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Einladung der BAHAMAS-Redaktion zu einer ideologiekritischen Konferenz

with one comment

Die (linke) Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand

Einladung zu einer ideologiekritischen Konferenz

am Samstag, den 28. Februar 2009
im Kinosaal der Humboldt-Universität Berlin

Nehmen wir an, dass eintritt, was zunehmend wahrscheinlich wird, und die sich anbahnende Krise größer wird als ihre Vorgängerinnen in den letzten fünfzig Jahren. Dann bedeutet das: Verarmung, Verelendung, Tod vor der Zeit. Aber auch Persönlichkeitsstörungen, Selbstmorde und scheinbar völlig unmotivierte individuelle Gewaltausbrüche. Dort, wo es noch Arbeit gibt, steigen Kontrolle und Misstrauen, eine als Überlebenskampf ausagierte Konkurrenz macht Lohnarbeit endgültig zur Schinderei und Nachbarschaft zum Alptraum. Wer könnte wollen, dass das Schlimme noch schlimmer wird, wer könnte wollen, dass sein ganzes Sinnen und Trachten dem Überlebenskampf gilt und er annehmen muss, dass alle anderen ihm nur noch feindlich gegenübertreten. Wer möchte in einer Gesellschaft leben, die Anfälle von Massenpanik überkommt?

Hass aufs Weltproletariat

Sich an der Welt einmal rächen zu dürfen und eine Woge aus Enttäuschung, Zurücksetzung und Hass über die Mitmenschen hereinbrechen zu lassen, solche Allmachtsphantasien des gescheiterten bürgerlichen Subjekts sind häufig, aber nicht zwangsläufig von Vereinsamung, Drogenmissbrauch und Ticks begleitet und nur ausnahmsweise ein Fall für die Psychiatrie. Zumeist wird dieses asoziale Bedürfnis vom Meinungsbetrieb ausreichend befriedigt, die Berichterstattung über Katastrophen bietet genug Gelegenheit, sich auf Seiten der Vorsehung gegen eine verdorbene, mit der Natur zerfallenen Menschheit aufzustellen. Mal ist die Naturkatastrophe Menetekel für mehr Demut gegenüber der Schöpfung, dann ist ein Krieg Reinigungsbad für eine endlich sittlich geläuterte Gemeinschaft und so weiter.

Diese Misanthropie des spätbürgerlichen Individuums wird besonders von einer Spezies, mit der es die Zeitläufe nicht gut gemeint haben, richtiggehend kultiviert; einer Spezies, deren Angehörige nach einer Kette von verpassten oder verpennten Chancen sich darauf verließen und verlassen mit aus der Boheme entlehntem Dünkel oder Auserwähltseinsglauben, dass auf sie zurückgegriffen werde, ihre besonderen Qualitäten noch der Entdeckung harrten. Diese Spezies bringt es fertig, nicht nur die Zukunft der Krise lustvoll in schwärzesten Farben zu malen und mit einem „Ätsch, das haben wir doch immer schon gesagt!“ über die persönlichen Schrecken von Millionen hinwegzusehen, sie erklärt sich allen Ernstes für berufen, den Weg aus Nacht zum Licht zu weisen. Die Zeitschrift, deren Anzeigenkunden gerade einem Wink ihres Herausgebers folgend, einen Verlag deshalb von der linken Buchmesse ausschlossen, weil er neben der eigenen, von linken Bücherfreunden wenig geliebten Produktion die Bahamas auf dem Büchertisch vorhält, ließ auf dem Titelbild ihrer November-Ausgabe einen infantilisierten Karl Marx dem Weltproletariat angesichts der ihm bevorstehenden Schrecken die Zunge herausstrecken: Das habt ihr jetzt davon, dass ihr Autos und Eigenheime angezahlt habt, oder es doch endlich tun wollt, wenn es ein paar Rupien mehr gäbe.

