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– RAF-Dossier 2007 –

Rote Armee Fiktion

von classless kulla

Schon am vergangenen Dienstag stellte die Bahamas im “Max & Moritz” den Sammelband “Rote Armee Fiktion” (ca ira) vor, der alte und neue Texte zur RAF enthält. Uli Krug rekapitulierte das Gedenkjahr 30 Jahre “Deutscher Herbst” und konstatierte eingangs, Christian Klar habe Pech gehabt, sei in die Strafverschärfungsdebatte geraten, der Souverän habe gnadenlos erscheinen wollen. Zur Gemütslage, aus der heraus die RAF heute betrachtet wird, führte er an, daß es seinerzeit möglich war, Antiamerikaner und Antisemit zu sein und trotzdem von den Nazis und dem Normalbürger angefeindet zu werden. Mahlers jüngste Äußerungen über seine noch halbbewußte antisemitische Motivation zum bewaffneten Kampf nahm Uli Krug wie viele andere zuletzt leider für bare Münze statt sie als biographische Begradigung zu erkennen. Triftiger erscheint mir sein Verweis auf die Nähe zwischen dem Kaufhausbrand und der NSDAP-Propaganda gegen Warenhäuser schon ab 1920. weiterlesen …

Die RAF als Werwolf Kommando

In der aktuellen Jungle World kommentiert Uli Krug das publizistische Revival der deutschen Mörderbande RAF: “Wie die Werwölfe“. … Apropos RAF: Im ca ira Verlag erscheint diesen Monat der von Jan Gerber und Joachim Bruhn herausgegebene Sammelband “Rote Armee Friktion“, in dem sich unter anderem auch der sehr empfehlenswerte Text “Gefühltes Gas” von Uli Krug befindet.

RAF-Gedenken im Oktober 2007

Während die nationalbolschewistische junge-welt sich mit RAF’lern über die Notwendigkeiten ihrer mörderischen Praxis verständigt, fordert die Bundesregierung einen zentralen Gedenkstein in Berlin für die Opfer des roten Terrors , was wiederum die Kritik der linken RAF-Kritiker provoziert: Die alltägliche Geschichstschreibung… – weder der jugendliche SS-Günther noch der adulte SS-Schleyer werden als nationale Mahngestalten akzeptiert. Für Michael Buback bleibt aber immer noch alles beim alten: Er weiss immer noch nicht, wer seinen Vater ermordet hat und weder im Gedenkritual noch in der Justiz der BRD scheint dieses essentielle Aufklärungsinteresse auch nach 30 Jahren immer noch keine Rolle zu spielen.

Radikal antijüdisch

Dreißig Jahre Deutscher Herbst und die RAF: Diese Terroristen fühlten sich auch als Opfer – des deutschen “Judenknax”. Viele Linke haben sich diesen Blick zu eigen gemacht . VON VEIT MEDICK … Weiterlesen in der taz vom 06.10.2007. Und Richard Herzinger widmet sich in der NZZ den Ideologen des Terrors: Zwischen den gewaltbereiten deutschen Jihadisten und der RAF gibt es bemerkenswerte Parallelen. via Achse des Guten

 

Brigitte Mohnhaupt

März 25, 2007

wurde heute in den frühen Morgenstunden von Bekannten aus der JVA-Aichach in Bayern abgeholt. Bumm-Bumm Biggi von der R.A.F. verlässt die Haftanstalt vorzeitig auf Bewährung, ihr Aufenthaltsort ist derzeit unbekannt. Ihre virtuelle Heimat will sie aber bestimmt einklagen.

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Zettels Raum: “So macht Kommunismus Spaß” (3): Die Aktualität der RAF

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War die RAF nur psycho oder politisch?

Gerhard Baum versus Jan Philipp Reemtsma in DIE ZEIT

Lust an Gewalt

Die RAF fasziniert noch heute. Viele glauben, sie habe aus politischen Motiven gehandelt. Das ist ein Irrtum. Tatsächlich waren ihre Taten von Größenwahn und Machtgier geprägt.

Wenn man als Sozialwissenschaftler mit literarischen Texten arbeitet, kann man das in vielerlei Hinsicht tun. Man kann sie unmittelbar als Quellen benutzen; zum Beispiel wenn ich wissen will, wovon sich eine englische Bourgeoisie im 19. Jahrhundert rühren ließ, dann werde ich nicht umhinkommen, Romane von Charles Dickens zu lesen.

Ich kann literarische Texte aber auch in ganz anderer Weise benutzen, nämlich als Dokumente sozialwissenschaftlicher Einsichten. Sie sind dann das, was auch in der Soziologie ein legitimes Erkenntnismittel ist: Gedankenexperimente. In diesem Sinne – als Gedankenexperiment – werde ich Dostojewskijs Dämonen (in der neuen Übersetzung Böse Geister, S. Fischer Verlag) verwenden, um zu zeigen, wie der Roman zum Verständnis eines Phänomens beitragen kann, das sein Verfasser gar nicht kannte: des bundesdeutschen Terrorismus der siebziger Jahre. Aber Dostojewskij hat sich mit dem anarchistischen Terrorismus seiner Zeit beschäftigt, und dabei ist er zu Einsichten gekommen, die über seinen eigenen zeitlichen Horizont weit hinausreichten (siehe auch die Studie von Gudrun Braunsperger: Sergej Necaev und Dostoevskijs Dämonen: Die Geburt eines Romans aus dem Geist des Terrorismus, Peter Lang Verlag).

Im Januar 1873 wurde in Moskau einem gewissen Sergej Netschajew der Prozess gemacht. Netschajew war eine bizarre Erscheinung. Er war 1847 geboren, stammte aus kleinbürgerlichem Milieu, war als Anfangzwanziger Gasthörer an der Universität St. Petersburg, entwickelte aber früh einen rigorosen Antiintellektualismus. Seinen Status als Gasthörer verwandte er vor allem darauf, während der Petersburger Studentenunruhen als Redner und politischer Organisator aufzutreten. Seine Idee war, möglichst viele Studenten politisch zu aktivieren, mit dem Ziel, dass sie daraufhin von den Universitäten verwiesen würden, worauf sie unfehlbar aufs Land ziehen und die Bauern revolutionär agitieren würden. Die allgemeine revolutionäre Erhebung erwartete er für das Jahr 1870. Im Jahre 1869 gab es eine Verhaftungswelle, und Netschajew verließ Russland – nicht ohne das Gerücht, er sei verhaftet worden und geflohen, zu verbreiten. Er ging in die Schweiz und suchte Kontakt zu Bakunin, dem er erzählte, er sei der Gründer eines revolutionären Netzwerks in Russland. Er verfasste den später viel gelesenen Katechismus eines Revolutionäres, kehrte nach Russland zurück und zeigte überall die ihm von Bakunin ausgestellte Bescheinigung vor, die ihn zum Beauftragten der russischen Sektion des »Internationalen Revolutionären Weltbundes« erklärte, sowie den Mitgliedsausweis der »Alliance Révolutionnaire Européenne, Comité géneral« Nr. 2771.

