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Historikerstreit 2006: Daniel Koerfer gegen die Realität

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Historische Kleinigkeiten, wie Daniel Koerfer sie sieht von Sendungsbewusstsein
Oktober 21st, 2006 by peetgp
Noch ein Professor der Geschichte macht auf sich aufmerksam. In einer Buchbesprechung bei der TAZ zeigt sich Daniel Koerfer in einem merkwürdigen inneren Dialog mit sich selbst und in einem noch seltsameren versteckten Streitgespräch mit Daniel Goldhagen (Link).

Das Thema ist das vergleichsweise neue Buch von Peter Longerich mit dem Titel “»Davon haben wir nichts gewusst!«Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945″; Siedler Verlag, München 2006. Fast alle Zeitungen haben sich gemeldet. Der Dialog der Kritiken ist lesenswert, denn die einen loben das Buch, die anderen sind mit ihm unzufrieden. Nur positiv sieht “Die Zeit” (Link) das Buch, von Volker Ullrich geschrieben. Durchaus ausgewogen sieht Hans Mommsen das Resultat in der FR (Link). Etwas skeptischer ist Norbert Frei in der NZZ (Link). Äußerst negativ beurteilt Daniel Goldhagen das Buch in der “Welt” (Link).

Wenn jetzt noch ein Interview mit dem Autor in derselben TAZ berücksichtigt werden könnte (Link), wäre das Bild dann ziemlich rund. Denn am Ende des Interviews will die Zeitung endlich wissen:

Die Deutschen haben auf die Ermordung der Juden erst mit Missbilligung, dann mit Verdrängung reagiert. Die Missbilligung dementiert Daniel Goldhagens These, dass der Holocaust “ein nationales Projekt” der deutschen Gesellschaft war – oder?

Goldhagens These vom Vernichtungsprojekt war als Provokation für die Forschung nützlich, aber viel zu pauschal. Wer sind denn die Deutschen? Die Gesellschaft war ja nicht homogen. Es gab schon in der Weimarer Republik ein völkisch-nationalistisches Milieu, das in der Tat eine Gesellschaft ohne Juden wollte. Diese extreme Gruppe ist im NS-Staat hegemonial, umfasst aber wohl etwa 15 bis 25 Prozent der Gesellschaft. Andererseits erfordert ein so gewaltiges Unternehmen wie der Judenmord eine gewisse Kommunikation. Die Führung muss der Basis ja vermitteln, dass das richtig ist, was sie tut. Und es muss auch zumindest der Anschein eines gesellschaftlichen Konsenses inszeniert werden.

Und das ist gelungen?

Ja, das ist der NS-Führung gelungen. Insofern haben die Deutschen so funktioniert, wie die NS-Führer es wollten.

Das ist viel zu einfach für Stefan Reinecke und Christian Sammler, die das Interview führten. Deswegen wird wahrscheinlich Daniel Koerfer geholt, der gleich aufklärt:

Da der Antisemitismus nicht tief verwurzelt war, wollte das NS-Regime die Deutschen zu Mitwissern des Völkermords machen.

Nicht tief genug? Das ist aber schade. Als einer von mehreren durch Koerfer aus dem Buch zitierten Beweisen soll hier ein Fragment genügen:

Im August 1942 gibt die SD-Außenstelle Leipzig etwa folgende Stimmen weiter: “Die Judenfrage konnte Hitler auch anders lösen. Menschlicher! Kein Mensch hat das Recht, ein Volk ausrotten zu wollen. Gewiss haben die Juden uns viel geschadet, aber die hat man von 1933 bis 1941 abreisen lassen.”

Das ist eben nicht tief genug. Der Höhepunkt des Artikels klingt so:

Sorgfältig beschreibt Longerich noch etwas anderes: das Bemühen des NS-Regimes, die zunehmend gleichgeschaltete Öffentlichkeit auch im Bereich der “Judenpolitik” auf Linie zu bringen, die Bevölkerung zu einem aggressiv ausgrenzenden Verhalten, zum “Hass auf Juden” anzustacheln. Und er beschreibt das Scheitern dieser massiven Indoktrinationsversuche. Es ist also kein Wunder, das Daniel Goldhagen für diese Studie nur Verachtung übrig hatte, denn von einem verbreiteten, in der deutschen Gesellschaft tief verwurzeltem “eliminatorischen Antisemitismus” findet sich nichts bei Longerich.

Goldhagen ist ein Profi und arbeitet mit Argumenten, er nennt Quellen, die Longerich ausblendet oder nicht kennt, und verweist auf methodische Versäumnisse Longerichs. Koerfer sucht keine Argumente, er polemisiert. Hitlers Versuch scheiterte – sowas aber. Der Artikel von Goldhagen ist trotzdem noch da. Das sieht für Koerfer nicht gut aus. Kein Zufall, dass Professor Koerfer seine Studenten mit Fest-Büchern versorgt.

In den anderen Zeitungsartikeln schreibt Koerfer viel über das Thema (ohne zum Beispiel Götz Aly auch nur einmal zu erwähnen, was für ein Zufall!). So bei der “Zeit” in einer Buchbesprechung (Link):

Selbst wenn man Browning gegenüber einwenden mag, dass in einem totalitären Regime – das Wort „Diktatur“ findet sich nur an einer Stelle im ganzen Buch – Widerstandshandlungen und Solidarität mit Verfolgten und Bedrohten ein besonderes Maß an Zivilcourage erfordern, es „die“ Deutschen als einheitliche Tätergruppe nicht gegeben hat, liest man diese beeindruckende Darstellung über ihre Verstrickung in den Massenmord mit Bedrückung.

Koerfer ist hier beeindruckt und bedrückt. Wusste er das als Professor auf dem Gebiet noch nicht?

In einer anderen Buchbesprechung teilt Koerfer die Deutschen sogar in eine Mehrheit und eine Minderheit, und zwar anders als in der Longerich-Kritik (Link):

Manche wie die Retter der jungen Charlotte Knobloch im bayrisch-bäuerlichen Milieu werden sogar noch Jahrzehnte später wegen ihrer Handlungen diskriminiert, sodass sie die Gerettete im Jahr 2002 bitten, jeden Kontakt zu ihnen abzubrechen. Tatsächlich erwuchs vor allem den vielen, die nicht geholfen hatten, aus dem Wirken der Retter ein fundamentales Problem – hatte deren Engagement doch bewiesen, dass man etwas tun konnte gegen den NS-Terror und ihn nicht passiv hinzunehmen brauchte. Auch deshalb neigten die vielen nach 1945 dazu, das Wirken der wenigen gegen das Regime zu verdrängen.

Genau wie bei Joachim Fest – keine Täter, nur passive Zuschauer, die dann ihr Mitwissen noch verdrängen. Fein. Longerich hat offensichtlich weniger Probleme mit der Kritik seitens Goldhagen als die TAZ und ihre Historiker.

Written by admin

December 13, 2006 at 11:17 am

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