Tribunen und Pöbel

In Schlachten zu bestehen – auf dem sicheren Feldherrnhügel versteht sich – und den Elementen zu trotzen, solche pubertären Allmachtsphantasien beschränken sich keineswegs auf Leute, die sich politisch als links verstehen. Über den deutschen Kaiser Wilhelm I wird berichtet, dass er schon bald nach seiner triumphalen Inthronisierung in Versailles als über den Erzfeind siegreichen Reichseiner in eine Depression verfallen sei, weil ihm während des normalen politischen Geschäftsgangs die Hände gebunden waren und einfach keine Entscheidungen von historischen Ausmaßen mehr anstanden. Von Helmut Kohl weiß man, dass die Tuchfühlung mit dem Mantel der Geschichte in den Jahren 1989 und 1990 ihn mehr beschwingt hat als jedes andere Ereignis in seiner politischen Karriere. Und seinen Vorgänger treiben während seiner nicht enden wollenden Karriere als Talkrunden besuchender Elder Statesman zwei Ereignisse um, in denen er wirklich die ganze Last der Verantwortung auf seinen Schultern verspürte: Die Hamburger Hochwasserkatastrophe 1962, als er Innensenator war, und die Tage von Stammheim/Mogadischu, die er als Bundeskanzler moderierte. Die Sehnsucht des bürgerlichen Politikers, eine Rolle, in die schon der alte Kaiser gepresst war, ist die nach dem Ausnahmezustand. Einmal von den Zwängen der Kabinettsdisziplin, den Budgetengpässen und einem parlamentarischen und fiskalischen Getriebe, das wie von selber funktioniert, befreit zu sein und als Retter von Volk und Nation in schicksalsschwerer Zeit dem Rad der Geschichte in die Speichen zu greifen – diesen Traum des Politikers träumen mit ihm seine Anhänger und seine Kritiker. Wird er wahr, bricht die Stunde der Tribunen an, die mit dem Schicksal im Bunde nur noch sich und dem Volk verantwortlich sind, das als plebiszitärer Pöbel organisiert für die Legitimation sorgt, und zum Befreiungsschlag ausholen möchte. Derzeit äußert sich solche Sehnsucht, wenn sie praktisch werden will, im Westen eher lächerlich, etwa als Helmut Kohl 1990 im Alleingang einen Eierwerfer dingfest machen wollte. Der nahe Osten führt längst vor Augen, wozu die Herren von der Gazprom als Resteverwalter eines Imperiums der genauso bürokratisch wie terroristisch betriebenen Willkür, das von Iwan dem Schrecklichen bis Wladimir Putin reicht, in der Lage sind. Das Schicksal Georgiens, dem keiner beistehen wollte, als es fast ausgelöscht und um ein Drittel seines Territoriums beraubt wurde, bestätigt die Faszination, die der Ausnahmezustand – hier im internationalen Maßstab – jederzeit ausüben kann.

Apokalypse statt Befreiung

Aus dem klugen Gleichnis vom gordischen Knoten, wurde in der Sprache der gefährlichsten Meute, den Journalisten, eine beispielgebende Befreiungstat. Dabei steht es doch für die Zerstörung einer von den Göttern gestifteten Verbindung, die es klug aufzulösen gegolten hätte, statt sie, wie durch Alexander den Großen geschehen, zu zerschlagen und damit einem Eroberungskrieg, der keinen Segen bringen konnte, letzte Weihen zu verleihen. Das ist das Schicksal Georgiens 2008, das dem der Tschechoslowakei 1938 und 1939 so unheimlich ähnelt. Dort, wo es keinen Knoten gibt, weil nicht die Götter ein lösbares Rätsel gestiftet, sondern Ressentiment und Brutalität sich gegen jede Lösung verbunden haben, dort wo der Ausnahmezustand verewigt werden soll und also nur das Schwert hilft, im Vorderen Orient also, will man eine Alexandertat ausdrücklich nicht. Der Gaza-Konflikt ist einfach, der Georgienkonflikt primitiv. Im einen Fall geht es um militärischen Selbstschutz, im anderen um die Arrondierung eines Imperiums. Doch im Fall Gaza handelt ein Land, dessen Bevölkerung, obwohl in vielen Ländern der Welt beheimatet, nur den einen jüdischen Staat mit seinen leicht verhandelbaren Grenzen für sich beansprucht, im Fall Georgien macht sich eine Despotie daran, ethnische Destabilisierung zu betreiben, Schutzbefohlene unter ihre Fittiche zu nehmen und, weil es keine Auslandsrussen gab, diese durch Einbürgerung massenweise zu produzieren. Israel wehrt sich gegen den durch die antisemitische Internationale über Land und Leute verhängten Ausnahmezustand, Russland macht mit stärkeren Bataillonen, als sie der Hamas zur Verfügung stehen, schon einmal vor, dass sein Griff nach georgischem Territorium, der im übrigen nur nachvollzieht, was die Sowjetunion in den Jahren 1922ff. gegen georgische Unabhängigkeitsbestrebungen schon brutal durchgesetzt hatte, höchster Ausdruck der Staatsraison in der Krise ist. Hamas und das Putinsche Russland stehen für den apokalyptischen Widergänger eines Menschheitstraums: der Vereinigung der Welt jenseits staatlicher Grenzen, nationaler Mythologien oder völkischer Gemeinschaften. Der sowjetische Traum von der Weltrepublik, der in Wirklichkeit kaum mehr als ein großrussischer war, entspricht dem islamischen: Angestrebt ist eine Weltherrschaft, die ihre Legitimation allein aus der Behauptung vom Imperium zu schützender Glaubensanhänger bezieht. Und in beiden Fällen ist der Weg das Ziel: Russland wird, solange es als orientalische Despotie auftritt, nie zum Ende kommen. Stets werden der Staatsraison neue Opfer gebracht werden und neue Landmassen in die Hegemonialsphäre einbezogen werden, ohne dass es zur Befriedung kommen wird. Die Islamisten wiederum wollen ihren Djihad auf jeden Flecken ausweiten, auf dem Anhänger des Islam leben. Beide werden in ihren Territorien endlose Bürgerkriege führen und anders als im Falle Israels wird der Westen, vertreten durch seine Meinungsmacher und Politiker, mit Verständnis für die „irregeleiteten“ Sucher nach einer gerechten Welt reagieren.

