon die extremen Reaktionen von Boche, Rayson und anderen rechtfertigt es eigentlich schon, daß man sich das Label Antideutsch an die Stirn klebt, denn es bereitet mir durchaus große Freude, wenn zwei so gestandene B.L.O.G. Recken und ehrenwerte Kollegen, mal eben die Contenance verlieren. Wenn man sonst davon liest, daß Deutsche „Opfer von Rassisten“ werden oder von Rassismus bedroht werden, dann bei den rechts-rechtskonservativen Sportlehrern, Kreuzrittern und Turmfalken, deren Solidarität mit den USA und Israel nur vorgeschoben ist, um im Fahrwasser dieser Scheinsolidarität gegen „die Musels“ hetzen zu können und von der Überlegenheit des heterosexuellen, christlich-weißen Deutschen zu schwärmen, der im eigenen Land aber immer öfter das Opfer von „Rassismus“ wird.

In den meisten Fällen jedoch, wird einem das Label „Antideutsch“ von anderen Linken angeklebt und dafür reicht es in den meisten Fällen schon aus, daß man sich solidarisch mit Israel erklärt oder den nationalistischen Antiimperialismus deutscher Prägung kritisiert. Als Begründung für (die antideutsche) Solidarität mit Israel muss man nicht einmal unbedingt die Shoa, dessen direkte Folge das staatsgewordene Israel ist, heranziehen, denn es sollte eigentlich vollkommen ausreichen, wenn man betont, daß Israel die einzige Demokratie des Nahen Ostens ist und sich im Überlebenskampf gegen die sie bedrohenden islamischen Theokraten befindet und schon alleine deshalb der unbedingten Solidarität aller aufgeklärten Kräfte sicher sein sollte. Dann schallt es halt schon mal: „Antideutscher!“

Es ist eigentlich unmöglich über das Thema Antideutsch zu schreiben, ohne immer wieder auf die linksnationalistischen „Geschwister“ zu sprechen zu kommen. Antideutsch ist u.a. eine linke Reaktion auf die anti-aufklärerischen Kräfte innerhalb der deutschen Linken. Dabei sind „die Antideutschen“ mitnichten ein monolithischer Block, sondern es handelt sich sehr wohl um einen recht bunten und heterogenen Haufen, um eine Ansammlung von Individuen, die allerdings eine große Anzahl von Gemeinsamkeiten teilen. Denn eine Linke in Deutschland, die sich nicht dem Opportunismus hingeben will und auch keinerlei Romanzen oder sogar Liebschaften mit dem neuen oder alten Antisemitismus/Antizionismus eingehen will, sowie jegliche Ausformung nationalistischer (deutscher) Art ablehnt, muss zwingend kritisch mit DEUTSCHLAND umgehen und das ist (natürlich) nur aus einer Position der Minderheit denk- und realisierbar. In Deutschland muss eine linke Politik auch immer die Shoa mitdenken und muss sowohl den nationalen Sozialismus, wie den Antisemitismus bis auf Blut bekämpfen.

Solche Sichtweisen rufen natürlich den härtesten Widerstand jener Linken hervor, die sich am Lagerfeuer der Nation und des Staatssozialismus erwärmen können und für die Israel ein Apartheidstaat und Vorposten des westlichen Kapitalismus und damit des Imperialismus darstellt und das beide natürlich auch scheinbar irgendwie kontrolliert und steuert. Hier wird auch wieder jene Kontinuität der Deutschen Ideologie sichtbar, die damals den „internationalen Geldjuden“ als Sündenbock für das angebliche Leid, nicht nur, der deutschen Nation, verantwortlich machte und den man daher ausrotten musste und durfte. Heute ist das Feindbild wahlweise, oft deckungs- und bedeutungsgleich, der vorgeblich politisch und finanziell einflussreiche Kapitalist oder Zionist, der von Kapitalismus und Demokratie westlicher Ausprägung unangemessen viel profitiert und dessen vermeintlicher Einfluss daher einzuschränken sei.