Diese Organisationen gab es ebenso wenig wie die revolutionären Zirkel, die Netschajew Bakunin vorgelogen hatte. Netschajew gründete eine Gruppe namens »Strafgericht des Volkes«, die er denjenigen, die er für die Gruppe anwarb, wieder als Teil eines russlandweiten revolutionären Netzwerks ausgab. Die Mitglieder dieser Gruppe haben sich, wie es scheint, Netschajew vollständig untergeordnet – mit einer Ausnahme: Ein gewisser Iwan Iwanow weigerte sich, Agitationsmaterial in einer Bibliothek und einer Mensa auszuteilen, weil er befürchtete, diese Einrichtungen könnten geschlossen werden – worunter vor allem ärmere Studenten würden zu leiden haben. Netschajew forderte ultimativ die Unterordnung unter die Vorgaben der Gruppe oder Iwanows Austritt. Iwanow verließ die Gruppe und wurde daraufhin von Netschajew und vier anderen ermordet. Dieser Mord war Gegenstand des Prozesses, der mit der Verurteilung Netschajews endete. Er starb nicht ganz zehn Jahre nach seiner Verurteilung im Kerker.

Der Roman Die Dämonen war zu Teilen schon vor dem Netschajew-Prozess geschrieben, aber der Mord an Iwanow und das Phänomen Netschajew gehören unmittelbar zu seiner Vorgeschichte. Das Gedankenexperiment, das sich in ihm findet, kann man als Antwort auf die Frage verstehen: »Wie war es nur möglich, dass Netschajew Erfolg haben konnte? Wie konnte er überhaupt Anhänger sammeln und sie dazu bringen, einen brutalen Meuchelmord zu begehen?«

Zunächst braucht es ein Milieu, aus dem solche Anhänger rekrutiert werden können, und es muss sich um ein Milieu handeln, das für bestimmte verbale Verhaltensanreize empfindlich ist. In dem Kapitel Bei den Unsrigen beschreibt Dostojewskij ein solches Milieu. Wenn man die Schilderung dieses Zusammentreffens liest, fühlt man sich in das Berlin der frühen siebziger Jahre versetzt. Wir haben sie alle beisammen: neben wohlwollenden Vertretern der älteren Generation den Studenten, der mit seinem Status hadert, die aufgeregte Studentin, die sich mit jedem anlegt, der Schweigsame, der sich immer Notizen macht, »und dann, schließlich, ein Gymnasiast, ein vor Eifer glühender achtzehnjähriger Junge, der mit der düsteren Miene eines in seiner Würde gekränkten Menschen dasaß und sichtlich unter seinen achtzehn Jahren litt. Dieses Kind war bereits Anführer einer selbständigen Verschwörergruppe, die sich in der obersten Klasse des Gymnasiums gebildet hatte.« Alle diese Leute meinen irgendetwas, aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, dass sie insgesamt ein Klima erzeugen, in dem alle nervös, reiz- und kränkbar auf das erlösende Wort »Schluss damit, jetzt muss gehandelt werden!« warten.

Vor allem aber ist der Wunsch nach Gruppenbildung und Abgrenzung spürbar. Der zusammengewürfelte Haufen diffus Unzufriedener versucht sich als eine Art Komitee für irgendwas zu konstituieren. Schließlich mündet das Ganze in eine revolutionäre Theorie, die wiederum die Gemüter entzweit. Schließlich kommt Pjotr Stepanowitsch, jene Figur des Romans, die, wenn sie auch kein Porträt Netschajews darstellt, so doch dessen Rolle als Chef einer »Fünfergruppe« und Anstifter des Mordes an dem scheinbar dissidenten Genossen spielt, zu Worte: »Sparen wir uns das Gerede – man kann doch nicht weitere dreißig Jahre lang schwatzen, wie bereits dreißig Jahre geschwatzt wurde – ich stelle Ihnen eine Frage: Was ist Ihnen lieber, der langsame Weg, der im Verfassen sozialer Romane und bürokratischer Bestimmungen menschlicher Schicksale auf tausend Jahre im voraus auf dem Papier besteht (…) oder die rasche Lösung, worin sie auch bestehen mag, die (…) der Menschheit die Möglichkeit garantiert, ungestört und aus eigener Kraft eine soziale Ordnung aufzubauen, und zwar in der Realität und nicht auf dem Papier? Ich (…) bitte deshalb die ehrenwerte Gesellschaft, nicht abzustimmen, sondern sich klipp und klar äußern zu wollen, was für jeden von Ihnen ansprechender ist: im Schildkrötengang im Sumpf waten, oder mit Volldampf hindurch?«

Dem »mit Volldampf hindurch« stimmen schließlich auch jene, denen das gar nicht behagt, zu: »›Wenn ich jetzt zusammen mit den anderen zustimme, so einzig und allein, um nicht störend…‹« Dieses Milieu ist das Rekrutierungsmilieu, das aus denen besteht, die den Schritt in die gewaltbereite Organisation noch nicht wagen, ihn aber billigen und – unter veränderten Umständen – vielleicht doch tun würden. Dazu aber muss ein weiteres Umfeld kommen, das in einer lockereren Beziehung zur eigentlichen Gruppe steht. Dieses Umfeld besteht aus denjenigen, die die der Gruppe unterstellten Zielsetzungen zu teilen meinen, aber die Methoden oder den Zeitpunkt des Versuchs, sie zu realisieren, nicht billigen. Bei Dostojewskij ist das der liberale Gouverneur Lemke, den wir im Gespräch mit benanntem Pjotr Stepanowitsch über eine revolutionäre Proklamation erleben.

Die Gruppe selbst aber muss an sich glauben und aus diesem Glauben Kohärenz gewinnen. Das tut sie zunächst durch Abgrenzung zu den beiden geschilderten Milieus: Sie wirft dem liberalen Milieu Feigheit vor, und dasselbe tut sie im Grunde gegenüber dem Milieu der potenziellen Unterstützer. Sie selbst entwickelt so in sich das Gefühl, die durch Mut und Konsequenz geadelte Avantgarde zu sein.

Will man das Selbstbild der zur Tat entschlossenen Avantgarde aufrechterhalten, braucht es irgendwann – nun eben: eine Tat. So lautet das im Roman von einem zynischen Beobachter vorgetragene Rezept für einen wirklich festen Gruppenzusammenhalt: »Überreden Sie vier Mitglieder einer Gruppe, den fünften um die Ecke zu bringen, unter dem Vorwand, dieser könnte Sie denunzieren, und sogleich werden Sie alle durch das vergossene Blut wie durch einen einzigen Knoten aneinanderfesseln.« Das ist Dostojewskijs Deutung von Netschajews Mordbefehl: im Grunde eine gruppendynamische Maßnahme. Diese wird auch im Roman von der Gruppe vollzogen – und eine Brandstiftung kommt hinzu, denn der Terror muss sich auch nach außen richten: »Hören Sie, wir werden einen Aufruhr machen(…) Wir werden einen solchen Aufruhr machen, daß alles in seinen Grundfesten wankt.«

Dostojewskij verweigert sich konsequent allen Versuchen, die Existenz und die Aktivitäten von terroristischen Gruppen aus irgendwelchen politischen Absichten heraus zu erklären. Vielmehr deutet er die terroristische Gewalt als Lebensform einer Gruppe. Das ist zu seiner Zeit als diffamierend aufgefasst worden, und auch heute wird man viele finden, die ein solches Verständnis terroristischer Gewalt (etwa im Falle der RAF) als unpassend, ja zuweilen – wie mir neulich vorgehalten wurde – den ehemaligen Mitgliedern der RAF gegenüber als »verletzend und kränkend« bezeichnen.