Die Freunde des Ausnahmezustandes, die an seiner kriegerischen Gestalt ihre Freude haben, weil sie in Putins Russland die Potentiale der Weltrevolution genauso entdecken wie im frommen Volkswiderstand der Anhänger des Islam, wollen es immer schon gewusst haben. Sie präsentieren sich als Revolutionsarmee im Wartestand, und spenden nicht nur der Hamas als Volksbefreiungsarmee ihren Beifall, sie erkennen auch in den zunehmend panischen Kriseninterventionen der kapitalistischen Staaten auf ökonomischem Gebiet den Beginn von etwas ganz Neuem. Den einen würde es vorerst genügen, wenn Post, Banken und Schwerindustrie staatlich würden, andere – und keineswegs nur der unselige Jürgen Elsässer – prophezeien längst die antikapitalistische Volksfront.

Praktische Politik versus Ideologiekritik

Es nützt die Einsicht nichts, dass der Kapitalismus die Krise aus sich heraus produzieren muss, wenn die Krise da ist. Denn wie sie auf systemimmanenten Weg zu beenden sei, weiß der Kommunist genauso wenig wie der normale Krisenpolitiker. Dass es Kommunisten gibt, die allen Ernstes im Herbst 2008 die Revolution als Krisenlösung empfehlen, stellt nachhaltig unter Beweis, dass hier lediglich am eigenen Leben verzweifelnde Menschenhasser den westlichen Gesellschaften ein Ende mit Schrecken herbeiwünschen, und sei es nur, um das Gros ihrer Bürger in eine materiell ähnlich prekäre Situation zu werfen, wie der, in der sie selber sich befinden – mit dem dann für Kommunisten schmeichelhaften persönlichen Vorteil, als Propheten und Wanderprediger unter den Elenden endlich etwas zu gelten.

Der böse Vorwurf gegen die kritische Theorie, sie hätte in der Weltwirtschaftskrise 1929ff. versagt, als sie statt praktische Politik gegen den Faschismus auf den Weg zu bringen, „nur“ Ideologiekritik im Angebot gehabt hätte, dieser ewige Vorwurf der Mittäterschaft, der von Alarmisten der Tat bis heute gegen Ideologiekritik, also der Form der Kritik auf der Höhe der nachbürgerlichen Zeit, erhoben wird, ist sicheres Indiz dafür, wie abgedichtet gegen jede Realität die Gemeinschaft derer, die sich heute Kommunisten nennen, in Wirklichkeit ist. Es will ihren Mitgliedern nicht einleuchten, dass Kritik, die zur Aufhebung kapitalistischer Vergesellschaftung führen soll, in den etwas ruhigeren Zeiten vor der Krise nur als Ideologiekritik erfolgreich zu leisten gewesen wäre, damit etwas Besseres als die panischen Massenstimmungen in der Krise und die Restauration des oder gar der Rückfall hinter den Kapitalismus gelingen könne. Stattdessen halten sie es mit der „Kritik“ der Massen am Kapitalismus und nicht der gebotenen Kritik an den antikapitalistischen Massen. Weil die Massen nämlich nicht den Kommunismus, sondern die Staatsökonomie wollen, weil sie sich im besten Falle nach geordneter Gemeinschaft in provinzieller Enge sehnen, in der die Helden Postbeamte sind, wie kürzlich in Frankreichs erfolgreichstem Film „Willkommen bei den Sch`tis“ vorgestellt, kann die Kritik nicht anders, als die scheinbar utopische, in Wirklichkeit noch nicht einmal nostalgische Friedlichkeit zu entzaubern und die darin liegende autoritäre Sehnsucht anzuprangern.

Der Verrat der Intelligenz

Wie der Traum der Massen, so die Utopie der in Konkret inserierenden Buchverlage und Zeitschriften. Mit dem Unterschied, dass in den Kreisen der Kommunisten scharf darüber gewacht wird, dass Dissidenz in den eigenen Reihen unterbleibt. Denn sosehr man einander Feind ist, so unhintergehbar bleibt die Solidarität beim Ausschluss dessen, der von der Psychopathologie des Revolutionarismus redet. Das ist übrigens nichts Neues und verweist in den fratzenhaften Volkstribunalen, wie dem in Nürnberg gegen den ça ira-Verlag, auf eine Tradition, die spätestens seit der Ausschaltung der linken Opposition in der Sowjetunion 1926 bis heute ungebrochen weiterwirkt. Der Verrat der Intelligenz war bezogen auf die Linke immer der Ausschluss, die Verleumdung, der Rufmord und manchmal auch der buchstäbliche Mord am Dissidenten. Diese Tradition des Stalinismus, dem der Nationalsozialismus gelegen kam, seine eigenen Verbrechen, deren schrecklichste bezeichnenderweise nach 1933 verübt wurden, zu verschweigen und jedem, der darüber reden wollte, einen Maulkorb zu verpassen. Dieser im Namen der Volksfront und des Antifaschismus im Westen populäre Ausschluss der Kritik reichte über das offizielle Ende des Stalinismus hinaus. Die Begeisterung für den Maoismus bis in die 70er Jahre hinein stellte das genauso unter Beweis wie die intellektuellen Kotaus vor Che Guevara oder die blutrünstige Begeisterung für Fanon. Und selbst als hochkorrupte und völlig paranoide Satrapen und Landsknechtsführer diese Lichtgestalten längst verdunkelten, riss die Dritt-Weltbegeisterung nicht ab, zu sehr fühlt man doch das Herz der Finsternis in der eigenen Brust schlagen. Das musste Dissidenten produzieren, von denen nicht wenige in nachvollziehbarer Verbitterung wirklich ihren Frieden mit Verhältnissen gemacht haben, die trotz einer blutrünstigen Linken, die häufig Schlimmeres vorhatte als die „Bewahrer“, immer noch keine waren, unter denen man in Frieden hätte leben können.