Aber hier geht es ja nicht um eine Abrechnung mit schäbigen Antiimperialisten, Nationalbolschewisten, hisbollahfreundlichen Pazifisten oder vermeintlichen Menschenrechtlern, die alle ursprünglich linken Ideale längst über Bord geworfen haben und somit so etwas wie die dunkle Seite der Macht darstellen, sondern eigentlich wollte ich den beiden Vorzeigeliberalen Boche und Rayson dabei helfen, sich dem Thema Antideutsch zu nähern und ihnen auch dabei etwas behilflich zu sein, ihre kleinbürgerlichen Vorurteile und Ressentiments, für die Deutschland und ein Großteil seiner Bewohner in aller Welt berüchtigt sind, zu überwinden.

Die antideutsche Kritik (Jetzt ganz dolle aufpassen, Boche und Rayson!!!) versteht „DEUTSCH“ im Sinne einer Ideologiekritik und es handelt sich nicht, wie Boche, in seinem jugendlich-liberalen „Wahn“ annimmt, um einen erblichen Charakter, der dem Deutschen an sich zugesprochen wird, sondern um eine spezifizierbare Form dessen, was man „Deutsche Ideologie“ nennen kann, wobei man natürlich auch das lang anhaltende Sonderverhältnis zwischen Gesellschaft und Staat in Deutschland zu bedenken hat. Diese „Deutsche Ideologie“ führte schließlich zu zwei deutschen Angriffskriegen im 20. Jahrhundert, mit denen die Weltherrschaft des „Deutschen“ errungen werden sollte, was letztendlich fast gelang und diese deutsche „Herrenmenschen(un)logik“ führte schließlich auch zur Shoa. Dies kann als „DEUTSCH“ gedeutet werden, denn letztendlich erblickte dieser Wahnsinn in Deutschland zuerst das Licht der Welt und er war (und ist immer noch) massenkompatibel und das nicht nur in Deutschland. Entgegen der Annahme von Boche und wohl auch von Rayson, ist die Deutsche Ideologie aber keine örtlich und gar geschichtlich eingrenzbare Heimsuchung und beschränkt sich keinesfalls auf Deutschland als Land, Staat oder Volksgemeinschaft, sowie auf die Zeit des Nationalsozialismus. Was „wir“ als „Deutsch“ bezeichnen, ist daher auch allgemein anwendbar. Wobei auch noch zu berücksichtigen ist, daß sowohl Linke, wie auch Rechte sich heute einer deformierten Form der Kritik am Kapitalismus bedienen, um damit ihren latenten Antisemitismus zu tarnen. Ähnlich verhält es sich auch oft so mit dem sattsam bekannten Antiamerikanismus, der nicht nur in Deutschland populär ist und sich sowohl bei Linken wie auch Rechten ohne große Unterschiede finden lässt und der auch ähnlich begründet wird. Das von dieser neuen Querfront vertretene Modell des autoritären, völkisch-nationalistischen und vor allem antikapitalistischen Volksstaates, der seine Untertanen im Namen einer vermeintlichen Gerechtigkeit bevormundet, ausquetscht und letztendlich entindividualisiert und zum Objekt des Staates, im Namen einer vorgeblichen Massengerechtigkeit macht, wird von „den Antideutschen“ abgelehnt und bekämpft.