Bevor ich zur Übertragung des Dostojewskijschen Blicks auf die RAF komme, möchte ich noch die Frage stellen, worum es bei solchem Streit eigentlich geht. Geht es darum, wer die »wirklichen Motive« einer Terrorgruppe zutreffend beschreibt und wer sie verkennt? Ich meine nicht. Es handelt sich nämlich nicht bloß um ein Erkenntnisproblem, sondern darum, dass es so etwas wie »Motive« nicht gibt – jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es Blutzucker und Magengeschwüre gibt. Was wir »Motive« nennen, sind Selbst- und Fremdzuschreibungen – das heißt etwas, was in kommunikativen Akten, in denen über die Bedeutung von Handlungen debattiert wird, eine Rolle spielt. Wenn wir über »Motive« reden, reden wir immer auch über Legitimationen und Selbstdarstellungen. Wer über seine Motive Auskunft gibt, möchte, dass andere sein Handeln akzeptieren oder er selbst als jemand erscheint, der ein gewisses Recht darauf hat, sein eigenes Handeln zu akzeptieren.

Es gilt bei der Analyse terroristischer Handlung wie bei der Analyse jedes anderen Handelns: Die Unterscheidung von Zwecken und Mitteln ist künstlich – früher hätte man gesagt: undialektisch. Handlungen werden als ganze gewählt. Man setzt sich nur Zwecke, deren Mittel man billigt – oft solche, die man der Mittel wegen wählt –, und dann wird die Unterscheidung von Zweck und Mitteln gänzlich hinfällig. Ein Chirurg muss das Operieren mögen, um gut zu sein, und darf es nicht nur als abstoßendes Mittel in Kauf nehmen. Wer Mitglied einer Terrorgruppe wird, wählt die Existenz als Mitglied einer Terrorgruppe, und wer das, was er dann ist, nicht mag, wird diese Wahl nicht treffen. Von Günther Gaus gefragt, wie er Mitglied der RAF geworden sei, antwortete Christian Klar, dass es die Gruppenidentität gewesen sei, die für ihn das Attraktive ausgemacht hätte. Aber es war eben keine beliebige Gruppe, sondern eine gewalttätige. Sie konnte sich bilden, weil sie aus einem Milieu kam, in dem Gewaltfantasien endemisch waren: vom Italowestern über das berühmte Lied von Degenhardt, wo jemand sich ausmalt, wie er sonntags aus seinem Zimmer auf Lodenjoppen tragende Bürger schießt (Wir sind jetzt die Jäger), bis hin zur Idealisierung Che Guevaras bei Biermann, Jesus Christus mit der Knarre. Insofern hat Karl-Heinz Dellwo recht, wenn er sagt, dass die RAF etwas agierte, was andere nur fantasierten – sich das als Verdienst zuzurechnen ist allerdings merkwürdig.

Die Linke dieser Jahre war zudem geprägt durch das Erleben weltpolitischer Instabilität (bei gleichzeitiger Stabilität der Bundesrepublik): 1968 die Tet-Offensive des Vietcong schien die Verletzlichkeit der USA zu signalisieren, in Paris brachten die rebellierenden Studenten de Gaulle dazu, Paris zu verlassen, in Prag schien ein libertärer Sozialismus möglich und nur durch Waffengewalt der anderen Weltmacht zu verhindern. Kurz: Dass es irgendwann heißen könne: »Sozialismus oder Barbarei«, und dass diese Frage würde gewaltsam entschieden werden müssen, war das Credo vieler, die von ihrer individuellen Disposition her alles andere als gewaltbereit waren. Der Vorwurf der RAF, der der nämliche war, den die Terroristen in den Dämonen ihrem Umfeld machen – der der Feigheit nämlich –, weckte bei vielen das unbehagliche Gefühl: Die könnten recht haben. Deshalb, denke ich, fiel es vielen so schwer, die Wirklichkeit der RAF angemessen zu beschreiben: als eine Reihe sinnloser brutaler Gewalttaten.

Um diese Unfähigkeit nicht eingestehen zu müssen, halten viele bis heute daran fest, das vermeintlich Politische an diesen Gewalttaten hervorzuheben, und nicht zu sehen, wie sehr die Taten der RAF von Größenwahn, Machtgier und Lust an der Gewalttat geprägt waren. Man unterschätzt systematisch, welcher Bedeutungsgewinn eine Reihe bedeutungsloser Individuen dadurch erfuhr, dass sie den Arbeitgeberpräsidenten in einen Kofferraum sperrten und schließlich seine Ermordung mit den Worten »Herr Schmidt kann ihn (…) in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen« kommentierten. Wer die Verlautbarungen zu den Bombenanschlägen liest, kann nicht umhin, die schiere Lust am großen Knall herauszuhören.

Es erstaunt nicht, dass wir das Dostojewskijsche Personal in der RAF wiederfinden: den Theoretiker (Horst Mahler), den wütenden Affekt gegen Theorie (Baader und Meinhof) und die Parolen des »Genug geredet«, die auf das »Geschwätz der ›Linken‹ nichts geben(…), weil es ohne Folgen und Taten geblieben ist«. Wir haben die Fantasie, Teil einer länderumspannenden Befreiungsaktion zu sein, und schließlich haben wir den Mord am Gruppenmitglied Homann, der von der Gruppe, angeführt von Baader, im jordanischen Trainingscamp beinahe vollzogen worden wäre, wäre sie nicht von Palästinensern entwaffnet worden. Homann hatte den Politjargon als »durchsichtigen Vorwand für Sadismus und Gewalt« bezeichnet, und Baader schlug vor, alle Gruppenmitglieder sollten zur selben Zeit auf Homann schießen – so könne niemand mehr aus der Gruppe aussteigen; »die Gruppe muß Gruppe bleiben und parieren«, sagt Dostojewskijs Pjotr Stepanowitsch.

Bis heute ist die RAF ein Faszinosum, wie die viel besuchte Berliner RAF-Ausstellung zeigt. Warum? Walter Benjamin spricht in seinem Essay Zur Kritik der Gewalt von der Figur des »großen Verbrechers«, der die »heimliche Bewunderung des Volkes« errege. Was macht den Verbrecher groß? Es ist die Geste der Selbstermächtigung zur Gewalttat – dadurch erreicht auch das Mitglied einer terroristischen Vereinigung eine Selbstüberhöhung, die in der Moderne sonst nicht zu haben ist. In modernen bürgerlichen Gesellschaften ist die Rolle des Heer- oder Bandenführers nicht mehr zu besetzen, nur als terroristischer Gewalttäter kann man sich ähnliche Sensationen verschaffen. Das, was in den Verlautbarungen der RAF immer eine so große Rolle spielte, nämlich aus sich selbst in der Aktion den »neuen Menschen« zu machen, ist auf solche Grandiositätserlebnisse zurückzuführen. Der ehemalige RAF-Kurier Volker Speitel hat es einmal so formuliert: »Der Eintritt in die Gruppe, das Aufsaugen ihrer Norm und die Knarre am Gürtel entwickeln ihn dann schon, den ›neuen‹ Menschen. Er ist Herr über Leben und Tod geworden, bestimmt, was gut und böse ist, nimmt sich, was er braucht und von wem er es will; er ist Richter, Diktator und Gott in einer Person – wenn auch für den Preis, daß er es nur für kurze Zeit sein kann.«

Und mehr wäre da nicht zu sagen? Dostojewskij schreibt über den Auftritt Netschajews vor Gericht: »(Ich habe mich) mit der Sache befaßt, sogar über sie geschrieben – und plötzlich geriet ich ins Staunen. Niemals hätte ich mir vorstellen können, daß sie so einfach, so eindimensional dumm sei. (…) Was für ein kleiner Gymnasiast!« Im Roman lässt er den Vater Pjotr Stepanowitschs diese plötzliche Desillusionierung so formulieren: »Meine Herrschaften, ich habe das Geheimnis entdeckt. Das ganze Geheimnis ihrer Wirkung – liegt in ihrer Dummheit(…) Wäre das Ganze auch nur eine Spur klüger ausgedrückt, dann könnte jeder auf den ersten Blick die ganze Armseligkeit dieser kurzsichtigen Dummheit erkennen. Aber jetzt bleiben alle staunend davor stehen: Keiner will glauben, daß es sich um eine derart elementare Dummheit handelt. ›Es ist ausgeschlossen, daß nichts dahintersteckt‹, sagt sich jeder und sucht nach etwas Verborgenem, ahnt ein Geheimnis, möchte zwischen den Zeilen lesen…« Aber es ist tatsächlich nichts dahinter außer Größenwahn und Lust an der Gewalttat.