Der Misserfolg von Kritik in kommunistischer Absicht ist gar nicht so sehr den unwilligen, von der Kulturindustrie vernebelten Massen zuzuschreiben. Das groteske Angebot, das ihnen im Namen der Revolution zumeist gemacht wurde und wird, diese Mischung aus Verachtung ihres kärglichen Wohlstands und privatem Vergnügen einerseits und Heilsversprechen andererseits, die in Sprache und Inhalt weit hinter einen gewöhnlichen Segen am Ende des katholischen Gottesdienstes zurückfallen, hat dazu geführt, dass eine fast unüberwindliche Hürde den einzelnen Unzufriedenen – sowohl mit seinen persönlichen Verhältnissen wie auch den allgemeinen Aussichten – von den Quellen der Kritik trennt.

Noch über der kritischen Theorie liegt der Fluch des Kommunismus der Gulags und Killing Fields, weil die Erinnerung an die im Namen des Kommunismus verübten Verbrechen auch jene mit einbezieht, denen heute unterstellt wird, sie verrieten die Chance des revolutionären Neuanfangs in Zeiten der Krise wegen ihres Zuviel an Ideologiekritik. Denn auch wo die bürgerliche Vergesellschaftung und mit ihr auch die realsozialistischen Gesellschaften nur negativ verhandelt und verworfen werden, klingt die so schwer diskreditierte Forderung nach der selbstbewusst organisierten Produktion und Verteilung notwendig nach: Nicht als Revolutionsprogramm und schon gar nicht als Handlungsanweisung für Überzeugungsarbeit bei den Massen, wohl aber im beständigen, durchaus negativen Beharren darauf, dass die Verhältnisse nicht mehr bereithalten als bestenfalls ihre Fortschreibung unter beständig unerfreulicheren Bedingungen. Das gilt noch für den Nachweis, dass der globalisierungskritische oder sonstwie autoritäre Ideologe der Revolution und die Apologeten der bestehenden Verhältnisse sich Zukunftsprogramme zurechtlegen, in denen der drohend fordernde Ruf nach Gemeinschaft und Zusammenhalt mit entsprechender Feinderklärung jeweils auf den Ausschluss unsolidarischer Elemente zielen, die bezeichnenderweise immer Ackermann und Zumwinkel heißen. Gegen solche Feinderklärungen wären die Gemeinten schon deshalb zu verteidigen, weil sie offen legen, warum man überhaupt arbeiten geht: nämlich, um möglichst reich zu werden und nicht um der Gemeinschaft zu dienen. Das schwebt nämlich den scheinbaren Kritikern, die längst wieder beim Sozialismus der Deutschen Post (wie er vor der Ägide Zumwinkel sich darstellte und die einst Lenin beflügelte) angekommen sind, wenn nicht gar schon bei Kim Il Sungs Juche-Ideologie.

Noch im peinlichen Versuch Hans Werner Sinns (IFO-Institut) im November 2008, einmal als Ideologiekritiker zu glänzen, als er eine Analogie von den deutschen Judenverfolgungen der 30er Jahre zu den heute so beliebten Verunglimpfungen von Bankern und Managern zog, liegt ein Restbestand von Wahrheit, bedenkt man, dass der Revolutionarismus von Nazis und KPD vor 1933 sich sehr wohl in aggressiver Weise gegen die Bosse wandte und der Antisemitismus der Nazis nicht etwa deshalb so populär wurde, weil er sich zuerst an verarmten jüdischen Flüchtlingen aus Polen entzündete, sondern weil er die von ihren revolutionären Konkurrenten ebenfalls herausgestrichenen schlechten Eigenschaften der Kapitalisten als jüdische „erkannte“.

Kritik als Beruf

In den zwanzig Jahren nach 1990 sind die für die Kommentierung der nächsten großen Krise und die Kritik an den Krisenbewältigern notwendigen kritischen Potentiale nicht herangereift. Was einmal antideutsch geheißen hat, taucht heute als Apologie für das irgendwie widerständige Tun migrantischer Schlägerbanden, als Angriff auf den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr oder als vom Sozialneid erfülltes Ressentiment gegen deutsche Frührentner, die sich auf Mallorca niedergelassen haben, wieder auf. Und noch die Israelsolidarität ist inzwischen edles Anliegen von Freunden des palästinensischen Volkes wie Gregor Gysi und Petra Pau, die sich vom Antizionismus emanzipieren, aber ihre proisraelische Kampfreserve der Partei AK Schalom nach vorne schicken, wenn es gilt, einen Antrag der CDU zu delegitimieren, der regierungsamtliche Israelsolidarität immerhin mit einer Absage an den Antizionismus verbinden wollte. In Anlehnung an den Titel von Max Webers berühmten Vortrag von 1919 ist die Kritik, die bekanntlich autonom zu sein hat, wenn sie nicht zur Ideologie verkommen will, unter Leuten, die von sich behaupten, mit Israel solidarisch oder Gegner des linken Revolutionarismus zu sein, auf die perverse Devise „Kritik als Beruf“ gebracht worden. Diese Vermischung von Kritik und Geschäft führt zum prickelnden Spannungsverhältnis von Seminar und Karriere und schließlich Propaganda und Verbandstätigkeit. Wenn dann Professor Wolfgang Benz, der größte Antisemitismusspezialist im Land, der in Wirklichkeit Vorurteilforscher ist, sogenannte Islamophobie als neue Form des Antisemitismus entlarvt, dann ist das israelsolidarischen Ideologen nicht Grund zur Scham und schleunigster Umkehr, sondern Anlass, ein spannendes neues Diskursfeld aufzumachen.