„Der Antideutsche“ behaart nun einmal darauf, daß Kritik nur dann gültig, beständig und sinnvoll ist, wenn sie sich der Vernunft unterwirft. Kritiker „der Antideutschen“, wie Rayson und Boche, werfen ihnen vor, daß sie sich einer „entweder oder“ Sichtweise hingeben würden, einer schwarz-weiß Malerei, die oft auch als absoluter Wahrheitsanspruch wahrgenommen wird. Die antideutsche Kritik ist letztendlich destruktiver Natur und eine solche Kritik, die auf Volk, Nation, Geld, Staat und einige andere, die nicht nur vom Deutschen verehrten und angebetenen Konstruktionen zielt, ruft eine extrem feindliche Abwehrhaltung herbei und daher greift „der Antideutsche“ oft zu dem Mittel der Provokation. So wie ich es mit der „Bomber-Harris-Gedächtnisbrigade“ mache, deren Gründung, wie ich gar nicht oft genug betonen kann, auf die Anregung des hier hochverehrten Franklin D. Rosenfeld zurückzuführen ist. Denn so hält man den heutigen Revisionisten, selbst wenn sie nicht wahr haben wollen oder es noch gar nicht bemerkt haben, daß sie welche sind, den Spiegel vor. Vergessen wir bitte nicht, daß auch durch „Fernsehereignisse“ wie „Dresden“ oder „Die Flucht“, sowie durch Machwerke wie „Der Brand“, die Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern verdreht wurden. Von dem „Massenrevisionismus“ wie ihn Fernsehreihen wie „Hitlers willige Schäferhunde“ verbreiteten will ich gar nicht erst reden. Das kann „der Antideutsche“ nicht tolerieren und schon gar nicht akzeptieren und deshalb wird er/sie immer den Finger in die Wunde legen und mit Freude drin herum rühren und sich vielleicht an den Reaktionen derer freuen, die immer noch oder schon wieder Opfer und Täter unbewusst verwechseln oder gezielt vertauschen.

Ob man sich jemals der Rassismuskeule von Boche entziehen kann, wenn man antideutsche Kritik an der Deutschen Ideologie übt? Ich würde das bezweifeln und heutzutage sind oftmals die deutschen Hardcore-Europäer, die sich als Anti-Nationalisten darstellen, nur um endlich einmal frei von der Leber weg über Israel, die USA oder „den aufgeklärten Westen“ (ohne Deutschland natürlich) herziehen zu können, das Problem. Wobei es wohl die wenigsten Geschwister juckt, ob Boche die Antideutschen für Rassisten, Nationalisten oder einfach nur dämlich hält.

Was von außen oft missverständlich als antideutscher Block wahrgenommen wird, ist eine, ich kann das gar nicht oft genug betonen, sehr heterogene Strömung der Linken, man könnte das auch als eine sehr ursprüngliche Linke, ohne all die Verwirrungen und freiheitsfeindlichen Ausformungen des Leninismus und aller anderen folgenden linken Abspaltungen bis heute, bezeichnen, in der sehr viele Verwirbelungen existieren und vergessen wir nicht, daß „Antideutsch“ meist nur ein Schlagwort in aufgeheizten Diskursen ist, was auch oft als Totschlagsargument verwendet wird. Wenn Pazifisten und Staatssozialisten in der heutigen Zeit durch die Straßen Deutschlands und Europas ziehen und sich mehr oder weniger offen gegen das Existenzrecht Israels stellen, dann ist „Antideutsch“ oftmals eine bewusste Form der Abgrenzung gegenüber diesen Linken und deren islamistischen Verbündeten, deren Hass auf Israel eine Fortsetzung des deutschen Vernichtungswillen darstellt, den sich die islamistischen Theokraten zum Vorbild gewählt haben und der von weiten Teilen der Linken entweder ignoriert oder gar aktiv unterstützt wird.

Das Deutsche durchaus immer noch ihre Freude am Pogrom gegen Andersartige, nicht der Deutschen Norm entsprechende Menschen haben, konnte man Anfang der 90er Jahre hautnah erleben und nicht zufällig fielen diese Pogrome in die Zeit der Wiedervereinigung, als der DEUTSCHE endlich wieder stolz die Fahne schwenken konnte und sich vor Freude darüber, jetzt endlich das glücklichste Volk der Welt sein zu können, auch mal in die Hose pisste und auch der Umstand, daß anstatt der Polizei Antifaschisten Wohnheime Nichtdeutscher vor dem deutschen Mob schützen mussten, legt eine ungebrochene Kontinuität im DEUTSCHEN Befinden und Verhalten nahe. Wie reagierte die Politik in Deutschland Anfang/Mitte der 90er Jahre auf das Anschwellen des Neofaschismus, der sich erneut ausbreitete und dem die Massen zu folgen begannen? Man stoppte die „Asylantenschwemme“, in dem man das Grundrecht auf Asyl faktisch abschaffte. Im besten Fall, um die Migranten vor den Deutschen zu schützen und das Ausland reg sicht eben mehr über angezündete oder tot geprügelte Ausländer auf, als über in der Oder ertrunkene Migranten. So fiel die Wahl wohl leicht und es begann ein populistisches Wettrennen, das bis heute ungebremst anhält.