Gekürzte Fassung eines Vortrags, gehalten zum Auftakt der Veranstaltungsreihe »Nachgedacht. Geisteswissenschaften in Hamburg.« http://www.nachgedacht-hamburg.de

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DIE ZEIT, 08.03.2007 Nr. 11 11/2007

http://zeus.zeit.de/text/2007/11/RAF

DIE ZEIT

Dämonisierung des Terrors

Die Taten der RAF waren von sinnloser Brutalität. Doch wer sie bloß als Ausdruck einer »Lust an Gewalt« betrachtet, der verfehlt das Phänomen des Terrorismus und leistet seiner Entpolitisierung Vorschub. Eine Antwort auf Jan Philipp Reemtsma.

Angeregt durch die Lektüre von Dostojewskijs Dämonen und die Beschäftigung mit dem russischen Anarchismus, vielleicht auch unter dem Eindruck seiner persönlichen Lebenserfahrung, vertritt Jan Philipp Reemtsma die These, der Terrorismus generell, aber auch der der RAF sei vornehmlich von »Größenwahn, Machtgier und Lust an der Gewalt« geprägt (ZEIT Nr. 11/07). Es besteht kein Zweifel: Die Taten der RAF waren sinnlose Brutalität, durch nichts zu rechtfertigen. Reemtsmas These liest sich interessant, bietet aber nur ein einziges, aus der Literatur abgeleitetes Erklärungsmuster. Es verstellt ihm einen differenzierten Blick auf das Phänomen Terrorismus.

Dass Größenwahn, Machtgier und auch »Lust an der Gewalttat« eine Rolle spielen und nicht ausgeklammert werden können, ist unbestritten. Die Ausschließlichkeit einer solchen Zuschreibung wird der Komplexität des Gegenstandes aber nicht gerecht. Die Terrorismusforscherin Gisela Diewald-Kerkmann weist mit Recht darauf hin. Der Terrorismus kann nicht auf psychologische Dispositionen reduziert werden. Damit würde – wie bereits in den siebziger Jahren – lediglich einer Dämonisierung der Täterinnen und Täter Vorschub geleistet. Reemtsma konstruiert einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und terroristischen Aktionen. Er erklärt die Wege in die Illegalität ausschließlich als Folgen von pathologischer Aggressivität und »Lust an Gewalt«. Ein solcher Ansatz entpolitisiert und enthistorisiert die RAF und vernachlässigt die Tatsache, dass die Terrorismusforschung wesentlich weiter ist.

Radikale Massenbewegungen sind der Nährboden für Terrorismus

Bereits 1978 hatte ich in Ausführung eines Beschlusses der Innenministerkonferenz eine Reihe sozialwissenschaftlicher Studien in Auftrag gegeben, die in 5 Bänden (Westdeutscher Verlag) zusammengefasst wurden. Der im November 2006 von Wolfgang Kraushaar im Auftrag des Hamburger Institutes für Sozialforschung herausgegebene Doppelband Die RAF und der linke Terrorismus enthält zahlreiche Beiträge, die den aktuellen Forschungsstand reflektieren. Diese Untersuchungen stützen Reemtsmas These, mit der er terroristische Gewalttaten aus dem zeitgeschichtlichen Kontext zu lösen versucht, nicht. Zu Recht konstatiert der Soziologe Peter Waldmann 1998, dass terroristische Gruppen in der Regel nicht isoliert auftreten, sondern im Kontext breiterer Protestbewegungen. Der Jurist Joachim Wagner hat bereits 1981 in seiner Studie Politischer Terrorismus und Strafrecht im Deutschen Kaiserreich von 1871 darauf hingewiesen, dass sich Terrorismus in der Regel am Rande von radikalen Massenbewegungen bildet. Diese jedoch entstehen nur, wenn bestimmte politische Forderungen einer Bevölkerungsgruppe über längere Zeit unerfüllt bleiben. Insoweit sei es für die präventive Verhinderung von Terrorismus wichtig, das Radikalisierungspotenzial in einer Massenbewegung abzubauen.

Die RAF ist – wie Kraushaar sagt – ein »radikalisiertes Verfallsprodukt der linken Protestbewegung«. Diese ist zwar ohne RAF vorstellbar, die RAF aber nicht ohne das politische Umfeld der damaligen Zeit. Es ist zu fragen, ob die RAF nicht auch Merkmale eines typisch deutschen Phänomens aufweist. Karl-Hermann Flach sprach in diesem Zusammenhang von »der deutschen Flucht in die Utopie«. Das von Stefan Aust bei einigen Tätern konstatierte »religiöse Sendungsbewusstsein« verband sich mit menschenfeindlichem moralischem Rigorismus.

Ausgeklammert wird bei Reemtsma der Prozesscharakter in der Entstehungsgeschichte terroristischer Gruppen. Es reichen eben nicht nur Milieu, Gruppenbildung oder Abgrenzung aus – wie er schreibt –, sondern entscheidend sind die Aktionen und Reaktionen der Beteiligten, das gesellschaftliche Klima, das Wechselverhältnis zwischen terroristischen Gruppierungen, staatlichen Instanzen und Öffentlichkeit, wobei diese Prozesse in den siebziger Jahren – hier zwischen RAF, Staat, Politik und Medien – eine gefährliche Eigendynamik entwickelten.

Die RAF entstand in einer im hohen Maße politisierten Phase der Nachkriegsgeschichte, die insgesamt von Aufbruchstimmung und wichtigen Reformen geprägt wurde. In einem Klima gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Wandels wurden gesellschaftliche Verkrustungen der Nachkriegszeit nachhaltig aufgebrochen. Kennzeichnend dafür ist Willy Brandts erste Regierungserklärung unter dem Motto »Mehr Demokratie wagen«. Durchaus berechtigte Motive für politischen Protest waren unter anderem die Notstandsgesetze, die Spiegel-Affäre und der Vietnamkrieg, der Schahbesuch und der Tod von Benno Ohnesorg, das Attentat auf Dutschke und der sogenannte Radikalenerlass. Gewisse politische Kräfte und auch Teile der Presse trugen zur Eskalation bei. Peter Boehnisch hat sich immerhin später von seinen polemischen Kolumnen in der Bild-Zeitung distanziert.

Die RAF gibt es nicht mehr. Doch warum ist die Diskussion so erregt?