Die Konferenz „Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“ nennt sich deshalb anders als ihre ganz oder maßgeblich von der Bahamas veranstalteten Vorgängerinnen ausdrücklich nicht antideutsch und ihre Veranstalter verzichten darauf, Bestandteil einer praktischen Israelsolidarität zu sein. Zugleich kann vom Kommunismus zunächst nur insoweit die Rede sein, als die Verheerungen, die in seinem Namen veranstaltet wurden, Gegenstand sind. Und noch der positive Rekurs auf die Zivilisation und den Westen will zunächst nicht mehr leisten, als den Abfall von der einzigen neuzeitlichen Idee zu kritisieren, die eine bessere Einrichtung der Welt versprochen hat, ohne es einhalten zu können. Im Appell allerdings, das Versprechen des Westens zu verteidigen, liegt nicht trotziges Beharren, vielmehr der Trotz der Kritik, die den praktischen Kommunismus nicht deshalb verwirft, weil sie das verlorene Ideal plötzlich in der bürgerlichen Republik erkennt, sondern den Kommunismus dort wieder aufgreift, wo Kritik und bürgerliche Ideologie sich endgültig trennten.

Eine Konferenz kann nicht einfach nachholen, was in den Jahren 1990 ff. aus Traditionalismus, Bequemlichkeit, Angst vor der Isolation und nicht zuletzt wegen des Elite-Dünkels der Produzenten reiner Theorie versäumt wurde. Und doch nehmen sich die Veranstalter vor, einige der Voraussetzungen zu benennen, ohne die jede Intervention in krisengeschüttelter Zeit zu bloßem Mitmachen verkommt: Mitmachen entweder bei den „Revolutionären“ oder auf Seiten der scheinbar konservativen Bewahrer, die sich bei den anstehenden Zurüstungen der Bevölkerung mit Gemeinsinn von ihren scheinbaren Widersachern nicht mehr unterscheiden werden.

Redaktion Bahamas, 26.1.09

Beginn: Samstag, 28. Februar 2009, 10:00 Uhr

Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 8 Euro

Ort: Kinosaal der Humboldt-Universität Berlin, Unter den Linden 6

Für Getränke und Verpflegung wird gesorgt.

Programm der Konferenz „Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“

10:00 Uhr Podium 1: Ideologiekritik und Praxis

Justus Wertmüller: Begrüßung, Einführung zur Konferenz und Moderation

Philipp Lenhard: Apokalypse als Chance

Noch bevor das Wort „Krise“ die Runde macht, stehen die Propheten und Heilsverkünder in den Startlöchern, um den Massen das Evangelium der Erlösung zu verkünden. Während die Regierung ihrem Staatsvolk behutsam einzubläuen versucht, dass nun eine Zeit des Verzichts anbricht, um die man nun einmal nicht herumkomme, sind andere schon einen Schritt weiter: Selbst ernannte Sozialrevolutionäre schwören ihre Schäfchen auf die unaufhaltsam nahende Apokalypse ein, in der die verhasste bürgerliche Gesellschaft untergehen werde. Dem kollektiven Wahn, der sich aus der Panik des nachbürgerlichen Subjekts speist, ist nicht mit gutem Zureden und trostspendendem Handauflegen zu begegnen, sondern mit rücksichtsloser Ideologiekritik, welche die Bedingungen der Möglichkeit des Kommunismus gegen seine antikapitalistischen Propagandisten verteidigt.

Manfred Dahlmann: Krise und Ideologiekritik

Die Feststellung, dass auch Theorie eine Praxis sei, ist eine Phrase, mit der linke Kopfarbeiter sich denjenigen anbiedern wollen, die zur körperlichen Arbeit verdammt sind. Ernst kann es jenen mit dieser ‚Erkenntnis’ nicht sein: denn dann hätten sie ihrer Lieblingsbeschäftigung zu entsagen, ständig neue Theorien zu produzieren und die darin von ihnen konzipierte, also von ihrer Theorie getrennte Praxis von allen anderen erst noch einzuklagen.

Tatsächlich ist jede Theorie Praxis – so, wie jede Praxis eine Theorie in sich trägt, die in dieser Gesellschaft Ausbeutung und Herrschaft perpetuiert. Zwischen Theorie und Praxis zu unterscheiden, ist nur nominal, also theoretisch möglich – real existiert diese Differenz nicht: Sie ist notwendig falsches Bewusstsein.