In der jüngsten Vergangenheit zeigte die deutsche Politik, daß sie erneut nicht gegen die Deutsche Ideologie handelt, sondern ihr wieder oder immer noch folgt. Dabei lässt sich eine Unterscheidung der Parolen zwischen Rechts- und Linkspopulisten längst nicht mehr feststellen. Seien es die „gierigen Heuschrecken“ aus dem Ausland, die Deutschland abgrasen oder die „Fremdarbeiter“, die den Deutschen die Arbeit wegnehmen würden: vermeintlich linke Politik folgt dem Trampelpfad der „Deutschen Ideologie“, dem „Highway to Genocide“.

Ich möchte mich zum Ende noch einmal dem Artikel von NUB,„Segensreiche Bomben“, vielmehr den Kommentaren dort, widmen. Boche scheinen die Antideutschen „wohl größtenteils Ex-Linke und Ex-Marxisten zu sein, die genug dazugelernt haben, um linksliberal zu werden, die sich aber insgeheim dafür schämen und ihre Wandlung mit einer eigenen Schublade zu kaschieren suchen.“ Auch hier, wen wundert das noch, irrt sich Boche, was aber nicht weiter schlimm ist, denn er ist ja einfach nur nicht richtig informiert, oder? Sehr wohl sind viele, wenn nicht sogar die meisten Antideutschen das, was man links nennt und viele berufen sich durchaus auf Karl Marx, aber bei weitem nicht alle. Ich würde mich sogar als Anti-Marxisten bezeichnen, aber ich möchte nicht vollkommen ausschließen, das der alte Marx ein Libertärer gewesen sein könnte.

Ich kann mich ohne weiteres outen und vielen ist es ohnehin schon klar: Ich bin ein Linker. Dafür brauche ich mich nicht zu schämen und ich habe mich nicht wirklich gewandelt: Ich folgte nur der Vernunft und nicht einstudierten Ideologien, die nun neu gewandelt und doch immer noch vom Schmutz der schändlichen Unfreiheit bedeckt, sich (neue) Linke nennt und immer noch Fidel als Befreier Kubas betrachtet, den chavistischen Staatssozialismus für ein nachahmwürdiges Modell hält und für die der Staat der anzubetende Fetisch ist.

Als „Antideutscher“ plötzlich linksliberal zu werden, wie es von einigen der Liberalen gefordert wird, würde einen klaren Rückschritt bedeuten und Antideutsch kommt auch nicht aus einer „verwirrten linken Ecke die es nicht schafft ein klares liberales Profil zu entwickeln.“, wie es luclog annimmt. Umgekehrt ist es richtig: Liberale sind oft unfähig ein klares libertäres Profil zu entwickeln, was ihnen aber verziehen ist und ich hoffe ja immer noch darauf, daß auch mancher Liberale noch zur Einsicht kommt. Allerdings nehme ich es luclog, wie auch den anderen „liberalen Kritikern“ wirklich übel, wenn sie so einen ausgekotzten Schwachsinn schreiben und behaupten, daß der wichtigste „Bestandteil einer solchen antideutschen Position […]der echte tief gefühlte Rassismus [sei], den er transportiert.“ Für eine solch feindselige Haltung dieser Liberalen gegenüber der antideutschen Kritik gibt es eigentlich einige mögliche Ursachen, die realistisch erscheinen. Zu einem reine Unwissenheit und ein fehlender Überblick über die Thematik. Ein Umstand der leicht einmal in der Hektik passieren kann und dann hätte ich auch das vollste Verständnis für die haltlosen Rassismusvorwürfe, die einem waschechten Liberalen schon einmal heraus rutschen können, in der irrigen Annahme, daß Antideutsch bedeuten würde „Nationalismus mit nationalen Vorbehalten zu beantworten.“ (Boche) Es wäre jedoch eigentlich angebracht, wenn man nicht genau weiß, wovon man schreibt, daß man lieber die Schnauze hält.

