Raumzeit

et Philolog

Der Heilige Geist greift an

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Der Mai meint es 2009 gut mit der arbeitenden Bevölkerung und einige freie Tage werden durch das Christentum erst möglich. An Pfingsten wird ja bekanntlich der Aussendung des Heiligen Geistes auf das Erdenrund durch Jesus und seinen Vater – gemeinhin Gott benannt –  gedacht. Die Trinität (Gott, Jesus, Heiliger Geist) ist integraler Bestandteil des christlichen Glaubensbekenntnis und wer das nicht anerkennt, gilt gemeinhin als Ketzer, Atheist oder Heide. Da die Beiden nach der Himmelfahrt des Sohnes für die Menschen nicht mehr direkt erreichbar sind,stellt der Heilige Geist eine Art Mediationsinstanz dar. Leider kann man heute nicht mehr ohne weiteres erkennen,wer nun gerade im Besitz dieser Instanz ist- in der Urkirche waren das die Apostel. Aber in Glaubensfragen geht es nicht immer rational oder empirisch zu, wichtig scheint das Vetrauen der Gläubigen in die Fähigkeiten ihrer Vordenker und -sprecher. Religionsfreiheit eben.

… Linksradikale treffen sich an Pfingsten seit Jahrzehnten gerne in Camps und planen die Weltrevolution – meist am Arsch der Welt,damit die einmal zur Agitation gewonnenen Frischlinge nicht in die Vergnügungen irgendeiner Metropole abwandern und dem Verein XY unwiderbringlich verloren gehen; die alten Hasen sind ohnehin meist hedonismusfreie Subjekte. Vergessen sollte man auch nicht die diversen Musikfestivals um Pfingsten herum.  Elektronik-, Metal-, Rock-, Gothic-,Punk- und Hardcorefans können ihre Lieblingsmusikgruppen meist im freien open-air abfeiern, auch hier steht der Wandervogel oft Pate: Es wird auf Kuhweiden gezeltet, ein zeitweiser, minimalistischer Lebensstil lässt zivilisierte Menschen die Segungen der Postmoderne wieder schätzen lernen – zum Glück sind die Insekten in unseren Breiten um diese Zeit noch nicht so angriffslustig. Regnet es länger,wird das Festival zum Matschevent,bei unter 20°C werden die Krankenkassen erheblich in Anspruch genommen – ein Stossgebet an Petrus möge die Musikbessenen dieses Jahr davor bewahren. Alkohol, Drogen und ein Sammelsurium an Erwartungen halten so manche Überraschung bereit,von denen man noch seinen Enkelkindern berichten kann – wenn die nicht sowieso schon mit dabei sind.

… In Berlin ist an diesem Wochenende viel los, im Bundeskanzleramt wird auf höchster Ebene über die Verscherbelung von OPEL an die Russen verhandelt – FIAT und der chinesische Interessent sind ja bereits ausgestiegen, MAGNA ist noch übrig. Ob der sich den Autobauer vor oder nach der Inso unter den Nagel reissen wird, ist nur noch eine astrologische Frage. Dass die amerikanischen Unterhändler nicht vor Begeisterung jeden Unsinn mit abnicken, sollte da nur verständlich sein. Die Autokäufer in Russland können sich schon freuen, denn nach Jahrzehnten LADA gibt es demnächst  mehr moderne Autos aus dem Kartoffelnasenland auf russischen Pisten.

… Die Kunde von 20 Jahren Mauerfall wird auf die idiotischste aller denkbaren Möglichkeiten von der darstellenden Kunst unter die Berliner gebracht. Auf S-Bahnhöfen, in Parkanlagen, auf Strassen und Plätzen werden über 20 Tausend Buchtitel, die unter das Wendethema subsummierbar sind, in die Ohren von in der Regel völlig unschuldiger Passanten gebrüllt, gesungen, gespielt und sogar getanzt. Den ganzen Unsinn kann man dann im Garten der StaSi-Humboldt-Uni auf Grossleinwand begaffen. Ich glaube langsam doch: Ich will die Mauer wieder haben, bitte 10 Meter hoch.

… Die Völkerschauen in der Zeitenwende von 19.  zum 20. Jahrhundert erleben in der Hauptstadt seit einigen Jahren ihr postmodernes Comeback. In unserer Zeit werden Neger, Latinos und Asiaten aber nicht in zooartigen Gattern ausgestellt, wie ehedem. Hier in der Frontstadt heisst die ganze Veranstaltung, “Karneval der Kulturen”, sie dauert vier Tage und es wird von Veranstalterseite eher über das schleppende Fundraising lamentiert – Staatsknete gibt es nämlich keine. Ab heute geht dieser ganze Zirkus am Kreuzberger Blücherplatz mit einem Fest los, am Sonntag zieht dann eine kostümierte Multikulti-Karawane vom Hermannplatz zur Yorckstrasse. Die Besucherzahlen der über den Mülldiskurs weg-gemobbten LOVEPARADE werden wohl nicht erreicht. Ich bin jedenfalls vor massenhaft praktiziertem Kulturrelativismus hier in Mitte noch in Sicherheit.