Ideologiekritik hat auch in der manifest werdenden Krise der Versuchung zu widerstehen, einer ‚falschen’ Praxis die ‚richtige’ Theorie gegenüber zu stellen. Nur wo sie sich dieser Zumutung verweigert, agiert sie in realer Differenz zur herrschenden Theorie-Praxis-Identität, das heißt: Nur so existiert sie überhaupt.

13:00 Uhr Podium 2: Komplizen der Katastrophe
Claudia Dreier: Moderation
Sören Pünjer: Der Verrat der Intellektuellen

Es waren die Ereignisse der Jahre 1914–1919, die dem Intellektuellen als öffentlicher Figur erst jenen Nimbus des Predigers für eine bessere Welt eintrugen, den er noch bis in die 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts genoss, heute aber längst nicht mehr besitzt. Vor 1914 relativ gut situiert und vor diesem Hintergrund zur Kritik an autokratischen Erscheinungen des eigenen Landes in der Lage, wandelte er sich nach der Phase der Kriegsbegeisterung in einen vom Vaterland enttäuschten Skeptiker, der, weil kaum mehr nachgefragt, sich seine neue Rolle als Propagandist der Rettung des krisengeschüttelten Volkes vor den Zumutungen der bourgeoisen Herrschaft suchte. Je mehr sich der Intellektuelle zu den Massen hingezogen fühlte und den damals populären, vorgeblich dem Fortschritt verpflichteten Geschichtsdeterminismus als Werkzeug eigener Zurichtung benutzte, verriet er seine relative Autonomie und damit die Voraussetzung der Kritik. Man warf sich der Komintern und ihrer führenden Partei im gelobten Land der Werktätigen nicht trotz, sondern wegen deren vermeintlicher Nähe zum einfachen Volk an den Hals. Die seit der Romantik virulente Anziehungskraft des Antiintellektualismus auf den Intellektuellen rief in klassenkämpferischen Zeiten den geschulten Berufsrevolutionär als Vermittler auf den Plan. Leute wie Willi Münzenberg, der Chefpropagandist der Komintern und Chef eines komintern-eigenen Verlagsimperiums, das auch in schweren Zeiten Honorare zahlte, vermochten „bürgerlichen“ Schriftstellern das „dialektische Tam Tam“ (Arthur Koestler) nahe zu bringen, dem zufolge die Vernunft und der Wille der Massen, vermittelt durch die Partei Lenins, nahezu identisch seien. Der 1935 in Paris abgehaltene Kongress der Schriftsteller war nur einer der Höhepunkte freiwilliger Instrumentalisierung, die man zu dieser Zeit per Komintern-Beschluss zur Abwechslung Volksfront nannte. Für die Berufsrevolutionäre war es ein Leichtes, die Intellektuellen in ihrer Anmaßung, die einzig wahren Verteidiger der Kultur zu sein, zu bestätigen, solange diese ihnen nach dem Munde redeten und ihre Verbrechen mindestens schön färbten.

Sartre oblag es später, dem Intellektuellen seinen „Platz im Volk“ zuzuweisen und damit den Restbestand für dessen einst noch hoch gehaltene Verantwortung für das eigene veröffentlichte Wort auch gegen die übergroße Mehrheit im Lande zu kassieren. Mit diesem existentialistisch aufgeladenen, also der reinen Willkür überantworteten „Wahrheitsbegriff“ wurde jener zynische Typus des Experten für Zivilisationskritik zur Vollendung gebracht, der im heutigen Meinungsbetrieb deshalb fast konkurrenzlos als Intellektueller firmiert, weil er seine Rolle in der Krise zur allgemeinen Zufriedenheit spielt.

Jan Gerber: Die Rückkehr zur Linken?

Die Zumutungen, die heute in der Jungen Welt stehen oder beim alljährlichen LLL-Geisterzug, bzw. bei einem Vereinstreffen der einschlägigen Linksparteien geboten werden, sind von Anfang an, seit sich Robespierre und Co. in der französischen Nationalversammlung auf der linken Seite des Kammerpräsidenten niederließen, im Konzept der Linken angelegt. Warum sich Ideologiekritik trotzdem immer wieder mit der Linken befassen muss, warum das eigentümliche Schwanken zwischen Abschied und Bezugnahme nicht den Launen eines Zentralkomitees geschuldet ist, das es nicht gibt, warum der regelmäßige Bruch mit der Linken bei gleichzeitiger Beschäftigung mit ihr also kein Widerspruch ist, sondern weiterhin in der Natur der antideutschen Sache liegt, hat zwei Gründe: 1. Die in einer Geschichte des unendlichen intellektuellen wie praktischen Verrats zur abscheulichen Floskel verkommene Idee der Befreiung des Menschengeschlechts wird weiterhin von den linken Bankrotteuren okkupiert. Insofern ist die Beschäftigung mit der Linken die dauernde Bemühung, jene, die aus Naivität und gutem aber unüberlegtem Willen in ihre Fänge geraten sind, daraus zu befreien. 2. Nicht vor der radikalen Linken ist zu warnen, sondern vor ihren neuesten Vorschlägen. So wenig die einzelnen Ideologen und Möchtegern-Barrikadenkämpfer in ihrer Mehrheit ins Establishment aufsteigen werden, so sehr dankt das Establishment ihnen in immer kürzerer zeitlicher Distanz für ihre revolutionären Vorschläge durch deren Überführung in handlungsleitende Ideologie.