Eine weitere Möglichkeit für das unangenehme Missverständnis könnte der Umstand sein, daß Rayson, Boche, lüglog und andere einfach (noch) nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen, worum es eigentlich geht und sich nur auf das Schlagwort „Antideutsch“ stürzen und „Antideutsch“ sofort als rassistisch verorten, nicht unbedingt, weil Antideutsche angeblich gegen alles „Deutsche“, „Deutsch“ in der Art und Weise, wie es diese liberalen Kritiker für sich wahrnehmen, sind, sondern weil sie „Antideutsche“ für Nestbeschmutzer halten.

Letztendlich ist die bei NUB vorgetragene Kritik einiger Liberaler nicht wirklich von wichtiger Bedeutung, da sie entweder durch Unwissenheit oder durch Boshaftigkeit zu Stande kam. Das sich u.a. Boche, Rayson und lüglog mit ihrer sachlichen und nachvollziehbaren Kritik an den „Antideutschen“ nun mit Vorzeigekritikern „der Antideutschen“ wie Marcel Bartels, dem Antiimperialisten 3. Klasse, der eine bizarre Vorliebe für Konfirmandenanzüge und Verschwörungstheorien besitzt, in einem Boot sitzen, ist eine humorige Randerscheinung, von der ich nicht weiß, wer sie mehr bedauern sollte: der verwirrte Bartels oder die Handvoll Liberalalas, denen bei dem Wort Antideutsch die liberale Fassung verloren geht.

Posted in Antiimperialismus, Antideutsch, Neo-Linke, Antideutsche, Antiimperialisten, telegehirn, Nationalismus, Blogosphäre, In eigener Sache, Nerds, Rassismus, Gesellschaft | 71 Comments

71 Responses to “Antideutsch ist nur ein Schlagwort”

Antideutsch ist nicht inhuman

Bevor ich mich dem Themenfeld „antideutsche Islamkritik“ widme, dessen Fehlen zu Recht von verschiedenen Seiten angemerkt wurde, möchte ich mich der Antwort von Rayson, auf meinen Artikel „Antideutsch ist nur ein Schlagwort“, zuwenden. Nach dem ich den Artikel von rayson einige Male durchgelesen habe, bekomme ich mehr und mehr das Gefühl, daß wir oft aneinander vorbeireden. Gerade, wenn es um die Definition von „Deutsch“ geht. So schreibt Rayson:

„Da soll ich also “deutsch” im Sinne einer Ideologiekritik begreifen, und Telegehirn müht sich reichlich, mir das “Deutsche an sich” nahezubringen. Der Schluss ist sozusagen ein gewendeter Genscher: Deutsch ist im antideutschen Sinne nicht nur deutsch. […] Mit einer solchen Ausdehnung entzieht sich das “Antideutsche” im Telegehirnschen Sinne natürlich einiger von mir und Boche geäußerter Kritik. Wenn, um die entsprechenden Säulenheiligen mal als Extrembeispiel hervorzukramen, auch Amis und Israelis im antideutschen Sinn deutsch sein können (oder sind die qua Staatsbürgerschaft naturresistent?), können wir den Begriff doch aber eigentlich getrost zur Seite legen und etwas konkreter über das reden, was wir eigentlich meinen, oder?“