Die Anziehungskraft der RAF in bestimmten Kreisen beruhte nicht allein auf der Tatsache, dass Gewalt ausgeübt wurde, sondern auf der Kombination von Gewalt mit politischen Zielen. Weitere Solidarisierungselemente waren Haftbedingungen, Hungerstreik und die angestrebte Gefangenenbefreiung. Mit nichts aber war Mord zu rechtfertigen! Ausgeklammert wird bei Reemtsma auch, dass die Entstehung terroristischer Gruppen in den siebziger Jahren ein internationales Phänomen darstellte. Ähnliche Entwicklungen konnten auch für andere Länder festgestellt werden, beispielsweise Italien.

Wie politisch aufgeladen das Thema RAF bis heute ist, zeigt die Erregung über die jüngsten abstrusen Äußerungen von Klar. Die RAF gibt es nicht mehr. Dennoch wird die Diskussion hoch emotionell geführt. Die Person Klar erhält eine Bedeutung, die ihr nicht zukommt. Erneut werden die Schlachten von gestern geschlagen, wie schon 2005 anlässlich der RAF-Kunstausstellung in Berlin. Wieder werden Täter und Opfer politisch instrumentalisiert. Wieder werden im Namen der Terrorismusbekämpfung Ausnahmegesetze geschaffen, die die Freiheit der Bürger einschränken. Und das weit über das Notwendige hinaus. Mehrfach bereits griff das Bundesverfassungsgericht ein.

Die Gesellschaft – so scheint es – hat insgesamt noch keinen historischen Abstand gewonnen und ist heute weiter von der Verarbeitung des RAF-Terrors entfernt als Ende der siebziger Jahre. Wir müssen uns schon mehr Mühe geben, um die komplexe Situation der damaligen Zeit zu begreifen. Der Bruder des ermordeten Diplomaten Braunmühl sagte einst: »Zu meiner Empörung gegen die Mörder gehört für mich untrennbar die Frage: Sind die Terroristen vom Himmel gefallen oder sind sie aus dem Boden dieser Gesellschaft gewachsen?«

Gerhart Baum war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister in der sozialliberalen Koalition

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Todeskult, Größenwahn, Eitelkeit: Osama bin Ladens Terroristen und die RAF haben vieles gemeinsam »

DIE ZEIT, 15.03.2007 Nr. 12 12/2007

http://zeus.zeit.de/text/2007/12/Antwort-Reemtsma

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Bick nach Italien: Neue Generation der Roten Brigaden im Februar 2007 verhaftet.

In Italien gibt es eine zweite Generation der Roten Brigaden, sie nennen sich “Kommunistischen Partei – Politisch-militärischer Arm”. Als neue Strategie wird die Unterwanderung der Gewerkschaft CGIL angenommen, bei einer Verhaftung gingen den Sicherheitskräften 15 Konspiranten ins Netz.

Die Gruppe habe einen “langfristigen revolutionären Krieg” geplant. Es habe konkrete Vorhaben für Anschläge auf zwei Industriemanager, einen ehemaligen Gewerkschafter sowie auf eine konservative Zeitung gegeben, sagte Amato vor dem Parlament in Rom. Italienische Medien berichteten von umfangreichen Waffenfunden: In Turin sei ein ganzes Arsenal mit Kalaschnikows entdeckt worden, vermutlich seien es bis zu 100 Maschinenpistolen gewesen. Auch ein Anschlag auf das Mailänder Haus von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi sei geplant gewesen.

Als Anführer der ausgehobenen neuen Terrorzelle wird der seit langem gesuchte Linksextremist Alfredo Davanzo angenommen, der 1998 in Frankreich festgenommen, doch kurz darauf wieder auf freien Fuß gesetzt worden war. Zur Finanzierung ihres Kampfes hätten die Brigadisten auch Banküberfälle ins Auge gefasst. Die Gruppe habe auch erste Kontakte zu Gesinnungsgenossen in der Schweiz, in Frankreich und in Belgien geknüpft. Mehr in der Zeit…

via RAF und die Linke,ein Klarer Fall

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Neue Variante: Klar als Opfer seiner Kampagnenfreunde. Indienstnahme eines alternden Terroristen

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Berliner Zeitung:Magazin

Interview

Diese Gesellschaft ist nur rachsüchtig, wenn man sie dazu aufpeitscht

Antje Vollmer über den Umgang mit den letzten Häftlingen der RAF

JOCHEN ARNTZ UND HOLGER SCHMALE

Frau Vollmer, Deutschland erlebt zur Zeit eine heftige Debatte um die Freilassung ehemaliger Terroristen wie Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Die Debatte führt zurück in die Zeit vor drei Jahrzehnten, in den Deutschen Herbst des Jahres 1977. Damals sah sich der Staat im Krieg mit den Terroristen der RAF. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Die Stimmung war ungeheuer aggressiv und aufgeladen. Es wurde ja suggeriert, es gäbe tausende Kämpfer im Untergrund, eine gewaltige, unübersehbare Zahl von Kombattanten, Helfern, Sympathisanten. Die Größenverhältnisse wurden panikartig überzogen.

Damals konnte man den Eindruck haben, der deutsche Staat sei in seinen Grundfesten erschüttert.

Ja, und ich glaube, das war zu dieser Zeit wirklich das Gefühl der Regierenden. Ich habe später viele Einzelgespräche mit Mitgliedern des Krisenstabs geführt. Jeder von denen fühlte sich sehr persönlich bedroht, inklusive ihrer Familien. Die bekamen von anderen Eltern zu hören: Nehmen Sie doch bitte Ihre Kinder aus dem Kindergarten, wir haben Angst, auch bedroht zu werden. Hinzu kam ein Gefühl der Kränkung. Wir hatten eine sozial-liberale Regierung, die eigentlich mehr Demokratie und Reformen wagen wollte, einen Sozialdemokraten als Kanzler. Das ausgerechnet die nun angegriffen wurden, empfanden sie als zusätzliche politische Bosheit, als Verrat.

Es war viel von faschistoiden Kräften die Rede …

Ja, und zwar auf beiden Seiten. Beide Seiten sahen die jeweils andere hinter faschistischen Masken. Politiker glaubten, da steige eine Gruppe auf nach dem kulturrevolutionären Muster der Nazis, mit diesem unglaublichen Hass, einer ungeheuren Aggressivität und Regellosigkeit. Und die Terroristen wähnten sich im Kampf mit den Resten des deutschen Faschismus, der sich in der Staatsspitze festgesetzt hätte.

Wenige Jahre später haben Sie mit einem Brief an den RAF-Gefangenen Christian Klar, der jetzt wieder im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht, eine heftige Kontroverse ausgelöst. Was war Ihr Motiv?

Das war im Jahr 1984. Ich war Fraktionsvorsitzende der Grünen. Es gab einen Hungerstreik der RAF-Gefangenen, und in unseren öffentlichen Fraktionssitzungen tauchten ständig Gruppen auf, die sagten: Die werden sterben, die Grünen müssen etwas tun. Stimmt, haben meine Kollegin Christa Nickels und ich gesagt. Wir müssen die besuchen und sie auffordern, mit diesem Hungerstreik Schluss zu machen, ihnen vermitteln, dass wir etwas gegen die Haftbedingungen unternehmen werden. Unser Brief sollte unseren Besuch im Gefängnis ankündigen.

Ist der Brief überhaupt angekommen?