15:00 Uhr Podium 3: Kultur versus Gesellschaft – Das Elend des Antirassismus
Matthias Hippler: Moderation
Alex Gruber: Zur Ontologie der Differenz – Über die Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik

Die Propagandisten des postmodernen Bedürfnisses, die behaupten, die in der gesellschaftlichen Formation sich angeblich ausdrückenden Strukturen erfassen zu können, machen die Logik der Unterdrückung unmittelbar in der Logik, die sie pauschal dem Übel zuschlagen, selbst aus. Die begrifflichen Allgemeinheiten, unter die eine Vielzahl von Einzeldingen subsumiert werden, werden verstanden als mit sich selbst identische herrschaftliche Diskurse, die die „differance“ (Derrida) verdrängen, um ihren totalen Sieg davonzutragen. Demgegenüber gelte es dieser Differenz an sich selbst, die keinen Bezug auf Einheit mehr kenne, zu ihrem Recht zu verhelfen, also das „Prinzip der Vielheit“ (Deleuze/Guattari) durchzusetzen. Solcherart ist weder ein kritischer Begriff von gesellschaftlicher Totalität noch von Subjektivität zu denken; vielmehr betreibt so argumentierender Antirassismus die Auflösung von Gesellschaft in ein Konglomerat von Kulturen.

Clemens Nachtmann: Rasse und Individuum

Der Vortrag wird ein Epitaph für den in Begriff wie Sache komplett unrettbaren Antirassismus sein, dessen theoretische Lächerlichkeit – die Gegnerschaft zu etwas zu behaupten, das es angeblich gar nicht gibt: Rasse – gerade der Garant seines praktischen Erfolges ist alle Ausbeutung und Herrschaft in Kategorien der (Rassen-)Diskriminierung umzuformulieren und den Aufstand der vermeintlich oder tatsächlich Zukurzgekommenen gegen das in den Juden und Israel inkarnierte vergleichende Prinzip zu organisieren.
Dabei zeigt gerade das Agieren der Antirassisten schlagend, dass kritische Theorie auf den Begriff der Rasse nicht verzichten kann: verweist er doch einerseits auf ein nichtidentisches Natursubstrat des vergesellschafteten Menschen und benennt er doch vor allem die kata-strophische Selbstbehauptung des Individuums im barbarischen Kollektiv, das sich heute als Multitude bezeichnet.
Gegen diese Selbstbehauptung des Individuums, die mit seiner Selbstabschaffung unmittel-bar zusammenfällt, wird ein Individualismus pointiert, der den bürgerlichen überschreitet, ohne hinter ihn zu regredieren und genau deshalb mit Kommunismus zusammenfällt – ein Individualismus, wie ihn Oscar Wilde in seinem Essay „the soul of man under socialism“ entwickelt: eine Lobrede auf einen großen Schriftsteller und Ästheten, in der der Nachweis zu führen ist, dass keine materialistische Kritik des Kapitals zu denken ist, die nicht Marx, Freud, Adorno und Wilde in sich einbegreift.

18:00 Uhr Podium 4: Autoritäre Ermächtigung im Zeichen der Krise

Natascha Wilting: Moderation

Gerhard Scheit: Die Sehnsucht nach dem Weltsouverän

Wenn Marx sagt, der Weltmarkt sei das „Übergreifen der bürgerlichen Gesellschaft über den Staat“, so nennt er damit auch das Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft, das eine Weltgesellschaft ohne Souverän im Auge hat – und seine Erkenntnis, dass „keine Art Bankgesetzgebung (…) die Krise beseitigen“ könne, ist nur der negative Ausdruck dieses Versprechens. Der Wahn hingegen, der das Glücksversprechen dementiert, verspricht das Übergreifen des Staats über den Weltmarkt.

Man sehnt sich also nach dem Weltsouverän und freut sich auf den Ausnahmezustand, der ihn bringen soll: Auf der einen Seite wird dieser Überstaat weltweit die Banken und Börsen sorgsam beaufsichtigen, so dass sie nicht mehr der Gier der „internationalen Managerklasse“ (Joachim Hirsch) ausgeliefert sind und verrückt spielen; auf der anderen Seite den Djihad regulieren – sei’ s durch Dialog oder Sanktionen –, damit die Mullahs nicht verrückt spielen und über die Stränge des Nahen Ostens hauen, statt Tariq Ramadan zu folgen.

Das vielberufene Charisma, das Barack Obama im Kampf um die Präsidentschaft der USA erwarb, ist ohne diese Sehnsucht nicht zu erklären: Möge doch dieser Präsident von innen her die gewaltsame Politik des Hegemons, der die anderen Staaten so einseitig dominiert, auf wundersame Weise in die friedliche Kommunikation einer gerechten „Weltinnenpolitik“ (Jürgen Habermas) verwandeln. Die Reaktionen auf den Gaza-Krieg wurden dann schon durch die Hoffnungen belebt, die man auf Obama setzt. Wie auch immer sie enttäuscht werden: Israel verkörpert die Weltverschwörung des Judentums. Deshalb gezwungen, seine Souveränität ständig unter Beweis zu stellen, legt die Politik dieses Staates in Wahrheit stets aufs Neue dar, dass es keinen Weltsouverän gibt, ja, dass jeder Versuch, ihn zu realisieren, gegen die Juden gerichtet ist: Er nimmt ihrem Staat die Souveränität, die sie im Ernstfall allein schützt.