Wir können den Begriff eben nicht eben nicht zur Seite legen oder wie man heutzutage sagt: einen Schlussstrich ziehen. Wie ich schon schrieb, ist die „Deutsche Ideologie“ nicht auf Deutschland beschränkt, aber sie ist eben eine deutsche Erfindung und hier war und ist sie massenkompatibel. Nicht erst seit den Nazis. Als verantwortlich für zwei Weltkriege und einen Genozid ohne Beispiel, was nicht nur im deutschen Namen geschah, sondern mit voller Billigung und aktiver Zustimmung eines überragenden Teils der Deutschen, auch wenn das eine für viele unerträgliche Wahrheit sein mag, von der man sich nicht betroffen fühlt, weil Deutschland jetzt doch ein demokratisches Land sei und das alles so weit in der Vergangenheit liegt, ist Deutsch nun mal ein Synonym für Massenmord und Herrenmenschenwahn. Deshalb Antideutsch und gegen die Deutsche Ideologie ist niemand „qua Staatsbürgerschaft immun“, aber Deutsche sind überproportional dafür empfänglich. Warum das so ist? Darauf habe ich erst einmal auch keine abendfüllende Antwort, aber vielleicht kennt jemand da draußen die Gründe und Ursachen dafür. Ob das nun „eine angeborene oder erworbene Eigenschaft ist“, spielt nun keine große Rolle, denn der Fakt, der letztendlich zählt, ist das es diese „Deutsche Ideologie“ gibt und das sie sich erneuter Beliebtheit erfreut. Die Staatsangehörigkeit spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Das die Antideutschen, denen rayson in der Blogosphäre begegnet ist, sich nicht an „meine Definition“ von Antideutsch halten, mag man bedauern, doch das macht einmal mehr deutlich, wie stark differenziert das antideutsche Spektrum ist. Auch bedeutet Antideutsch keinesfalls „die Abschaffung des Individuums zugunsten des Kollektivs“, wie rayson annimmt. Die Vertreter und Anhänger der Deutschen Ideologie formen von sich aus ein Kollektiv, was aber keineswegs den Antideutschen vorzuwerfen ist, denn diese sind nicht für die Kollektivierung verantwortlich. Hier irrt sich rayson, denn der überwiegende Teil der Antideutschen sind Individualisten und wehren sich ja gerade gegen eine der schlimmsten Arten des Kollektivismus. Auch brauchen „die Antideutschen sich ihre Deutschen“ nicht zu konstruieren, sondern diese „willigen Deutschen“ gab es vorgestern, gestern und heute und es wird sie auch noch in der Zukunft geben.

Wenn für rayson „der Tod einzelner Menschen [rayson meint wohl „unschuldige“ Deutsche während des 2. Weltkriegs], die keine persönliche Schuld auf sich geladen haben außer der, am falschen Ort geboren worden zu sein, oder der, einfach nur überleben zu wollen“ nicht akzeptabel [?Bei rayson fehlt am Ende ein Wort?] ist, dann muss er auch deutlich machen, welche Alternativen denn möglich gewesen wären. Hätten die Alliierten also, wegen der Handvoll unschuldiger Deutscher, die rayson ausgemacht haben will, auf die Ausschaltung eines Großteils des industriellen Potenzials des 3. Reiches verzichten sollen? Der Krieg gegen den deutschen Faschismus war eben eine dieser Situationen, in der es nur „entweder oder“ gab. Entweder ein vollständiger Sieg (über den deutschen Faschismus) oder weltweite Versklavung. Dazwischen gab es nichts. (Die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg war nicht nur ein Segen für die Menschheit, wie rayson richtig anmerkt, sondern diese Niederlage war für das Überleben der Menschheit überhaupt absolut notwendig.) Die Appeaser der 30er Jahre dachten da aber anders und versuchten die Bestie zu beschwichtigen. Die Folgen sind bekannt und gegen bestimmte Ideologien gibt es eben kein anderes Mittel als konsequentes Einschreiten, auch wenn das mit einschließt, daß es Opfer gibt, die primär nichts mit dem Konflikt zu tun haben. Das kann und muss man bedauern, aber sind „unschuldige Opfer“ immer zu vermeiden und um welchen Preis? Wenn man sie um jeden Fall vermeiden will, welches Handeln ist dann angemessen? Welches Maß an Differenzierung seitens der Alliierten (In der xy Straße in Hamburg wohnen zwei „Unschuldige“ und in der Fabrik Z arbeiten drei „Unschuldige“. Wir verzichten deshalb auf die Bombardierung kriegswichtiger Anlagen) wäre denn für rayson angemessen gewesen? Wie sollte man eigentlich von außen erkennen, daß es überhaupt „unschuldige Deutsche“ gab, die nicht schon Tod, in Lagern oder ausgewandert waren? Die Massen, von mir aus auch der größte Anteil der Individuen in Deutschland, die sich freiwillig dem Deutschen Kollektiv anschlossen, folgten doch der Deutschen Ideologie und dem Führer begeistert in den Krieg und als Deutscher kann sich rayson dem nicht so einfach entziehen, nur weil er keine „Affinität“ zu den Deutschen „entwickeln“ konnte.