Das weiß ich nicht, er wurde abgefangen. Wir kriegten keine Antwort aus dem Gefängnis, der Hungerstreik wurde irgendwann abgebrochen. Aber sechs oder acht Wochen später wurde der Brief dann in einem Wahlkampf gezielt über die Medien veröffentlicht: “Grüne Spitzenpolitiker suchen Nähe mit Terroristen”. Das gab eine Riesenempörung.

Auch bei den Grünen …

Ja, es gab eine große Irritation. Diejenigen, die die Terroristen näher kannten, sagten, es sei völlig sinnlos, mit denen überhaupt reden zu wollen. Otto Schily zum Beispiel erklärte, mit Leuten, die Genickschussmethoden anwenden, suche man nicht ein höfliches Gespräch unter Freunden. Es ging auch um die Frage, ob wir als führende Leute in der Fraktion so etwas im Namen der Grünen machen durften. Und an der Stelle haben wir gesagt: Das ist genau die richtige Initiative für eine gewaltfreie Bewegung.

Hatten Sie denn auch Unterstützer?

Ja, es gab ein öffentliches Pro und Contra. Auf der einen Seite agierte auch damals die Bild-Zeitung als Antreiber. Als wieder ein Attentat verübt wurde, forderte Bild, wir sollten uns bei den Opfern entschuldigen, weil wir mit den Terroristen kollaborieren würden. Andere aber haben gesagt – z.B. Heinrich Böll, Helmut Gollwitzer – die Initiative zum Gespräch ist richtig, irgend etwas muss man doch versuchen, wir haben mit der rein sicherheitsdienstlichen Verfolgung der RAF ja nichts erreicht. Man darf nicht vergessen, damals wurden noch Attentate verübt. Die RAF existierte, man hatte einige Gefangene, wusste aber nicht genau, wer und wie viele im Untergrund waren.

Wenn Sie heute die Kampagne der Bild-Zeitung gegen die Entlassung von Mohnhaupt und Klar sehen – ist das für Sie ein Deja-vu-Erlebnis?

Es ist ein Deja-vu-Erlebnis insofern, als die Bild-Zeitung offenbar den Terrorismus gern nutzt, um Kampagnen zu starten. Kampagnen, die keine Lösung bringen, sondern ihr geradezu im Wege stehen. Heute geht es darum, Christian Klar länger im Gefängnis zu halten oder erst dann freizulassen, wenn er seinen Entschuldigungsbrief über die Bild-Zeitung vermarktet.

Im Moment sieht es wohl so aus, dass Klar seine Begnadigung selbst gefährdet, in dem er Erklärungen aus dem Gefängnis abgibt, “die Niederlage der Pläne des Kapitals vollenden” zu wollen. Hat Sie dieses jetzt bekannt gewordene Grußwort Christian Klars an eine Konferenz radikaler Linker in Berlin überrascht?

Ja, es hat mich überrascht. Es hat mir auch gezeigt, dass er falsche Freunde hat, die den Weg aus dem Gefängnis schwerer machen. Und es hat mir bewiesen, wie wenig er im Gefängnis von der heutigen Welt verstehen gelernt hat.

Das letzte Mal, dass man Christian Klar so hat reden hören, war in einem Fernsehinterview, das er dem Journalisten Günter Gaus im Jahr 2001 im Gefängnis gab. Und schon damals musste man sich doch die Frage stellen, ob nicht viele Leute die RAF-Terroristen eine lange Zeit intellektuell stark überschätzt haben?

Es gab starke Unterschiede zwischen den drei Generationen der RAF. Die erste Generation um Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Ulrike Meinhof, das waren absolute Spitzenintellektuelle. Sie kamen zum Teil aus besten Familien, kannten die politischen und medialen Eliten von Hamburg und Berlin. Sie konnten auch deshalb so eine große Faszination ausstrahlen. Die Mitglieder der zweiten und dritten Generation waren im Wesentlichen über moralischen Druck oder durch persönliche Liebesgeschichten zu den Terroristen gestoßen. Auch die waren nicht als Mörder geboren. Das Schlimme ist, je schwächer die Persönlichkeiten waren, je autoritärer waren sie fixierbar in dem Sinne: Du darfst kein bürgerliches Leben führen! Mit der zweiten Generation entwickelte sich die Gruppe sektenartig, so motiviert wurden die brutalsten Taten verübt. Sie kamen schließlich aus der Kollektiv-Maschine RAF nicht mehr heraus. Sie konnten lange nicht für sich eine redliche intellektuelle Bilanz ziehen: Der Weg der Gewalt war falsch, und ich muss jetzt Verantwortung dafür übernehmen, dass er beendet wird.

Wie verhält es sich in dieser Hinsicht mit Christian Klar?

Klar ließ sich von keinem unserer Leute besuchen. Er wurde sehr stark von seinem engeren Umfeld, von seiner Familie abgeschottet. Und in dem Fernsehgespräch, das Günter Gaus mit ihm geführt hat, sieht man auch, dass er von der langen Haft weitgehend gebrochen ist. Ich finde auch, dass es ein Fehler von Günter Gaus war, dieses Gespräch zu führen und zu senden. Das hat Gaus, glaube ich, hinterher selber so empfunden. Er war nämlich der erste, der ein Gnadengesuch für Klar gestellt hat, wohl doch ahnend, dass dieses Interview Christian Klar ein paar Haftjahre mehr bescheren würde.

Das Gespräch hat damals für Aufsehen gesorgt, auch deshalb gibt es ja nun die Befürchtung, dass die ehemaligen Terroristen, wenn sie frei sind, erst einmal durch die Talkshows tingeln …

Das allerhöchste Klassenziel für einen ehemaligen Terroristen ist, dass er Normalität zurückgewinnt. Er sollte kein Besonderer mehr sein, sondern muss versuchen, ein ganz normales Leben zu führen. Das ist schwer genug. Ich würde allerdings eine Selbstverpflichtung der deutschen Medien sehr begrüßen – von Sabine Christiansen, Johannes B. Kerner, Reinhold Beckmann, der Bild-Zeitung und all den anderen – dass sie diese gefürchtete “Star-Rolle” der ehemaligen Terroristen nicht selbst produzieren wollen. Dieser gewinnträchtige Voyeurismus wäre so leicht zu vermeiden.

Haben Sie eigentlich erwartet, dass eine Debatte über die Begnadigung der letzten noch inhaftierten Terroristen eine solche Schärfe bekommen würde, wie sie es heute hat?

Diese Gesellschaft ist nicht rachsüchtig, wenn man sie nicht medial aufpeitscht. Aber vom Verlauf der Debatte bin ich nun doch irritiert. Ich hatte gedacht, dass sich das Vernünftige durchsetzt: Dass, wenn eine Gefahr vorbei ist, wenn die Leute ihre Haft abgesessen haben, wenn sie länger gesessen haben als jeder andere, dass es dann auch wirklich vorbei sein darf, weil auch die Gesellschaft ein gutes Ende liebt. Jetzt aber gibt es offensichtlich das Bedürfnis nach der “großen Beichte”. Wird die nicht abgelegt, fordern Bild, Beckstein und Westerwelle noch einmal ein paar Jahre mehr im Gefängnis. Das Rachebedürfnis ist etwas, wozu man eine Gesellschaft aufpeitschen kann. Sie fühlt sich dann dem Bösen überlegen.

Kann man andererseits nicht erwarten, dass die inhaftierten Terroristen heute zur Aufklärung der Taten von damals beitragen?