Uli Krug: Apparatur der Panik – Zum Funktionswandel der Krise

Für die westliche, hochbürgerliche Gesellschaft, die der Marxschen Kritik Pate gestanden hatte, konnte noch gelten, was Wolfgang Pohrt prägnant formulierte: Die Krise als Einspruch der Vernunft – als Einspruch gegen ihre Bannung in das vernunftlose Ganze kapitaler Verwertung. Instanz dieses Einspruches war ein Subjekt, das an Freiheit hing und fest davon überzeugt war, dass ihre Verwirklichung bereits in diesem Ganzen beschlossen sei.

Die Deutschen – als Prototyp der spät- und nachbürgerlichen Verfassung der Subjekte – hingegen glaubten das nie: Sie fürchteten die Freiheit und nutzten die Krise, um eine gesellschaftliche Ideologie und bald auch Apparatur zu bauen, die auf blanke und vernunftverlassene Panik setzt. Diese Panik ist es, die aus der Krise im 20. Jahrhundert nicht Revolution machte, sondern im deutschen Fall: Katastrophe. Katastrophe, indem die Krise dem bismarkisch-sozialdemokratischen Staat der vermeintlichen Krisenprävention seine radikalfaschistische Konsequenz entlockt: den autoritären, nationalsozialistischen Staat der wahnwitzigen Krisenelimination. Die Rackets seines bürokratischen Naturzustandes aber hatte bereits der korporatistisch-soziale Komplex des Vorgängers (und auch Nachfolgers) geformt.

Dahinter gibt es kein Zurück: Krise ist hier immer Krise der permanenten Krisenabwehr, weshalb das „Krisenbewusstsein“, von dem Linke gern träumen, nur zum Wunsch nach autoritärer Ermächtigung führt, dem Durchgreifen ohne Samthandschuhe, zum nationalsozialistischen Wiederholungszwang.

Justus Wertmüller: Was vom Westen bleibt

Der Fluch der im Entstehen begriffenen bürgerlichen Gesellschaften waren jene „Tribunen“, die sich auf die römische Antike bezogen und ihre von der Vorsehung gedeckten Vorhaben dem Volk plebiszitär andienten. Doch die Reihe, die von Cola die Rienzo zu Savonarola führte, riss mit dem Ende der Renaissance nicht ab – der Tribun als Führergestalt stand in der Gestalt Napoleon Bonapartes wieder auf: Als Weltgeist zu Pferde, mithin Begründer nicht nur eines angeblich bürgerlichen Frankreichs, sondern auch einer irgendwie bürgerlichen Welt. Den verhängnisvollen Verlauf, der von der Jacobinerdiktatur bis zu Napoleons unrühmlichem Ende geführt hat, mitsamt seinem Personal und der von ihm zelebrierten Politik, nicht grundsätzlich kritisiert zu haben und stattdessen mit Bewunderung immer wieder darauf zurückzukommen, ist für große Teile des zeitgenössischen wie nachgeborenen Bürgertums nicht nur in Frankreich – insbesondere radikale Liberale und spätere Sozialisten und Kommunisten – symptomatisch. In der Epoche Napoleons I unbedingt eine große, nach Freiheit ausgreifende erkennen zu wollen, verweist auf ein grundsätzliches Zerfallensein mit einer Welt, die dergleichen nicht braucht und ausdrücklich nicht will. Von Zivilisation, also vom Westen in Hochachtung zu reden – auch als der Voraussetzung für etwas Besseres als das, was Republik und warentauschende Gesellschaft bereit halten –, setzt voraus, zunächst mit Lord Byron die republikanische Alternative zum Bonapartismus zu begrüßen, die eine bürgerliche Gesellschaft nach halbwegs menschlichen Zuschnitt erst begründen konnte und gegen die Republik des Ausnahmezustandes, die Welt des panischen Bürgers, der seine eigenen Allmachtsphantasien auf den für ihn tätig werdenden Führer überträgt, in Anschlag zu bringen. Die Vereinigten Staaten von Amerika und nicht die französische Republik oder das napoleonische Empire sind historisch höchster Ausdruck des Staat und Gesellschaft gewordenen Westens und gleichwohl längst im Niedergang begriffen. Und doch kann, wenn über die Anstrengungen, Risiken und Freuden, ein Mensch nach westlichen Zuschnitt werden zu können, worum es im Vortrag zentral gehen wird, nur verhandelt werden, wenn die auch historischen Voraussetzungen dafür benannt werden.

(Text Stand vom 01.03.2009)

Written by admin

March 1, 2009 at 2:26 am

One Response

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  1. […] wenig Gelegenheiten zum Austausch mit ihren Adepten. In Berlin trafen sich am Sonnabend auf Einladung der BAHAMAS-Redaktion (noch) aktive Autoren und eine beachtliche Zuhörerschaft zur Analyse […]


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