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RAF Debatte 2008

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Sie kommt zu keinem Ende,die unsägliche Debatte um die Mordbrenner von der RAF. Nachdem das bizarre 30 jährige Jubiläum zum “heissen Herbst” in 2007 unter dem Stern von Christian Klars (abgelehntem) Begnadigungsgesuch an Bundespräsident Köhler stand – Michael Buback weiss übrigens immer noch nicht,wer seinen Vater umgebracht hat – wird nun der Mordfall am Vorstandssprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen aufgerollt.

Carolin Emcke, promovierte Philosophin, Kriegsberichterstatterin u.A. für den SPIEGEL und ab Herbst 2008 Studienleiterin an der Hamburger Journalistenschule “Hamburg Media School“, hat in ihrem aktuellen Buch “Stumme Gewalt:Nachdenken über die RAF” einen neuen Focus ausgemacht: Der Umgang von Bundesstaatsanwaltschaft und Politik mit den gefassten Terroristen wird seit Jahrzehnten von einem Mantel des Schweigens begleitet – die Deals zwischen Staatsanwaltschaft, Verteidigern und den TäterInnen behindern die öffentliche Fallaufklärung und lassen immer wieder die Hinterbliebenen des Terrors im Regen stehen. Diesen Mangel versucht Frau Emcke mit ihrem Buch und den projektierten Dialogen im “Raum der Aufklärung” zu beheben.

Emcke scheint den neuen Tabubruch “mit Terroristen diskutiert man nicht in der breiten Öffentlichkeit” positiv aufzugreifen. Die äusserst anstrengende Begegnung von Michael Buback mit Karl Heinz Dellwo Peter-Jürgen Boock letztes Jahr im Fernsehen erscheint als eine Art Initialzündung zur Idee des “Raums der Aufklärung”,in dem dialogisch die verantwortlichen Figuren des politischen Terrors mit ihren Verfolgern und den Opferangehörigen an einem Tisch sitzen und reden sollen. An der zeitgeschichtlichen Erscheinung des Terrors soll nach Carolin Emcke in der BRD Streitkultur geübt werden.

Aktive politische Grundsteine zu diesem Stelldichein hat die Theologin und GRÜNE Politikerin Antje Vollmer mit ihren Amnestiekampagnen für die RAF’ler seit den frühen 80igern gelegt. Als Bedingung hat Frau Vollmer eine Abkehr vom Terrorismus von den Terroristen eingefordert,einige haben dieses Angebot auch angenommen und wurden vor Verbüssung ihrer Haftstrafen auf freien Fuss gesetzt. Dieser Teil der nationalen Aufarbeitung des Terrors kann als weitestgehend abgeschlossen betrachtet werden.

Worum es heute und in Zukunft gehen soll,ist die wahrheitsgemässe Aufarbeitung und Aufklärung der Morde,die im Dickicht fragwürfiger Deals – weil die Ermittlungsbehörden schlampig gearbeitet haben oder die Rechtslage zu Gunsten der Täter auszulegen war – zur Nebensache herunter gebrochen wurde.

Carolin Emcke kommt nicht als geltungssüchtige Publizistin mit ihrem Anliegen an die Öffentlichkeit,sie war Alfred Herrhausens Patentochter. Sie erfuhr am Morgen des 30. November 1989 in London von dem Mord an ihrem Patenonkel,das aktuelle Buch begann sie an diesem Tattag in Bad-Homburg zu schreiben. Und nun wird sie bald junge Journalisten in Hamburg ausbilden. Eine publizistische Karriere,die nicht gerade zu Pessimismus Anlass geben sollte. Denn die Frage,wie weit der demokratische Rechtsstaat in der Terroristenfrage verbogen wurde,ist noch zu beantworten und das Schweigen dazu ist in der Tat keine befriedigende Lösung. Aufklärung ist leider nicht schmerzfrei zu erlangen.

references:
zdf-aspekte vom 23.05.2008
Black Box BRD, Film von Andres Veiel

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Written by admin

May 24, 2008 at 9:13 pm