Bei dieser Forderung wird nicht rechtsstaatlich argumentiert. Wenn man bei der Aufklärung kooperiert, ist man Kronzeuge und bekommt einen Straferlass. Auf das alles haben diese Gefangenen ja verzichtet, sie haben die Strafe für ihr Nicht-kooperieren bereits abgesessen, 24 Jahre Haft sind bereits sieben Jahre länger als beim Durchschnitt der anderen Lebenslänglichen.

Kinder der Opfer argumentieren, es würde ihren inneren Frieden befördern, wenn sie wüssten, wer es war, der ihren Vater erschossen hat. Ist das nicht verständlich?

Das ist ein verständliches und legitimes Anliegen, aber es ist kein entscheidendes für den Rechtsstaat in diesem Fall. Auch jeder andere Täter hat das Recht, nicht gegen sich selbst auszusagen, die Tat muss ihm vom Gericht bewiesen werden. Besonders bei so gravierenden Taten ist es menschenunmöglich, zwischen Opfern und Tätern jemals ein gerechtes Urteil zu finden. Deswegen gibt es ja Richter, gibt es den Rechtsstaat als dritte Instanz. Das vergisst man leicht in dieser Medien-Debatte, die den Wunsch nach einem öffentlichen Palaver füttert, das dann das Strafmaß festsetzt. Was soll dabei Gutes herauskommen?

Waren die Strafen für die Terroristen denn absurd hoch?

Insgesamt hat es für die Verbrechen der Terroristen, gemessen an der Anzahl der Täter, eine Menge an Haftjahren gegeben. Wenn man das misst an der Menge der Haftjahre, die für die NS-Verbrechen verhängt wurden, dann ist das ein ungleiches Maß. Ich halte besonders wenig von nachträglichen Siegen. Entscheidende historische Auseinandersetzungen müssen in der gegenwärtigen Zeit-Etappe geführt werden. Irrtümern, falschen Geschichtsbildern, Verbrechen, muss man Widerstand bieten zu der Zeit, in der sie passieren. Wenn die Auseinandersetzung entschieden ist, sogar erfolgreich, dann noch mal und noch mal “nachzusiegen”, das ist etwas, das ich ablehne.

Sie meinen, nun sollte man den Dingen einfach Ihren Lauf lassen?

Dieses Terrorismusproblem war in Deutschland doch eigentlich glücklich beendet, auch Dank solcher frühen Dialoginitiativen, Dank der Entlassungen. Auch Dank der Tatsache, dass der Staat am Ende dann doch nicht übertrieben reagiert hat, obwohl er das anfangs versuchte. Jetzt aber noch einmal bestätigt wissen zu wollen, von Gefangenen, die doch schon mit langen Haftjahren gebüßt haben, wie sehr sie gefehlt haben, sie noch einmal öffentlich auf den Knien zu sehen, ist ein absurdes und inhumanes Bedürfnis. Auch das RAF-Unternehmen, den deutschen Nationalsozialismus dreißig Jahre nach seiner Niederlage noch einmal, und zwar mit Gewalt, besiegen zu wollen, war so ein abwegiger Versuch von “Siegen”, die zu spät kommen.

Es gäbe ja für den Bundespräsidenten die Möglichkeit, nicht nur Christian Klar zu begnadigen, sondern generell einen Schlussstrich unter diese Geschichte zu ziehen. Wäre das klug?

Persönlich habe ich mir das gewünscht und fände auch richtig, wenn diese ganze Zeit mit einem politischen Schlusswort des Bundespräsidenten beendet würde. Es macht ja auch wenig Sinn, wenn eine Birgit Hogefeld, die schon am ersten Tag ihres Prozesses zum Gewaltverzicht aufgerufen hat, auch noch diese vielen Jahre absitzt.

In der Debatte steckt ja auch der Widerspruch, dass man einerseits sagt, das sind ganz normale Gefangene, und ihnen andererseits Sonderbedingungen auferlegen will.

Ganz am Anfang stand die Erklärung der ersten Häftlinge: Wir sind Kriegsgefangene! Es war eine der wesentlichen Richtigstellungen des Rechtsstaates, zu sagen: Ihr habt kriminelle Taten begangen, ihr werdet dafür individuell zur Verantwortung gezogen, es gibt keine Sonderrolle! Das war auch eine Selbstbegrenzung des Staates, dass er nicht überreagiert. Und nun sagt man ganz am Ende: Ihr wart doch etwas besonderes, und deshalb müsst ihr besonders lange in Haft sitzen. Die Gesellschaft erfüllt so den Wunsch der ersten Gefangenen, als etwas Einzigartiges behandelt zu werden. Das ist eine dieser Ironien der Geschichte.

Das große Thema Ihrer Initiative war Versöhnung zwischen dem Staat und den Terroristen. Das klingt aus heutiger Distanz ziemlich abwegig, so, als sei es um zwei gleichberechtigte Streitparteien gegangen, die sich da versöhnen sollen. Aber die einen waren doch eben Kriminelle, wenn auch zumindest anfangs politisch motivierte.

Unser Motiv war, eine erfolgreiche, eine intelligente Lösung des Terrorismusproblems zu suchen. Ich hatte große Zweifel, dass die immer effektiver organisierten Verfolgungsmethoden ihr Ziel erreichen würden: Erstens den Terrorismus zu beenden, zweitens den Zustrom von Sympathisanten zu unterbinden und drittens diesen Mythos RAF, den Mythos der “schwarzen Rächer”, zu brechen. Ich war überzeugt, dass wir dafür einfach dichter an sie herankommen mussten. Wir mussten auch ein aus Angst frei geräumtes Feld für die Gesellschaft wieder eröffnen. Meine traumatischste Erinnerung an den Deutschen Herbst ist, dass sich die Öffentlichkeit in zwei fest betonierte Lager aufteilte und das ganze Mittelfeld zum Schusswechsel freigeräumt war. Ich dachte, es müssen Einzelne dieses Mittelfeld betreten, die wissen, wie man andere Reaktionen hervorruft, gerade auch auf Seiten der Terroristen.

Ist das gelungen?

Ja. Die Tatsache, dass wir solche Prügel bekommen hatten für unseren Brief und unseren ernsthaften Versuch, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, hat die RAF-Leute irritiert. Das galt auch für unseren Vorschlag aus dem Jahr 1987, also zehn Jahre nach dem Deutschen Herbst, einen richtigen, formalen Dialog anzubieten. Da hatten wir nicht einfach die üblichen Unterschriftenkartelle zusammengesucht, sondern ganz gezielt Persönlichkeiten, von denen wir dachten, das muss die Gefangenen einfach interessieren, sich mit denen intellektuell auseinander zu setzen. Da war der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger dabei, der Theologe Ernst Käsemann, dessen Tochter in Argentinien ermordet worden war, oder Alt-Bischof Kurt Scharf, der sich während der APO-Zeit immer für die Demonstranten eingesetzt hatte.

Aber was hatte das mit Versöhnung zu tun?

Ich glaube gar nicht, dass der Begriff Versöhnung von uns benutzt wurde. Der Begriff lag dann nahe, weil bis dahin deeskalierende Initiativen nur von den Kirchen ausgegangen waren. Das war auch in Italien so, wo die katholische Kirche eine wichtige Rolle gespielt hat und zum Beispiel Angehörige der Opfer und der Täter der Roten Brigaden gemeinsam die Messe besucht haben. Da habe ich begriffen, dass in solchen komplizierten, traumatischen Auseinandersetzungen manchmal religiöse Versöhnungsrituale den Leuten helfen, über eine Brücke zu gehen. Aber eigentlich war das eine politische Initiative, eine, die am Gelingen orientiert war.