… Mein HERTIE macht demnächst dicht. Der letzte übrig gebliebene Konsumtempel auf der Turmstrasse wird mit der Insolvenz der Kaufhauskette verchwinden – es sollen ja böse Heuschrecken verantwortlich sein, denen man die Immobilien vor einiger Zeit zur Bilanzaufbesserung für gutes Geld verkauft hatte, deren Renditeerwartung war den verantwortlichen Warenhausmanagern also bekannt. Ob die Misere nun die sehr späte Rache für die Arisierung des Hertie-Kaufhauses in der Nazizeit gewesen ist? Angie, Steinmeier,Steinbrück und Guttemnberg müssen jedenfalls für Hertie nicht auch noch  ihre Spendierhosen in Wahlkampfzeiten herausholen. Naja,Karstadt wird wohl folgen, Kaufhof und Woolworth sind schon weg und HORTEN (ebenfalls ein arisierter Betrieb) war ja schon vor Jahrzehnten auf er Abschussliste ganz oben. Die Ära der Shopping-Malls ist nun endgültig angebrochen. Ob ich dort auch wieder meine Falk-Strümpfe aus dem Sauerland bekomme?

… Heute folgte ich einem komplizierten Gespräch. Ein 68er-Typ gebärdet sich gegenüber seiner erheblich jüngeren Sozialpartnerin als Chauvi. Man könnte fast meinen, der Fehlgeleitete gehe davon aus, die emanzipatorischen Segnungen der 68er seien nur für das männliche Geschlecht erkämpft worden. Nach einigem Hin und Her der drei K’s (Küche,Kinder,Kirche) lachen wir den weisshaarigen Zausel alle nur noch kräftig aus – der Titel “Nix-Checker” geht heute verdient an ihn. Nein, nicht nur die Gesellschaft ist daran Schuld, denn Doofheit will auch langjährig bewusst erworben und gepflegt worden sein.

Frohe Pfingsten😉

Written by admin

May 29, 2009 at 8:47 pm

7 Responses

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  1. Du meinst doch sicher Falke-Socken und -Strümpfe, oder? Die gibt’s auch im Fachhandel bzw. die sportliche Version im Sportfachhandel.

    stefanolix

    June 1, 2009 at 7:24 pm

  2. Ja,genau diese meinte ich. Merci für den Tipp😉
    Der Fachhandel wäre noch ein eigenes Kapitel wert. Meine Einkäufe erledige ich in der Regel auf meinen Wegen zwischen Arbeit und Heimweg,da waren Warenhausketten mit ihrem jeweiligen speziellen Sortiment ein wichtiger Baustein. Mit Hertie bricht einer dieser über Jahre vertraute Bausteine weg.Nun muss ich mich eben wieder neu orientieren.

    zuppi

    June 1, 2009 at 7:47 pm

  3. Vielleicht warst Du zu selten dort?😉

    Ich bin ja hier in Dresden eher verwöhnt, auch wenn ich einige wenige Dinge immer noch von Dienstreisen mitbringe. Das Karstadt-Kaufhaus ist nach lokalen Pressemeldungen in den schwarzen Zahlen (aber was kann man aus solchen Meldungen schon ablesen?), ein Hertie oder einen Kaufhof gibt es nicht.

    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich an Karstadt vor allem die große Feinkost-Abteilung reizt, die ich so in keiner Ladengalerie finden würde. Die anderen Abteilungen reizten mich im Laufe der Zeit eher weniger. Man kauft halt bei Karstadt oft Markenprodukte ein, die ohnehin »preisgebunden« sind (wie die genannten Falke-Socken, Oberhemden bestimmter Marken, Sportsachen, bestimmtes Spielzeug). Aber viele andere Dinge sind halt auf dem Markt günstiger zu haben.

    Ich halte mich eigentlich für einen relativ umgänglichen Kunden und ich will mich über den Service generell nicht beschweren. Es gibt in so einem großen Haus einige gute Fachverkäufer, aber man kann auch gewisse Arbeitseinstellungen beobachten, wie sie in dem vierteiligen Film »Bellheim« vor vielen Jahren gezeigt wurden.

    stefanolix

    June 1, 2009 at 8:14 pm

  4. Die Fachgeschäfte sind in denletzten Jahren weggestorben wie die Fliegen,eine Ausnahme ist mein Eisenwarenhändler am Savignyplatz.
    Es stimmt,die Lebensmittelabteilungen bei Karstadt und Hertie sind ein wahres Eldorado,gerade für mich als Liebhaber der amerikanischen Küche.
    Als nächste,befürchte ich,sind die hiesigen Markthallen bedroht.
    Nun ja,ich werde mich an diese neuen Trends schon gewöhnen,wenn auch mit einer Träne im Knopfloch😉

    zuppi

    June 1, 2009 at 10:39 pm

  5. Wenn Du den Savignyplatz in Berlin meinst: von dort wird doch mit der S-Bahn immer ein Kaufhaus erreichbar sein. Wenn nicht in Berlin: in welcher Stadt sonst?

    stefanolix

    June 2, 2009 at 6:44 am

  6. PS: Ich meinte, dass in Berlin wohl immer ein Kaufhaus erreichbar sein wird — wo sonst, wenn nicht dort?

    stefanolix

    June 2, 2009 at 7:16 am

  7. Ich habe eine wichtige Info unterschlagen: Ich mag einkaufengehen überhaupt nicht leiden,es ist ein notwendiges Übel. Lange,umständliche Wege halten mich eher vom Konsum fern.

    zuppi

    June 2, 2009 at 4:35 pm


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