Ich bin ehrlich: da verstehe ich rayson nicht. Man muss nicht einmal ein Antideutscher sein, um das nicht zu verstehen. Eine „menschliche Kriegsführung“ lässt sich wohl nicht verwirklichen und bleibt eine kindliche Utopie und die einzige, für mich erkennbare, Alternative, um „Unschuldige“ als Opfer zu vermeiden, wäre die rechtzeitige Kapitulation gegenüber totalitären Ideologien, was aber wieder zu „unschuldigen Opfern“ führen würde. Ein Teufelskreis. Es gibt aber noch einen weiteren Weg, um unschuldige Opfer zu vermeiden: rechtzeitiges und rasches Handeln. Durch Beschwichtigen und Wegsehen kann man totalitäre Ideologien nicht in die Knie zwingen, denn dadurch macht man sie noch stärker, selbstbewusster und gieriger. Das war mit Nazi-Deutschland so und das trifft auch, um ein aktuelles Beispiel zu erwähnen, auf die iranischen Islamofaschisten zu.

In einem hat rayson aber wahrscheinlich Recht: man muss nicht immer „die Sache des Feindes betreiben“, wenn man es wagt, „Kritik an der Kriegführung der Alliierten damals oder der USA und Israels heute zu üben“, aber man betreibt durch eine solche Kritik auch nicht gerade die Sache der Alliierten damals oder der USA und Israels heute und sitzt damit entweder zwischen allen Stühlen oder betreibt eben doch irgendwie die Sache des Feindes, selbst wenn man das nicht will. Eine solche „Kritik“ wird in Deutschland eben häufig von revisionistischen und deutschnationalen Kreisen geäußert, die damit deutlich machen wollen, daß Deutsche eben nicht Täter, sondern auch Opfer waren und heutige „Israelkritiker“ suhlen sich in der selbigen, und hoffen, daß niemand den verkappten Antisemitismus bemerkt. Durch den außenpolitischen Amoklauf des Schröderismus seit Ende 2002 ist der Antiamerikanismus endlich wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen und hoffähig geworden.

Irgendwie scheinen rayson „die Opfer der Brandbomben auf Hamburg oder Dresden“ nicht loszulassen und beschäftigen ihn auch heute noch. Nur welche „Opfer“ meint er? Welche Kriterien muss man denn erfüllen, um, nach rayson, ein „unschuldiges deutsches Opfer“ zu sein? Rayson mag ja sogar vielleicht Recht haben: Nicht „die Deutschen allesamt“ waren Täter, doch fast alle Täter waren nun mal Deutsche. Auf diese knappe Formel kann man es bringen, auch wenn es natürlich in den besetzten Ländern jede Menge Kollaborateure gab, wobei eben wieder deutlich wird, daß die Deutsche Ideologie nicht auf Deutsche und Deutschland beschränkt war und ist. Der Krieg begann ja nicht Ende Januar 1933, sondern mehr als 6 Jahre später und es war genug Zeit, selbst für den dümmsten und einfältigsten Menschen, sich ein klares Bild vom verbrecherischen deutschen Faschismus zu machen. Für jeden „anständigen Deutschen“, der sich nicht daran beteiligen wollte, blieben daher nur Widerstand oder Exil. Alles andere bedeutete sich schuldig zu machen. Das kann auch durch noch so viele revisionistische Nebelkerzen nicht verhüllt werden.