Haben Sie in diesen langen Jahren der Beschäftigung mit dem Thema eigentlich jemals eine Erklärung dafür gefunden, was etwa einen Bürgersohn wie Christian Klar überhaupt einst dazu brachte, bereitwillig eine Waffe in die Hand zu nehmen?

Das Grundmuster von Terrorismus ist moralisch motivierter Lebensbruch, also gegen alle Regeln zu verstoßen, mit denen man groß geworden ist, um eine vermeintlich gerechte Mission zu erfüllen. Es ist manchmal auch intellektueller Selbstmord.

Kann es in Deutschland auch etwas damit zu tun haben, dass diese Leute in einer Zeit groß geworden sind, in der die allgemeine Verrohung durch den Nationalsozialismus noch nicht allzu lange zurück lag?

Das ist schon eine interessante Verbindung, die mich auch beschäftigt hat. Es geht ja nach solchen historischen Traumata darum, wie viel Gewaltfantasien und Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft zurückbleiben, auf die man, bei allen Wünschen, sich davon zu distanzieren, wieder zurückfällt. Ich habe mal mit einem Terroristen gesprochen, dessen Deckname in der RAF “Horst” war, und der mir erklärte, sein Onkel, der ein Nazi war, habe Horst geheißen. Da sieht man, dass es zwanghafte Wiederholungen gab in den Fantasien. Solche psychisch gewünschten Wiederholungen gab es auch in den RAF-Aufrufen von Ulrike Meinhof, wenn sie ihre Haftbedingungen wie eine KZ-Haft beschrieben hat, was es ja doch nicht war. Was aber in der deutschen Linken sehr wirkungsvoll agitierte.

Es gab ja dann die These, dass die zweite und dritte Generation der RAF überwiegend ein Produkt des Staates war, weil sie Zulauf vor allem als Reaktion auf die Haftbedingungen in den Hochsicherheitstrakten erhielt.

Die Empörung über diese Haftbedingungen war für viele tatsächlich ein Motiv. Aber genau so entscheidend waren die Gruppendynamiken, in denen sie oft zufällig steckten. Vor allem die Gefängnisbesuchergruppen haben einen unheimlichen moralischen Druck ausgeübt: Du willst ein kleinbürgerliches Leben führen, während die Genossen in der Haft gefoltert werden? Wie kannst Du das rechtfertigen? Das hat bei vielen bewirkt, dass sie mehr getan haben, als sie von sich aus eigentlich tun wollten. Ursache war also nicht nur staatliche Überreaktion, da war auch dieses Polit-Sekten-Milieu.

Hatten Sie mit dieser Szene zu tun?

Oh ja. Die hat unseren Dialogversuch schwer bekämpft: Wir wurden als “Staatsschutzlinke” beschimpft, die die Identität der “wahren Revolutionäre” brechen wollten. Wir wurden draußen gehalten, damit wir nicht die Psyche der Gefangenen beeinflussen konnten und die womöglich zu einer Reflexion ihrer Taten kämen. Diese Szene wollte die Gefangenen nötigen, zu den revolutionären Reinheitsidealen einer vergangenen Zeit zu stehen, anstatt eine ehrliche Bilanz zu ziehen und sich neue Lebensperspektiven aufzubauen. Das habe ich immer verachtet, für die eigenen Ideale andere Leute ins Feuer zu schicken. Viele von diesen Ratgebern sind in ihrem eigenen persönlichen Leben jede Menge Kompromisse mit dem “System” eingegangen, wollten aber weiter solche aufrechten Helden haben, die bis heute zeigen, dass es richtig ist, für die Revolution ins Gefängnis oder in den Tod zu gehen.

Wie kommt es, dass damals die Situation der Täter so stark im Vordergrund stand und das Leiden der Opfer und ihrer Angehörigen, ganz anders als heute, in der Debatte überhaupt keine Rolle spielte?

Ja, das ist interessant. Als es 1997 in Stuttgart eine Erinnerungsfeier für den ermordeten Hanns-Martin Schleyer gab, bin ich hingefahren, übrigens auch Felix Ensslin, der Sohn von Gudrun Ensslin. Aber Politiker waren kaum gekommen. Es hätte also schon nach zehn und nach zwanzig Jahren Gelegenheiten gegeben, der Opfer zu gedenken, wie jetzt so lautstark gefordert wird. Aber es gab einen merkwürdigen Abstand zwischen den Politikern und den Opferfamilien. Ich glaube, es war den Politikern unangenehm, daran erinnert zu werden, dass sie einmal mit entscheiden mussten, einem Austausch der Geisel Schleyer gegen die RAF-Gefangenen nicht zuzustimmen, dass sie sich schuldig gefühlt haben gegenüber den Angehörigen. So fühlten sich die Familien im Stich gelassen von den Politikern, die ihnen auswichen. Aber auch von einer Gesellschaft, von der sie kein Mitgefühl erfuhren und in der sie nicht in einer Atmosphäre des Mittrauerns aufgefangen wurden.

Aber die Familien haben doch unterschiedlich reagiert?

Ja, am vehementesten haben sich die Hinterbliebenen des von der RAF ermordeten Diplomaten Gerold von Braunmühl gewehrt. 1986 – unmittelbar nach der Erschießung ihres Vaters und Bruders – haben sie in einem offenen Brief an die RAF gefordert: Erklärt, was Ihr da getan habt! Wie konntet ihr ausgerechnet einen der liberalsten Außenpolitiker ermorden, der für dieses Land noch so wichtig hätte sein können – ganz abgesehen davon, wie sehr wir ihn geliebt haben. Dadurch entstand zum ersten Mal eine öffentliche Debatte um die Opfer und ihre Angehörigen.

Wenn man mit jüngeren Leuten über das Thema deutscher Terrorismus spricht, dann ist das für die sehr fremd, sehr weit weg. Muss sie das eigentlich interessieren? Anders gefragt, ist heute ein gesellschaftlicher Dialog über diese Zeit noch überfällig oder eher überflüssig?

Es hat ja Debatten über Verbrechen, Fehler und Irrtümer dieser Zeit immer wieder gegeben. Ich würde auch nicht sagen, dass unsere Kinder diese Erlebnisse und politischen Rosskuren bräuchten, die wir hatten, um Demokratie zu lernen. Ich finde aber schon, dass man sich gerade heute mit dem Phänomen Terrorismus beschäftigen muss. Denn es geht ja um das Wesentliche, das man aus dieser Zeit lernen kann: Woraus entsteht Terrorismus, aus welchen Mentalitäten, aus welchen Persönlichkeitsstrukturen, woher kommt die Bereitschaft, das ganze Leben für diese Sache zu opfern?

Sie denken an den heutigen Terrorismus?

Ja. Auch heute werden im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus die Fehler gemacht, die damals hier passiert sind: Hysterie, Übertreibung, Überreaktion, Feinderklärungen, “Achsen des Bösen”. Wieder wird Terrorismus als Kollektivmaschine gesehen und mit Kollektivmaßnahmen geantwortet. Es wird immer noch nicht begriffen, das man genau analysieren, klug reagieren, differenziert vorgehen und Einzelne herauslösen muss, wenn man erfolgreich etwas dagegen tun will.

Berliner Zeitung, 03.03.2007

 

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/magazin/634054.html?keywords=Antje%20Vollmer

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March 3, 2007 at 12:44 pm

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