Sicherlich hat rayson nicht Unrecht, wenn er meint, daß es darum geht, „wer welche Werte vertritt“, aber vor allem kommt es darauf an, welche Werte das sind. Auch Islamisten vertreten „Werte“ und diese sind sicherlich nicht „universell“ gültig. Welche Werte meint rayson? Für rayson ist die „antideutsche Ideologie“, wie er es nennt, irrelevant und er lehnt sie offen ab, denn für ihn ist „die Menschenverachtung, die zur Vernichtung von Millionen Menschenleben führt, ist kein Ergebnis irgendeines “Deutschseins”, sondern das von Ideologien, die abstrakte Ideen oder Kollektive über den Einzelnen stellen.“

Fast hätte ich ja geglaubt, daß rayson es vielleicht im Ansatz verstanden hätte, doch er ist nicht fähig oder willens die Angelegenheit konsequent zu Ende zu denken. Die Menschenverachtung fiel eben in Deutschland auf sehr fruchtbaren Boden und viele „deutsche Individuen“ waren und sind, offensichtlich mehr als andere, bereit den „Verlockungen“ dessen nachzugeben, was man Deutsche Ideologie nennen kann.

So sehr man es bedauern mag, aber wir leben nicht in einer rein individualistischen Welt und selbst jemand wie rayson beansprucht für sich auch eine irgendwie geartete kollektivistische Form der Identität, wenn er sich als Liberalen bezeichnet. Wobei liberal auch oft eine sehr schwammige Beschreibung ist und selbst in der „DDR“ gab es eine Partei die sich liberal nannte. Doch nimmt nicht auch rayson zumindest eine Kategorisierung vor? Die von Liberalen und nicht Liberalen und bedeutet das nicht auch eine „Separierung von einzelnen Menschen in kollektivistische Kategorien, die man als Ursache aller humanitären Katastrophen betrachten muss“, wie er schreibt? „Die Trennung in gut und böse“ ist also eine der Ursachen für alles Unglück der Welt, aber die Trennung in liberal und nicht liberal dagegen führt zu utopisch-paradiesischen Zuständen des Glücks und der Freiheit? Am liberalen Wesen, soll die Welt genesen? Wie darf ich mir das vorstellen? Was rayson hier zum Ende vorträgt ist weder Fisch, noch Fleisch. Selbst in einer extrem überindividualisierten Gesellschaft, wie sie sich z. B. Stirner vorstellte, wird es immer noch kollektivistische Identitäten geben. Nämlich jene, die Menschen freiwillig annehmen. Das an sich ist erst mal vollkommen wertfrei. Um ein solches Kollektiv aber bewerten zu können, muss man einen Standpunkt und die Fähigkeit besitzen zwischen gut und böse zu unterscheiden. Wobei gut und böse halt immer vom persönlichen Standpunkt abhängt. Der eine hält die Bombardierung von Hamburg und Dresden für ein Verbrechen und ein anderer sieht daran einen weiteren und notwendigen Schritt zur Befreiung Europas vom deutschen Faschismus. Manch einer mag dann beides für möglich halten, mit jeder Menge wenn und aber, die man doch zu bedenken hätte und dazu anmerkt, daß es zwischen weiß und schwarz doch so viele Grautöne geben würde. Es mag ja richtig Spaß machen, wenn man jede Position fein heraus ziseliert, aber es macht in der Praxis oft wenig Sinn und führt meist zu keinen brauchbaren Ergebnissen, sondern allzu oft nur zu einem schwer erträglichen, theoretischen Geschwurbel.

Das rayson zum Ende „die Antideutschen nicht als entschiedene Antithese zum Nationalsozialismus begreifen“ kann, ist nicht wirklich überraschend und das nehme ich ihm nicht übel und ich es begreife es auch nicht als persönlichen Angriff, wenn er die Antideutschen als Vertreter einer inhumanen Ideologie wahrnimmt. Ich halte das einfach nur für schwachsinnig, wenn nicht sogar für sehr gefährlich und obendrein für eine pauschalisierte und kollektive Diffamierung von engagierten Antifaschisten, die in jüngster Zeit ihres Gleichen sucht. Wer wundert sich jetzt noch, daß es bislang keine liberale Antifa gibt und es wohl auch nie eine geben wird.

Posted in Antideutsche, Antideutsch, telegehirn, Blogosphäre | 30 Comments

30 Responses to “Antideutsch ist nicht inhuman”

Telegehirn ist Commander der Bomber-Harris Gedächtnisbrigade h.c.

 

18.08.2007

Written by admin

August 18, 2007 at 9:02 am

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